schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

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mitte | ausgabe 13


13 - mitte

... links, rechts güts nix

Trends, Moden und mediale Hysterien finden in der schreibkraft nur selten ihren Platz. Das „Gedankenjahr“ wurde von uns ignoriert, Goethe und Schiller ließen wir gute Leute sein und auch zu Freud und Mozart wird es keinerlei Kommentare aus der Redaktion geben (dasselbe gilt übrigens auch für das Jahr der Wüstenbildung). Einzig im Jahr 2000, pünktlich zur blau-schwarzen Regierungsübernahme also, beeilten sich die handelnden Politiker, u... lesen



Feuilleton

brigitte fuchs | kodo, der kosmische dolm

oder Legenden und der Mythos „Mitte“

Ohne Zweifel gibt es im Universum angenommene Örtlichkeiten und Punkte, die zwischen, neben, über oder unter anderen angenommenen Örtlichkeiten und Punkten liegen. Daher kann die „Mitte“ auch nicht ausschließlich als Mythos betrachtet werden. Beispielsweise wissen wir aus dem Mathematikunterricht, dass es für geometrische Flächen und Körper Formeln gibt, womit sich deren „Mittelpunkte“ berechnen lässt. Dazu ist einschränkend... lesen


julian blunk | zur mitte finden

Der Mensch im Zentrum verschiedener Kunstepochen

In der Renaissance, das weiß man genau, war die Welt noch in Ordnung. Denn in der Epoche ebenmäßiger Körper, makelloser Landschaften und zentraler Grundrisse stand in deren Mittelpunkt zentralperspektivisch fokussiert der Mensch. Den schönsten, höchsten und wertvollsten Ausdruck fand diese Tatsache, auch das ist gut bekannt, in Leonardo da Vincis Zeichnung des vitruvianischen Menschen – so rein, dass seine vollkommene Visualisierung g... lesen


christiane kalss | bis einem schwindlig wird

Vom Suchen und Erfinden möglichst mittelmäßiger Mittelpunkte

Sie gehören dazu. Ich gehöre dazu. Wir gehören zu den Suchern. Sie suchen wahrscheinlich gerade andere Dinge als meine pinkfarbenen Handschuhe und eine neue Wohnung für mich, was eigentlich bedauerlich ist, doch zumindest auf einer Suchexpedition befinden wir uns gewiss gemeinsam. Wir alle sind auf der Suche nach Mittelpunkten. Mittelpunkten, in denen man für eine Weile stehen kann, Mittelpunkten unseres Planeten, zu denen man reisen kan... lesen


vrääth öhner | punkt ohne ausdehnung

Zur Philosophie der Mitte

„Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ In großen, schwarzen Lettern gemalt, verziert die Frage eine Wohnzimmerwand, die zu einem gerade noch besetzten, nun aber zum Abbruch freigegebenen Haus gehört. Ohne Zweifel richtet sie sich an die Öffentlichkeit und nicht an jene, die dort gewohnt haben, schließlich ist der Abbruch des Hauses gegen den Widerstand seiner Bewohner und deren politischer Verbündeter durchgesetzt worden. Jene, die gekomme... lesen


wolfgang kühnelt | nilfisk schlägt zidane

Das Ende der Kunst im Mittelfeld

Anlässlich der WM 2006 in Deutschland überhäufen uns die Buchverlage mit neuen Werken zum Wesen des Fußballsports. Da erscheinen historische Weisheiten nicht gebunden, sondern auf einen Lederball gedruckt, Fakten-Sammlungen werden gestaltet wie christliche Gesangsbücher und natürlich vermarktet man auch wieder die allseits beliebten und wie von Geisterhand geschriebenen Selbstdarstellungen berühmter Spieler. Kaum ein Fußball-Text abe... lesen


serjoscha wiemer | glückliche consolencowboys?

