genug | ausgabe 18
genug kann nie genügen?
„Mehr“ ist im Regelfall heiß begehrt. Mehr Geld, mehr Freunde, mehr Autobahnkilometer. Was gäbe es daran auch groß auszusetzen? Doch schon auf den zweiten Blick stellt man fest: Mehr Geld bedeutet Inflation, mehr Freunde (selbst wenn man sie tipptopp in facebook verwaltet) sozialen Stress, und mehr Autobahnkilometer müssen auch irgendwie erhalten werden. Und dennoch ist der naive Glaube an das Immer-Mehr, an das permanente Wachstum, a... lesen
Feuilleton
julian blunk | es ist genug für alle da
Was Günther Jauch und Marie-Antoinette gemeinsam haben
Marie-Antoinette, die unselige Gattin Ludwigs XVI. von Frankreich, soll am Vorabend der großen Revolution von 1789 den Unmut des aufgebrachten Pöbels auf sich gezogen haben. „Wenn das Volk kein Brot hat, warum isst es dann keinen Kuchen?“, habe sie ihren hungernden, zur Demonstration versammelten Untertanen zugerufen. Ein eklatanter Affront gegen die Menschlichkeit und jeden guten Geschmack, mindestens aber eine gespenstische Entfremdun... lesen
clemens marschall | weltkrieg am jausentisch
57 Kuhhirne in 15 Minuten: ein neuer Sport erobert die Welt
4. Juli, kurz nach 11 Uhr in New York: Wir feiern den Unabhängigkeitstag. Coney Island, der New Yorker Vergnügungspark, ist Platz des Geschehens. Ich bin dort nicht alleine, 40.000 Leute stehen sich um mich herum ihre Füße in die Mägen, die Kinder, die auf ihren Schultern sitzen, schwingen ihre Fahnen. Zusätzlich jauchzen noch 1,5 Millionen Fernsehzuschauer. Der Anlass des Events? Heute findet das Wettfressfest schlechthin statt! Der le... lesen
bernhard horwatitsch | unsere zeit ist abgelaufen
Hundert Meter in null Sekunden. In einer Welt ohne Grenzen sind Rekorde sinnlos
Ackermann ist böse. – In der Tat machen wir uns es derzeit so einfach. Wir stigmatisieren eine Berufsgruppe, behaupten, sie wolle sich bereichern, sei gierig und unmäßig. Wir hinterfragen dabei nicht, wie sehr wir selbst die Hand aufhalten. Wir kommen nicht auf den Gedanken, dass wir selbst unmoralisch handeln könnten, ganz einfach weil uns die Gelegenheit dazu nicht gegeben wird. Wenn wir nicht davon ausgehen, dass der Bankchef Ackerma... lesen
harald a. friedl | uncle sam in der wüste
Energie-Kolonialismus und die Folgen für den unbeschwerten Sahara-Urlaub
Zurück aus dem Wüstendrama Im Herbst 2008 wurde ein Salzburger Ehepaar nach 252 Tagen in Gefangenschaft der algerischen Terrorgruppierung „GSPC“ befreit, nachdem sie angeblich in Südtunesien überfallen, entführt und in Nordostmali, im Einflussgebiet der Kel Ifoghas-Tuareg, gefangen gehalten wurden. Wer könnte hinter diesen Entführungen stecken? Ist die Sahara etwa schon so sehr von Al-Khaida-Terroristen durchdrungen, wie es die USA... lesen
roland steiner | basta
Eine Reportage aus Italien
Totes Rot Renato Biagettis Welt war rot, in einem Rot, wie es in Lauras Haar am Strand oft glänzte und in ihrem Herz für ihn pochte. Seine Welt war rot wie der Männerfußballverein, der nach ihm Renoize Calcio benannt werden wird, der ebenso freundschaftlich basierte Frauenfußballverein She-Reds und wie der Männerrugbyverein seines Bruders Paolo. So rot wie der Mehrspartenklub All Reds, das mütterliche Dach aller sportlichen Aktivitäte... lesen
adelheid dahimène | es ist mir nicht egal
Vom Ende der Virginier
Sogar an der Haltung von Bäumen ist der aktuelle Rechtsruck schon nachvollziehbar, sie beugen sich immer weiter von der Sonne weg in einen Schatten, der nicht mehr hausgemacht aus eigener Produktion stammt, sondern von Doppelgaragen geworfen wird, die als Zukunftsvisionen in Schüleraufsätzen als das Nonplusultra einer wie immer gearteten, steilen Karriere gelten. Aber darauf will ich eher am Rande hinaus. Und eigentlich sind die fehlgekr... lesen
