Rezensionen der Ausgabe 19 - im ernst?
eigenvögel
Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen.
Walter Kreuz: Karlas Lauf gegen die Raumzeit. Extrakt
Lindenbaum und Weidenbaum. Eine Wiener Straßenbahnlinie. Eine 20-Jährige namens Karla Zelenku, die aus der neurologischen Abteilung einer Krankenanstalt flieht. Parallelwirklichkeiten. Ereigniskoordinaten. Textcollagen. Karlas Lauf gegen die Raumzeit lässt Raum für Assoziationen. Geschrieben in einer „sprudelnden” Sprache „äthert” diese Erzählung, die sich dem Erzählen auf spielerische Art verweigert, nur so „hierher”. D... lesen
spaltungskarambolage
oder: Möchte hier vielleicht mal jemand Ronald Reagan ficken?
James G. Ballard (Ü: Carl Weissner): Liebe & Napalm. The Atrocity Exhibition. Roman.
Fragen wie diese werden erst gar nicht gestellt innerhalb von Ballards wildem Ausritt in jene Areale, welche eine zerfallene Persönlichkeit als letzten Versuch des Festkrallens am Individuum ihr Eigen nennt. Aus den Splittern und Fragmenten eines gerade verlustig gehenden Subjektes bastelt der am 19. April 2009 verstorbene Autor eine kunstvolle Montage in Form literarischer Miniaturen, aufgeladen durch Meilensteine der US-amerikanischen Gesc... lesen
humpty dumpty has left the building
Verhalten bei und nach Sprachlawinenabgang
Markus Köhle: Bruchharsch. Prosa
Wenn Markus Köhles Wortlawine abgeht, sollte man versuchen, Haltung zu bewahren, die Ski gerade zu belassen und so lange wie möglich mit der Lawine mitzugleiten. Denn nicht nur literarische Spitzensportler wissen: Man wird es kaum schaffen, einer Wortlawine durch Abfahrtsflucht zu entkommen. Durch ein derartiges Verhalten kann man sich unter Umständen nur noch mehr in Gefahr bringen – man wird weiter in den Text gezogen. Hat man die geme... lesen
dada-glam-punk
Wieder ein Buch, in dem die Band Xiu Xiu erwähnt wird.
fritz widhalm: die nacht schluckte die dämmerung
Kann man Fritz Widhalm als bekannt voraussetzen? Man könnte auch noch einmal schnell wiederholen: Jemand zwischen Fan und Teil von klassischen Avantgarden, hervorragender Popmusik (Marc Bolan) und sozusagen Independent Kleinverlags-Netzwerken. Also „klassisch” war jetzt gemein. Von denen ist er wohl auch mehr Fan als Teil. Und außer Autor ist er übrigens noch Maler, Filmemacher, Musiker und gemeinsam mit Ilse Kilic Teil von... lesen
hubertushirsch und pornobräute
Ja und ja und nochmals ja: Lobhudelei über ein Meisterwerk
Ulrich Schlotmann: Die Freuden der Jagd
Um jegliche Spannung aus dieser Rezension zu nehmen bzw. jene erst gar nicht aufkommen zu lassen, sogleich das folgende Zusammenfassungsende vorweg: Ja, das hier zu besprechende Buch ist ein Meisterwerk, wie ein solches seit (mindestens und noch etwas mehr) Jahrzehnten nicht mehr verfasst wurde. Ja, das hier zu besprechende Buch zeigt, was Literatur im 21. Jahrhundert zu leisten vermag – oder besser: zu leisten vermögen sollte. Ja, an dies... lesen
räume und menschen
Über die Verwandlung von Paris, Berlin und New York
Wolfgang Hermann: Paris Berlin New York. Verwandlungen.
Manchmal lebt man in einer Stadt, doch in Gedanken ist man an einem anderen Ort. Betritt man etwa Prag, kann es sein, dass man am Wenzelsplatz an Freiburg denkt oder am Namesti Bratri Sincu an den Leipzigerplatz in Innsbruck. Über diese Art der Verwandlung von Paris, Berlin und New York hat Wolfgang Hermann ein Buch geschrieben, Paris Berlin New York. Verwandlungen. Erstmals 1992 im Berliner Gatza Verlag erschienen, wird hier eine sehr subje... lesen
130 seiten sonnenschein
Von der Schwierigkeit, eine einfache Geschichte zu schreiben
Andreas Unterweger: Wie im Siebenten. Roman
„I always liked simple rock”, gesteht John Lennon im berühmten Rolling Stone-Interview, in dem er nach den Beatles ein wenig Schmutzwäsche wäscht. Nicht die Schmutzwäsche, aber John Lennon und das Einfache scheint auch Andreas, der Ich-Erzähler in Andreas Unterwegers Romandebüt Wie im Siebenten, zu mögen. In diesem Roman versucht Andreas etwas Schwieriges, nämlich ein ganz einfaches Buch zu schreiben. Fröhlich gestimmt erzählt e... lesen
elektrisierender textstrom
Robert Prosser schließt die Sprache kurz
Robert Prosser: Strom. Ausufernde Prosa.
In Robert Prossers Erstling Strom ist Sprache nicht nur, wie ein Vorbild zitiert wird, ein Virus aus dem All, sondern verflüssigt. Hier wird nicht einfach linear erzählt, sondern ein kurzgeschlossener Textstrom erzeugt: Die letzten Worte des Gesamttextes setzen die ersten voraus und vice versa. Dieses Gestaltungsprinzip der verdichtenden Verknüpfung über erwartete Grenzen hinweg zieht sich durch die ganze Struktur des Buchs, die Kapitel... lesen
der grabräuber
und die Suche nach der Unsterblichkeit
Georg Petz: Die unstillbare Wut
... und da ist die Fossa, mit aufgerissenem Maul und einer unstillbaren Wut in ihren Augen, die mir durch die geöffnete Tür des anderen Zuges hinterher sieht, bereits auf Schiene gebracht, bereits auf die lange Reise geschickt, vorbei am Ende aller Wege in den Hügeln von Latium und weiter, noch darüber hinaus … ins Ungangbare … am Ende aller Lebenswege, nach Neapel … Der junge Indiana Jones studiert und schreibt in New York... lesen
69er-stellungnahmen
Die Flower, die Power und der Hendrix Jimi
Wolfgang Pollanz (Hg.): 1969
Eine Anthologie kann einem nie zur Gänze gefallen. Täte sie das, so wäre sie wohl zu einseitig geraten. Aber wenn man sich nicht nur die kurzen Texte beziehungsweise die mit ansprechendem Titel oder die Texte jener AutorInnen rauspickt, die man ohnehin schon kennt, sondern ausnahmslos alle liest, dann spricht das durchaus für die Qualität der Anthologie. Themenverfehlung 1969 als Thema also. Einer der Autoren (Ernst M. Binder) zitie... lesen
Rezensionen der Ausgabe 18 - genug
google hilft hier auch nicht weiter
Ein Lehrer und ein Sohn auf der Suche nach ihrem Ursprung
Stefan Schmitzer: wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit? Das fragen sich die Protagonisten in Stefan Schmitzers Romandebüt wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht nicht nur einmal. Nun, unwahrscheinlich ist es nicht, was ihnen da widerfährt, aber zumindest recht außergewöhnlich. Doch von Anfang an: Da bittet zunächst ein Mädchen zwei Männer – einen Künstler und einen Schafhirten – ihr die Flucht vor einem Verfolger zu ermöglichen. A... lesen
look good on the dancefloor
Das literarische Debüt von Christof Huemer tanzt in großen Fußstapfen
Christof Huemer: Zweifellos. Roman
Die junge Grazer Edition Keiper hat Huemers Erstling Zweifellos einen Einband verpasst, der entfernt an eine Medikamentenschachtel erinnert. Auf der Rückseite angeführt: Inhaltsstoffe und ein Warnhinweis. Der Warnhinweis fasst den Ausgangspunkt der Romanhandlung zusammen: DJ Andreas Mar war ein Held an den Plattentellern, er hat ein Album produziert, das ihm internationales Renommee beschert hat. Nun ist Mar (natürlich) „in einer tiefen... lesen
schweigen wär’ schön, aber
Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten
Andrea Winkler: Arme Närrchen
Weiß der Himmel, wir haben ganz auf die Lage des Wortes vergessen. Das schüchterne Wort im Zeugenstand, als wüssten wir nicht ohnedies, dass es sich verschwiegen geben wird. Andrea Winkler weiß um diese Verschwiegenheit und verfolgt doch die Spuren der taumelnden und aufsässigen Worte. Ein intimer Aufstand der Worte vollzieht sich in Andrea Winklers Prosadebüt Arme Närrchen. Das Wort gibt sich dem Leib hin, im Delirium rückt es dem K... lesen
Nach Selbstgesprächen
Über die Hoffnung, dass die Worte etwas bedeuten, Forts.
