Feuilleton der Ausgabe 12 - verhalten
harald a. friedl | im anfang war das klischee
Über die (In-)Kompatibilität der Wirklichkeiten von Saharatouristen und Tuareg-Nomaden
Wahnsinn. Touristen sind alle irgendwie wahnsinnig. Aber das wissen wir schon lange. Das ist so neu wie die Weisheit, dass Marquis de Sade pervers war. Und der war, genau genommen, auch ein Tourist: pendelte zwischen seinem abgefahrenen Kastell in der Provence und den Salons in Paris hin und her und erforschte die sexuellen Reflexe der Bevölkerung. Tourismussoziologen würden sagen, der gute Mann hatte wohl einfach nur das Gemeckere seiner K... lesen
myriam keil | lebenslänglich auf bewährung
Das Verhalten und seine (Un-)Möglichkeiten
I. Definition Nach allgemeinem Verständnis bezeichnet Verhalten jede Handlung, die sich zwischen einem Organismus und seiner dinglichen, biologischen und sozialen Umwelt abspielt. Dazu zählt neben dem bloßen Reagieren auf Reize auch die Gesamtheit aller Körperbewegungen, Körperhaltungen und das Ausdrucksverhalten. Der Verhaltensbegriff endet jedoch nicht an diesem Punkt, sondern umfasst des Weiteren alle Aktivitäten, Vorgänge und k... lesen
stefan schmitzer | vom instinkt zur instinktfreiheit
Zu Spezialfällen, Rinderzucht und Spracherwerb
„Ich bin niemand, gehe nirgends hin.“ Soweit der Zen-Buddhist: Da bewegt sich dann ein Körper durchs Gespinst an Eindrücken, ein Fisch im Wasser oder Elefant im Porzellanladen und ist zunächst mal nicht gebunden an ein Ich-Ding. Bewegt sich also und generiert dabei, in den Tiefen seines Navigationsorgans, Feedback-Verschleifungen. Die heißen dann doch sein „Bewusstsein“ und bedingen Äußerung, also Sprache. In der Konzeption... lesen
katja schmid | kiasu ohne boom
Über den Zusammenhang von Verkehrserziehung und Fortschritt
Am schlimmsten sind die Innehalter. Bleiben am Ende der Rolltreppe einfach stehen. Gucken nach links und nach rechts. Überlegen. Blockieren den ganzen Verkehr. Und sind empört, wenn sie von den zwangsläufig Nachrückenden angerempelt werden. Für Innehalter sind Zeit und Raum Nebensächlichkeiten, mit denen sie nichts zu schaffen haben. Zugegeben: Nicht jeder kann immer und überall ortskundig sein. Trotzdem ist das Ende von Rolltreppen ta... lesen
sarah fötschl | das vakuum
Im öffentlichen und im privaten Raum
„To do“ or not to do. Kann ich wissen was mein Nachbar in diesem Augenblick tut oder nicht tut? Sollte ich es wissen? Die Antwort in diesem Falle lautet „nein“. In diesem Mietshaus schließt man sich nicht zusammen. Man schält nicht gemeinsam Kartoffeln und beaufsichtigt, kümmert sich um die Kinder, die sind nämlich vorhanden, zumindest das weiß man. Man bewältigt den Alltag, also das Leben, nicht gemeinsam. Man verhält sich ruh... lesen
werner schandor | feind hört mit
Was ich denke, dass du denkst, dass ich denke
Wer ist dieser Typ, der da an der Bar steht? Was macht er da? Warum schaut er so? – Es gab eine Phase, da war ich mir selbst verdächtig, wenn ich abends in meinem Stammbeisel an der Bar lehnte, und zwar so verdächtig, dass es mich nicht überraschte, dass mich die anderen Gäste notgedrungen für einen schlecht getarnten Spitzel des österreichischen Geheimdienstes hielten, da ich selbst meinen Freunden, kam mir vor, irgendwie suspekt sei... lesen
christian teissl | fiktionen eines chefredakteurs
In der heimischen Medienwüste gedeiht ein besonderes Stilblütenbiotop
