sätze. schreiben. dichter
gegensätze 9 - 11
Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11
edition gegensätze 1995
Rezensiert von: hermann götz
edition gegensätze betreibt Partnervermittlung.
Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und
weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und
ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum
literarischen Mainstream.
Suhe
... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert,
nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine
Haut am Schlangenarm in Fetzen gerissen; da kann ich nur lachen, dich
runtermachen, dir ne Brille verpassen, denn der Aufstrich ist exakt
deklariert, ist nicht rot, sondern braun wie Scheiße und heißt Nutella.
Oder aber:
Wie sehr ich dich beneide, daß dich jemand gern hat. Die Marsbewohner
erwidern unser Feuer aus großen Lichtkanonen. Ein Zufall will es, daß
wir uns wiedersehen. Die Flamencotänzer hasten wie aufgezogenes
Blechspielzeug über das blankgeputzte Parkett.
Zwei gar verschiedene Texte sind hier auf zirka 50 Seiten untereinander
geschrieben. Eberhard Häfner hat stets die obere Hälfte inne, Ulrich
Schlotmann die untere. Was die beiden verbindet, ist das fleißige Spiel
mit Leersätzen und Worthülsen, die literarische Variation. Diese
funktioniert in den zwei Texten jedoch auf sehr unterschiedliche Weise.
Häfner wälzt eine rhythmische Wortlawine zum Thema Sex, wobei er sich
durch assoziative Brücken (Säuren, Basen, weibliche Verwandte) und
rap-artig geschleimte Auslautreime von Satz zu Satz weiter hantelt,
Themen moduliert, überspringt und nieder rennt. Es ist eine mitreißende
Prosaflut und ein spannendes Spiel flirrender Gedanken, wo bei viel
Hirnstrom der Geist auf und abblitzt.
Selten findet sich ein Ausweg zu Schlotmann, ein möglicher Link zur
unteren Seitenhälfte, wo insgesamt vierzehn Sätze in wechselnder
Ordnung und spärlich verändert stets aufeinanderfolgen. Bemerkenswerte
Sätze von zufälliger Schönheit, herausgepickt aus Werbung,
Wissenschaft, Alltagsgerede und anderem - Splitter eben, Wortmüll à la
Mikrowelle, Magengrube, Marsbewohner. Während Häfners Syntaxfetzen
ausweglos am Partnertext vorüber hasten, stehen Schlotmanns Sätze ganz
für sich. Ein feines Textpaar aber kein Spielraum, die beiden mit- oder
gegeneinander zu lesen.
(K)ein Klang
Wenn das Schreiben sich keines gesuchten Inhalts annimmt, gerät es wie
von selbst zum Schreiben über das Schreiben. Worte über Worte, Poesie
der Poetik. Petra Ganglbauer und Waltraud Seidlhofer haben sich bei
ihrem Schreiben zugesehen, den Raum ausgeleuchtet, der ihre Worte
umgibt, haben versucht, Gedanken zum Klingen zu bringen oder
wohltönenden Worten gedanklich hinterher zu hüpfen. Entstanden sind
Fragmente und Fragen zu einer Poetik der gebrochenen Texte. Was rundum
anfällt und auffällt, wird aufgenommen, abgeschrieben oder
umgeschrieben und als Wortbild vor den Leser hingestellt. Wortbilder,
das sind hier Ansätze konkreter Poesie, Abbildungen von Handschriften
und Zeichnungen sowie poetisch deskriptive Textpartikel. In
assoziativen Ketten führen Sätze zwischen Welt-, Text- und
Selbstbetrachtung hin und her. Einmal ein Versuch schreibend, die zum
Schreiben führenden Vorgänge der Wahrnehmung, Reflexion und Bearbeitung
synchron festzuhalten, einmal ein Spiel mit dem Deuten und Bedeuten der
Worte, die abfallen als Schrift. Dabei werden Sätze gelüftet, die sich
sehen lassen: Ansätze zum ästhetischen Gegen-Satz.
Corespondence.Korrespondenz
Korrespondenz ist Austausch von Sprache. Und mehr als das.
Korrespondenz passiert, wenn sich zwei Welten begegnen, um Worte zu
wechseln. Eve Wood und Judith Fischer haben das vorexerziert.
Gegenübergestellt wurden einander englische und deutsche Gedichte zu
gleichen Titeln. Während die wörtliche Entsprechung der zweisprachigen
Überschriften gewährleistet scheint, treten die dazugehörigen Texte als
gänzlich unterschiedliche Varianten poetischer Praxis auf. Eve Wood
ergeht sich in elegischen Langgedichten, Judith Fischer zwängt, was sie
zu sagen hat, in wenige Zeilen, sucht komprimierten Sinn, verdichtete
Sprache. Ergänzt wird der schmale Band durch (wortgetreue)
Übertragungen der reduzierten Fischer-Texte ins Englische. So entsteht
der Eindruck eines Stille-Post-Spiels, das dem Lesen, als einem Versuch
musischen und lexikalischen Reizen nachzuspüren, entgegenkommt.
„Dichtung erfahrbar machen“, könnte das heißen. Dichtung dichter
erleben.
Eberhart Häfner, Ulrich Schlotmann: Suhe. Graz, Wien: edition gegensätze 1998.
Petra Ganglbauer, Waltraud Seidlhofer: Lippenverreißung, (k)ein klang. Graz, Wien: edition gegensätze 1997.
Eve Wood, Judith Fischer: Correspondence. Korrespondenz. Graz, Wien: edition gegensätze 1999.
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