Das Universum verdichtet sich zwischen den Rändern der Mattscheibe

Alles zieht sich zusammen, die Stirnfalten etwa, in höchster Konzentration während einer Kampfszene. Wenn man Videospielern bei ihrer Arbeit über die Schulter guckt, den „Zockern“, die sich in Bildschirmwelten durch enge Gänge bewegen und sich den Weg freischießen müssen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier für Momente des Spiels die Welt auf einen kleinen Punkt zusammenschnurrt. Das wahrnehmbare Universum ve... lesen


sarah fötschl | die wahrheit in der mitte

Mitte versus Anfang und Ende

Mitte bitte, nun denn, diese auszuloten, ob sie etwas taugt, soll hier einmal der Versuch sein. Ich persönlich müsste an dieser Stelle ja im Moment an den ph-Wert denken, meine persönliche Mitte, der Magen, wo übrigens auch mein Herz liegt, soll hier jedoch nicht inhaltlich zerlegt werden. Viele Meinungen gehen ja dahin, dass sie sagen, das Wahre sei in der Mitte zu finden. Die Ausgeglichenheit, die Gerechtigkeit, die Balance und die gold... lesen


werner schandor | ad absurdum

Das Weltgesetz der Hypertrophie harrt seiner Verbreitung

Die schlimmste Phase habe ich schon hinter mir: Das war mit einem Computer, der noch unter Windows 98 lief. Irgendwie hatte ich es geschafft, ihn so lahm zu machen, dass allein das Aufrufen eines neuen Word-Dokumentes bis zu zwei Minuten dauerte. Dann ergatterte ich aus dem Internet und von Software-CDs, die Computermagazinen beiliegen, allerlei Gratisprogramme, die versprachen, meinen PC schneller zu machen. Also tunte und entrümpelte und w... lesen


patrick merziger | der humor

Rasendes Monstrum, stille Idylle, keine Mitte

Die Mitte ist immer prekär, als Zustand kippelig. Die Sehnsucht nach der dauernden Mitte, dem eigenen Ruhepunkt und dem Idyll ist umso größer. Galina Berkenkopf fand ihre Mitte an einem Ort und zu einer Zeit, die wenig geeignet erscheinen: in Bonn im Herbst 1943. Der Humor entdeckte ihr diese Mitte: Septembermorgen im Walde. Die Stille webt unhörbar Frieden. Es ist gut, Atem zu holen und alle Sinne ausruhen zu lassen. In einer Fr... lesen


katja schmid | essen in hülle und fülle

Über Kraut- und andere Wickel

Montag, den 7. November Momentan bin ich im Wickelwahn. Alles, was ich koche, muss ich einwickeln, in Kohlblätter, Wirsingblätter, Spinatblätter, Bananenblätter, Schweinenetze, zur Not auch in Küchengarn. Gestern hat mein Freund das Abendessen verweigert, weil meine geschnürten Paprikaschoten aussahen wie Bondageopfer. Das mit dem Wickeln geht nun schon zwei Wochen so. Es begann mit einem geschmacklosen Krautwickel bei Ikea. Das k... lesen


ann cotten | wie ich mich, mich juckt das preispickerl am hals so, dem großen gomringer genähert

der gomringer war grad fischen, da sprang ich ihm fühlig auf den buckel und rutschte ab. meine hand versuchte sich am itüpfelchen über seinem kopf festzukrallen, aber das war völlig sinnlos. ich hatte dann flach am rasen liegend ein fettiges itüpfelchen in der handfläche liegen und erst recht keinen festen halt. der gomringer drehte sich um und sah mich an, ich weiß nicht wie. er klemmte etwas mit seinen lipp... lesen


klaus nathaus | die schönste mitte berlins

Erkundungen im Wedding

Ihr letzter Umzug hatte Carla in den Wedding verschlagen bzw. in die, wie es die Dame im Einwohnermeldeamt ausdrückte, „schönste Mitte Berlins“, schließlich war der Wedding bei der letzten Bezirksreform gemeinsam mit dem Tiergarten dem neuen Großbezirk „Mitte“ zugeschlagen worden. Tatsächlich erreichte man vom Leopoldplatz, Weddings Mitte, aus die Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden in zehn Minuten; der Bahnhof Z... lesen


eva martischnig | mittel.punkt.mitte.

