Rezensionen der Ausgabe 13 - mitte
ab in die nischen
Die Literaturvermittler sind in der Dauerkrise
Gunther Nickel (Hg.): Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?
„Ich teile die Zuversicht im Hinblick auf das Internet nicht. Einrichtungen wie perlentaucher.de und literaturkritik.de sind zwar eine schöne Sache, aber was doch dominiert, sind Laienkritiken wie die ‚Top 500’ oder ‚Top 1000’-Rezensenten bei Amazon, deren Bewertungskriterien oft hanebüchen sind. Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkei... lesen
wenn dem wirt der saft ausgeht
Georg Petz’ Erzählungen zur Anatomie des Parasitären
Georg Petz:: Die Anatomie des Parasitären. Erzählungen
Ich sehe durch das Fenster nach draußen, das keine Aussicht hält als mein eigenes Spiegelbild vor dem Hintergrund einer undurchdringlichen Finsternis. Da ist noch immer die Glätte in meinem Gesicht, die ich so sehr mag. Der junge Autor Georg Petz hat seine neue, zweite Publikation Die Anatomie des Parasitären getauft. Ein hochtrabender, wenngleich viel versprechender Titel und ein nicht untreffendes Motto für... lesen
sonne ohne eigentümer
Ein Geburtstagsroman für Max Stirner
Sabine Scholz: Die Sonne hat keinen Eigentümer. Roman
Sabine Scholz, Mitarbeiterin des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, hat mit Die Sonne hat keinen Eigentümer einen biographischen Roman über den Querdenker und Philosophen vorgelegt. Max Stirner, geboren als Sohn eines Flötenmachers in Bayreuth, wirkt auf mindestens drei einander überlagernden Feldern: einmal im Schutt halb vergessener Philosophiegeschichte als einer der Junghegelianer, die Hegels Staatsphilosophie – heute... lesen
nichts für ungut, herr müller
Ein Autor strapaziert den Mainstream und wird von ihm überwältigt
Norbert Müller: Feierabend. Roman
Der Residenz Verlag hat einen guten Fotografen für seine Autorenporträts. Lukas Beck setzt die Autoren in natürlicher Umgebung in Szene, die Lichtführung und Farbabstimmung ist harmonisch, das Spiel mit Vorder- und Hintergrund gekonnt umgesetzt. Der Autor Norbert Müller beispielsweise posiert neben einem Baustellenbild. Im Hintergrund verschwimmt die Fassade des Stephansdoms. Müller, 1963 in Aachen geboren, in Wien lebend, blickt skepti... lesen
literarische slideshow
Andrea Grill durchforstet ein Gehölz namens Stammbaum
Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.
Gerade mit beträchtlichem zeitlichem Abstand ist das Betrachten von Familienalben ein Vergnügen, basierend auf mehreren Qualitäten: da wären zum einen die modischen Zeitläufe, die retrospektiv ein gerechteres Urteil über Treffer und Verirrungen der Modebranche zulassen, da bieten sich Fachsimpeleien über die Kunst und die Mode des Posierens an (Warum wird heute beim Fotografieren gnadenlos Lächelpflicht ausge... lesen
siren songs
Sonja Harters erster Gedichtband
Sonja Harter: barfuß richtung festland. gedichte
Ihre Gedichte sind nicht plump, nicht dumm, nicht kitschig, nicht sentimental , nicht grob, nicht platt. Ihr Können ist keinesfalls in Frage zu stellen, aber um Sonja Harter und ihren „Ton“ wird in Graz ein Trommelfeuer gemacht, das befremdet. Zuletzt hat sie Günther Nenning als jüngste Autorin (sie ist erst 22, wird immer betont) und noch vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes in die Landvermessung gepackt. Sie se... lesen
am arsch (vorbei)
Helmuth Schönauer viechert wieder ab
Helmuth Schönauer: Afterschock. Schwere HTML-Gedichte
Helmuth Schönauers Geschichten vom Mitterweg (siehe www.schoenauer-literatur.com ) würden natürlich wunderbar in diese Ausgabe der schreibkraft passen. Auf eine diesbezügliche Anfrage an den Tiroler Autor kam als Antwort nur Schweigen – und ein vom Verlag Sisyphus zugestelltes Rezensionsexemplar von Schönauers jüngstem Gedichtband Afterschock. „Lyrisches Ich – entsteht bei der germanistischen Spaltung eines Schizoids... lesen
wirklich schad um das ejakulat
Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil
Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter
Jetzt schreiben sie alle einen ziemlich flotten Stil, knallhart, anbetungswürdig banal, mit ein paar eingestreuten surrealistischen Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten in Lebensgröße und, ohne viel Worte jede Menge Übertreibungen. Wolf Wondratschek, Männer und Frauen Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten. Intakte Mütter, so der ange... lesen
sätze. schreiben. dichter
gegensätze 9 - 11
Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11
edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream. Suhe ... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut... lesen
schäfchenzählen
Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik
Oswald Egger: Herde der Rede. Poem.
Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz... lesen
menschliches, allzumenschliches
Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht
Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman
„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist beding... lesen
weiteratmen! trotz allem
Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft
Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman
„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie... lesen
ein kopfstand im luftleeren raum
Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“
Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic
1. Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus wel... lesen
vom sprachsteirer
Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören
Anna Nöst: mama, kimm he, mama.
Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch... lesen
ein seltsames paar
Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.
Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenh... lesen
i will drive slowly
All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“
Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte
Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders. Auch der Text auto stop... lesen
realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung
Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz
lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde
Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere: „Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen Mehrwert hinter all den Konstruktio... lesen
der arme zettel, das kühle werk
Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers
Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.
AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vorgel... lesen
die kometen, auf denen ich gehe
Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik
Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.
Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerd... lesen