Andrea Winkler: Hanna und ich
Nach den Selbstgesprächen des Debüts Arme Närrchen folgt Hanna und ich. Obgleich der Titel Erwartungen weckt, die dem Erfahrungsaustausch das Wort reden, gerät Andrea Winkler wieder in monologisches Stocken. Die Identitätsfrage übersteigt unsere Propositionen. Wer ist Hanna, wer ist ich, wo scheiden sich hier die Geister? Nicht von ungefähr schrieb die Autorin ihre Dissertation über Friederike Mayröckers Poetologie, die im Grunde die... lesen
über zementsäcke staunen
Die vielen Einheitsgesichter des Günter Eichberger
Günter Eichberger: ALIAS
Robert Zimmermann lebt in Graz. Er nennt sich Günter Eichberger und gibt vor, Schriftsteller und Flaneur zu sein, der sich einiges auf seinen ausufernden Persönlichkeitsverlust zugute hält. Ein Exzentriker des Ich sozusagen. Als Schriftsteller tritt er dann auf, wenn er nicht gerade als Bob Dylan endlos durch die Konzertsäle der Welt tourt, seine poetischen Songs aus der Prärie der Seele im Gepäck. Eichberger alias Zimmermann alias Dyla... lesen
undine im prekariat
Wenn sich das Karma vergnügt auf die Astralschenkel klopft
Mieze Medusa: Freischnorcheln. Roman
Die Heldin von Mieze Medusas Debütroman Freischnorcheln heißt Nora Klein und ist Grafikerin, selbstständige. Die Kunden laufen ihr nicht nach, also ist sie auf Jobsuche. Bankomaten ignorieren ihre Karte nicht einmal mehr, sondern fangen schon zu lachen an, wenn sie nur an ihnen vorbeigeht. Neben der Hoffnung, dass sich schon etwas ergeben wird, hat sie noch ihren uralten Palm III, in dem Termine von Kongressen und Präsentationen mit Grati... lesen
befremdetes leben
Beobachtete Paarungen bar von Barcodes und Arschgeweihen
Roland Steiner: Unter Haltungen – Stehend
Manche Rezensionen lesen sich, als wäre der Rezensent um den Text herumgeschlichen wie eine Katze um den heißen Brei. Sie werden mit persönlichen Daten des Autors eingeleitet, Preise, bisherige Veröffentlichungen: Alles, nur um nicht vom Text schreiben zu müssen. Texte von Roland Steiner lassen sich nicht einfach mal so schnell rezensieren, sie bieten sich dafür an, um sie herumzuschleichen. „Prosa“ untertitelt sich sein erstes Buch... lesen
von hinten geläutert
Die Erläuterung einer Läuterung
Wolfgang Ellmauer: Rektale Katharsis. Eine Erläuterung
„Eine Erläuterung“, das ist der Untertitel von Wolfgang Ellmauers Prosadebüt Rektale Katharsis, und das „Er“ in „Erläuterung“ ist im Fettdruck hervorgehoben. Er, das ist Lukas Metzauer, Anfang Dreißig, Lehrer für Englisch und Musikerziehung in einer österreichischen Kleinstadt, Jogger, Hobbymusiker, und, zu Beginn des Romans, in einer tiefen Lebens-/Liebeskrise befangen. Seine Läuterung geht in drei Phasen vor sich, denen d... lesen
schritt über den atlantik
Übersetzt und unkommentiert: die n+1-Anthologie
Kevin Vennemann (Ü): Ein Schritt weiter. Die n+1-Anthologie
Die amerikanische Intelligenzija läuft zusammen – wenn man diesem neuen, blauen Taschenbuch von Suhrkamp glauben darf. Was hier passiert, sei für Autoren wie Jonathan Franzen, dessen Blurb sich in bester amerikanischer Manier am Buchrücken findet, eine Erleichterung. Vier amerikanische Jungautoren, alle mit ordentlichem Abschluss (meist Yale und Harvard), haben sich zusammengetan, um dem niveaulosen Kulturbetrieb der USA etwas entgegenzu... lesen
comandante blue base pusher I
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
D. Holland-Moritz: Fan Base Pusher. . Notizen aus der Peripherie 2002-2005
Ich machs mir leicht und gebe es gleich zu, dann ist das erledigt: Ja, parteiisch bin ich. Es handelt sich bei den zu rezensierenden Büchern, beim Kern des Ritter-Verlagsprogramms für Herbst ‘08, sämtlich um Bücher „der perspektive-Kollegen“ (Zitat Werner schreibkraft Schandor, desselben, der auch den schlechten Einfluss des nämlichen Dunstkreises auf den Stil meiner Rezensionen beklagt hat). Nichtsdestoweniger: Bear with me, reade... lesen
comandante blue base pusher II
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
Ralf B. Korte: D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante
D’Annunzio. D’Annunzio. Semisphären zum Commandante von Ralf B. Korte ist eine Annäherung an die Figur des Poeten, Flugpioniers und protofaschistischen Freischärlerführers Gabriele D’Annunzio. Es ist außerdem eine reichlich traurige Liebesgeschichte, ein Versuch in europäischer Kriegsgeschichte und schließlich ein Wühlen in den Wurzeln der Faschismen Italiens und Deutschlands. Wir beobachten das Textsubjekt, ein „Du“ ohne N... lesen
comandante blue base pusher III
Über das aktuelle Programm des Ritter-Verlages
Sophie Reyer: Baby Blue Eyes
Über Sophie Reyers Baby Blue Eyes schließlich wurde bereits viel gesagt. Über ihre Jugend wurde geredet, Vergleiche gezogen, die blöde Frage nach dem Autobiografischen gestellt. Ad Fontes: Es macht die Atmosphäre von Baby Blue Eyes aus, dass die Subjekte (Plural) vollständig in ihren Körpern verortet sind, nirgends sonst, und dass ihre Sprache uns zwingt, diese Verortung mitzuvollziehen; dass dieser Subjektstatus dabei brüchig ist und... lesen
umgehung der fettnäpfchen
Hermetische Lyrik abseits billiger Epigrammatik
Klaus F. Schneider: Umgehung der Anhaltspunkte. Gedichte
Dass das noch geht, ist hier das Thema. Umgehung der Anhaltspunkte: Dass so ein Titel Programm sein kann, in einem deutschsprachigen Gedichtband, im Jahr 2008 (bzw. 2009, inzwischen). Genauer: Dass das Buch, auf das solches sich bezieht, nicht voll ist von jenem sentimentalen Landschaft-, Sehnsuchts- und Ichschwäche-Quatsch, den wir zu erwarten gelernt haben, wenn ein Buch Bezüge zur „hermetischen Tradition“ im Titel führt. Weil wir si... lesen
schön
Cornelia Travnicek schlägt unsere Gefühlstasten an, bis die Bordunsaiten schwingen
Cornelia Travnicek: Aurora Borealis
„Schön“ würde ich verwenden für Cornelia Travniceks Buch Aurora Borealis, wenn dieses Adjektiv nicht bereits zu oft ge-, miss-, verbraucht worden wäre. „Schön“ ist zutreffend, aber erklärungsbedürftig. Es passt bereits zum Äußeren des handlichen, lila Büchleins. Schön wie alle Bücher der Bibliothek der Provinz, die in Bibliophilen das Bedürfnis nach weißen Baumwollhandschuhen wachrufen, um bloß keine Verunreinigungen au... lesen
lob dem quickie!
Klaus Ebner kommt in „Auf der Kippe“ schnell zum Punkt. Kurzprosa eben
Klaus Ebner: Auf der Kippe. Kurzprosa
Ein wesentliches Merkmal von Kurzprosa ist, dass sie kurz ist. Trotzdem werden jene charmanten, kaltschnäuzigen, verdichteten oder auch nur skizzenhaften Texte, die sich entschieden nicht um Ausführlichkeit bemühen, allzu gerne als halbe Portionen angesehen. Aber ehrlich: Was kümmert es den Leser – und damit auch den Rezensenten –, ob der unausführliche Autor nur einen kurzen Atem hat? Oder ihn aufspart für den großen ganzen Roman... lesen
grenzen überschreiben
Völkerverbindendes aus dem Weinviertel
Haimo L. Handl (Hrsg.): Grenzschreiben/Psaní na hranici/Hraničné písanie
Mit der mehrsprachigen Anthologie Grenzschreiben tritt der Weinviertler Driesch-Verlag zum ersten Mal und gleich mit einem ebenso grenzüberschreitenden wie völkerverbindenden Projekt an die Öffentlichkeit. Das Buch vereint Prosa- und Lyriktexte von je zwei Autoren aus Österreich, der Slowakei und Tschechien. Alle Texte sind auf Deutsch und Tschechisch abgedruckt. Die aus Wiener Neustadt stammende Katharina Tiwald eröffnet den Reigen mit... lesen
Rezensionen der Ausgabe 17 - alles bestens
über maltes und dörtes
Volker Strübings Schnellsprechprosa in Wort und Ton
Volker Strübing: Ein Ziegelstein für Dörte
Nein, die Frage, was denn nun eigentlich „Marilpen“ sind, beantwortet Volker Strübing auch in seinem zweiten Buch #Ein Ziegelstein für Dörte# nicht. Das wird unzählige LeserInnen des irrwitzigen Debütromans #Das Paradies am Rande der Stadt# zutiefst enttäuschen, ist die Suche nach Wesen, Herkunft und Beschaffenheit der geradezu leitmotivisch in den Erstling eingewobenen Marilpen doch eine der letzten wahrlich maßgeblichen... lesen
der dichter als drop-out
Wie alles mit allem zusammenhängt und sich dennoch mitunter nichts fügt, davon weiß Cay Marchal zu erzählen
Cay Marchal: Der Romantiker des Nichts. Das letzte Jahr im Leben des taoistischen Mystikers und Privatgelehrten Wang Bi
An Cay Marchals Buch „Der Romantiker des Nichts“, erschienen bei Wiesenburg, ist manches bemerkenswert. Nicht zuletzt die Biographie seines Autors, der, 1974 geboren, „einige Zeit in Paris und Osaka gelebt“ hat, momentan an einer chinesischen Privatuniversität lehrt und Artikel für das deutsche Feuilleton ebenso verfasst wie chinesischsprachige (und in China publizierte) Lyrik. Dass es sich bei seinem Romandebüt nun um ei... lesen
bia & marülln
Steirische Gedichte und Stanzln vom Zuzi, vom Schatzi, da Soachkrout und vom Rotz
Frith Herms: Bia & Marülln
"Bia und Marülln" ist steirische Mundart-Lektüre, nichts für Zartbesaitete und, wie die Steirer selbst, oft ein bisschen derb in der Wortwahl. In eine Bierflasche urinierend, Engel fickend und durch die Gurgel scheißend beglückt der 1941 in Graz geborene Autor, Grafik-Designer und „Allzweck-Künstler“ herms Fritz mit seiner vierten lyrischen Publikation diejenigen, die ihn schon kennen und diejenigen, die ihn hiermit kennen... lesen
blut ist dicker als…was eigentlich?
Frank Jöricke schwelgt in Erinnerungen an die Mondlandung, Reihenhäuser im Hunsrück, seine Familie und andere Skurrilitäten
Frank Jöricke: Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage
Mit neun Jahren wusste Frank Jöricke, wie die Welt funktioniert. Die Erwachsenen konnten ihm nichts vormachen, er hatte jegliche ihrer Lebenslügen durchschaut und diagnostizierte unbestechlich kollektive Missstände im Berufsalltag, in Beziehungen und im Leben ganz allgemein. Ein Vierteljahrhundert später sieht die Sache schon anders aus. Den Weg vom altklugen Kind zum desillusionierten Befehlsempfänger in der Werbebranche... lesen
von puppenmechanismen und prinzenrollen
Lisa Spalt eignet sich Märchen an und entlarvt die dahinter stehende Wunschmaschine
Lisa Spalt: Grimms
Die Prosa von Lisa Spalt ist Wortschach auf höchstem Niveau. Dazu gehört auch, dass dem König die Krone vom Haupt genommen, die Dame vom Sockel geholt und auf die Türme so manches Graffito gesprüht wird. Exemplarisch vorgeführt wird dieser poetische Ansatz in ihrem neuen Prosaband #Grimms#, der sich des Genres Volksmärchen annimmt. Das kritisch-analytische Märchenrecycling beschränkt sich dabei nicht darauf, so manche Grim... lesen
zaubertraumlanderinnerungsgeschichte
Martin Kolozs’ Erzählung „Die Geschichte geht so“ ist so wahr, wie jedes andere Märchen auch
Martin Kolozs: Die Geschichte geht so
Wenn einer glaubt, das, was er selbst erlebt hat, vergessen zu können, liegt er falsch. Denn er ist Teil seiner Geschichte. Das wäre fast so, als würde er ein Buch in der Mitte zu lesen beginnen und glauben, er könne den Schluss trotzdem verstehen. Er müsste sich schon selbst vergessen, um nicht mehr Teil seiner Geschichte zu sein. Wichtig ist einzig und allein, dass sie fertig wird. Welchen Sinn hätte es für sie sonst gehab... lesen
die hybris der metropole
Anšlavs Eglītis porträtiert die Rigaer Kunstbohéme der 30er-Jahre
Anšlavs Eglītis: Homo Novus – Ein Künstlerroman aus dem Riga der dreißiger Jahre
„Homo Novus“ bedeutet so viel wie Emporkömmling oder Neuling. In der Antike wurde hiermit ein Mann bezeichnet, der als Erster aus seiner Familie Konsul wurde, der es also wagte in die elitäre Phalanx der Senatorenfamilien einzubrechen. Bekannte Beispiele für „Novi Homines“ sind Cato, Cicero und Tacitus. Unserer heißt Juris Upenājs und ist ein ziemliches Provinzei. Als Maler aus der lettgallischen Provinz, dem... lesen
ein arsch kann ein anfang sein
Das Kroatien des Roman Simic ist ergreifend, komisch, unterhaltsam und auch sehr traurig
Roman Simić: In was wir uns verlieben
„Eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen, kroatischen Literatur.“ Mit diesen Worten adelt der Verlag Voland & Quist seinen eigenen Autor. Wenn wir dann blätternd auf die Suche nach Indizien für diese Behauptung gehen, so stoßen wir zunächst auf die Widmung – und die eröffnet eine erste Spur, nämlich die literarische Vorhabung des jungen Kroaten: „Meiner verstreuten Familie“ lesen wir da. Es ist also a... lesen
gegenstand und widerstand
Elisabeth Wandeler-Deck übersetzt Nervenimpulse in Gedichte
Elisabeth Wandeler-Deck: Turbulenzen an der Luftschnittstelle. Mit 8 Zeichnungen von Yves Netzhammer.
