schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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weltenende | ausgabe 01


01 - weltenende

kein ablaufdatum

Gute Nachrichten: Die Erde erholt sich in 1 000 000 Jahren Was verschwindet sind wir Nicanor Parra Die Zeichen verdichten sich, daß Sie schreibkraft recht bald lesen sollten: totale Sonnenfinsternis am 11. 8. 1999; weltweiter Computerbankrott inklusive möglicher Gültigkeitsannulierung sämtlicher Bankomatkarten in der Sekunde Null des 1. 1. 2000; und schließlich noch eine unheilbringende Himmelskonstellati... lesen



Feuilleton

hermann götz | mein weltuntergang gehört nur mir

Fürchte dich nicht, vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. - Offb. 2,10 nach Luther In einer verzweifelten Schrift hat ein religiöser Eiferer des 1. Jahrhunderts die Christen mit Versen wie diesen aufgerufen, dem großen Tier zu trotzen. Himmlische He... lesen


brigitte fuchs | der kosmische kampf gegen lange weile

Schafft eins, zwei, viele Weltuntergänge

Am Anfang war universelle L/langeW/weile: „Die Mutter hatte keine Gestalt, sie war nichts. Sie war ‚Alúna' (Seele, Wunsch).“ (1) Da schuf sie die erste Welt oder „Sonne“, die unter dem Namen „4-Wasser“ bekannt ist. Da es ihr aber an Erfahrung mit dem Erschaffen von Welten mangelte, fehlte es der ersten aller Welten an Tages- und Jahreszeiten, an interessanten Landschaften und Wesen sowie an schmackhaften Spe... lesen


richard stradner | in girum imus nocte et consumimur igni1

Zwanzig Jahre nach dem letzten Konzert der Sex Pistols

When I´m lyin´ in my bed at night I don´t wanna grow up Nothin´ever seems to turn out right I don´t wanna grow up How do you move in a world of fog That´s always changing things Makes me wish that I could be a dog When I see the price that you pay I don´t wanna grow up I don´t ever wanna be that way I don´t wanna grow up. Seems like folks turn into things That they´d never want... lesen


werner schandor | der wassermann vom teufelstein

Sepp Rothwangl zählt die Tage bis zum Jüngsten Tag - und liefert Erklärungen zum Zusammenhang zwischen Astronomie, Mythen, alten Sternbildern und Religion

Mit ganzer Kraft verschreibt sich der aus dem Mürztal stammende Forstwirt und Archäoastronom Sepp Rothwangl der bevorstehenden Jahrtausendwende. Wir trafen den unkonventionellen Denker am Tag 529 vor 2000, um mit ihm über den Teufelstein in den Fischbacher Alpen, alte Sternbilder und ihren Einfluß auf Zeitrechnung, Mythologie und Religion zu sprechen - Themen, die der Autodidakt in seinem kürzlich erschienen Buch Ster... lesen


herwig g. höller | fern von atlantis

Fins de siècle und andere Enden im „aktuellen“ Rußland

Ein weiteres Fin de siècle bzw. dieses Mal sogar das Ende des zweiten Milleniums „unserer Ära“ - wie es in vergangenen sowjetischen Zeiten hieß - steht unmittelbar bevor, der Countdown läuft: 511 Tage, 510 Tage, 509 Tage. Ungeachtet der Willkürlichkeit unserer Zeitrechnung und der damit verbundenen Bedingtheit derartiger Jubiläen wird dem Übergang ins nächste Jahrtausend bisweilen eine sehr große, teilweise si... lesen


jürgen plank | die menschmaschine

Von Graz kommend fährt man zunächst bis Feldbach und dann weiter hinein ins oststeirische Hügelland. Man erreicht Edelsbach, und ab hier wird die Straße immer enger und führt hinauf bis nach Kaag. Dann und wann ein Wegweiser: „Gsellmanns Weltmaschine“. Die letzte Kreuzung mündet in eine Sackgasse, also ist man angekommen. In einem Raum des Bauernhauses steht sie schließlich: Die Weltmaschine. Begonnen h... lesen


stefan schwar | von kometen, kriegen und katastrophen

Der Komet kommt noch, aber der Untergang hat schon längst begonnen ...

