warten, bitte | ausgabe 05
speed kills
"Remember that time is money!" Benjamin Franklin verpasste dereinst mit diesem Satz der Macht der Geschwindigkeit ihren scheinbar zeitlosen Leitspruch. In unserem Kulturraum ist die allgemeine Anerkennung von Geschwindigkeit als grundlegendem Qualitätskriterium mitunter zwar mit einem skeptischen Nebenton versetzt, dennoch wird Tempo – etwa in Form von Flexibilität – nachdrücklich gefordert. Da dem alltäglichen Reden von... lesen
Feuilleton
eva tropper | wer wartet mit?
taxi orange oder Ich warte/Ich warte mich/Ich warte dich. Ein Nachtrag zur jüngst beendeten „Daily Soap”
Ich warte [intransitiv] Seit Monaten wartet ein Gutteil der Österreicher auf taxi orange. Das heißt: In Wahrheit wartet man aufs Warten. Der vom nationalen Fernsehen gestiftete Mikrokosmos „Kutscherhof“ nämlich ist ein Modell der stillstehenden Zeit, die zwar ein Ablaufdatum hat, aber kein Tempo: Nichts bewegt sich, wenn die Bewohner Tag für Tag wahlweise Nudeln kochen, sich Zigaretten anstecken, einander Fußbälle zuwerfe... lesen
manfred prisching | schneller
Ein Abriss über die kulturellen Charakteristika jener Epoche, in der wir leben
Unser Thema ist v = Delta s/Delta t beziehungsweise a = Delta v/Delta t. Schließlich leben wir in einer verwissenschaftlichten Welt, in der wir mit derlei abstrakten Hinweisen umgehen können müssen. Und die Formeln haben den Vorteil der Kürze; wir leben in einer Welt, in der die Zeit knapp ist, also ist es zweckmäßig, sich auf diese knappe Weise zu verständigen. Es könnte sein, dass irgendjemand nicht weiß, worum es sich handel... lesen
ilona kästner | heldenandacht
Eine doppelte Grabrede
Einige wären ein Phönix gewesen, wären andere nicht zuvorgekommen. Großer Vorteil: erster zu sein, und wenn mit Vortrefflichkeit, doppelt. Bei Gleichheit gewinnt, wer als erster gewinnt. - Balthasar Gracian, Der Held In unserem Wertesystem gibt es eine Kategorie, die ist unschlagbar: der oder die Erste. Als Ordinalzahl markiert sie zunächst nur einen neutralen Ort im Rahmen einer abzählbaren und geordneten Reihe. Seltsamerwe... lesen
harald ditlbacher | bond oder colombo
James Bond: Moonraker (1979). Columbo: Murder Under Glass (1978). Zwei Filme, zwei Möglichkeiten
James Bond ist bekanntlich ein vielbeschäftigter Mann. Bevor er seinen neuen Auftrag erhält, ist er in einem Flugzeug der British Airways gerade mit dem linken Oberschenkel einer Stewardess beschäftigt. Bald schon fliegt er aus dem Flugzeug raus, – ohne Fallschirm; diesen muss er erst im freien Flug dem Piloten abknöpfen. Der Pilot wird dieses Abenteuer nicht überleben, aber das geschieht ihm nur recht, schließlich hat er mit de... lesen
rudolf götz | eilige wirklichkeitskonzeptionen
Wie vorverurteilte Realität durch journalistisches Schnellfeuer exekutiert wird
Selbst wer den Anbietern neuer Kommunikationstechnologien noch nicht ins Netz gegangen ist, muss sich damit abfinden, an einer humanoiden Entwicklungsstufe zu partizipieren, in der die vielzitierte Medien-Gesellschaft längst zu einer mediatisierten – den Medien unterworfenen – Gesellschaft mutiert ist. Ereignisse erhalten soziales oder/und politisches Gewicht ausschließlich vermittels medialer Präsenz – nicht dadurch, dass sie... lesen
helwig brunner | schöner streiten
Die knallharte Diagnose postmoderner Bewusstseinsspaltung öffnet den Blick für die Ästhetik zwischenmenschlicher Warten – oder etwa nicht?