Was ist eine Luftschnittstelle? Geht es um drahtlose Datenströme, um aeronautische Kreuzungspunkte? Und welcher Art sind hier die Turbulenzen: Sind es Verwirbelungen im Informationsfluss oder droht, im Falle mangelnder Instruktionen vom Tower, der absturzträchtige Crash? Zu logisch gefragt, muss ich mir sagen lassen von Elisabeth Wandeler-Decks neuen Gedichten, die alles eher tun als solche Logik zu bedienen. „Was nicht in Or... lesen
war himmel, war boden, wir beide darauf
Beglückend gute Bücher der Lyrikpreisträger Ron Winkler und Ulrike Almut Sandig
Ron Winkler/Ulrike Almut Sandig: Fragmentierte Gewässer (Gedichte)/Streumen (Gedichte)
Das Gute an Rändern ist, dass man über sie hinausschauen kann, über den eigenen Tellerrand wie über den Alpenrand. In Sachen Lyrik lohnt sich derzeit besonders der Blick nach Deutschland. Schon der poetologische Diskurs wird dort reger geführt als in Österreich. Und die Qualität des Nachdenkens über Gedichte hat ihre Entsprechung in den Gedichten selbst. Kein Wunder also, dass auch die großen Lyrikwettbewerbe unseres Sprac... lesen
Rezensionen der Ausgabe 16 - für immer
ein stiermensch in der referenzhölle
Ein Kreuzworträtselroman zitiert die Literatur zu Tode
Thomas Ballhausen: Die Unversöhnten
Ein monströser Minotaurus irrt fragmentarisch-manieristisch in vier Kapiteln und 189 durchnummerierten Absätzen durchs Labyrinth einer apokalyptischen, urban-dystopischen Comicszenerie. Er geht viel in die Leihbibliothek, mordet ein bisschen oder hat Geschlechtsverkehr und verliebt sich. Das Ganze noch mit Paratexten zugeklatscht, dass Genette mit den Ohren geschnackelt hätte, ein Bezügchen hier, ein Verweischen dort, Hoch- meets Populär... lesen
im kokon und danach
Über das Heranreifen vom Kind zur Frau
Selma Mahlknecht: Im Kokon
Der Kokon ist in der Erzählung Im Kokon eine Metapher für das Heranreifen. „Es war wie bei einem Schmetterling”, schreibt Selma Mahlknecht einmal. „Zuerst die widerliche Raupe, die nur den ganzen Tag frisst … Dann der Kokon … Und erst am Ende, nach langer geheimer Vorbereitung der Schmetterling …” Diese Metapher betrifft vor allem die namenlose Ich-Erzählerin. Ihre Entwicklung vom Kind zur Frau ist die Handlung des Buches. Da... lesen
jede geschichte ein vogel
Vielleicht hat man Glück, und es landet einer kurz auf der eigenen Hand
Kathrin Resetarits: Vögel sind zu Besuch
Es gibt keine Überschriften. Die ersten Worte jeder Erzählung sind fett gedruckt und das war’s. Alles ist hier reduziert. Würde man nach einer neuen Definition von Lakonie suchen, dieser Erzählband von Kathrin Resetarits wäre sie. Das literarische Debüt der Schauspielerin kommt nicht auf leisen Pfoten daher. Pfoten gibt es hier überhaupt keine. Flügel, nicht Standbeine, spielen in dieser Erzählsammlung die Hauptrolle. Leichter als... lesen
löffel der geschichte
Wie Sternstunden verfliegen, aber Kindheitstraumata ein Leben lang bleiben
Wolfgang Pollanz: Das Seufzen meiner Mutter & Kurze Geschichte der Welt in 25 Gängen
Rezension, Rezension, Rezension. Schwierig, schwierig, schwierig. Weil man schon vor dem Lesen weiß, dass man danach darüber schreiben soll. Nur was man schreiben soll, weiß man häufig nicht. Daher begleitet einen schon während des Lesens eine Grübelei. Denn ohne Rezensionsauftrag würde man, während die Augen die Buchzeilen abwandern, absinken, der geschriebenen Geschichte oder den eigenen Gedanken folgen. Würde dort und da schmunzel... lesen
ohne netz und doppelten boden
Zwischen Herz- und Taubenschlag die Suche nach einem reinen Gewissen
Patricia Brooks: Garten der Geschwister
„Sex war ein Spiel um Macht”, ein Mittel, sein Gegenüber an sich zu binden oder zu demütigen, und in Patricia Brooks neuem Roman ist es Ursache und Wirkung innerhalb eines durchdachten Gewebes aus Hass, Schuld und Liebe, welches sich mithilfe vierer Protagonisten zu beinah undurchdringlichem Dickicht auswächst. Anfangs jedoch scheint es sich bei Garten der Geschwister um einen nach Schema F gestrickten Thriller zu handeln: Ein Pärchen... lesen
am falschen gleis
Amanshauser & Wenzel: Auf der falschen Seite von Ikebukuro. CD
Wer in der Tokioter U-Bahn-Station Ikebukuro den falschen Ausstieg nimmt, der ist plötzlich weit, weit draußen. Der fällt in den Schmerz. Um dieses Gefühl nachzuvollziehen muss man nicht aus Tokio kommen, im Gegenteil, vielleicht wird das Gefühl noch stärker, wenn man als Österreicher falsch aussteigt: Auf der falschen Seite von Ikebukuro ist das Ergebnis einer zweijährigen Zusammenarbeit zwischen dem Reise-Kolumnisten und Autor Marti... lesen
was bleibt
Kerstin Kempkers Roman "Die Betrogenen" setzt auf die Schönheit
Kerstin Kempker: Die Betrogenen
Der Kärntner Kitab-Verlag hat sich nicht die Mühe gemacht auszuweisen, von wem die Umschlaggestaltung zu Kerstin Kempkers Roman Die Betrogenen stammt. Das ist insofern verständlich, als der grün-blaue Band mit dem namenlosen Gemälde am Cover sagen wir: nicht wirklich von hohen ästhetischen Ansprüchen zeugt. Schade. Denn in Kempkers Roman kommt der Schönheit eine große Rolle zu. Kempkers heimliche Hauptfigur Maria setzt auf die Sch... lesen
ein epos für österreich
Damit Österreich für immer bleibt, braucht es ein literarisches Fundament. Christian Zillner schreibt daran.
Christian Zillner: Spiegelfeld, Band 1 bis 4
Gerne stelle ich mir Folgendes vor: Eine Zeit ohne Landschaftszersiedelung und Flussbegradigung, ohne Autos, ohne Straßen, nicht mal Kutschen gibt es; keinen elektrischen Strom, keine Telekommunikation, das Land ist von Wald bedeckt. Da und dort steht eine Siedlung mit Häusern und Höfen aus Holz. Das Land, in dem wir uns befinden, ist wild, schön und – was noch wichtiger ist – fruchtbar zwischen den Donauauen im Norden und den hohen B... lesen
Rezensionen der Ausgabe 15 - noch fragen?
von instinkten, zombies, schönheit
Ein Gespräch mit Thomas Raab
Thomas Raab: Nachbrenner. Zur Evolution und Funktion des Spektakels
Thomas Raab, unter anderem Autor des Romans Verhalten (Tropen Verlag 2002) und Kognitionstheoretiker, hat 2006 das Buch Nachbrenner herausgebracht. Es handelt sich um eine Studie, die von einer empirischen Rezeptionsästhetik ausgeht, welche auf dem Gedanken fußt, ästhetisches Erleben sei eine Weiterentwicklung von Instinktreaktionen auf Umweltreize unter den Bedingungen des „Spiels“, des „Lernens“. Auf solcher Grundlage unternimmt... lesen
botschaften aus dem schneckenhaus
Ratloses Funkeln in Blei
Amber Rusalka Reh: schnecken / laub / turbinen. Mit Illustrationen von Aurelia Annus.
Bei der Leipziger edition carpe plumbum erscheinen Bücher wie Einblattdrucke nur in kleinster Auflage. Langsamkeit, Beschränkung und Handarbeit bilden die Grundlage der Arbeit. „Typografie zum Anfassen“ und keine moderne Computertechnik, die immer nur vereinfacht, alles bequemer macht, vom eigentlichen Produkt aber immer stärker distanziert. Die Auseinandersetzung mit neuen Texten steht im Vordergrund bei diesem Leipziger Verlag – ge... lesen
ich regen, du blase
Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosawerk zeigt, wie man davon formschön profitiert
Michael Stauffer: Normal. Vereinigung für Normales Glück.
Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs Normal. Vereinigung für normales Glück des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos, und wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich Gedanken zu machen und die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. So findet Marcel heraus, dass ein Anlagefond in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und folgert: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sind bereit, für... lesen
ein rumpl für alle fälle
Manfred Rumpl hat sich einiges vorgenommen. Er hat nicht nur einen Faust-Roman geschrieben, sondern ein Buch über und gegen unsere Zeit.
Manfred Rumpl: Fausts Fall. Roman.
Faust ist von sich angekotzt. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, fortwährend nur ich zu sagen.“ Dieser erste Satz von Fausts Fall macht das klar. So muss der Ich-Erzähler, Faust, seine Erzählung immer wieder unterbrechen. Über ihn wird berichtet. Von seinem Leben. Das nur dazu dient, sich selbst zu verbergen. Faust trinkt wie ein Loch und kifft wie ein Schlot. Betäubt sich. Denn er will gegen die Meinung anleben, was einen guten... lesen
eine million mal klo & händewaschen
Themen und Rhemen, Aus- und Abschwiffe in Steffen Popps Roman genanntem Langgedicht. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.
Steffen Popp: Ohrenberg oder der Weg dorthin. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Andreas Töpfer.
Man muss Steffen Popp einem halbwegs interessierten Publikum nicht mehr lang vorstellen: 1978 geboren, nach Berlin gezogen, Lyrikband Wie Alpen veröffentlicht, von Kritik geherzt, Roman draufgesetzt, Longlist zum deutschen Buchpreis und jetzt, 2007, Rauriser Literaturpreis. Ohrenberg oder der Weg dorthin, sein Prosadebüt, kommt im entsprechend zeitgeistigen Bücher-von-heute-Design daher, das so ausschaut, dass man denkt, die Verlagsseite i... lesen
we are the hollow men
Stefan Schmitzers ganzer Blick auf das eigene Hinwursteln
Stefan Schmitzer: moonlight on clichy. Gedichte.
Rezensionen mit einer Anspielung auf den Buchtitel einzuleiten birgt durchaus Gefahren. So kann es dem gestressten Rezensenten passieren, dass er Thomas Stangls Ihre Musik in die Nähe der Popliteratur rückt, weil er wohl offensichtlich weder die Popliteratur noch Stangls Roman wirklich verstanden hat, sondern sich irregeleitet vom Titel auf völlig falschen Pfaden befindet und diese geschätzte 125 Rezensionszeilen lang auch nicht mehr zu v... lesen
ein mann steht im wasser
Thomas Brunnsteiners schillernde Reisereportage aus dem hohen Norden und tiefen Osten
Thomas Brunnsteiner: Bis ins Eismeer. Zwölf Reportagen von den Einwohnern der Welt zwischen Polarkreis und Kaukasus
Ein Mann steht im Wasser, an seinen Waden spürt er Shrimps hochspringen, er blickt auf die See, doch wenn er sich umsieht, ist hinter ihm kein Strand, sondern tiefer Wald, die Bäume zum Teil schon abgestorben. – Mit diesem Bild beginnt Thomas Brunnsteiner die Reportage Das Meer, das atmet über das Kaspische Meer, die erstmals 2001 in der NZZ erschien und nun – gemeinsam mit elf anderen Reportagen Brunnsteiners – im Sammelband Bis ins... lesen
berliner heißkaltschnauze
Über das Verblühen in der deutschen Hauptstadt
Marion Pfaus: Memoiren einer Verblühenden. Roman.
Die „Memoiren einer Verblühenden“ beginnen wie nebenbei. Klar, wenn man nicht mehr so ganz taufrisch ist, reißt einen ein Kinobesuch (Mission Impossible 2) und anschließendes Biertrinken und Flippern nicht mehr so vom Hocker. Und wenn man gerade in Berlin verblüht, macht sich so ein bisschen ein blasiertes Etwas im Tonfall allemal gut. Deshalb stimmt es schon, wenn man sich auf Seite 2 relativ unverhofft im Bett eines bisher unbekannt... lesen
schneewittchensyndrom
Wenn ruhelose Seelen erzählen
Myriam Keil: Angst vor Äpfeln. Kurzprosa.