Unter Kometenforschern zirkuliert ein Satz: „Comets are like cats. They have tails, and they do precisely what they want.“ Die Vorstellung von Kometen als widerspenstige Kätzchen hat etwas Beruhigendes. Auch im Volksmund hat der Komet seine Bedrohung verloren, kommt er doch notorisch zu spät oder überhaupt nicht. Und wenn doch einmal einer verdächtig nahe an unserer Atmosphäre vorbeischrammt, dann repetieren wir m... lesen


hermann götz | von der bedrückenden endlichkeit

Ein roter Faden

„Es werden wohl noch viele Bücher über die Jahrtausendwende erscheinen“, steht am Buchrücken: „Das 'Ende der Zeiten' wird mit Sicherheit eines der hervorragendsten bleiben.“ Damian Thompson hat aus Anlaß der Jahrtausendwende ein Buch geschrieben, das sich durch ernstzunehmende Argumentationen und einen glaubwürdig erscheinenden Autor wohltuend von anderen Machwerken abhebt, die aus der selben Motivation auf... lesen



Literarische Texte

andreas okopenko | traumberichte

Die böse Sonne D3. Eva und ich sitzen im Wohnzimmer beisammen. Es ist um Mittag, die Sonne steht über den Häusern. Auffällig ist, daß vom westseitigen Fenster des Arbeitszimmers klein und spitz ein greller Lichtpunkt herdringt, wie er als Spiegelung der Sonne in Metallflächen bekannt ist. Ich rätsle nicht lange, sondern entdecke tief am Westhimmel mitten am Tag einen Stern, der nicht größer als die Planeten V... lesen


christine huber | lyrik, und ... (1)

Im Dezember 97 stellten Oswald Egger, Christine Huber und Christian Steinbacher im Forum Stadtpark ihre Konzepte von Lyrik vor. Im folgenden bringen wir die Texte von Christine Huber und Christian Steinbacher als Nachlese

I (aus der lesung; oder auftakt) zukunfts in schärfen was weh schwimmenschauen fährtenstellen weiden1 II aussprache halten, fragen, anfragen, gespräche: erklärung, modell, oder doch nur redundanzen beschwören? denn die eigentliche frage „warum um alles in der welt machst du das?“ läßt sich so leicht weder stellen noch beantworten. also außenvor damit und nur so rundherum gefragt: lyrik und... lesen


christian steinbacher | lyrik, und ... (2)

Im Dezember 97 stellten Oswald Egger, Christine Huber und Christian Steinbacher im Forum Stadtpark ihre Konzepte von Lyrik vor. Im folgenden bringen wir die Texte von Christine Huber und Christian Steinbacher als Nachlese

Wenn ich etwa in der Schweizer Korrektur den diese beschließenden Satz „Gedichte geben das Sichere und Gute“ lese, so erscheint es mir dringlich nötig, dem entgegenzutreten. Nicht unpassend in dem Zusammenhang sehe ich, daß die Veranstaltung Lyrik und ... des Forum Stadtpark zufällig am Tag des 200. Geburtstags von Heinrich Heine stattgefunden hat, worauf ich mich in meiner Lesung auch bezogen habe. Mich vom Termin... lesen



Rezensionen

tanz ums grab

Nigel Barley: Tanz ums Grab. Aus dem Englischen von Ulrich Ulrich Enderwitz

In seinem neuesten Buch, Tanz ums Grab, setzt sich der britische Star-Ethnologe Nigel Barley kritisch mit Todesvorstellungen, Begräbnisritualen und den Beziehungen zwischen Lebenden und Toten in verschiedenen Kulturen auseinander. Die Ausführungen des Autors von Bestsellern wie Traumatische Tropen oder Traurige Insulaner sind anekdotenreich, und seine Quellenkenntnis, die er souverän einsetzt, ist beeindruckend. Der Tod... lesen


vielschichtige verquerungen

Dieter Sperl hat mit seinem zweiten Prosabuch, „Alles wird gut“, so etwas wie einen Roman vorgelegt

Dieter Sperl: Alles wird gut

„..., aber es ergibt keinen Trost mehr, sagt Paul, nur weil wir nicht mehr tiefer sinken können, wir weinen ja um fast nichts mehr, wir simulieren ja nur noch Bedeutung, ruft Paul, permanentes Auftauchen und Verschwinden, bleibt alles wie es ist so ein Stillstand/Strohstand, wir haben die Zeit einfach weggeschafft, weggekehrt, der Boden besteht aus Steinfliesen, ...“ Dieter Sperl, bisher vor allem als experimentel... lesen


drehen am gewinde der wahrnehmung (1)