günter eichberger | genug von mir und allem
Ein Ausflug in die Niederungen des Literaturbetriebs
1 Im März 2006 schwankte ich abends zum Bankomaten meines Vertrauens, um mich hernach in angemessener Dosierung mit einer legalen Droge versorgen zu können. Der Bankomat teilte mir durchaus freundlich mit, dass mein Höchstbetrag überschritten sei. Am nächsten Morgen entnahm ich den Medien, dass eben jene Bank die seltsamen Transaktionen eines gewissen Herrn, dessen Name Flöttl einem Stück von Raimund entnommen sein könnte, angeblich m... lesen
thomas eder | druckabfall im paradies
Warum Musikfreaks neue Strategien brauchen
Bubblegum mit Zielfernrohr Ich habe vergessen, dass ich mich in einem der vielen neuen Libro-Geschäfte befinde. Ich höre die Appelle meiner zwei Schwestern kaum. Sie sind zu einem Lüftchen verkommen und erinnern an das Meeresrauschen in großen Muscheln. Es ist nicht wirklich da. Mit feuchten Augen halte ich mein erstes Vinylalbum in Händen. Ich bin nicht gerührt, sondern werde erschlagen von der Reizüberflutung meines Sehnervs. In zehn... lesen
stefanie lehrner | mehr als genug
Ist das Nichts dem Menschen zumutbar?
Mehrheitlich sind wir superlativisch. Das übergeordnete Ziel unseres Lebens besteht darin, uns zu vermehren. „Seid fruchtbar und mehret euch!“, heißt es schon in der Bibel. „Seid wirtschaftlich und mehret euren Gewinn!“, so dann etwa die sinngemäße Übersetzung in die Managementsprache heutiger Zeit. Dieses Prinzip des Vermehrens scheint jede Faser unseres Körpers zu durchdringen und uns zu konstituieren: Mehr, mehr, mehr. Gut, b... lesen
thomas laessing | drei tage
w/Abwesenheit im Paradies nicht in die E-Mails geschaut
Ja gibt’s denn das? Ja gibt’s denn das? Überfliegen der Betreffzeilen im restpflichtbewussten Horror, magnetisiert durch ein Eskönntejadochwichtigsein: Newsletter des Newsletter von Newsletter unserer Verwandte mit ihren Ego-Foto-Belästigungen, zu erkennen an der Anlagenklammer, trügerisch-klein oben links, fallenstellend (könnten ja 20 Euro für die Jüngste zum Geburtstag rausspringen) Re: Aw: xxx Re: Re: Re: Re: Neue Freundanfrag... lesen
beate tröger | grazer galopp
Bericht einer Stadtleserin
Das Stipendium Drei Wochen bezahlt in Graz lesen? August 2008. Eine Glosse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin heißt es: Das örtliche Feuilletonmagazin schreibkraft [...] lobt zusammen mit den lokalen Literaturinstitutionen ein Stipendium der besonderen Art aus: Anstatt, wie so oft, einem Autor Kost und Logis zu gewähren, damit er in die und in der Stadt zum Schreiben kommt, wird in Graz erstmals ein Leser gesucht, der sich do... lesen
anne kramer | von der sehnsucht nach dem herrn
Das Selbstbildnis des T. E. Lawrence
Zu wenig Jeder kennt das: Man will sich jemandem verständlich machen, redet, sucht, gräbt regelrecht nach den passenden Worten und sagt dann doch nur resigniert: „Du weißt schon, was ich meine.“ Der 1888 geborene Autor, Soldat und Archäologe Thomas E. Lawrence schrieb einmal: „Ich bin zu wenig Schriftsteller, um genug von mir in irgendein Werk zu legen.“ Lawrence, der sein Schreiben vor allem als Mittel einer permanenten Selbstbeo... lesen
Literarische Texte
teresa präauer | worüber die vögel ziehen
Worüber die Vögel ziehen, und was in einer Woche die Menschen tun, das habe ich in der Stadt gesehen. Dort sind Wörter wie Bilder gelegen, und sie haben, jeder Absatz eine Ansichtskarte, dabei Töne geklopft, und manchmal ist ihnen der Reim näher gewesen als der Bericht oder das, was an fünf Fingern erzählbar ist. Wenn die Empfänger später meine Kartengrüße aus dieser Stadt gelesen haben, haben sie aus den Zeilen des Textes ein Lied... lesen
stephan roiss | der neid des menschen auf die steine