Allergien sind in. Man gewinnt den Eindruck, dass jeder, der mitreden will, eine haben sollte. Pollen, Laktose, Äpfel. Äpfel? Ja, durchaus. Das kann sogar richtig heftig werden, erzählt uns eine Protagonistin im ersten Buch der deutschen Autorin Myriam Keil. „Im Laufe der Zeit finde ich neun Uhr achtundvierzig als Grenze für die Apfelübelkeit heraus, die [...] ausschließlich rohe Äpfel betrifft.“ Bis zu dieser Uhrzeit verursacht ih... lesen
nihil fit sine causa
Ein Roman über die ermüdende Daueranwesenheit der Vergangenheit und ihre Folgen
Michael Krupp: Spätfolgen. Roman.
Michael Krupps Roman Spätfolgen handelt von der Kausalität der Dinge. Von Erinnerungen an eine Zeit, in der für den Mann mit dem Stock und für die gezwungen lächelnde Frau das Leben noch schön war. Die geliebte Villa mit der braun getäfelten Wohnzimmerdecke aus Eichenholz, der kleine Sohn Felix mit seinem zerfetzten Stoffteddy vor der Garage, Gäste und Feste im Partykeller, den das Ehepaar eigenhändig mit griechischen Fresken ausg... lesen
Rezensionen der Ausgabe 14 - patient spezial
das ende eines vorurteils
Geschichten vom Balkan handeln nicht zwingend von Autodiebstahl
Dragana Tomaševic, Birgit Pölzl und Robert Reithofer: Frauen schreiben. Positionen aus Südosteuropa.
„Ja, der Balkan […], das ist unbestritten ein männlicher Kontinent.“ – So lässt es die serbische Autorin Judita Šalgo ihre Protagonistin Bertha Pappenheim im Roman Reise nach Birobidschan ausdrücken. Was ist der Balkan? Ein Konglomerat aus unzähligen Völkern, Sprachen, Religionen? Ein Krisenherd? Ein Zukunftsmarkt für Investoren? Eine Region, wo immer noch die Patriarchen und Clan-Oberhäupter das Sagen haben? Wer im Klische... lesen
das performte wort, gedruckt
Die Anthologie „textstrom“ bietet Poetry Slam in Buchform
Diana Köhle und Mieze Medusa (Hg.): textstrom. Poetry Slam – Slam Poetry
maunche tog san schee und maunche tog san schiach, des is jo fost genauso wia mit de leit! Recht hat er. Und in ein Buch hat es Didi Sommer auch geschafft mit diesem tiefsinnigen Sager. Wie ein gutes Dutzend anderer Slammerinnen und Slammer ist er mit seinen Beiträgen in der 2006 erschienenen Anthologie textstrom vertreten. Sie vereint Kurzprosa, Rhythmisches und Lyrisches, Alltagsbeobachtungen und Science Fiction, Intellektuelles und T... lesen
im osten viel neues
Interview mit Bettina Balàka über den Kriegsheimkehrerkrimi „Eisflüstern“
Bettina Balàka: Eisflüstern. Roman
Eines der beeindruckendsten Bücher des Jahres 2006 hat Bettina Balàka geschrieben. Eisflüstern heißt es, und es ist aus mehreren Gründen erstaunlich: 1.) Balàka arbeitet ein Thema auf, das in der jüngeren österreichischen Literatur ziemlich einmalig ist, nämlich die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das große Kakanien von den Siegermächten zum kleinen „Deutsch-Österreich“ zusammengestutzt wurde und sowohl ideologisch als... lesen
hilflos beim frisör
Über Liebe, Sex und alles dazwischen
Katharina Faber: Mit einem Messer schneide ich die Zeit. Über Liebende
Beim Frisör ist man dem Musikgeschmack des Besitzers und den Lieblingsradiosendern der Nation hilflos ausgeliefert. Beim Frisör hat man außerdem Zeit, wirklich auf die Texte all dieser Radiolieder zu achten, nur um nachher zu wissen, warum man sonst gut daran tut, sie einfach zu überhören. „Come my lady, you are my butterfly, sugar baby“ oder auch „My hips don´t lie“, gibt es da zu hören. Wow. Umso krasser ist der Gegensatz, we... lesen
widersprüchliche reminiszenzen
Was Sie schon immer über Pubertät wissen wollten
Fritz Widhalm: pubertät mit mädchen
Fritz Widhalms Buch pubertät mit mädchen ist voll von widersprüchlichen Reminiszenzen an eine Zeit, als pubertierende Mädchen noch keinen Style, sondern fuchsrote Haare, „von der großmutter mehr schlecht als recht kurz geschnitten“, hatten und die ultramarinblaue Hose des Erzählers noch ein Statement war. Der Ort der Handlung ist ländlich, die Zeit durch Referenzen auf „marc bolan shirts“ und „t rex singles“ zumindest anged... lesen
fünf stationen mehr
Was sie schon immer über U-Bahnen wissen wollten
Lukas Cejpek: Dichte Zugfolge
Seit kurzem hat Wiens U1 fünf Stationen mehr, und seit kurzem hat der deutschsprachige Literaturbetrieb DAS U-Bahn-Buch schlechthin. Für ersteres ist u. a. der Wiener Maulwurf, eine 44 m lange Maschine mit gigantischem Bohrschild, für letzteres die edle Edition Korrespondenzen und der nicht nur radioaktive Schriftsteller, Theater- und Hörspielregisseur Lucas Cejpek zuständig. „Wer Zeit hat, sollte nicht U-Bahn-Fahren“, heißt es a... lesen
von der falschen freiheit
Antonia Barboric schreibt den inneren Monolog einer Generation
Antonia Barboric: Schnittpunkt Leben
Ein 23-jähriger Mann sitzt im Zug und macht sich Gedanken. Soll öfters vorkommen, gerade beim Zugfahren hat man ja die Zeit dazu. Alles in allem also nicht besonders spannend, scheint es. Antonia Barboric erzählt trotzdem, was sich im Kopf des jungen Fahrgasts abspielt. Und auch sie tut das auf recht unspektakuläre Weise: In Worten, wie man sie tatsächlich in Zügen und auf Bahnhöfen hört, gerade so, wie es eben klingt, wenn Menschen s... lesen
Rezensionen der Ausgabe 13 - mitte
ab in die nischen
Die Literaturvermittler sind in der Dauerkrise
Gunther Nickel (Hg.): Kaufen! statt Lesen! Literaturkritik in der Krise?
„Ich teile die Zuversicht im Hinblick auf das Internet nicht. Einrichtungen wie perlentaucher.de und literaturkritik.de sind zwar eine schöne Sache, aber was doch dominiert, sind Laienkritiken wie die ‚Top 500’ oder ‚Top 1000’-Rezensenten bei Amazon, deren Bewertungskriterien oft hanebüchen sind. Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkei... lesen
wenn dem wirt der saft ausgeht
Georg Petz’ Erzählungen zur Anatomie des Parasitären
Georg Petz:: Die Anatomie des Parasitären. Erzählungen
Ich sehe durch das Fenster nach draußen, das keine Aussicht hält als mein eigenes Spiegelbild vor dem Hintergrund einer undurchdringlichen Finsternis. Da ist noch immer die Glätte in meinem Gesicht, die ich so sehr mag. Der junge Autor Georg Petz hat seine neue, zweite Publikation Die Anatomie des Parasitären getauft. Ein hochtrabender, wenngleich viel versprechender Titel und ein nicht untreffendes Motto für... lesen
sonne ohne eigentümer
Ein Geburtstagsroman für Max Stirner
Sabine Scholz: Die Sonne hat keinen Eigentümer. Roman
Sabine Scholz, Mitarbeiterin des Max-Stirner-Archivs in Leipzig, hat mit Die Sonne hat keinen Eigentümer einen biographischen Roman über den Querdenker und Philosophen vorgelegt. Max Stirner, geboren als Sohn eines Flötenmachers in Bayreuth, wirkt auf mindestens drei einander überlagernden Feldern: einmal im Schutt halb vergessener Philosophiegeschichte als einer der Junghegelianer, die Hegels Staatsphilosophie – heute... lesen
nichts für ungut, herr müller
Ein Autor strapaziert den Mainstream und wird von ihm überwältigt
Norbert Müller: Feierabend. Roman
Der Residenz Verlag hat einen guten Fotografen für seine Autorenporträts. Lukas Beck setzt die Autoren in natürlicher Umgebung in Szene, die Lichtführung und Farbabstimmung ist harmonisch, das Spiel mit Vorder- und Hintergrund gekonnt umgesetzt. Der Autor Norbert Müller beispielsweise posiert neben einem Baustellenbild. Im Hintergrund verschwimmt die Fassade des Stephansdoms. Müller, 1963 in Aachen geboren, in Wien lebend, blickt skepti... lesen
literarische slideshow
Andrea Grill durchforstet ein Gehölz namens Stammbaum
Andrea Grill: Der gelbe Onkel. Ein Familienalbum.
Gerade mit beträchtlichem zeitlichem Abstand ist das Betrachten von Familienalben ein Vergnügen, basierend auf mehreren Qualitäten: da wären zum einen die modischen Zeitläufe, die retrospektiv ein gerechteres Urteil über Treffer und Verirrungen der Modebranche zulassen, da bieten sich Fachsimpeleien über die Kunst und die Mode des Posierens an (Warum wird heute beim Fotografieren gnadenlos Lächelpflicht ausge... lesen
siren songs
Sonja Harters erster Gedichtband
Sonja Harter: barfuß richtung festland. gedichte
Ihre Gedichte sind nicht plump, nicht dumm, nicht kitschig, nicht sentimental , nicht grob, nicht platt. Ihr Können ist keinesfalls in Frage zu stellen, aber um Sonja Harter und ihren „Ton“ wird in Graz ein Trommelfeuer gemacht, das befremdet. Zuletzt hat sie Günther Nenning als jüngste Autorin (sie ist erst 22, wird immer betont) und noch vor Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes in die Landvermessung gepackt. Sie se... lesen
am arsch (vorbei)
Helmuth Schönauer viechert wieder ab
Helmuth Schönauer: Afterschock. Schwere HTML-Gedichte
Helmuth Schönauers Geschichten vom Mitterweg (siehe www.schoenauer-literatur.com ) würden natürlich wunderbar in diese Ausgabe der schreibkraft passen. Auf eine diesbezügliche Anfrage an den Tiroler Autor kam als Antwort nur Schweigen – und ein vom Verlag Sisyphus zugestelltes Rezensionsexemplar von Schönauers jüngstem Gedichtband Afterschock. „Lyrisches Ich – entsteht bei der germanistischen Spaltung eines Schizoids... lesen
wirklich schad um das ejakulat
Spritziges über zwei Bücher der Edition Exil
Petra Lehmkuhl, Nikolaus Scheibner, Philip Scheiner: intakte mütter
Jetzt schreiben sie alle einen ziemlich flotten Stil, knallhart, anbetungswürdig banal, mit ein paar eingestreuten surrealistischen Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten in Lebensgröße und, ohne viel Worte jede Menge Übertreibungen. Wolf Wondratschek, Männer und Frauen Im Hinblick auf das zu rezensierende Buch bleibt dem wenig hinzuzufügen. Ich tue es trotzdem. Warum, siehe ganz unten. Intakte Mütter, so der ange... lesen
sätze. schreiben. dichter
gegensätze 9 - 11
Dieter Sperl, Paul Pechmann (Hg.): edition gegensätze 9-11
edition gegensätze betreibt Partnervermittlung. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und so werden gegensätzliche und weniger gegensätzliche Sätze nebeneinander gesetzt, gedruckt und ausgespuckt. Ästhetisch steht all das ganz bewusst im Gegensatz zum literarischen Mainstream. Suhe ... statt Hagebutten hätte ich rote Edelnutten aufs Brot geschmiert, nicht mancherorts Dornen, sondern Tatzen gefleckter Katzen, die meine Haut... lesen
schäfchenzählen
Kürzestbetrachtung zu Oswald Eggers ausufernder Lyrik
Oswald Egger: Herde der Rede. Poem.
