Rezensionen der Ausgabe 14 - patient spezial
das ende eines vorurteils
Geschichten vom Balkan handeln nicht zwingend von Autodiebstahl
Dragana Tomaševic, Birgit Pölzl und Robert Reithofer: Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa.
„Ja, der Balkan […], das ist unbestritten ein männlicher Kontinent.“ – So lässt es die serbische Autorin Judita Šalgo ihre Protagonistin Bertha Pappenheim im Roman Reise nach Birobidschan ausdrücken. Was ist der Balkan? Ein Konglomerat aus unzähligen Völkern, Sprachen, Religionen? Ein Krisenherd? Ein Zukunftsmarkt für Investoren? Eine Region, wo immer noch die Patriarchen und Clan-Oberhäupter das Sagen haben? Wer im Klische... lesen
das performte wort, gedruckt
Die Anthologie „textstrom“ bietet Poetry Slam in Buchform
Diana Köhle und Mieze Medusa (Hg.): textstrom. Poetry Slam – Slam Poetry
maunche tog san schee und maunche tog san schiach, des is jo fost genauso wia mit de leit! Recht hat er. Und in ein Buch hat es Didi Sommer auch geschafft mit diesem tiefsinnigen Sager. Wie ein gutes Dutzend anderer Slammerinnen und Slammer ist er mit seinen Beiträgen in der 2006 erschienenen Anthologie textstrom vertreten. Sie vereint Kurzprosa, Rhythmisches und Lyrisches, Alltagsbeobachtungen und Science Fiction, Intellektuelles und T... lesen
im osten viel neues
Interview mit Bettina Balàka über den Kriegsheimkehrerkrimi „Eisflüstern“
Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman
Eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres 2006 hat Bettina Balàka geschrieben. Eisflüstern heißt es, und es ist aus mehreren Gründen erstaunlich: 1.) Balàka arbeitet ein Thema auf, das in der jüngeren österreichischen Literatur ziemlich einmalig ist, nämlich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das große Kakanien von den Siegermächten zum kleinen „Deutsch-Österreich“ zusammengestutzt wurde und sowohl ideologisch als... lesen
hilflos beim frisör
Über Liebe, Sex und alles dazwischen
Katharina Faber: Mit einem Messer schneide ich die Zeit. Über Liebende
Beim Frisör ist man dem Musikgeschmack des Besitzers und den Lieblingsradiosendern der Nation hilflos ausgeliefert. Beim Frisör hat man außerdem Zeit, wirklich auf die Texte all dieser Radiolieder zu achten, nur um nachher zu wissen, warum man sonst gut daran tut, sie einfach zu überhören. „Come my lady, you are my butterfly, sugar baby“ oder auch „My hips don´t lie“, gibt es da zu hören. Wow. Umso krasser ist der Gegensatz, we... lesen
widersprüchliche reminiszenzen
Was Sie schon immer über Pubertät wissen wollten
Fritz Widhalm: pubertät mit mädchen
Fritz Widhalms Buch pubertät mit mädchen ist voll von widersprüchlichen Reminiszenzen an eine Zeit, als pubertierende Mädchen noch keinen Style, sondern fuchsrote Haare, „von der großmutter mehr schlecht als recht kurz geschnitten“, hatten und die ultramarinblaue Hose des Erzählers noch ein Statement war. Der Ort der Handlung ist ländlich, die Zeit durch Referenzen auf „marc bolan shirts“ und „t rex singles“ zumindest anged... lesen
fünf stationen mehr
Was sie schon immer über U-Bahnen wissen wollten
Lukas Cejpek: Dichte Zugfolge
Seit kurzem hat Wiens U1 fünf Stationen mehr, und seit kurzem hat der deutschsprachige Literaturbetrieb DAS U-Bahn-Buch schlechthin. Für ersteres ist u. a. der Wiener Maulwurf, eine 44 m lange Maschine mit gigantischem Bohrschild, für letzteres die edle Edition Korrespondenzen und der nicht nur radioaktive Schriftsteller, Theater- und Hörspielregisseur Lucas Cejpek zuständig. „Wer Zeit hat, sollte nicht U-Bahn-Fahren“, heißt es a... lesen
von der falschen freiheit
Antonia Barboric schreibt den inneren Monolog einer Generation
Antonia Barboric: Schnittpunkt Leben
Ein 23-jähriger Mann sitzt im Zug und macht sich Gedanken. Soll öfters vorkommen, gerade beim Zugfahren hat man ja die Zeit dazu. Alles in allem also nicht besonders spannend, scheint es. Antonia Barboric erzählt trotzdem, was sich im Kopf des jungen Fahrgasts abspielt. Und auch sie tut das auf recht unspektakuläre Weise: In Worten, wie man sie tatsächlich in Zügen und auf Bahnhöfen hört, gerade so, wie es eben klingt, wenn Menschen s... lesen