Margret Kreidls „In allen Einzelheiten. Katalog“

Margret Kreidl: In allen Einzelheiten. Katalog

Manchmal schade, irgendwie toll, zeitweise un- bis doch noch interessant. Die Form des Katalogs generiert zumindest zwei Assoziationen. Er vibriert in einer Spannung von einerseits altehrwürdiger Aufzeichnungstradition und andererseits ist er manifester konsumpornographischer Ausdruck unserer kapitalistischen Warenwelt. Das heißt genauer: Über den Katalog war und ist es möglich, Objekte und Geschehnisse festzuhalten und über diese... lesen


drehen am gewinde der wahrnehmung (2)

Judith Fischers „mimose.schneckenhaus“

Judith Fischer: mimose.schneckenhaus

In der Textgestalt auf den ersten Blick ähnlich, dann aber doch anders, ist die letzte Veröffentlichung von Judith Fischer, mimose.schneckenhaus. Fischer verwebt in ihrem Text zwei Stränge, jenen über die Mimose mit jenem über das Schneckenhaus. Sie addiert im wahrsten Sinne des Wortes Textstellen, wozu sie neben dem Selbstverfaßten Gedichtausschnitte, Songfetzen, Eintragungen aus naturwissenschaftlichen Sachbüchern, Notizen u.a... lesen


froschsein ist die hölle

Die Sumpfbücher von Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger

Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger (Hg.): Die Sumpfbücher

Hätte er sich doch nie von ihren schönen Tränen erweichen lassen und ihr die goldene Kugel nicht wieder aus dem Brunnen heraufgeholt. Denn natürlich wollte der Frosch auch eine Belohnung. Keine große, nein, bloß einen Kuß von der hübschen Prinzessin. Das war ja nun wirklich nicht zuviel verlangt. Ganz ohne Zunge, und nein, er wollte auch keine Gegenstände in ihre Genitalien einführen. Nichts dergleichen. Und... lesen


von der endlosigkeit des unsinns ...

Zur 98er-Romankollektion von Franzobel

Franzobel: Böselkraut & Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois

Mit zwei Prosabänden wartet Franzobel heuer auf: der eine treibt ohne Geschichte aus zu einer Art Sprach-Spüle, und der andere versucht eine Art „Kindergeschichte für Alt und Jung“. In letzterem erzählt Franzobel die Geschichte des Duumvirats Böselkraut & Ferdinand, das auf der Suche nach Böselkrauts Hund Knödel eine Kidnapperbande aufdeckt. Ferdinand ist ein gleich einem Kinderbuchdedektiv kombinier-erpich... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (1)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Günther Geiger: Exit Vienna

„alkpoeten geifern herum, oder pennen. 10 krügel hintereinander & kopf auf den tisch. einsamkeit, trauer, depression in der übervollen gaststätte. fertig, aus, keine unterhaltung mehr möglich, nur gelalle.“ Dieses Zitat aus Günther Geigers Roman Exit Vienna als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen österreichischen Literatur einzusetzen wäre, wie sich zeigen wird, unangemessen. Vielmehr ist es der erst... lesen


hurra, wir leben noch (1)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Walter Klier: Grüne Zeiten. Roman

Über die Situation der österreichischen Literatur zu klagen, gehört seit rund fünfzehn Jahren zu den Gemeinplätzen des hiesigen Kulturbetriebs. Österreichischen Autoren gehören die Form und das Genie, der restlichen Autorenwelt der Stoff und das Handwerk. Auf diese Formel ließe sich das gängige Vorurteil über die österreichische Literatur bringen. Daß es sich hierbei vor allem um ein Vorurteil handelt, bew... lesen


mögen sie roseanne?

Lilly Bretts erfolgreicher Roman „Einfach so“

Lilly Brett: Einfach so. Aus dem Englischen von Anne Lösch.