Wenn sich nicht von Anfang an eine andere Logik oder ein anderer Raum abzeichnen, dann wiederholt und bestätigt der Umsturz mit negativen Vorzeichen das, was er bekämpft hat. - Jacques Derrida 1 Ein Scharmützel Wenn du und ich problematisch aneinandergeraten, und erfahrungsgemäß betreffen nicht wenige Probleme in erster oder letzter Konsequenz ein Du und ein Ich, dann gebieten uns oft schon die gute Kinderstube beziehungsweise... lesen
bernhard wolf | antimaterie und protomasse
Wolfs kleine Privatmythologie im Überblick
Ich warte schon seit Jahren auf die Einführung von Antimaterie und Protomasse. Seit ich die Menschheit kenne, erscheint mir das Procedere vor allem eines des Schleppens, Tragens und Bewegens zu sein, also ein Kampf gegen Kubikmeter, Wegstrecken und die Gravitation. Bin schon öfter gesiedelt – ein Graus. Wie schön wäre all das mit Protomasse. Sämtliche Gegenstände bestehen nur aus spezifischem Gewicht mit einem Formgenerator und... lesen
gudrun sommer | das warten soll mich nicht verdrießen*
Über das Recht zu Dauern und die Kunst, es auszuhalten
Wie über das Warten sprechen? Nicht Phänomen, nicht Tatsache, benennt das Warten kaum mehr als einen Phantomschmerz in den Löchern des Alltags. Wie aber über etwas sprechen, dessen Substanz in der Leere und dessen Wert allein an deren Rändern zu verorten wäre? Was ist das für eine Bewegung, die nur in der Zeit zu denken ist und trotzdem keiner Geschwindigkeit bedarf? Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet jene Religion, die... lesen
georg gartlgruber | wartehallen des lebens
Die Erde dreht sich von selbst, die Wolken ziehen allein, am Monatsersten kommt der Gehaltsscheck. Wieviele Menschen verlassen sich auf das Uhrwerk?
Schutzhaus Döbling Versteckt in einer dichten Siedlung aus geduckten Kleinhäusern, auf extremer Hanglage abwärts wartend, nur zu erreichen über eine enge Asphaltstrasse, mit einem wunderbaren Blick auf die Neuwaldegger Weinberge, befindet sich das Schutzhaus Döbling1. Ferdinand Jedlasek trifft sich hier seit Jahrzehnten mit Freunden. Dann reden sie, und sie trinken und sie beobachten die anderen Gäste. Im Sommer sitzen sie auf g... lesen
hermann götz | vergessen oder verdauen
Was kommt nach einer neuen Regierung. Und: Welche Warten taugen als Standpunkt. Von Österreichs Büchern und Österreichbüchern
„Ganz Österreich steht unter Beobachtung. Man sieht uns wieder. Wir sind wieder wer. Endlich.“ Die Gunst hat eine Stunde lang vorbeigeschaut. Bei uns in Hinterwelt. Und Armin Thurnher freut sich. Er weiß zu nutzen, was viele andere als Angriff auf ihr politisches Wohlbefinden oder ihren Patriotismus empfinden – die Regierungsbeteiligung der FPÖ, die Sanktionen und Demonstrationen. Er vernadert Österreich, wo er kann (sagt er... lesen
hannes luxbacher | der beichtvater der ungelesenen bücher
Ein Interview mit Julius Deutschbauer
Julius Deutschbauer ist bildender Künstler und Begründer der Bibliothek ungelesener Bücher. Als Bibliothekar der Bibliothek, die, soferne sie nicht auf Ausstellungen weilt, im Wiener Museumsquartier untergebracht ist, interviewt Julius Deutschbauer Leserinnen und Leser zu einem von ihnen ungelesenen Buch. Sowohl die Gesprächsaufzeichnungen als auch die ungelesenen Bücher sind in der Bibliothek zugänglich. Regelmäßig findet in ih... lesen
werner schandor | literaten im abwind
Eine junge österreichische Schriftstellergeneration versucht, mit einfachen Antworten auf komplexe Fragen Erfolge einzufahren
Keinem Elektroniker würde es einfallen, sich damit zu brüsten, dass er eine bestimmte Fachrichtung – sagen wir die Schaltungstechnik – nicht versteht. Es würde ihm auch nicht einfallen, sich den Mund über Schaltungstechnik fusslig zu reden, wenn er sie nicht versteht. Und noch weniger würde es ihm einfallen, die Schaltungstechnik in Bausch und Bogen zu verdammen, nur weil er sich nicht damit befasst. Anders in der Literatur: Da... lesen
christoph d. weiermair | unerwartetes warten erwartet
Dem Warten auf der Spur