Zur Lage

Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will, darf man nicht hingehen. - Audrey Hepburn Die Mitte ist eine Frage der Position. Als solche steht sie relational zu einem Gegenüber, mit dem verglichen und an dem gemessen werden kann. Und damit ist schon jeder Versuch einer Verortung der Mitte relativ. Und dennoch wird die Mitte als zentraler Maßstab herangezogen, um unsere Umgebung zu erfassen. Mit der steigenden Bedeutu... lesen


claudia rief-taucher | halt mal die luft an!

Eine Schnupperstunde beim Wellness-Coach.

Warm Up Halt’ mal die Luft an. Noch immer anhalten. Noch ein bisschen, bitte! So: Und jetzt wieder einatmen! Gründlich. Ist dir was aufgefallen? Sicher, du warst erleichtert. Du hast den Brustkorb gehoben, wahrscheinlich auch die Schultern, das Schlüsselbein. Du hast deine Lunge mit frischer Luft gefüllt, vielleicht auch ein bisschen geseufzt beim Ausatmen. Aber: Hat sich dein Bauchnabel gehoben, hat sich deine Bauchdecke... lesen


werner schandor | 84.000 wege des verstehens

Im Schatten der Auseinandersetzung des Christentums mit dem Islam blüht in Österreich der Buddhismus vor allem in seiner tibetischen Variante

Das mediale Interesse ist auffällig. Stern, GEO und National Geographic widmeten dem Buddhismus in den vergangenen Monaten Coverstorys und ausführliche Reportagen. Vielleicht ist das ein Indiz für das Bedürfnis des Westens nach echter Spiritualität abseits des Esoterik-Selbstbedienungsmarktes; vielleicht auch nur das Bedürfnis von Journalisten, einmal eine Weltreligion ins Rampenlicht zu rücken, die nicht mit penetranten fund... lesen


stefan schmitzer | der schlussstein im verfassungsbogen

Von den Fallen der Vulgärdialektik

Wäre ja nichts Neues: „Gesellschaftliche Mitte“ ist kein irgendwie objektivierbarer Ort, an dem der ideologische oder einkommensmäßige oder lebensgefühlige Durchschnitt einer Gesellschaft säße. Freund Sozialforscher irrt hier: Sie hat eben entweder einen Mann und ein Kind und keinen Job, oder keinen Mann und zwei Kinder und ein Angestelltenverhältnis, oder sonstwas, die Österreicherin, und gehört somit einer bestimmten (wi... lesen



Literarische Texte

egyd gstättner | märchen vom schönen leben

Es waren einmal sieben Zwerge, die hießen Novak, Oberhammer, Voglhuber, Deutschbauer, Jedlautschnig, Hochedlinger und Wallisch. Einer bekam Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer Speiseröhrenkrebs, einer Prostatakrebs, einer Hautkrebs, einer Dramkrebs, einer Lungenkrebs und einer Knochenkrebs. Da waren es nur noch null. Bevor es aber soweit war, zeugten die sieben Zwerge mit einer isländischen Gebietskrankenkassaangestellten sieben Zwergen... lesen


michaela hawlik | ab durch die mitte

00:00

Ich bin am Ende meiner Kräfte. Links und rechts von mir wird wild gestikulierend diskutiert über die Landtagswahlen, die politische Entwicklung in der Steiermark, Wien, Österreich, Deutschland, Europa. Ich kann nicht mehr folgen, nichts mehr hören von links, rechts, der dünnen Mitte, ich will die Müdigkeit Oberhand gewinnen lassen. Ich zähle von zehn bis null, stehe auf, ganz ohne Vorwarnung, schüttle höflich die Hände, wünsche... lesen