Als der Zug losfuhr, hatte ich den Daumen am Türöffner. Vor der Nase weg, sagt man bei uns daheim. Bei uns daheim, sagt man bei uns daheim und meint damit: So ist es richtig. Nun also Aufenthalt außer Plan. Tee in Arnhem. Wo der Bahnhof ein Fluchtweg mit Snackautomat ist und der Preis für einen Gang auf die Toilette mit 40 Cent knapp unterm mitteleuropäischen Schnitt liegt. (Hier wird Kultur zur Folter. Jeder Stadt, die von mir Geld f... lesen
sibylle severus | panseninhalt
Wenn das Gehör und die Augen nach dem Winter noch mitmachen, gibt es fast vergessene Vergnügen zu entdecken: das zitternde Gewebe des Vogelgezwitschers, die Lichtflut an einem Frühlingsmorgen, zarte Blätter und Blüten, die sich unter der Last der Bienen neigen. Wie die Blätter und die Blumen sind auch meine Haare unhörbar gewachsen, haben jedoch an Farbe verloren. Ein Besuch bei meinem Coiffeur ist nicht hinauszuschieben. Bodo erzäh... lesen
martina ernst | der anfang von zwölf dingen, die nicht genug sind
Liebe Anglerfreunde, schon mal darüber nachgedacht, dass der Köderfisch an deinem Angelhaken die ganze Zeit, während er im Wasser baumelt, davon träumt in die Freiheit zu schwimmen? Das Einzige, was ihn von der Erfüllung seines Traumes abhält, bist du und der Haken. Du als Mensch sitzt derweil auf deinem Anglerstuhl und denkst darüber nach, wie du dein Leben zum Positiven verändern kannst. Wie kannst du der Enge entkommen, die dich um... lesen
johannes weinberger | erschöpfungstrilogie
1: Der Staat Irgendwo muß ich ja sein. Warum nicht hier und jetzt? Sagen wir, hier und jetzt wäre ein Paßamt. Die Luft ist stickig und schwül, weil es draußen regnet und die Mäntel und Schirme ihre Feuchtigkeit in den Raum verdunsten. Es herrscht ein stetiges Gewisper und Gemurmel, zerteilt vom gelegentlichen Stampfen der Stempel oder Knacksen der Klammermaschinen oder dem Klicken von schnellen Fingern auf Tasten. Vor mir in de... lesen
Rezensionen
google hilft hier auch nicht weiter
Ein Lehrer und ein Sohn auf der Suche nach ihrem Ursprung
Stefan Schmitzer: wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Das fragen sich die Protagonisten in Stefan Schmitzers Romandebüt wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht nicht nur einmal. Nun, unwahrscheinlich ist es nicht, was ihnen da widerfährt, aber zumindest recht außergewöhnlich. Doch von Anfang an: Da bittet zunächst ein Mädchen zwei Männer – einen Künstler und einen Schafhirten – ihr die Flucht vor einem Verfolger zu ermöglichen. A... lesen
look good on the dancefloor
Das literarische Debüt von Christof Huemer tanzt in großen Fußstapfen
Christof Huemer: Zweifellos. Roman
Die junge Grazer Edition Keiper hat Huemers Erstling Zweifellos einen Einband verpasst, der entfernt an eine Medikamentenschachtel erinnert. Auf der Rückseite angeführt: Inhaltsstoffe und ein Warnhinweis. Der Warnhinweis fasst den Ausgangspunkt der Romanhandlung zusammen: DJ Andreas Mar war ein Held an den Plattentellern, er hat ein Album produziert, das ihm internationales Renommee beschert hat. Nun ist Mar (natürlich) „in einer tiefen... lesen
schweigen wär’ schön, aber
Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten
Andrea Winkler: Arme Närrchen
Weiß der Himmel, wir haben ganz auf die Lage des Wortes vergessen. Das schüchterne Wort im Zeugenstand, als wüssten wir nicht ohnedies, dass es sich verschwiegen geben wird. Andrea Winkler weiß um diese Verschwiegenheit und verfolgt doch die Spuren der taumelnden und aufsässigen Worte. Ein intimer Aufstand der Worte vollzieht sich in Andrea Winklers Prosadebüt Arme Närrchen. Das Wort gibt sich dem Leib hin, im Delirium rückt es dem K... lesen
Nach Selbstgesprächen
Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten, Forts.