Als Neo-Grazer komme ich am Jakominiplatz nicht vorbei. Schon gar nicht, weil ich nur unweit beherbergt bin. Alle Straßenbahnlinien laufen hier zusammen und verzweigen sich zu einem Knoten öffentlichen Verkehrs. Morgens macht mich das permanente Kommen und Gehen von Mensch und Maschine, dieses Ein-, Um- und Aussteigen, dieses ruckelnde Einrollen und unmissverständliche Abfahren, immer ein Stück munterer. Doch diese off... lesen
Literarische Texte
birgit pölzl | kohl und geschwindigkeit
Mein Sohn hat einen Gemüsegarten angelegt, in dem er Gemüse zuhauf biologisch zieht. Berge von schneckenverspurtem Salat zum Beispiel, den man innerhalb einer Woche zu essen hat, weil er sonst schießt, oder Feldgurken, bittere Kernhaufen in stacheliger Haut oder blattlausverseuchte Buschbohnen. Das wäre mir im Prinzip wurscht, die umgangssprachliche Redewendung rutscht mir nicht einfach heraus wie manchem das Braungetön, ich verwen... lesen
margret kreidl | zeitlupen
1 Natursteinwand, Steingußkübel, Rasenhügel, Liegestühle, Schwertlilie. Die Natursteinwand ist zwei Meter hoch und zwei Meter lang. Der Steingußkübel ist mit Erde gefüllt. Die Iris sibirica hat weiße Blüten. Die blau bespannten Liegestühle sind zusammengeklappt. Der Rasenhügel ist umgegraben. 2 Wandgarderobe, Schuhschrank, Doppelkommode. Spiegel mit Rahmen, Keramikvase. Der Spiegel hat einen goldenen Rahmen. Die Kerami... lesen
helga pankratz | die urbane mechanik
rolltreppen sind wie heruntergelassene rollbalken für rollstühle. willst du mich rollen? nackenerollen, rollenspiele und rollkur helfen da nicht ab. fließen ist besser: fließbänder, fließverkehr, abfluß, fließend englisch in fünf wochen, werbeflut, geldfluß, arbeitskräfte- fluktuation, warenüberfluß. im flutlicht ertrinkt die stadt, photoplaning ist möglich auf stadtautobahnen zur mitternacht... lesen
günther freitag | die kunst wörter einzumauern
Carlo, ein Maurer aus Termoli, hatte, ohne daß ihm dafür ein Grund genannt worden war, seine Arbeit verloren. Wochenlang saß er im Haus seiner Eltern, in das er mit Elisabetta gezogen war, weil sie die Miete für die Wohnung in einem Betonklotz nicht mehr bezahlen konnten. Carlo saß und grübelte darüber nach, was die Firmenleitung veranlaßt hatte, gerade ihn zu entlassen. Er starrte aufs Meer hinaus und versuchte sich an die Baus... lesen
elfriede jelinek | „Ich liebe Österreich“
Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Morgen komme ich und esse Menschen. Gretl: Bitte helfen Sie mir, ich liebe österreichische Menschen. Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Ich wollen einen schönen Tag. Und alles österreichische Menschen. Gretl: Ich will sein frei weil das Welt ist und alle haben recht. Krokodil: Ich bin Frau Magister Heidemarie Unterreiner. Mein Ein und Alles, mein Jörg, h... lesen
Rezensionen
der holzmotorsägenbauer
Ausschweifungen über Reinhard K. Saurers Prosadebüt
Reinhard K. Saurers: Der Holzmotorsägenbauer. Eine Dorfgeschichte.
Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen
können wir schnell langsamer werden?
Lothar Baier versucht sich an der Beschreibung von Beschleunigung
Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung.
Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen
für eine geschmackssichere kritik
Schreibkraft Franz Schuh legt meisterliche Essays zur Literaturkritik vor
Franz Schuh: Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück.
Ja, das Leben ist kurz, und die Bücher sind lang, auch das hier vorliegende ist kein kurzes. Die Idee oder besser das pragmatische Ideal bei der Beurteilung von Büchern zielt auf die Schonung der Lebenszeit von Menschen ab. Soll man dies lesen oder etwas anderes? – eine schwere Frage angesichts der Tatsache, daß eines Tages das Leben eines jeden Menschen um ist. - Franz Schuh kann die Dinge auf den Punkt bringen. Der Wiener Ex-Lekt... lesen
die 90er als wille und vorstellung
Lässt sich die literarische Situation der 90er Jahre auf einen Nenner bringen?