Herde der Rede. Poem heißt das neue Buch von Oswald Egger in der edition suhrkamp (die eine Hälfte davon zumindest, die andere, Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf, ist in der Edition Hohweg erschienen), und der Titel entspringt dem Inhalt direkter als erwartet. Der Schäfer heißt Poemander. Den Schäferhund hat er sich bei Proust oder Joyce ausgeborgt und lässt ihn vornewegtraben: Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz... lesen
menschliches, allzumenschliches
Bernhard Setzwein zeigt, wie aus Meteorotropismus und Magenweh Philosophie entsteht
Bernhard Setzwein: Nicht kalt genug. Roman
„Mit der Frage der Ernährung ist nächstverwandt die Frage nach Ort und Klima. Es stehet Niemandem frei, überall zu leben - und wer große Aufgaben zu lösen hat, die seine ganze Kraft herausfordern, hat hier sogar eine sehr enge Wahl.“ Sieben Sommer über fährt der Professor also in den Engadin, wo er in Sils Maria ganz nah dem Dach der Erde sein hochstrebendes Denken großen Aufgaben entgegenträgt, denn „das Genie ist beding... lesen
weiteratmen! trotz allem
Bettina Balàka schnappt mal wieder Luft
Bettina Balàka: Der langangehaltene Atem. Roman
„The trick is to keep breathing“, empfehlen die Briten lakonisch, wenn jemand an einem Schicksalsschlag laboriert. Ein Tip, dem die Protagonistin in Bettina Balàkas neuem Roman, Der langangehaltene Atem, nur schwer nachkommen kann. „Ich rauche zuviel. Ich atme zuwenig.“ Atemlos versucht sie ihr Leben in den Griff zu kriegen. Nur langsam kommt man drauf, was ihr eigentlich den Atem nimmt. Vordergründig ist der Anlass, dass sie... lesen
ein kopfstand im luftleeren raum
Beiläufige Notizen zu Robert Riedls „Zum Abschied vom Vater“
Robert Riedl: Zum Abschied vom Vater. Die gefälschten Tagebücher des Robert Zivkovic
1. Robert Riedls Prosadebüt Zum Abschied vom Vater wird all jenen, welche Sprachfixiertheit als das wesentliche Merkmal der österreichischen Gegenwartsliteratur ansehen, einen neuen Beweis für die Richtigkeit ihrer Annahme liefern. Riedls Buch nämlich ist nichts als ein einziger 170 Seiten langer Wortrausch, in den sich der Autor mit allen Mitteln seiner Kunst versetzt, ist in vielen Passagen ein großes Metapherngefecht, aus wel... lesen
vom sprachsteirer
Steirer bellen, sagt der Restösterreicher. Dass das Steirische auch anderes zu bieten hat, ist auf der CD von Anna Nöst zu hören
Anna Nöst: mama, kimm he, mama.
Wer kennt es nicht, jenes Sprachspiel, dessen einziger Zweck darin besteht, ein Wort so lange zu wiederholen, bis es jeglichen Sinn im Kopf des Sprechers verloren hat und nur noch als reiner Klang übrigbleibt. Wassily Kandinsky brachte dies auf den Punkt, als er schrieb: „Das Wort ist innerer Klang.“ Anna Nösts innerer Klang scheint ein zutiefst steirischer zu sein, zumindest ist das Steirische, so wie es gerüchteweise heute noch... lesen
ein seltsames paar
Sibylle Schleicher: Das schneeverbrannte Dorf. Roman.
Seit Jahrzehnten ist „das Dorf“ einer der wichtigsten Schauplätze der österreichischen Literatur, in allen Facetten wurde dieses scheinbar so bemerkenswerte Sozialgefüge bislang vorgeführt: als Inbegriff des Ewiggestrigen, als Unort schlechthin, als dunkle Seite des Mondes, auf welchem „die Dörfler“ ja bekanntlich leben, kurz: Das Dorf wurde den Lesenden ganz schön vermiest. Ein Resultat dieser inflationären Dorfbesessenh... lesen
i will drive slowly
All that Jazz, aber bitte straff organisiert. Herbert J. Wimmers „auto stop. tempo texte.“
Herbert J. Wimmer: auto stop. tempo texte
Wenn der Augenblick so ruhig wird, dass man endlich die Stille findet, die man immer gerne hätte, dann kommt mitten in die Gegenwart des öfteren die Vergangenheit geplatzt und flätzt sich in ihr, manches Mal genüsslich und in einem natürlichen Hoch, mitunter in einer manierlichen Melancholie, ab und wann aber auch als Kolbenhub einer auszuwachsenden Depression. So geht's einem. Ab und wann auch anders. Auch der Text auto stop... lesen
realitätsdurchtränkt. eine schöne abwechslung
Eine Assoziation zu Lisa Spalts „leichte reisen von einem ende der erde“, inklusive einer Kindheitsreminiszenz
lisa spalt: leichte reisen von einem ende der erde
Zwei Rezensenten wohnen ach in meiner Brust. Sagt der eine: „Scheiße!, das tu ich mir nicht an“, dann sagt der andere: „Da muss was sein, was sich enthüllt bzw. enthüllen lässt.“ Die ansozialisierte Rezeptionsvorliebe: Geschichte Geschichte Geschichte kann auch nicht alles sein, andererseits: Wieso lese ich dann nicht gleich Abhandlungen philosophischer Machart? Gibt es einen ästhetischen Mehrwert hinter all den Konstruktio... lesen
der arme zettel, das kühle werk
Über Lucas Cejpeks Zettelwerkprojekt, das flüchtige Hinspritzen von Tintenkartuschen und die Sehnsüchte des heutigen Papiers
Lucas Cejpek (Hg.): Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form.
AutorInnen schreiben Bücher, weil sie nichts anderes können. Oder: AutorInnen schreiben Bücher, obwohl sie anderes können und sie dennoch nicht anders können. Keine Ahnung, ob das noch immer zu diskutieren wert ist, ich glaube aber nicht, und wenn, dann bitte ohne mich. Also dann zu etwas ganz anderem: Lucas Cejpek hat als Herausgeber jene Gespräche in einem Sammelband namens Zettelwerk. Gespräche zu einer möglichen Form vorgel... lesen
die kometen, auf denen ich gehe
Mit Uroš Zupan unterwegs zu den lichten (W)Orten slowenischer Lyrik
Uroš Zupan: Beim Verlassen des Hauses, in dem wir uns liebten. Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner.
Uroš Zupan, das ist neben Drago Jancar, Kajetan Kovic, Maja Vidmar und etlichen anderen ein weiterer Name, dessen Klang dem interessierten Lyrikleser unserer Breiten allmählich vertraut wird. Nahtlos schließt das neue Buch des 1963 geborenen Zupan, der als Autor und Übersetzer in Ljubljana lebt und arbeitet, an eine Reihe von Gedichtbänden und Beiträgen in namhaften Literaturzeitschriften an, die dem deutschsprachigen Leser neuerd... lesen
Rezensionen der Ausgabe 12 - verhalten
ein rosenblatt vor dem mund
Über Katrin Mackowskis Kriminalroman und was Wien dabei verloren hat
Katrin Mackowski: Die falsche Frau
Anfang 2005 wurde ein Begriff lanciert, der für ein paar Monate als Etikett für diverse Neuerscheinungen aus österreichischem Lande funktionieren sollte: „Wien-Roman“. Beiträge über so genannte Wien-Romane irrlichterten plötzlich durch die Medien. Clarissa Stadlers N. Eine kleine Utopie wurde da ebenso genannt wie Eva Menasses (unfreiwillig labelbildender) Erstling Vienna. Mit dabei in der Riege dieser Aufzählungen auch Katrin Mack... lesen
paarungsverhalten
Zehn sexy Texte: Die Edition Kürbis konzentriert sich mit „Sex Volume II“ auf das Wesentliche
Wolfgang Pollanz (Hg.): Sex. Volume II
Letzten Sommer hat uns Cosima Reif unverhofft zu einer Erkenntnis verholfen: Ihre Zufallskolumne, die jede Woche in der Freitags-Beilage des Standard, erscheint, ist eigentlich eine Sexkolumne. Und Cosima Reif eine Sexkolumnistin. Bislang ist dieser Umstand an Standard-Lesern nahezu spurlos vorübergegangen. Allein schon deshalb, weil ihre Zufallskolumne mit Sex meist wenig zu tun hat. Aber frei nach Umberto Eco erkennt man(n) Sexfilme ja auc... lesen
keine rechtfertigung 1
Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges
Markus Köhle: Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera
Um Spielernaturen geht es im Folgenden und um zwei Bände randständiger Lyrik: Erstens um Letternletscho. Ein Stabreim-Abecetera des Innsbrucker Slam-Poeten Markus Köhle und zweitens um die mechanismen und defekte von Peter Enzinger (mit Zeichnungen Georg Bernsteiners). Markus Köhles Buch ist eine Sensation und völlig belanglos zugleich. Auf knapp 80 Seiten breitet der Autor aus, was der Untertitel verheißt – Ein Stabreim-Abecetera... lesen
keine rechtfertigung 2
Über literarische Masturbationsvorlagen ersten und zweiten Ranges
Peter Enzinger: mechanismen und defekte
Ganz anders spielt Peter Enzinger. So wie ein Kind die Möglichkeiten der Sprache in Abzählreimen, Spottversen und Unsinnspoesie erprobt, befragt er das Repertoire lyrischer Stilmittel auf seine Verlässlichkeit und lässt uns sein Bauklötzchenspiel beobachten, ohne die entstehenden Texte extra ernst zu nehmen. Manche seiner Gedichte mögen „Sinn“ ergeben oder eine „inhaltliche“ Seite aufweisen, andere mögen die Forderung nach „S... lesen
die lange vorgeschichte der gegenwart
Nach 62 Jahren wurde das Opus magnum des Exilautors Stefan Pollatschek endlich erstveröffentlicht
Stefan Pollatschek: Doktor Ascher und seine Väter. Historischer Roman
Als der Wiener Autor Stefan Pollatschek 1942 im englischen Exil verstarb, hinterließ er ein Manuskript im Umfang von 1.096 Seiten, einen Roman mit dem Titel Doktor Ascher und seine Väter. Unmittelbar nach seiner Vertreibung durch die Nazis hatte er daran zu arbeiten begonnen und ihn wenige Tage vor seinem Tod abgeschlossen. Sechs Jahrzehnte lang ist dieses Manuskript unbeachtet in seinem Nachlass gelegen, bis zwei Wiener Exilforscher, Ulrik... lesen
... in siedendem schlaf
Heftig und deftig: Lukas Kollmers Prosa
Lukas Kollmer: "Schlächtervergessen" und "Nihil"
„Ich will nicht viele kleine Schlückchen machen, nur um länger leben zu können.“ Ein Satz aus Lukas Kollmers jüngstem Roman, Schlächtervergessen, ein paar Worte unter vielen, die vielleicht den Anspruch erheben können, etwas über die Literatur des jungen Wiener Autors auszusagen. Es ist eine kantige, heftige, hämmernde Prosa, der man sich unvermittelt ausgesetzt sieht, gleich der Wirkung eines satten Zugs aus einer Tequila-Flasche... lesen
durch die gegend schreiben
Erwin Einzinger dreht an der Samplingmaschine
Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltunsmusik
Einst glaubte man, dass man beim Menschen ganz einfach oben Wissen, Geschichten und Lehren reinstecken müsste, damit unten eine proper gestaltete Geschichte, eine Lebensgeschichte, rauskommt. Heute jagt man Geschichten und Teile davon durch den Sampler und glaubt, dass einem jeder das Ergebnis mit seinen zahlreichen Verzweigungen und Verweisen als organisches Gebilde voller Weltgehalt abnimmt. Auch Erwin Einzinger hat sich daran gemacht, ein... lesen
die göttinnen im bombenhagel
Petra Ganglbauers konstruierte Absichtslosigkeit. Eine Gratwanderung
Petra Ganglbauer: Glöckchen. Nachtprogramm
„Wenn sie zerbirst, setzt es Anorganisches“. – Es gibt Bücher, die muss man von hinten nach vorne lesen, um sie ganz zu verstehen. Und manchmal muss man sich wohl auch davon lösen, verstehen zu wollen, was zu verstehen geboten wird. Von „Absichtslosigkeit“ spricht Petra Ganglbauer in ihrem alles erklärenden Nachwort zu ihrem jüngsten Werk Glöckchen. Nachtprogramm, kürzlich erschienen in der Edition Das fröhliche Wohnzimmer. D... lesen
und andere suggestible lücken
Linda Stifts "Kingpeng" kreiert eine Welt zwischen Wirklichkeit und Traum, zwischen Blackout und Präzision
Linda Stift: Kingpeng
„Wir nennen die Terrasse gegenüber Terrakottainsel“. Mit knappen Worten zieht uns Ich-Erzählerin Kinga zu sich und ihrem Bruder auf einen kleinen Balkon zwischen Küchenkräuter und Tomatenstauden. Selbst in den Nächten liegt eine unaufhörliche Hitze zwischen den Dächern, die die ganze, abwechselnd von Kinga und, seltener und kürzer, von Nick dargelegte Geschichte in eine leichte, schläfrige, bewegungslose Atmosphäre taucht. Bald... lesen
das gegenteil der osbournes
Ilse Kilic und Fritz Widhalm führen alle, die gerne in fremden Wohnungen schnurchteln, in ein literarisches Eldorado
Jana Brenessel & i.g. Naz: Reise in 80 Tagen durch das Wohnzimmer. Eine Fest- und Forschschrift. Mit Begleit-CD.