Andrea Winkler: Hanna und ich
Nach den Selbstgesprächen des Debüts Arme Närrchen folgt Hanna und ich. Obgleich der Titel Erwartungen weckt, die dem Erfahrungsaustausch das Wort reden, gerät Andrea Winkler wieder in monologisches Stocken. Die Identitätsfrage übersteigt unsere Propositionen. Wer ist Hanna, wer ist ich, wo scheiden sich hier die Geister? Nicht von ungefähr schrieb die Autorin ihre Dissertation über Friederike Mayröckers Poetologie, die im Grunde die... lesen
über zementsäcke staunen
Die vielen Einheitsgesichter des Günter Eichberger
Günter Eichberger: ALIAS
Robert Zimmermann lebt in Graz. Er nennt sich Günter Eichberger und gibt vor, Schriftsteller und Flaneur zu sein, der sich einiges auf seinen ausufernden Persönlichkeitsverlust zugute hält. Ein Exzentriker des Ich sozusagen. Als Schriftsteller tritt er dann auf, wenn er nicht gerade als Bob Dylan endlos durch die Konzertsäle der Welt tourt, seine poetischen Songs aus der Prärie der Seele im Gepäck. Eichberger alias Zimmermann alias Dyla... lesen
undine im prekariat
Wenn sich das Karma vergnügt auf die Astralschenkel klopft
Mieze Medusa: Freischnorcheln. Roman
Die Heldin von Mieze Medusas Debütroman Freischnorcheln heißt Nora Klein und ist Grafikerin, selbstständige. Die Kunden laufen ihr nicht nach, also ist sie auf Jobsuche. Bankomaten ignorieren ihre Karte nicht einmal mehr, sondern fangen schon zu lachen an, wenn sie nur an ihnen vorbeigeht. Neben der Hoffnung, dass sich schon etwas ergeben wird, hat sie noch ihren uralten Palm III, in dem Termine von Kongressen und Präsentationen mit Grati... lesen
befremdetes leben
Beobachtete Paarungen bar von Barcodes und Arschgeweihen
Roland Steiner: Unter Haltungen – Stehend
Manche Rezensionen lesen sich, als wäre der Rezensent um den Text herumgeschlichen wie eine Katze um den heißen Brei. Sie werden mit persönlichen Daten des Autors eingeleitet, Preise, bisherige Veröffentlichungen: Alles, nur um nicht vom Text schreiben zu müssen. Texte von Roland Steiner lassen sich nicht einfach mal so schnell rezensieren, sie bieten sich dafür an, um sie herumzuschleichen. „Prosa“ untertitelt sich sein erstes Buch... lesen
von hinten geläutert
Die Erläuterung einer Läuterung
Wolfgang Ellmauer: Rektale Katharsis. Eine Erläuterung
„Eine Erläuterung“, das ist der Untertitel von Wolfgang Ellmauers Prosadebüt Rektale Katharsis, und das „Er“ in „Erläuterung“ ist im Fettdruck hervorgehoben. Er, das ist Lukas Metzauer, Anfang Dreißig, Lehrer für Englisch und Musikerziehung in einer österreichischen Kleinstadt, Jogger, Hobbymusiker, und, zu Beginn des Romans, in einer tiefen Lebens-/Liebeskrise befangen. Seine Läuterung geht in drei Phasen vor sich, denen d... lesen
schritt über den atlantik
Übersetzt und unkommentiert: die n+1-Anthologie
Kevin Vennemann (Ü): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie
Die amerikanische Intelligenzija läuft zusammen – wenn man diesem neuen, blauen Taschenbuch von Suhrkamp glauben darf. Was hier passiert, sei für Autoren wie Jonathan Franzen, dessen Blurb sich in bester amerikanischer Manier am Buchrücken findet, eine Erleichterung. Vier amerikanische Jungautoren, alle mit ordentlichem Abschluss (meist Yale und Harvard), haben sich zusammengetan, um dem niveaulosen Kulturbetrieb der USA etwas entgegenzu... lesen
comandante blue base pusher I
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
D. Holland-Moritz: Fan Base Pusher. . Notizen aus der Peripherie 2002-2005