Thomas Kraft (Hg.) : aufgerissen. Zur Literatur der 90er
Seit das Jahrtausend gewendet ist und das letzte Dezennium vorbei, hat es einen ganzen Rattenschwanz an Versuchen gegeben, den 90er Jahren klärend beizukommen – diesem „knallharten Jahrzehnt“, wie William Burroughs schon 1991 wusste. Da hat man uns zunächst mit Wickie, Slime und Paiper in die Untiefen unserer Marken-markierten Vorgeschichte zurückgebeamt, und dann kamen Leute wie Florian Illies und lancierten Begriffe wie Gener... lesen
rückkopplungsrezension
Des Pop-Besessenen Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse
Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen
An sich heißt es ja vorsichtig sein, wenn jemand sein Laster zur Leidenschaft macht und dieses dann auch noch unverhüllt samt aller Subjektzentriertheit in die öffentliche Auslage stellt. Also war auch beim Zugreifen auf Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse eines Pop-Besessenen, die im eigentlichen Titel Mein erster Sanyo heißen (dazu später mehr), der erste durch Neugierde evozierte Reflex verzahnt mit Vorsicht und der Befür... lesen
urlaub im land der literatur
Christian Futschers perfekt unperfekter Urlaubsroman
Christian Futscher: Nidri. Urlaub total
Die Frage ist: Wann kommen die nächsten Sommerferien? Wer Christian Futschers Urlaub Total-Buch adäquat genießen will, muss wahrscheinlich noch ein Weilchen warten. Rechtzeitig zur Hitzezeit auf den Markt geworfen, hat es jedoch sicher schon dem einen oder anderen den letzten Sommer versüßt. Mir zum Beispiel. Wenn auch nur kurz. Ca. 100 sehr kleine Seiten lang. Die Story: Ein Schriftsteller macht Badeurlaub und schreibt mit. Zu Hau... lesen
arbeit im land der literatur
Harald Gsallers rhetorische Wiese
Harald Gsaller: Wiese. Einfälle und Ausfunde
Harald Gsallers Wiese ist in gewisser Weise ein unfertiger Text. Ein eigenwilliges literarisches Arbeitsbuch, könnten wir sagen, das erst durch seine Anwendung zur Vollendung gelangt. Bücher zu schreiben, Bücher zu lesen, kann eben auch Arbeit sein. So viel Binsenweisheit voran. Wie auch Futscher, bringt uns Gsaller durch seine kauzig angelegte Poetik-Warte dazu, den literarischen Produktionsvorgang wieder verstärkt ins Auge zu fass... lesen
die grenzen sind vermessen (1)
Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit
Monika Wogrolly: Die Menschenfresserin. Roman
I. Wie aus einem rosa Engelchen im miesen Graz, insgeheim längst eine Teufelsbraut, eine in Texas zum Tode verurteilte Menschenfresserin wird, die noch dazu behauptet, es könnte „kein besseres Ende für die Geschichte“ geben – dies versucht uns Monika Wogrolly in ihrem neuen Roman auf klassisch psychologisierendem, oft aber holprigem Wege vorzuführen. Es ist vordergründig die Geschichte einer klar definierten Opfer-Täter-Ko... lesen
die grenzen sind vermessen (2)
Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit
Corinna Soria: Leben zwischen den Seiten. Erzählung
I. Corinna Sorias Debüt saugt den Leser gleichsam in eine Kindheit am Rande des Schlimmstmöglichen. Nach einer kurzen Spanne gemeinsamen Weges hat der Vater einen Abgang gemacht. Schubweise gleitet die Mutter in eine Welt der diffusen Ängste und konkreten Bedrohungen. Wahnvorstellungen über geheime Verfolger, Panikattacken und Zuflucht zu konspirativen Stimmen treiben sie in die Isolation. Ihre Tochter zieht sie mit in das Reich... lesen
eine nasenlänge hinter ovid
"Achterbahn" und andere Vergnügungstexte
Bernd Schmidt: Achterbahn. Erzählungen
Berndt Schmidts Erzählungen. Vom Autor illustriert. Ein Grazer Kulturmatador hat in die Tasten gegriffen. Hat seine Schreibmaschine angekurbelt und seinen Bleistift gespitzt. Was er im Übrigen täglich tut. Als leitender Kulturredakteur der Steirerkrone. Schon ein gutes Dutzend Jahre lang. Es ist an sich nicht einfach, über so ein Buch zu schreiben. Nicht einfach, den Autor zu kritisieren, ohne an den Kritiker zu denken, ohne die Kro... lesen