Die Kleine Zeitung ist so unentbehrlich wie nur wenige andere österreichische Blätter. Sie herauszugeben und unter die Leute zu bringen, ist eine kulturelle Tat ersten Ranges, die wohl nur von selbstlosen Idealisten zuwege gebracht werden kann. Insbesondere der politische Teil dieser Zeitung gehört in unseren Breiten zur täglichen Pflichtlektüre eines jeden Intellektuellen, was auch nicht weiter verwundert, wird er doch schließlich von... lesen
ann cotten | zivilisiertes gemüse
Erscheinungsformen vegetabilen Materials als Symptome kultureller Befindlichkeiten
Wir halten uns für ziemlich gut, ja? Unser kollektives Überich schreibt wöchentlich in der österreichischen Tageszeitung Die Pisse eine Selbstgratulationskolumne, unser Es (Opa) tut am Wochenende im Schrebergarten Rasen mähen, und selbst leben wir ganz selbstverständlich um die Arbeit, unseren unverdaulichen Gallenstein, herum. Vor allem halten wir selbstverständlich unser selbstverständliches Weltbild für selbstverständlich, gerade... lesen
gisela müller | verhalten optimistisch
Ein Schwanengesang
Ich möchte mal über meine Verhältnisse. Im Plural. Da gehören mindestens zwei dazu, sage ich immer. Manchmal auch gesetzlich definierte Dritte. Dann ist eines das außereheliche, das Nebenbei-, das Sekundärverhältnis. Ein Sahnehäuberl. Aber nicht das eigentliche. Oder doch? Man macht sich ja gerne solche Hoffnungen, man träumt sich in solche Sehnsüchte hinein. Auch Beziehungen genannt. Weil es anfangs in den Unterleibern dermaßen zi... lesen
klaus ebner | auf der balz
Der Kampf der Manieren gegen die Biologie
Oh Mann! Auf Schritt und Tritt den Kopf verdrehen, den Körper halb gewendet, das Hemd verschwitzt und tausend Filme spulen ab im Hirn. Keineswegs ist solches nur vorübergehend, ganz im Gegenteil, die Blickverwirrung reift zum Dauerzustand, das Abweichen vom Weg pulsiert in eng geknüpften Perioden, sodass jedwedes Fortkommen eher einem Getorkel denn einer koordinierten Bewegung gleicht: Trotz vermeintlich ehrbarer Abwehrhaltung gelingt es n... lesen
roswitha rust | im menschenzoo
Über das sprachliche Verhalten
Eloquent und präpotent, omnipräsent und renitent. Oder: beredsam, überheblich, allgegenwärtig und widerspenstig. Oder: A Oaschgeign, de gern vü redt’, oiwei dabei is und si immer quer legn muass. Es gibt viele verschiedene Arten, etwas zu sagen – oder auch nicht zu sagen. Das menschliche (Sprach-)Verhalten ist ein gar komplexes, garstiges Ding. Wie oft passiert es, dass man mit einem leicht idiotischen Gesichtsausdruck dasteht und ei... lesen
kalle laar | wer hört hier eigentlich zu?
Ein kurzer Versuch zur Instruktions-Schallplatte
In unserer durch und durch auf Visualisierung ausgerichteten Welt scheint es kaum mehr vorstellbar, dass man sich vor nicht allzu langer Zeit noch Lebenshilfe zu allen Fragen und Problemen aus dem Schallplattenladen holen konnte. Rein akustische Beratung? Zuhören? Dazu fällt einem normalerweise gerade mal die Frühgymnastik im Radio ein (ohne dass man diese allerdings selbst je gehört oder gar angewendet hätte). In unserer talk-verseuchte... lesen
benedikt narodoslawsky | die freuden des fußballspielens
Über die Gladiatoren der Moderne
Ein fehlender Meniskus, dafür ein künstliches Band, das Kniegelenk gleicht dem eines 80-Jährigen und die vielen Schrammen und Narben – sie erinnern an schöne Zeiten. So sieht er aus, der ausrangierte Fußballspieler in seinen Mittdreißigern, der seine endliche Gesundheit für ein Vierteljahrhundert voller Freude und Genuss aufs Spiel setzte – und verlor. Warum machte er das? Was bringt einen vernünftigen Menschen dazu, sich selbst s... lesen