hurra, wir leben noch (1)
Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt
Walter Klier: Grüne Zeiten. Roman
Deuticke Verlag, Wien 1998
Rezensiert von: heimo mürzl
Über die Situation der österreichischen Literatur
zu klagen, gehört seit rund fünfzehn Jahren zu den Gemeinplätzen
des hiesigen Kulturbetriebs. Österreichischen Autoren gehören die
Form und das Genie, der restlichen Autorenwelt der Stoff und das Handwerk. Auf
diese Formel ließe sich das gängige Vorurteil über die österreichische
Literatur bringen. Daß es sich hierbei vor allem um ein Vorurteil handelt,
beweisen drei jüngst erschienene Romane österreichischer Provenienz:
Grüne Zeiten von Walter Klier, Carl Haffners Liebe zum Unentschieden von
Thomas Glavinic und Hurensohn von Gabriel Loidolt. Drei Romane - mehr als ein
Indiz wider den oft behaupteten Eskapismus der österreichischen Literatur:
aus kunstfeindlicher Realität in eine Landschaft weltfremder Sprachexperimente,
hinauf in den Elfenbeinturm, wo mit bornierter Künstlerpose und großer
Scheu vor dem Benennen gesellschaftlicher Phänomene geschrieben wird.
Wer behauptet, daß der Realitätsgehalt und der Unterhaltungswert
österreichischer Literatur von vornherein geringer zu veranschlagen sei
als derjenige ihrer europäischen bzw. amerikanischen Konkurrenz, hat Walter
Kliers Roman Grüne Zeiten noch nicht gelesen. Klier hat erkannt, daß
ein „moderner“ Autor seinen Lesern ruhig ein wenig entgegenkommen
darf. Schließlich haben die vergangenen hundert Jahre „moderner“
Literatur auch das Publikum verändert - samt seinen Lektüre-Interessen.
Die Zeiten sind wohl endgültig vorbei, in denen man sich als Schriftsteller
wie selbstverständlich dem Glauben hingeben konnte, Teil einer verkannten
Avantgarde zu sein, die von der bornierten Mehrheit mißverstanden, verachtet
und nicht gelesen werde.
Banalität des Alltags
Walter Kliers Roman Grüne Zeiten muß als Meisterwerk eines Autors gewürdigt werden, dessen Schaffen von der Leserschaft noch immer mit „großer Zurückhaltung“ wahrgenommen wird. Klier zeichnet ein subtiles, literarisch stimmiges Bild der achtziger Jahre, das Porträt einer Generation zwischen Aufbruch und Desillusionierung. Martin Rauch, der Protagonist des Romans, ist, wie der Autor Walter Klier, Jahrgang 1955, engagiert sich bei der Alternativen Liste, verfaßt Flugzettel und Protestschreiben, genießt das Gefühl gemeinsamer Ziele und Taten und durchbricht so für wenige Jahre seinen Zustand der „angespannten Entschluß- und Tatenlosigkeit“. Nun sind Latzhosen, grüne Parkas und Palästinensertücher beinahe obligatorisch, man trinkt billigen Landwein und wohnt wie Martin Rauch in Wohngemeinschaften, von allen ganz korrekt nur kurz WGs genannt.
„Sie interessierten sich, von den heimischen Fichten und Kastanien einmal abgesehen, am meisten für das eigene Seelenleben, am zweitmeisten für die Dritte Welt, aber niemals für den Ostblock. Daran ist er am Ende wohl auch zugrunde gegangen.“
Nicht nur bei Zeilen wie dieser erweist sich Klier als
ein gewitzt-kluger, bis zur Kauzigkeit eigensinniger Aufklärer, der ironische
Distanz zu seinen Romanfiguren wahrt.
So eifrig und ernstgemeint der „Kampf“ gegen Atomkraft, Abfangjäger,
Baumsterben und für Regenwald und eine bessere Umwelt an sich geführt
wird, werden Martin und seine Freunde immer wieder von der Banalität des
Alltags jenseits der großen Weltentwürfe eingeholt. Während
man ständig über gesellschaftliche Neuorientierung redet und sich
darüber einig ist, daß alles anders werden muß, scheitert die
„Demokratie in den eigenen vier Wänden“ an so banalen Dingen
wie einer Abwaschordnung oder daran, welches Programm im TV wohl zu wählen
sei.
Und zu allem Überdruß bleibt auch Martin nicht von den obligatorischen
Liebeswirren verschont. Die Suche nach sexuellen Partnern - um nicht zu sagen
nach der „großen Liebe“, wenn es auch nicht fürs ganze
Leben sein muß - gestaltet sich für ihn nicht ganz problemlos, denn
Martins Credo lautet: „Verklemmtheit ist eine Form der Intelligenz“.
Erlöst wird er schließlich von Dorothee, taz-Leserin mit Palästinensertuch
und Srtickpulli.
Wo Walter Klier seine durch und durch konservativen Sehnsüchte unausgesprochen
läßt, wo sie nicht zum Lamento werden, sondern nur als melancholische
Grundierung seines Romans durchscheinen, dort zeigt er seine Qualitäten
und darf sich des Beifalls einer aufgeklärten Leserschaft sicher sein.
Martin Rauch zieht sich mehr und mehr zurück; so verfolgt er die Ereignisse
in der Stopfenreuther Au (wo es sehr kalt sein soll) lieber vor dem Fernsehapperat
in der geheizten WG in der Gilmgasse. „Wie man den kleinen Schritt vom
Reden zum Tun bewerkstelligen sollte, blieb ihm weiter ein Rätsel“
und so fällt er in seinen Lieblingszustand zurück, den „der angespannten
Entschluß - und Tatenlosigkeit“, denn „wenn er nur stillhielt,
erledigte sich manches von selbst.“
Die Sensation des Romans steckt in den Details. Die zurückgenommene elegant-lakonische
Erzählweise Walter Kliers entwickelt eine seltsame Magie, die nur dann
entsteht, wenn ein Autor seine Neugier weder den literarischen Konventionen
noch seinen Vorstellungen von der Welt opfert.