realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung
Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz
lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde
Linz, Wien: Blattwerk 1999
Rezensiert von: hannes luxbacher
Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt
der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere:
„Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die
ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte
kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht
gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen
Mehrwert hinter all den Konstruktionen mancher Textgebilde? Der
kommunikative Aspekt widerspielt sich mit dem metasprachlichen Aspekt.
Zusammen sind sie nicht anzufinden, und man fragt sich eigentlich immer
wieder einmal: Warum? Wo es doch Comics gibt, die den
konstruktivistischen Anteil von Wirklichkeitsgestaltung humorvoller zur
Geltung bringen. Wahrscheinlich ist es mein masochistischer Anteil im
Umgang mit symbolischer Marktwirtschaft, der nicht locker lassen lässt
und ein pseudosinnliches Erregungspotential anfacht. Jaja, profillos
der Plot, Ringelreihe tanzen mit den Sätzen, und wenn die noch so
elegant gesetzt sind, schlussendlich liegt man als Leser zwischen den
Seiten und wird ausgezählt, weil man auch gar nicht mehr weiß, wie man
in den Staub getreten worden ist. Aber was solls, was alt ist, ist auch
einmal neu gewesen, und deshalb meine ich, hat Tradition, was es schon
länger gibt. Ja, aber sicher, aber sicher nicht so einfach. Wenn
Sprache eine Form der Verortung eines Menschen in seiner Umgebung ist,
dann muss man da durch, dann muss man auch durch die Versatzstücke
schon gesprochener Sätze. Wörter, arrangiert in einer Gemengelage, die
fast schon wieder Musik ergibt. Wo findet sich noch ein Aficionado der
Textkörperlichkeit? Wer bastelt mit? Als Kind habe ich ja immer diese
semi-wundervolle Sendung gesehen, Zeichnen, malen, formen, die, etwa im
Vergleich mit Am, dam, des den nicht zu unterschätzenden Vorteil gehabt
hat, dass die ins Studio geladenen Kinder erstens so halbwegs souverän
gewirkt haben und zweitens es nicht zu so halblustigen Geschehnissen
wie herabfallenden Stücken von Irgendwas kam, nur weil der Mensch
hinter der Tafel den Magneten, der das Ding, das der Mensch vor der
Tafel zum Magneten pappen wollte, eben den Magneten, richtig, nicht
punktgenau gehalten hat. Aber wenigstens hatte Am, dam, des ein wenn
auch einfältiges so doch schönes Eröffnungslied, und zweitens war es
eines meiner ersten Forschungsgebiete im Bereich der
zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich erinnere mich noch heute an die
blonde und an die dunkelhaarige „Tante“ sowie an den Clown Enrico. Ohne
diese Erinnerung würde ich Clowns ja glatt für asexuell halten,
insbesondere die öden weißen und warum David Bowie im Video zu Ashes to
ashes ausgerechnet als Pierrot maskiert war, würde ich ihm heute noch
vorwerfen, kennte ich ihn. Am, dam, des aber hat mir anderes gelehrt.
Ganz offensichtlich hat der Clown Enrico die blonde „Tante“ bevorzugt
behandelt, jedenfalls interpretierte ich ihr in die Arme springen und
auf dem Rücken reiten als eindeutige Liebesbeweise, denn die
dunkelhaarige „Tante“ durfte oder wollte das nie, ganz im Gegenteil,
wirkte sie auf mich als Kind immer etwas distanziert. Traten manchmal
alle drei gemeinsam auf, wurde mir dies alles besonders augenfällig,
und meine ersten Annäherungen an das semantische Feld „Eifersucht“ habe
ich also Am, dam, des zu verdanken. Naja, Erinnerungen zwar, aber in
einer Welt, durchtränkt mit Realität, eine schöne Abwechslung. Das
Lesen experimenteller Texte hat ja für mich mitunter etwas von Fxxxing
with my brain, wie Beck das genannt hat. Das Erreichen des
Aha-Erlebnisses kommt einer cerebralen Penetration gleich, die
gedanklichen Mäander, die man beschifft, ehe man zum Konzept vordringt,
der erlebte Mangel an hedonistischer Qualität und der erst auf einer
zweiten Ebene auftretende Kommunikationsaspekt erfordert eine
Interaktivität besonderer Art und die bequeme Interpassivität der
brotberuflichen Auszeit, zu welcher einen manche Literatur auch
verleitet, wird lahmgelegt. Das hier ist nicht geducktes Gedrucktes,
das geht in die Offensive und ich empfehle Ihnen: Lesen Sie das laut,
das kommt und mitunter saugut. Spalt schichtet Sätze an- und
übereinander, dadurch vermeidet sie die Sinnwerdung ihrer Sätze auf der
ersten möglichen Ebene, der oberflächlichen, der Textpassagenebene.
Heterogenes Material, zusammengeschnürt und sofort wieder aufgebrochen,
die Verhinderung von eindeutigen Sinnrichtungen, das
ineinandergeschobene Geflecht laufen auf ein poetisches Statement
hinaus, das uns als Lesende darauf hinweist, wie unzuverlässig und
uneindeutig die Zeichen, mit denen wir tagwerken und schlafen gehen
eigentlich sind.
Zu guter Letzt bleibt eine Frage offen: Wann endlich wird Der knallrote Autobus im ORF wiederholt werden?
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