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sieben tage im pliozän

Was sich im ostafrikanischen Regenwald abgespielt haben könnte


Klaus Ebner: Hominide. Erzählung.

Wien: fza verlag 2008

Rezensiert von: werner schandor


Irgendwann vor drei bis vier Millionen Jahren in Ostafrika, dort, wo der Regenwald in die Savanne übergeht: Ein Rudel Hominide vertreibt sich die Zeit mit Futtersuche, Rangeleien und Philosophie. Sie sind zwar schon der Sprache mächtig, die sich wie Traumbilder über die Vorstellungen der Intelligentesten legt, leben aber noch auf Bäumen. Einer von ihnen, Pitar, wird immer wieder von Visionen geplagt: dass das nomadische Rudel den Wald verlassen und sich im offenen Land ansiedeln würde. Die anderen Intellektuellen der Gruppe, Carpediem und Lao, sind auf seiner Seite. Für sie ist es nur eine Frage der Zeit, bis der entscheidende Schritt gesetzt wird. Der Rudelchef Costello zeigt sich abwartend, möchte aber die Gruppe nicht überfordern; Costellos Nebenbuhler Re und dessen Gefolgsleute halten Pitars Visionen, in denen sich die Hominiden Hütten bauen und das Feuer hüten, für ausgemachten Blödsinn.

Es ist eine reizvolle Idee, über jenen Moment in der Menschheitsgeschichte zu spekulieren, in dem ein Wesen aus den Wäldern Ostafrikas heraustritt, um in der Savanne den Schritt vom Halbaffen zum Menschen zu tun. Der Wiener Autor Klaus Ebner umkreist diesen Moment in seiner Erzählung Hominide, die im kleinen Wiener fza-Verlag erschienen ist. Ebner fabuliert frei von der Leber weg, wie er sich das Leben im Hominidenrudel vorstellt, und er verleiht seinen Figuren in zahlreichen Dialogen Konturen: den Männchen stärkere als den Weibchen, die in dieser Erzählung eine untergeordnete Rolle spielen. Über das prähistorische Setting legt der Autor eine postmoderne Schicht an Dialogen und Themen, aus denen die Erzählung ihre Spannung bezieht. Da redet Carpediem Lateinisch, Lao lässt weise Sprüche vom Stapel und Pitar wird von Visionen geplagt, dass der Mensch eines fernen Tages den Mond betreten könnte – was den Hominiden, der solches erträumt, zum absoluten Gespött des Rudels macht. Im Grunde geht es dem Visionär Pitar, wenn er sich in wirren Reden an sein Rudel wendet, nicht nur um den Ortswechsel vom Wald ins Grasland, sondern auch um den Schritt von einer hierarchischen Gesellschaft, wo der Stärkste am meisten zu sagen hat und alle Weibchen schwängern darf, hin zu einer Gruppe, wo jeder gleich viel bedeutet und wo zwischenhominide Sympathie den Ausschlag für den Paarungswunsch gibt.

Klaus Ebner hat also eine Utopie entworfen, die nicht auf das Irgendwo einer fernen Insel, sondern ins Irgendwann tiefster Vorzeiten verweist. Ganz klar ist es nicht, ob die demokratisch-konservative Ausrichtung von Pitars Visionen (Häuslbau und traute Zweisamkeit) vom Autor ironisch oder kritisch gemeint ist. Die mitunter kalauerhaften Einflechtungen von Zitaten und Anspielungen (zum Beispiel muss das Muttertier des Rudels natürlich „Lucy“ heißen), trüben das Leseerlebnis der an sich gewitzten Novelle ein wenig. Der dialoglastige Aufbau des Textes, wo einem mitunter ganz diesig im Hirnkastl wird vor lauter Andeutungen, gibt dagegen jenen Nebel an Gedanken und Ahnungen, an dem unsere Vorfahren vielleicht gelitten haben mögen, ziemlich treffend wieder.