Ich machs mir leicht und gebe es gleich zu, dann ist das erledigt: Ja, parteiisch bin ich. Es handelt sich bei den zu rezensierenden Büchern, beim Kern des Ritter-Verlagsprogramms für Herbst ‘08, sämtlich um Bücher „der perspektive-Kollegen“ (Zitat Werner schreibkraft Schandor, desselben, der auch den schlechten Einfluss des nämlichen Dunstkreises auf den Stil meiner Rezensionen beklagt hat). Nichtsdestoweniger: Bear with me, reade... lesen
comandante blue base pusher II
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
Ralf B. Korte: D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante
D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante von Ralf B. Korte ist eine Annäherung an die Figur des Poeten, Flugpioniers und protofaschistischen Freischärlerführers Gabriele D’Annunzio. Es ist außerdem eine reichlich traurige Liebesgeschichte, ein Versuch in europäischer Kriegsgeschichte und schließlich ein Wühlen in den Wurzeln der Faschismen Italiens und Deutschlands. Wir beobachten das Textsubjekt, ein „Du“ ohne N... lesen
comandante blue base pusher III
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
Sophie Reyer: Baby Blue Eyes
Über Sophie Reyers Baby Blue Eyes schließlich wurde bereits viel gesagt. Über ihre Jugend wurde geredet, Vergleiche gezogen, die blöde Frage nach dem Autobiografischen gestellt. Ad Fontes: Es macht die Atmosphäre von Baby Blue Eyes aus, dass die Subjekte (Plural) vollständig in ihren Körpern verortet sind, nirgends sonst, und dass ihre Sprache uns zwingt, diese Verortung mitzuvollziehen; dass dieser Subjektstatus dabei brüchig ist und... lesen
umgehung der fettnäpfchen
Hermetische Lyrik abseits billiger Epigrammatik
Klaus F. Schneider: Umgehung der Anhaltspunkte. Gedichte
Dass das noch geht, ist hier das Thema. Umgehung der Anhaltspunkte: Dass so ein Titel Programm sein kann, in einem deutschsprachigen Gedichtband, im Jahr 2008 (bzw. 2009, inzwischen). Genauer: Dass das Buch, auf das solches sich bezieht, nicht voll ist von jenem sentimentalen Landschaft-, Sehnsuchts- und Ichschwäche-Quatsch, den wir zu erwarten gelernt haben, wenn ein Buch Bezüge zur „hermetischen Tradition“ im Titel führt. Weil wir si... lesen
schön
Cornelia Travnicek schlägt unsere Gefühlstasten an, bis die Bordunsaiten schwingen
Cornelia Travnicek: Aurora Borealis
„Schön“ würde ich verwenden für Cornelia Travniceks Buch Aurora Borealis, wenn dieses Adjektiv nicht bereits zu oft ge-, miss-, verbraucht worden wäre. „Schön“ ist zutreffend, aber erklärungsbedürftig. Es passt bereits zum Äußeren des handlichen, lila Büchleins. Schön wie alle Bücher der Bibliothek der Provinz, die in Bibliophilen das Bedürfnis nach weißen Baumwollhandschuhen wachrufen, um bloß keine Verunreinigungen au... lesen
lob dem quickie!
Klaus Ebner kommt in „Auf der Kippe“ schnell zum Punkt. Kurzprosa eben
Klaus Ebner: Auf der Kippe. Kurzprosa
Ein wesentliches Merkmal von Kurzprosa ist, dass sie kurz ist. Trotzdem werden jene charmanten, kaltschnäuzigen, verdichteten oder auch nur skizzenhaften Texte, die sich entschieden nicht um Ausführlichkeit bemühen, allzu gerne als halbe Portionen angesehen. Aber ehrlich: Was kümmert es den Leser – und damit auch den Rezensenten –, ob der unausführliche Autor nur einen kurzen Atem hat? Oder ihn aufspart für den großen ganzen Roman... lesen
grenzen überschreiben
Völkerverbindendes aus dem Weinviertel
Haimo L. Handl (Hrsg.): Grenzschreiben/Psaní na hranici/Hraničné písanie
Mit der mehrsprachigen Anthologie Grenzschreiben tritt der Weinviertler Driesch-Verlag zum ersten Mal und gleich mit einem ebenso grenzüberschreitenden wie völkerverbindenden Projekt an die Öffentlichkeit. Das Buch vereint Prosa- und Lyriktexte von je zwei Autoren aus Österreich, der Slowakei und Tschechien. Alle Texte sind auf Deutsch und Tschechisch abgedruckt. Die aus Wiener Neustadt stammende Katharina Tiwald eröffnet den Reigen mit... lesen