Wenn einem das Heim zum Kosmos wird, dann ist es Zeit, dass das Universum-Team ausrückt und diesen Kosmos beschreibt. Im Fall von Ilse Kilic und Fritz Widhalm ist der Kosmos Das fröhliche Wohnzimmer und das Universum-Expeditionsteam besteht aus ihren literarischen Alter Egos Jana Brenessel und i.g.Naz. Das fröhliche Wohnzimmer kennt man als Kleinverlag, als Zeitschrift (Untertitel: für unbrauchbare Texte und Bilder) und nicht zuletzt a... lesen
talschlusspanik
Olga Flor entwirft in ihrem neuen Roman eine vordergründig heile Welt
Olga Flor: Talschluss
Das Tal wird eng, schließt sich und geht über in den Berg. Almboden, Kühe, Talschluss. Dort feiert Grete ihren 60. Geburtstag. Sie ist Lebensberaterin, eine gefestigte Frau, naturverbunden und positiv. Um sich hat sie ihre Lieben versammelt, Ehemann Ernst, Sohn Thomas, Tochter Sabine samt deren Kindern. Junge Musiker sind für das Fest engagiert. Und Katharina, von Beruf Event-Managerin. Sie ist fünfunddreißig, Single, erfolgreich und ei... lesen
Rezensionen der Ausgabe 11 - und jetzt?!
zwei protokolle leiserer kompositionen
Über die letzten beiden Gedichtbände von Helwig Brunner
Helwig Brunner: grazer partituren
"wonach noch suchen", fragt Helwig Brunner in seinem Gedicht aus dem Zyklus "die praxis des versagens". Sowie einer angekommen ist, sollte er eigentlich nicht mehr suchen, könnte man antworten. Es gibt viele Möglichkeiten, Orte zu finden oder Welt zu erfahren. Zumeist finden Annäherungen in der eigenen Person statt, sozusagen in sich selbst. Auch Helwig Brunner nimmt in seinen Gedichtbänden gehen, schauen, sagen und Grazer Partituren dies... lesen
phantastische bilder
Traude Korosas Geschichten über die schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft
Traude Korosa: Hannas Vermächtnis und andere Erzählungen
Die abtrünnige Sonja lässt sich von ihrer Stadt zurückerobern. Marion liegt gefesselt im Gitterbett und träumt sich auf ihre Bank im Hessenpark. Den Frauen in Traude Korosas Geschichten fehlt oft die Kraft sich aus gesellschaftlichen Strukturen zu befreien. Aber auch Männer wie der Behinderte Georg oder der Karli Doktor, der vom sozialen Aufstieg träumt, stehen plötzlich vor einem unüberwindbaren Hindernis. Immer wie... lesen
gefühlswinterschwimmer begünstigt
Günther Freitag seziert in seinem jüngsten Roman gesellschaftliche Kälteschichten
Günther Freitag: Flusswinter
"Der Landstrich am Fluss, früher die fruchtbare Au und geschützt, entvölkert sich von Woche zu Woche mehr." Schon mit den ersten Sätzen steht man als Leser mittendrin im von Günther Freitag entworfenen Szenario und erahnt, weiß Bescheid, worum es geht: Um Katastrophen großen Ausmaßes, um Katastrophen, deren Namen die Kapitelüberschriften in Geschichtsbüchern sein könnten. Die #große Veränderung# hat das Land befallen... lesen
hohe wasser sind tief
7 Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen
Eugenie Kain: Hohe Wasser
"In mein eigenes Leben bin ich noch nie rechtzeitig gekommen. Ich bin immer zu spät dran. Als ich auf die Welt kam, war der Vater schon weg. So ging es weiter." In ihrer neuesten Publikation Hohe Wasser vereint die Linzer Autorin Eugenie Kain sieben Erzählungen aus dem Leben bedrohter Existenzen. Sie lässt uns teilhaben am Dasein derer, denen das Wasser bis zum Hals steht: Verlierer, Verlassene, Verzweifelte, Verlorene, Nutzlose, Suchende... lesen
stimmig zweistimmig
Sinnlich und synchron erzählt – Birgit Pölzls Romandebüt
Birgit Pölzl: zugleich. Roman
Viel war in den Feuilletons während der letzten Jahre über erotische Literatur von, für und über Frauen zu lesen, über literarisch verarbeitete Intimitäten, bisweilen über versprachlichten Exhibitionismus. Schnell gewinnen herbeigeschriebene Trends wie dieser an Eigendynamik, öffnen eine Schublade, in der sehr vieles und sehr Verschiedenes Platz hat - manches Mal zum Nutzen der Autoren, die sich und ihr Schreiben plötzlich auf der H... lesen
schema f und das funkeln
Anti-Joyce: Johannes Weinberger kehrt nicht die Erzählsprache gegen die Ideologie des Romans gekehrt, sondern den Inhalt
Johannes Weinberger: Ich zähle zornig meine Schritte
Ein Roman wird zum Roman nicht kraft seiner Länge. Der Roman grenzt sich von der Erzählung ab, indem er seine Bezeichnung vor sich herträgt. Und die signalisiert uns: Idealtypische Durchdringung von Allgemein und Besonders, Spannungsbogen und Moment, Satz und Kapitel, Individuum und Gesellschaft. Oft genug heißt ein Text Roman, und man bezieht ihn auf die paar Modelle des archetypischen Bauplans, die man kennt, ohne dass dazu wirklich Anl... lesen
wo die dinge schweben
Wolfgang Hermanns poetischer Blick auf das Andere in Gestalt von Japan
Wolfgang Hermann: Japanisches Fährtenbuch
"Manchmal geht von den uniformen Gesten der Menschen hier ein schöner Glanz aus. Dieser Glanz ist ihre Bereitschaft, nichts Besonderes zu sein." - In der kurzen Klappentext-Biographie des Vorarlberger Autors Wolfgang Hermann sind auch "langjährige Auslandsaufenthalte, u.a. als Lektor an der Sophia-Universität in Tokyo" vermerkt. Von einem dieser Aufenthalte im Fernen Osten hat Hermann das Japanisch... lesen
lebenswelt kaltgepresst
Elisabeth Vera Rathenböck wirft in ihrem „Herbarium des Präsens“ einen sachlichen Blick auf ihre Umgebung
Elisabeth Vera Rathenböck: Herbarium des Präsens
Pflanzen in dicke Wälzer legen, um ihnen jedes Tröpfchen Leben auszupressen, diese Methode ist bekannt. Aber den eigenen Wahrnehmungskosmos in seinen Einzelteilen literarisch plätten und schön alphabetisch geordnet zwischen zwei Buchdeckel zu bannen, das kommt einem seltener unter. Die in Steyr und Wien lebende Autorin Elisabeth Vera Rathenböck hat diesen Versuch unternommen und in der edition innsalz ihr privates Herbarium des Präsens... lesen
Rezensionen der Ausgabe 10 - eigen
liebe, tod und teufel
Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern von Zoran Feric präsentiert die kroatische Urlaubsinsel Rab einmal ganz anders
Zoran Feric: Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzern. Aus dem Kroatischen von Klaus D. Olof.
Mit einem Begräbnis startet Zoran Ferics Roman, mit einer transsexuellen Leiche nimmt die Handlung ihren Lauf. Ein Kriminalfall auf einer bekannten kroatischen Insel, ein Hauch Grusel und die zumeist kaum jugendfreien Jugenderinnerungen des Protagonisten bilden die Zutaten. Höchst morbid das alles – und der Erzähler ist zu allem Überfluss Pathologe. Pointiert und mit viel schwarzem Humor serviert er eine ebenso liebenswerte wie b... lesen
zimmer mit aussicht
Das vielschichtige Prosadebüt des Salzburger Autors Johannes Gelich
Johannes Gelich: Die Spur des Bibliothekars. Novelle.
Ob man will oder nicht, wirkt man in unserer windschnittigen Zeit allein durch die Beschäftigung mit Büchern bald einmal suspekt. Der Bibliothekar Florian Servaes, Hauptfigur und Ich-Erzähler der Novelle Die Spur des Bibliothekars, will nicht. Als es in der Wiener Stadtbibliothek durch einen ehrgeizigen Vorgesetzten ungemütlich wird, lässt sich der übergewichtige, ambitionslose und desillusionierte Servaes wegbefördern. Er wird zum Lei... lesen
wiener porzellan
An dunklen Tagen muss man aus hellen Tassen trinken, meint Christoph Strolz in seinem Debütband
Christoph Strolz: AlltagsBrüche. Ein Logbuch.
Die Wiener Edition Doppelpunkt legt sichtlich kostengünstige, aber mit markantem Doppelpunkt-Logo auf schlichtem Kartongrund neuerdings sehr ansprechend gestaltete Bücher vor. Zuletzt erschien der Gedichtband Frostspanner von Joachim G. Hammer, das bereits dreizehnte Opus dieses zu wenig beachteten Grazer Lyrikers. Auch der 1960 geborene, heute in Wien lebende Germanist und Theologe Christoph Strolz ist Graz durch längeren Aufenthalt ver... lesen
zeit im blick I
Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente
Hanno Millesi: Im Museum der Augenblicke.
Hanno Millesi legt mit seiner jüngsten Erzählung ein Werk vor, das elegant durch die Flure eines Museums moderner Kunst schlendert – die städtische Verankerung ist hier zwar Wien, lokalisiert könnte das Museum aber auch überall anders werden –, gleichzeitig den Plot für einen Kriminalroman entwirft, ohne diesen kriminalromanmäßig zu verfolgen, und schließlich fast selbstverständlich vollkommen offen bleibt und aufgeworfene Frage... lesen
zeit im blick II
Zwei Bücher, zwei erfreuliche Lesemomente
Daniel Wisser: Dopplergasse acht.
Ein anderes Blickfeld eröffnet sich in Daniel Wissers Romandebut Dopplergasse acht. Wunderschön als Roman in 45 Strophen untertitelt, zeigt dieser Titel schon an, wie die Reise durch die Dopplergasse stattfinden soll. Wisser, der in der schreibkraft bereits zu Recht als Herausgeber der Literaturzeitschrift Der Pudel gerühmt wurde (siehe Heft 7, heftig), hat mit Dopplergasse acht nicht nur eine Liebeserklärung an seine Wohnstraße geschrie... lesen
zwischen den stühlen I
Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten
Leopold Spoliti: mintex prosa.miniaturen.