Esther ist ständig auf der Suche nach wichtigen Leuten, die wahrscheinlich in der nächsten Zeit sterben werden. Sie arbeitet als Nachrufredakteurin für eine Zeitung. Esther ist ein Mensch, der sich um die Toten kümmert, damit sie nicht gleich vergessen werden. Esthers Eltern sind Juden. Es ist wichtig für Esther, daß sie Jüdin ist. Esthers Eltern waren beide im Konzentrationslager. Sie haben das Ghetto von Lodz... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (2)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Gerhard Jaschke: Stubenrein

Für Sprachübungen und Kunststücke ganz anderer Sorte ist der „König des Anagramms“ Gerhard Jaschke zu haben. Jaschke ist der Herausgeber von Freibord. Zeitschrift für Literatur und Kunst, in der er eine Vielzahl literarischer Gattungen sowie Graphiken und Comics von bekannten und weniger bekannten Künstlern in einer abwechslungsreichen, lesenswerten Mischung zusammenbringt. Stubenrein, sein in der Edition Das F... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (3)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

SI.SI. Klocker: Grete Gulbransson. Leer-und Wanderjahre einer Dichterin

Ebenso in der Edition Das Fröhliche Wohnzimmer erschienen ist die Auseinandersetzung der Bregenzerin SI.SI. Klocker mit der 1934 verstorbenen Dichterin Grete Gulbransson aus Bludenz. Grete Gulbransson. Leer- und Wanderjahre einer Dichterin. ist schwer einzuordnen. Der Titel spielt auf eine Biographie an, die eigenwilligen Geschichten und Dialoge sind allerdings alles andere als eine Anhäufung von Lebensdaten. Die 1000 u... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (4)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Ronald Pohl: der möwensimulator

Keine angerissenen Geschichten, sondern fein durchdachte, redselige Stücke stellt der Wiener Standard-Theaterkritiker Ronald Pohl in seiner Trilogie der möwensimulator vor. Das die Qualität eines Stücks nicht unbedingt von seiner Aufführbarkeit abhängt, wird hier abermals bewiesen. Denn möwensimulator, acker furcht und schuttumkehr sind auf einer Bühne kaum vorstellbar, sie würden sogar einiges ihrer Ästhetik ei... lesen


von besseren und schlechteren sätzen (5)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen

Thomas Hoeps: Pfeifer bricht aus

War anfangs von österreichischer Literatur die Rede, trifft das nicht auf alle Autoren zu: Thomas Hoeps ist Deutscher und hat erst kürzlich in der edition selene den wirklich bemerkenswerten Roman Pfeifer bricht aus veröffentlicht. Ein Buch, aus dem man keinen Schnappschuß, sondern einen ganzen Film als Erinnerung speichern möchte. Hier trifft Lust und Talent zum Erzählen auf ein Feingefühl für Menschen und ihre... lesen


hurra, wir leben noch (2)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Roman

Auch Thomas Glavinic hat sein Handwerk gelernt, auch er „kann schreiben“, ohne es dem Leser mit jedem Satz beweisen zu müssen, er baut seine Geschichte(n) effizient und spannend auf, liefert ganz einfach „brauchbare“ Geschichten, das pralle Leben, kurz: Er weiß etwas zu erzählen. Der Österreicher Carl Schlechter war einer der weltbesten Schachspieler seiner Zeit. Er hielt 1910 einen Weltmeisterschaftksampf... lesen


hurra, wir leben noch (3)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt

Gabriel Loidolt: Hurensohn. Roman

Gabriel Loidots Roman Hurensohn ist ein „österreichisches Buch“, in dem die (gesellschafts)politischen Themen und Befindlichkeiten zwischen Soziologiekursen, Zeit im Bild, Krone, täglich Alles und „gesundem Volksempfinden“ durch einen interessanten Plot in einen Erzählzusammenhang gebracht werden. Durch die Präzision und Authentizität der Beschreibung gewinnt Loidolts Roman an Relevanz, denn die Figuren des R... lesen


michal viewegh shooting star

Der tschechische Autor, der in seiner Heimat mit dem Prädikat „kult“ versehen wurde, kann auch in der deutschen Übersetzung durchaus Lesesuchterscheinungen auslösen

Michal Viewegh: Blendende Jahre für Hunde. Roman. Aus dem Tschechischen von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke

Es gibt Bücher, wenn man die gelesen hat, möchte man eine Zeitlang kein anderes anrühren, weil man weiß, besser kann es nicht mehr kommen. Die Bücher des Tschechen Michal Viewegh sind auf dem Gebiet der Satire so ein Fall. Zwei sind heuer auf Deutsch erschienen. Erziehung von Mädchen in Böhmen, Vieweghs vierter Roman, kam im Frühjahr in der Übersetzung von Hanna Vintr bei Deuticke heraus. Sein Erstling Blendende... lesen