klaus ebner | reflektor

Ein Fall von Mediokrität, sagte er, purer, schrecklich purer Mediokrität, an welcher er nichts Beschönigendes ausmachte, so sehr er sich auch abmühte, solches herauszupicken und in den Vordergrund zu schieben. Nein, vermutlich spielte es nicht einmal eine Rolle, ob er die Studienabschlüsse, die in seiner Tasche ruhten, auf den Tisch legte oder nicht, denn dort, wo dieses sinnvoll wäre, verbarg er sie ängstlich, und do... lesen


stefan schmitzer | (viertausend, gleißen)

na also. viertausend im minus, ist das nichts? bürgerkrieg im sudan, inflation bei den amis, lebensmittelknappheiten wohin man schaut? im garten, hinterm haus, schwer einzusehen, sitzt frau hoffnung, schnuppert, denkt an früher, na, ist das nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel und doch zu gelehrt im abgang? bloch in rechnung gestellt, und benjamin, und trotzdem viertausend im minus, mag schon nicht mal mehr kiffen, od... lesen


ferdinand schmatz | widerlich*

oder wer sorgen hat hat auch kümmel

etwas nicht austragen knospen etwa einblühen lassen immer wieder verlangt das sein treu das schön sein - rosen und garten plagen lieber fort fahren weg klagen den ort aus wort und sparten so der brauch wieder mal wider ich das du spielen wir die arten durch ausgelegt aufgegangen der spaten sticht meine wie deine male es gehört sich nicht was ich züchtet (spricht) bricht man nicht so e... lesen


günther freitag | nausea

Erinnerungssplitter

Vicenza an einem Sonntag im Februar. Spaziergänger auf dem Corso, in den Parks, auf der Piazza Signori. Turtleskinder, Jugendliche auf Motorrädern, vor einer kleinen Bar Männer mit einem Radioapparat, die auf die Fußballergebnisse warten. Um nach dem Ende der Spiele enttäuscht ihre Totoscheine zu zerknüllen. Stillstand der Zeit. Die Idylle, als Ort begriffen, ist der Platz des Nicht-Denkens, der starre Text der Agonie. Der abge... lesen


helmut eisendle | nachtland

Für die Bewohner und Organisatoren des Vinzidorfes in Graz

Ein guter Mensch bemerkt während eines Spazierganges wie ein böser schlechten Gewissens an ihm vorbeischleichen will. Erbost läuft der Gute dem Bösen nach und stellt ihn zur Rede. Als dieser keine Antwort gibt, überwältigt er ihn und schleppt ihn zur Polizei. Der böse Mensch ist darüber sehr traurig und nimmt sich vor, sein Leben zu ändern und ein guter Mensch zu werden. Der Mensch hat um sich und in sich ein großes Reich aufgebaut... lesen


franzobel | monolog der gitti w.

Auszug aus dem noch unveröffentlichten Theaterstück „Das Knie der Japanerin“

Gitti in ihrer Wohneinheit, sich die Beine rasierend: Putzen. Was hab ich denn sonst, vom horizontalen Gewerbe abgesehen, noch für Chancen? Putzen kann ich gehen. Aufwischen. Ins Gastgewerbe. Fabriksbesitzer hat er gesagt. Industrieller. Pha, ein läppisches Bräunungsstudio, das nichts bringt. Ich putze gerne, ich halte das nicht aus, wenn keine Ordnung ist, die Blusen müssen Millimeter, säuberlich geschlichtet sein, und meine Lippe... lesen


christian loidl | kleinstkompetenzen

„erinnerungen aus einer geheimen kindheit“. Ein Vorabdruck

da hats einen gegeben der hat sich die ohrwaschln weggeträumt wie er auf die nacht eingeschlafen ist hat er gesagt: wenn ich jetzt träum dann träum ich mir die ohrwaschln weg und zieh mirs in den kopf weil im traum brauchst du ja gar keine waschlohren weil du eh alles aso auch hören kannst und das hat gestimmt und wie er aufgewacht ist hat der bub keine ohren mehr gehabt und seine oma hat gesagt: das... lesen