Es gibt Filme, die befähigen dazu, potentielles Zielpublikum für Leopold Spolitis mintex prosa.miniaturen zu enttarnen: Filme, zusammengesetzt aus knappen, in sich ruhenden Sequenzen, aus unterkühlt montierten Bildern, die nicht sofort und nicht aus sich heraus auf eine Geschichte verweisen, die es da irgendwo zu rezipieren gäbe. Erst, wenn ihrer fünf bis zehn uns gegenwärtig sind, offenbaren sie sich als "Szenen" einer "Handlung", ohne... lesen
zwischen den stühlen II
Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten
Lukas Cejpek, Christoph Hauri: KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch.
Ein Buch, ohne das die Menschheit sicher ebensogut weiterleben könnte, ist KANNEN FANGEN. Ein Skizzenbuch von Lukas Cejpek (Text) und Cristoph Hauri (Graphik), ebenfalls erschienen im fröhlichen wohnzimmer. Es ist unmotiviert, es hängt mitsamt seinem abstrusen Thema (Kannen [!] als solche und als Träger sozialer Rituale) völlig im luftleeren Raum herum (den nie ein sinnstiftendes Diskursfragment zuvor gesehen hat), es erschöpft sich üb... lesen
zwischen den stühlen III
Drei Bücher, viele Lesemöglichkeiten
Johannes Weinberger, Lukas Kollmer, Maria Edelsbrunner: autorenmorgen 01.
Underground – Ästhetik und Kunstliteratur Nun, zu guter (na ja?) Letzt muss ich mich anschicken, drei Autoren und einem Verlag gegenüber ungerecht zu sein, denen bzw. dem ich eigentlich und von Herzen suhrkampsche Verkaufszahlen und eine ebensolche Breitenrezeption wünsche. Ungerecht, denn die Anthologie Autorenmorgen 01 aus der edition LUFTSCHACHT, in der Johannes Weinberger, Lukas Kollmer und Maria Edelsbrunner unter der Herausgebersch... lesen
Rezensionen der Ausgabe 09 - brennermania
Keine Rezension in dieser AusgabeRezensionen der Ausgabe 08 - fetzen
riten, räusche, rock’n’roll
Auch in der Provinz nördlich des Polarkreises lässt es sich ganz schön fetzen
Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula. Roman.
Lange bevor im deutschsprachigen Raum über Warmduscher, Weicheier und Nach-Vorne-Einparker diskutiert wurde, war es im hohen Norden an der finnisch-schwedischen Grenze für die dortige männliche Jugend bereits wesentlich, nicht „knapsu“ zu sein, was ungefähr so viel wie weibisch bedeuten dürfte. Zumindest geht das aus Mikael Niemis feinem Entwicklungs- und Poproman Populärmusik aus Vittula hervor. „Gewisse Beschäftigungen sind v... lesen
das erbe der kreativen
oder was Fast-Food mit einem Lexikon zu tun hat
Lou A. Probsthayn: Müll.
Lou A. Probsthayns neuen Roman kann nun jedermann lesen vielleicht auch verstehen, aber zumindest wollte yedermann Müll verlegen und kauderwelschte* seinen Autor nicht an. Die „irren Neugeborenen“ sind der Nachlass von Trash, dem Protagonisten des Romans und das Erbe der Kreativen, die den Bildungsauftrag der Stadt, in diesem Fall Norden, übernommen haben. Norden ist eine Stadt in Deutschland und Norden ist ein Lebensgefühl, sowie al... lesen
gassschwaden. atmoterrorismus.
air-design Über Peter Sloterdijks „Luftbeben“
Peter Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors.
Er gehöre, so meinte Peter Sloterdijk in einem Interview, einer Gruppe von Menschen an, die mit dem 11. September seit jeher den Geburtstag von Theodor W. Adorno verbunden habe, und im Übrigen gäbe es nach dem 11. auch noch den 12. September, „an dem das autohypnotische Schaumwerk wieder in sich zusammenfällt“. Außerdem sei er der festen Überzeugung, dass die Assoziation mit Adorno unter kulturgeschichtlichen Aspek... lesen
die kunst, schlechte bücher zu schreiben
M. G. Wanko hat es wieder nicht geschafft. Über seinen neuesten Roman Ken
Martin G. Wanko: Ken. A Crime Story
Es gibt Autoren, die es verweigern, in ihren Romanen auf herkömmliche Weise eine Geschichte zu erzählen. Und es gibt Autoren, denen die Story, die sie erzählen, schlichtweg egal zu sein scheint. Der kleine Unterschied offenbart sich im Lauf der Lektüre. Martin G. Wanko gehört zweifellos der zweiten Gruppe an. Der Plot, den er für seinen Roman Ken entwirft, lebt von seiner Exposition: Der Ich-Erzähler killt einen Strichjungen... lesen
mannigfache enthüllungen
Ermittlungen mit aufgesetztem Rotlicht
Sabina Naber: Die Namensvetterin.
Im Grunde genommen ist keine literarische Gattung so sehr dem Willen nach Wissen und der Offenbarung der (einer?) Wahrheit verbunden, wie der Kriminalroman. Dennoch, oder deshalb, musste sich das Genre beständig gegen die Vorwürfe verwehren, zu sehr einer nicht tiefer dringenden Oberflächenwelt verbunden zu sein, als dass man es für wissenschaftlich-literarisch ernst nehmen könnte. Die Verkaufszahlen trugen das ihre daz... lesen
der coyote singt schön
Das neue Buch des Linzer Autors Christoph Janacs erzählt magisch-reale Geschichten aus dem heutigen Mexiko
Christoph Janacs: Der Gesang des Coyoten. Mexikanische Geschichten
Mexiko ist ein facettenreiches Land: Schon lange vor der Kolonialisierung – Hernan Cortez landet 1519 in Veracruz und macht die Region zu Neu-Spanien – gab es die Hochkulturen der Maya und der Azteken. Heute ist Mexiko reich und arm, modern und rückständig, neoliberal und kolonial strukturiert. Hier leben Weiße, Mestizen und Indigene, im urbanen Mexiko City und im ländlichen Chiapas. Zwischen diesen Gegens... lesen
marcuse, schau owa! (Teil I)
Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele
Eugenie Kain: Atemnot.
Zwei Neuerscheinungen im Linzer Resistenz Verlag verstärken die Verankerung der „österreichischen Frauenfigur“ als solcher in den Fußstapfen der Bachmann, eine weitere aus dem Klagenfurter Kitab Verlag bietet, aus ebenso weiblicher Perspektive, endlich Alternativen zum qualitativ mittelmäßigen Betroffenheitsgedudel zuletzt erschienener „Jugoslawienbücher“ (siehe auch: Elke Papp: Wundräume und Viktorija Kocman: Reigentänze). F... lesen
marcuse, schau owa! (Teil II)
Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele
Elke Papp: Wundräume.
Wundräume von Elke Papp ließe sich in vielerlei Hinsicht als ein polares Gegenstück zu Atemnot deuten, mit der einzigen und wichtigen Ausnahme des in beiden Fällen (bei Kain in der Rede der Figuren, bei Papp ziemlich grundsätzlich) meisterhaft lakonischen Tonfalls. Das Buch besteht aus Kurztexten, habituell fragmentarischen Erzählungen und textlichen Überbleibseln der Performances, mit denen sich die Autorin österreichweit einen Namen... lesen
marcuse, schau owa! (Teil III)
Ansätze zur Ent-Entfremdung der weiblichen Seele
Viktorija Kocman: Reigentänze
Und schließlich gilt es noch mit einer „Meinung“ über die drei novellenhaft geradlinigen Erzählungen Viktorija Kocmans aufzuwarten, aus denen der Band Reigentänze besteht; ein problematisches Unterfangen: Sich Texten, die von unbedarfteren Zeitgenossen in die bequem handhabbare Kategorie „Flüchtlingsliteratur“ getan werden, anders zu näheren als mit mitleidigen Schlagworten („beachtliche Reife... lesen
der ganze sirup, saft, sog
Eine Anthologie schöpft aus dem Halbvollen der neueren österreichischen Wortartistik
Petra Nachbaur und Sigurd Paul Scheichl (Hg.): Sprachkurs: Beispiele neuerer österreichischer Wortartistik 1978 – 2000.
Es gibt eine experimentelle Poesie nach Jandl und Artmann. Sigurd Paul Scheichl, Professor für österreichische Literaturgeschichte an der Universität Innsbruck, und Petra Nachbaur, die selbst als Autorin experimenteller Gedichte auftritt, haben ein spannendes Buch herausgegeben, das Anlass und Ausgangspunkt für Diskussionen über diese Art von Literatur sein kann. Der Bogen der Texte setzt mit... lesen
disparat zum quadrat
Wolfgang Helmharts Wiederbelebung eines mittelalterlichen Dämonen
Wolfgang Helmhart: Zwizwa. Reproduktion als Konfusion zwischen Wahrnehmung und Kommunikation
Die Frau liegt mit Diagnose Krebs im Spital, die Kinder sind bei Oma und Opa verstaut, und im leeren Leben des Ich-Erzählers in Wolfgang Helmharts Prosatext Zwizwa hat sich ein ehemaliger Arbeitskollege namens Schalko zu Besuch angekündigt. Schalko, so stellt sich bald heraus, ist noch um einige Grade ärger drauf als der auch schon leicht desorientierte Ich-Erzähler. Denn Schalko kommt in die oberösterre... lesen
Rezensionen der Ausgabe 07 - heftig
zwei mal klischees übertrumpft
Aarachnes Dorf- und Verwandtenhasser
Ernst Petz (hg.): Das große Dorfhasserbuch - Das große Verwandtenhasserbuch
Das Dorf zu hassen ist in der heimischen Literatur ein reichlich gebrauchter und folglich verbrauchter Topos. Als Reaktion auf den Selbstmord von Franz Innerhofer wurde dies vom heimischen Feuilleton ein weiteres Mal festgestellt. So sehr die sogenannte Anti-Heimatliteratur ein österreichisches Schreiben geprägt hat, so sehr hat sie sich ausgeschrieben. Die großen Wörter über die (un)schönen Tage am Land sind Literatur von gestern... lesen
das zurückgeflossene dorf
Eine ethnologische Monografie des Rabiatsteires
Franzobel: Austrian Psycho oder Der Rabiat Hödlmoser. Ein Trashroman in memoriam Franz Fuchs
„Wenn das Hödlmoser-Buch von Reinhard P. Gruber das Alte Testament der Steirer ist, dann habe ich es gewagt, sozusagen das Neue Testament zu schreiben“, sagt Franzobel über Austrian Psycho. Sein Rabiat Hödlmoser ist ein Schelmenroman und eine ironische ethnologische Monographie. Das Forschungsobjekt sind die Steirer, die emische Annäherung geschieht am Beispiel des aus R. P. Grubers Buch Aus dem Leben Hödlmosers nach Mürzzusch... lesen
eine bruchstelle, gekittet?
An Peter Truschners Prosadebut wird eine Frage geknüpft
Peter Truschner: Schlangenkind
Wie weit kann das Bedürfnis, den „banalen“ Entwürfen des Alltags eine eigene, ästhetisierende Variante entgegenzuhalten, eigentlich gehen, ohne dabei Fragen aufzuwerfen? Mit "Schlangenkind" legt der in Klagenfurt geborene, mittlerweile in Berlin lebende Mittdreißiger Peter Truschner sein Romandebüt vor. Ein Debüt, dass sich wie eine autobiographische Annäherung an die Kindheit des Autors, insbesondere an die zentralen Fig... lesen
täter, taten, tote und motive
Über Lisa Lerchers klassischen Kriminalroman
Lisa Lercher: Der letzte Akt
Antonia ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Vielmehr: war. Erfolgreiche Schauspielerin, rücksichtslose Egoistin, schwaches Weiblein, mit dem Hang, sich immer wieder die falschen Männer auszusuchen, chaotische Existenz hinter der Fassade einer Powerfrau, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt und zu Tode kommt sie nun auch wirklich. Von Alkohol und Drogen betäubt, ertrunken in ihrer Badewanne. Fremdeinwirkung ist nicht auszuschließe... lesen
das meer nach hause tragen
oder Wie man aus einem Wohnzimmer ein Aquarium macht
Christian Stuhlpfarrer: fisch. ein Bericht.
