von besseren und schlechteren sätzen (5)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
Thomas Hoeps: Pfeifer bricht aus
Wien, edition selene 1998
Rezensiert von: colette m. schmidt
War anfangs von österreichischer Literatur die Rede, trifft das nicht auf
alle Autoren zu: Thomas Hoeps ist Deutscher und hat erst kürzlich in der
edition selene den wirklich bemerkenswerten Roman Pfeifer bricht aus veröffentlicht.
Ein Buch, aus dem man keinen Schnappschuß, sondern einen ganzen Film als
Erinnerung speichern möchte. Hier trifft Lust und Talent zum Erzählen
auf ein Feingefühl für Menschen und ihre Sprache, ihre Medien, ihre
verqueren Träume, die sich hinter tristen, relativ unspektakulären
Lebensläufen verschanzen. Pfeifer bricht aus ist einerseits eine glänzende
Satire auf die Geschichte des deutschen Fernsehens von den Nachkriegsjahren
bis zur Gegenwart, andererseits ein stiller Entwicklungsroman über einen
Mann, der als Greis erstmals und zu spät nein sagt. Pfeifer bricht aus
ist aber auch die Geschichte einer frustrierenden und fatal verspäteten
Liebe zweier Menschen, die sich gegenseitig eine lähmende, lebenslange
Hölle bereiten.
Hoeps´ Titelheld, der Postbote Pfeifer, ist auf ersten Blick ein Durchschnittsbürger
und hat eine reale Person als Inspiration, nämlich den Fernseh-Glücksboten
Walter Spahrbier. Pfeifer wirkt so ganz und gar durchschnittlich und unaufregend,
daß er als Paradepostler und Glücksbote der Nation in den fünfziger
Jahren in eine Fernsehshow geholt wird. Dies geschieht gegen seinen Willen,
obwohl er einst von einer großen Karriere als Filmstar träumte. Doch
das war vor dem Krieg. Damals war Pfeifer in seinem Dorf für sein Willy-Fritsch-Lachen
bekannt und baute schon früh blauäugig auf den Herrn Hitler als einen
Helfer bei seinen Filmstarplänen. Der Krieg und vor allem die russische
Kriegsgefangenschaft, die er an Stelle eines Oberst absitzt, verändern
Pfeifer auf Lebenszeiten, scheuern ihm jedes Lachen aus dem eingefallenen Gesicht.
Seine kurze große Liebe, die ihm Verständnis und „Küsse
süß wie Bluna“ beschert, verbaut er sich zugunsten einer hartnäckigen,
an seiner Stelle ehrgeizigen Frau, von der er sich heiraten läßt,
während sie vom Walzer mit Peter Alexander und Juppi Heesters träumt.
Die Ausflüge, die der Postbote bis ins hohe Alter in diverse deutsche Städte
macht, um in einer Fernsehshow aufzutreten, sind dem Mann einziger Ausweg aus
einem freudlosen Leben, in dem er sich mit seiner Frau von einem Einrichtungsgegenstand
zum nächsten spart.
Was alles zwischen dem Willy-Fritsch-Lachen und den Augenringen, „die gelbbraun
und tief unter der Brille hervorwachsen“ liegt, erzählt Thomas Hoeps
in einer weit ausholenden Kreisbewegung, die vom Tag des späten Ausbruchs
Pfeifers ausgehend, durch Traum- und Fernsehsequenzen und Innensichten der verschiedenen
Beteiligten sein Leben aufrollt und wieder zu jenem Tag zurückkehrt. Hoeps´
Stärke ist es, sich niemals über seine Figuren lustig zu machen, auch
dann nicht, wenn sie jeden Anlaß dazu böten. Statt dessen balanciert
er auf dem schmalen Grad zwischen den komischen und traurigen kleinen Vorfällen,
die zusammengenommen ein Leben ausmachen.
Ein Roman, der im übrigen nach einer Verfilmung geradezu schreit und sicher
ein großartiges Material für ein Drehbuch wäre. Das zutiefst
deprimierende Ende, das Hoeps in Form eines Gedichts auflöst stelle man
sich als Weißblende vor: „Sendeschluß“.