andreas domweber | die hendl-maden-katzen-kotzen-geschichte

In der tiefen, hohen Weststeiermark, zum Beispiel am Hirschegger Berg, habe ich eine der schönsten Geschichten meines Lebens erlebt. Dort, also am Hirschegger Berg, wo der Zenzbauer seinen Misthaufen hat, habe ich einige Monate meines Lebens in erregenden Ferienlagern verbracht und habe dort nicht nur das Rauchen gelernt, sondern auch einiges über den Umgang mit Geistern und Dämonen, dem Wetter und den Bäuchen der Stadtkinder, die s... lesen


egyd gstättner | damals in jesenice

Einmal waren wir in Jesenice, heißa, das waren Zeiten, denn damals waren wir noch nicht in Beschlag genommen von Todesangst und Nierenleiden, Privatkonkursen, Vorweihnachtsglühweingestank und Diktatur. Noch galt unser heiliger Eid, uns nicht unters Joch der Wirklichkeitsprotze spannen zu lassen, und wir scherten uns nicht um Hunnen und Goten. Was kümmerten uns das Einfamilienernährungsgestöhn, die Zusatzpensionsgelüste und das Lu... lesen


elisabeth wandeler-deck | weil es keine markierung gibt

Das ist ja ganz abscheulich, sagen wir beide gleichzeitig. null Uhr dreissig Fotze! sagte sie, Hustengeräusche abgezogen nein dies nicht lebenslänglich. Sagt sie und sie ist noch draussen jederzeit und dieser Duft oder Aufguss von Pfefferminzblättern. Lebenslänglich jederzeit lebenslänglich gedacht jede Zeit als eine lebenslängliche, wiedergeholte oder abgehalfterte gedacht. Die Türschwellen sind schon von Paaren belegt wer kan... lesen



Rezensionen

ab in die nischen

Die Literaturvermittler sind in der Dauerkrise

Gunther Nickel (Hg.): Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?

„Ich teile die Zuversicht im Hinblick auf das Internet nicht. Einrichtungen wie perlentaucher.de und literaturkritik.de sind zwar eine schöne Sache, aber was doch dominiert, sind Laienkritiken wie die ‚Top 500’ oder ‚Top 1000’-Rezensenten bei Amazon, deren Bewertungskriterien oft hanebüchen sind. Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkei... lesen


wenn dem wirt der saft ausgeht

Georg Petz’ Erzählungen zur Anatomie des Parasitären

Georg Petz:: Die Anatomie des Parasitären. Erzählungen

Ich sehe durch das Fenster nach draußen, das keine Aussicht hält als mein eigenes Spiegelbild vor dem Hintergrund einer undurchdringlichen Finsternis. Da ist noch immer die Glätte in meinem Gesicht, die ich so sehr mag. Der junge Autor Georg Petz hat seine neue, zweite Publikation Die Anatomie des Parasitären getauft. Ein hochtrabender, wenngleich viel versprechender Titel und ein nicht untreffendes Motto für... lesen


sonne ohne eigentümer

Ein Geburtstagsroman für Max Stirner

Sabine Scholz: Die Sonne hat keinen Eigentümer. Roman

Sabine Scholz, Mitarbeiterin des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, hat mit Die Sonne hat keinen Eigentümer einen biographischen Roman über den Querdenker und Philosophen vorgelegt. Max Stirner, geboren als Sohn eines Flötenmachers in Bayreuth, wirkt auf mindestens drei einander überlagernden Feldern: einmal im Schutt halb vergessener Philosophiegeschichte als einer der Junghegelianer, die Hegels Staatsphilosophie – heute... lesen