alte häuser bewohnbar machen
Subitel der Rezension
Walter Grond: Old Danube House. Roman
In Old Danube House wendet sich Walter Grond einer schriftstellerischen Praxis zu, die wohl schon im groß angelegten Odysee-Nachdichtungsprojekt Absolut Homer angelegt war: dem Erzählen schlechthin. Gronds frühe spiegelverkehrte Erzählstrategie oder das „in Graz“ populäre Spielen mit den Errungenschaften aufgebrochenen Erzählverhaltens weichen in seinem neuen Roman einer gleichsam traditionell zu nennenden Form. Angesicht... lesen
doppeldeutiger doppelroman
Nur die Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten
Klaus Ferentschik: Schwelle und Schwall. Ein Doppelroman
Klaus Ferentschik haucht einer aus Frankreich stammenden literarischen Tradition neues Leben ein: dem Spieltext. 1960 wurde in Paris vom Collegium der Pataphysik die „Ouvrage de Littérature Potentielle“, die Werkstatt für potenzielle Literatur, kurz Oulipo, ins Leben gerufen. Ziel von Autoren wie Raymond Queneau war es, die Fesseln der Ratio auszuhebeln. Eines der berühmtesten Oulipo-Werke ist der Roman von George Perec, in dem k... lesen
steinböcke am himmel
Ein paar Worte darüber, dass mensch recht wenig sagen kann über „Reisen unter den Augenlidern“
Ulrike Draesner: Reisen unter den Augenlidern
Ulrike Draesner hat ihre „Gender studies“ gelesen, und sie ist nicht bei ihnen stehen geblieben. Dies vorweg, denn es geht in den zehn Texten der Reisen unter den Augenlidern dermaßen fundamental um (Geschlechter-)Rollenbilder, dass mensch ihnen das nicht mehr anmerkt. Wenn mensch sich nicht vorsieht, packt einen der Satzfetzenwiederholungsstrudel, verunklärt einem das kleine bisschen, das man bereits über Draesners Figuren zu wi... lesen
das hohelied der morbiden stadt
Lilian Faschinger hat einen üppigen Wien-Roman geschrieben
Lilian Faschinger: Wiener Passion.
Das kunstvolle Geflecht von Lilian Faschinger jüngstem Roman Wiener Passion setzt sich aus den Lebensgeschichten dreier Menschen zusammen. Das Tagebuch der Anfang des 20. Jahrhunderts wegen Gattenmordes zum Tode verurteilten Rosa Havelka und die inneren Monologe des hypochondrischen Musiklehrers Josef Horvath und der Schauspielerin Magnolia Brown, die nach Wien kommt, um Gesangsstunden zu nehmen, sind subtil und über lange Strecken ve... lesen
frau hermi und herr jirschi
Beppo Beyerls diagnostische Tagebucherzählung über die Wiener Krankheit
Beppo Beyerl: Die Wiener Krankheit
In jedem Wiener Gemeindebau gibt es mindestens eine alte versoffene Schachtel, die Selbstgespräche vor sich her schiebt wie der Mistkäfer seinen Mist. Solche Frauen hausen passender Weise meist in einem Müllhaufen und riechen leicht angefault, schon lange bevor sie gestorben sind. Und wenn sie dann gestorben sind, bleiben sie Monate lang in ihren Wohnungen liegen. Und weil sich niemand wundert, wenn es von der Wohnung durch alle sieb... lesen
praline in versform
Martin Amanshauser buhlt um das lüstern-belustigte Grinsen seiner Leser
Martin Amanshauser: in der todesstunde von alfons alfred schmidt. eine heurigenoper gedichte & eine taschenbahn.
Allerlei Männlein und Weiblein bevölkern Martin Amanshausers Bändchen mit Versen, das eine Heurigenoper, etliche Gedichte und ein in Riesenlettern gesetztes, zwanzig Restseiten wirksam füllendes Nonsensgedicht versammelt. Sie dümpeln in den diversen (meist erotischen) Untiefen ihrer Briefträger-, Chirurgen-, Kommerzialrats-, Admirals- oder Premierministerexistenzen. Da begegnet uns zunächst in alkoholgesättigter Heurigenatmosph... lesen