nichts für ungut, herr müller

Ein Autor strapaziert den Mainstream und wird von ihm überwältigt

Norbert Müller: Feierabend. Roman

Der Residenz Verlag hat einen guten Fotografen für seine Autorenporträts. Lukas Beck setzt die Autoren in natürlicher Umgebung in Szene, die Lichtführung und Farbabstimmung ist harmonisch, das Spiel mit Vorder- und Hintergrund gekonnt umgesetzt. Der Autor Norbert Müller beispielsweise posiert neben einem Baustellenbild. Im Hintergrund verschwimmt die Fassade des Stephansdoms. Müller, 1963 in Aachen geboren, in Wien lebend, blickt skepti... lesen


literarische slideshow

Andrea Grill durchforstet ein Gehölz namens Stammbaum

Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.

Gerade mit beträchtlichem zeitlichem Abstand ist das Betrachten von Familienalben ein Vergnügen, basierend auf mehreren Qualitäten: da wären zum einen die modischen Zeitläufe, die retrospektiv ein gerechteres Urteil über Treffer und Verirrungen der Modebranche zulassen, da bieten sich Fachsimpeleien über die Kunst und die Mode des Posierens an (Warum wird heute beim Fotografieren gnadenlos Lächelpflicht ausge... lesen


siren songs

Sonja Harters erster Gedichtband

Sonja Harter: barfuß richtung festland. gedichte

Ihre Gedichte sind nicht plump, nicht dumm, nicht kitschig, nicht sentimental , nicht grob, nicht platt. Ihr Können ist keinesfalls in Frage zu stellen, aber um Sonja Harter und ihren „Ton“ wird in Graz ein Trommelfeuer gemacht, das befremdet. Zuletzt hat sie Günther Nenning als jüngste Autorin (sie ist erst 22, wird immer betont) und noch vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes in die Landvermessung gepackt. Sie se... lesen


am arsch (vorbei)

Helmuth Schönauer viechert wieder ab

Helmuth Schönauer: Afterschock. Schwere HTML-Gedichte

Helmuth Schönauers Geschichten vom Mitterweg (siehe www.schoenauer-literatur.com ) würden natürlich wunderbar in diese Ausgabe der schreibkraft passen. Auf eine diesbezügliche Anfrage an den Tiroler Autor kam als Antwort nur Schweigen – und ein vom Verlag Sisyphus zugestelltes Rezensionsexemplar von Schönauers jüngstem Gedichtband Afterschock. „Lyrisches Ich – entsteht bei der germanistischen Spaltung eines Schizoids... lesen


wirklich schad um das ejakulat

Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil

Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter

Jetzt schreiben sie alle einen ziemlich flotten Stil, knallhart, anbetungswürdig banal, mit ein paar eingestreuten surrealistischen Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten in Lebensgröße und, ohne viel Worte jede Menge Übertreibungen. Wolf Wondratschek, Männer und Frauen Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten. Intakte Mütter, so der ange... lesen


sätze. schreiben. dichter

gegensätze 9 - 11

Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11

edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream. Suhe ... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut... lesen


schäfchenzählen

Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik

Oswald Egger: Herde der Rede. Poem.

Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz... lesen


menschliches, allzumenschliches

Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht

Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman

„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist beding... lesen


weiteratmen! trotz allem

Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft

Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman

„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie... lesen


ein kopfstand im luftleeren raum

Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“

Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic

1. Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus wel... lesen


vom sprachsteirer

Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören

Anna Nöst: mama, kimm he, mama.

Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch... lesen


ein seltsames paar

Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.

Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenh... lesen


i will drive slowly

All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“

Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte

Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders. Auch der Text auto stop... lesen


realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung

Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz

lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde

Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere: „Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen Mehrwert hinter all den Konstruktio... lesen


der arme zettel, das kühle werk

Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers

Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.

AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vorgel... lesen


die kometen, auf denen ich gehe

Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik

Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.

Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerd... lesen