Warum setzt ein Mensch seine Wohnung unter Wasser? Und flüchtet dann ausgerechnet nach Albanien? Ein gewisser Herr Ludwig Adalbert Unselig (nomen est omen?) soll tatsächlich auf diesen abstrusen Gedanken verfallen sein, um dann schließlich - nicht ganz spurlos - aus Wien zu verschwinden. Und in Albanien um Asyl anzusuchen, und schließlich, verunsichert von der Rat- und Verständnislosigkeit der dortigen Beamten, einfach unterzutauch... lesen
durch den tag fährt mein langes gehirn
Matthias Göritz hat den Puls der Großstadt in den Adern
Matthias Göritz: Loops. Gedichte.
Matthias Göritz, in Hamburg lebender Philosoph, Literaturwissenschafter und Übersetzer, hat bisher in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und, so darf vermutet werden, über die manuskripte seinen Weg zum Literaturverlag Droschl gefunden. Längere Aufenthalte in Moskau, Paris und Chicago liefern den großstädtischen Hintergrund seiner Gedichte. Tag und Nacht, Schweiß und Regen, Straßen, Busse und Stiegenhäuser – in imm... lesen
Molden und die Publikumserwartung
med ana schwoazzblauen dintn: Qualtingereskes aus verschiedensten Quellen (1)
Ernst Molden: Doktor Paranoiski
Ernst Moldens neuer Roman "Doktor Paranoiski": Ein hanebüchener Plot, pseudokafkaesk vorgetragen. Offensichtlich mit der Marktanalyse seines letzten Werkes (Austreiben) im Kopf geschrieben. Trotzdem ein wahrhaftig geiles Buch. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Das eine Problem mit diesem Buch ist, dass es trotz allem was kann. Das andere Problem resultiert daraus, dass es sich um einen „Spannungsroman“ im weitesten Sinne... lesen
JaNatz & erzählende Prosa
med ana schwoazzblauen dintn: Qualtingereskes aus verschiedensten Quellen (2)
Ilse Kilic & Fritz Widhalm: Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd. Des Verwicklungsromans zweiter Teil
Dass es da so ein autobiographisches Dings von Ilse Kilic und Fritz Widhalm gibt, ist ja wahrhaft keine Neuigkeit. Dass dieses Dings sich einen Verwicklungsroman nennt, vielleicht auch noch nicht. Dass aber der Verwicklungsroman mittlerweile einen zweiten Teil hat, "Neue Nachrichten vom gemeinsamen Herd", und in dieser seiner Zweiteiligkeit geilgeilgeil ist, möglicherweise schon. Die Jana und der Natz, die alter Egos der beiden G... lesen
Zur Kenntlichkeit entstellt
postmoderne für den endverbraucher (1)
Margret Kreidl: Grinshorn und Wespenmaler. 34 Heimatdramen.
Beginnen wir mit dem einfachsten im Sinne einer einfachen Rezensierbarkeit: "Grinshorn und Wespenmaler", eine Sammlung mit Lesedramoletten von Margret Kreidl. Es handelt sich um ca. dreißig Kürzestvariationen desselben Themas, nämlich die Vielfalt der Beziehungen zwischen dem völkischen und dem kapitalistischen Flügel der FPÖ, bis zur Kenntlichkeit entstellt und exemplifiziert an den nur leicht verfremdeten Bannerträgern des jewe... lesen
Konnotationskirchen
postmoderne für den endverbraucher (2)
Monika Köcher: Engeltexte
Unentwirrbar barocke Geräumlichkeiten – oder so – sind es, die Monika Köcher für ihren Lyrikband engeltexte geplündert hat, wie das Verb dafür wohl vorwurfsvoll lauten müsste, käme es aus dem Mund eines dieser „dekonstruktivistischen“ Raoulschrottunddergleichen-Verächter. Das einzige, was man dem Band vorwerfen könnte, ist das Fehlen einer dezidierten Einordnung der einzelnen Texte in eine wie immer geartete Linearität... lesen
Petra Ganglbauers Textgarten
postmoderne für den endverbraucher (3)
Petra Ganglbauer: Schräger Garten Texte
Dann hätten wir da Schräger Garten Texte von Petra Ganglbauer. Man könnte ihr anhand dieses Buches eine gewisse Nähe zum Zen-Buddhismus bescheinigen, aber nur dann, wenn man ohne Schubladen überhaupt nicht auskommt bzw. zu denen gehört, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn ein Text sich auf Schilderung eines Moments von Wahrnehmung beschränkt, ohne gleich mit augenzwinkernden Einordnungen ins ‘große Ganze’ der Welt... lesen
ich und ich entwachsen dem kinderland (1)
Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich
Gerhard Amanshauser: Als Barbar im Prater. Autobiographie einer Jugend.
Gerhard Amanshauser hat sich selbst seine Biographie geschrieben. Was an sich nichts Ungewöhnliches wäre. Doch unterscheidet sich Amanshausers Autobiographie deutlich von einem autobiographischen Roman, der in diesem Fall - ein alternder Autor rollt seine Jugend auf - zu erwarten gewesen wäre. Hier hält der Leser tatsächlich eine ?Biographie? in Händen. Ein Buch das sich ganz an dem orientiert, was entsteht, wenn das Leben eines i... lesen
ich und ich entwachsen dem kinderland (2)
Zwei sehr verschiedene Erzähler nähern sich bei Residenz ihrer Jugend und dem Älterwerden an. Ein fast zufälliger Vergleich
Andreas Mand: Vaterkind. Roman.
Das Kunststück, schöne Literatur im besten Sinne zu schaffen, ist dem 1959 in Duisburg geborenen Andreas Mand, der ebenfalls bei Residenz einen neuen Roman vorlegt, nicht oder nicht mit dieser Leichtigkeit geglückt. Mand, dessen Text zahlreiche Qualitäten, die jedem Lektor angenehm ins Auge springen müssen, bereits im Plot vereint, hat den autobiographischen Ton an vielen Stellen mit einem Tonfall von Betroffenheit verwechselt, der... lesen
Über den Sprachkamm
postmoderne für den endverbraucher (4)
Günther Kaip: Vademekum für Körper. Eine Bestandsaufnahme.
Schließlich bleibt noch "Vademekum für Körper". Eine Bestandsaufnahme von Günther Kaip, und ich sag’s, wie’s ist: Ich werde nicht recht schlau daraus. Der Tonfall ist ähnlich wie bei Ganglbauer, vielleicht weniger weit entfernt von Alltagssprache, aber im Gegensatz zu ihren stringenten Texten zerbröseln die Gebilde Kaips unter der Last des Anspruchs, nicht für sich, sondern als Teil eines Zyklus dazustehen. Die Gedichte sin... lesen
Rezensionen der Ausgabe 06 - echt?
ich bin in luxor gestrandet
Bettina Balàkas lyrische Kopfreisen bieten Luxus und Abenteuer
Bettina Balàka: Im Packeis. Gedichte
Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, lebt als freie Schriftstellerin in Wien und kann nicht über mangelnden Erfolg klagen. Sie hat schon so ziemlich alles eingeheimst, was sich hierzulande an Auszeichnungen anbietet, ausgenommen jene Seniorenpreise, die ihr aus rein biologischen Gründen bisher verwehrt blieben. So erhielt sie unter anderem den Rauriser Förderungspreis, den Alfred Gesswein-Preis für Lyrik, den Meta Merz-Pre... lesen
fast wie papier, nur ungeduldiger
Der Chat-Roman von Marie Kaps belegt: Die Probleme online waren schon immer die Probleme offline
Marie Kaps: SOLO SUCHT MOON. Ein Chat-Roman
KORN schreit: gibt’s do a FETISH WEIBA :-) (Mon 8:36pm) Das Kleine Arschloch: Er schreibt mia ja imma so an Scheiß - mit Mausi und so’n Fuck :-) (Mon 8:36pm)… Der erste Besuch ist meist kurz - zehn Minuten reichen, um geschockt den Raum zu verlassen, die Tür hinter sich zuzuknallen und spontan die Menschen zu verabscheuen. Mit der Tür schlägt bei vielen Menschen die Neugier zu - und irgendwann findet man sich im Chatro... lesen
sie äsen friedlich datengras
Ein Western-Roman im Cyberspace: Matthias Schamp schickt Brainboys über schillernde Platinen
Matthias Schamp: Hirntreiben.EEG. Ein Western-Roman
Irgendwann am St. Nimmerleinstag, die Menschheit hat schon lange aufgehört zu existieren, stößt Big Daddy Computer, Vater aller Dinge, bei einer Innenrevision in einem seiner entlegeneren Gefilde auf die Datei HIRNTREIBEN.EEG, öffnet sie, liest sie - und beschließt, darüber den Verstand zu verlieren. Das ist die absolut letzte kontrollierte Handlung, zu der er fähig ist. In einer postapokalyptischen virtuellen Gesellschaft... lesen
heimat arscht ihn an
Der Innsbrucker Autor Helmuth Schönauer scheißt genussvoll auf Tirol
Helmuth Schönauer: Das Tiroler Heimatbuch. Aufschnitt/Roman
„Heimatkundler sind die perfekten Fakeforscher. Auf nach Fakestan!“ ruft Helmuth Schönauer, Tiroler des Jahrgangs 1953, Autor, Bibliothekar und „Literatur-Winnetou“ (Eigendefinition), am Ende seines bislang jüngsten Buches, Das Tiroler Heimatbuch, aus. Aber warum ist Heimat ein Fake, und wieso ist das Stoff für ein Buch? Und überhaupt: Wie kommt jemand darauf, ein Heimatbuch zu schreiben? - Dazu schreibt der Autor in ein... lesen
präsidentin vera
Martin Amanshauser hat in die Zukunft geblickt. Herausgekommen ist ein amüsanter Krimi
Martin Amanshauser: Nil. Roman
Wien, Anfang Juli 2010. Es ist ein schrecklich heißer Sommer. Das Wetter als Folterinstrument macht offensichtlich literarische Karriere in der österreichischen Krimiwelt. Bei Wolf Haas ist es der Föhn, der dem Kommissar Brenner das Leben vergällt, bei Ernst Molden streichen blutrünstige Vampire im Miniaturformat über die Donauauen, wo die Luft in der Hitze flimmert, während das Donauweiblein aus dem kühlen Nass steigt, um d... lesen
zwischen magda und lena
Das Leben einer ganz normalen Frau kann spannender als jedes Kriegsdrama sein. Oder ist es ein Kriegsdrama?
Marlen Schachinger: morgen, vielleicht
Der Punkt, an dem Marlen Schachingers Debütroman morgen, vielleicht einsetzt, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Zerreißpunkt im Leben der Protagonistin. „Magdalena betritt die Damentoilette des Bezirksgerichts“, lautet der erste Satz. Dort, vor dem Spiegel, wenige Minuten vor einer Gerichtsverhandlung, muss sie eine lebenswichtige Entscheidung treffen. Soll sie das Sorgerecht für ihre beiden Kinder ihrem geschiedenen Mann... lesen
authentizität in größe medium
Ernst Wünsch stellt sich als bemerkenswerter Erzähler vor
Ernst Wünsch: Wo lassen schreiben
Die Literaturkritik ist ziemlich anfällig für das Authentische. Kaum gibt ein Autor Wirtshausgespräche wieder, schon wird seinem Werk bescheinigt, es atme das echte Leben. Gerne wird auch der "große deutsche/europäische/amerikanische Roman" eingefordert, in dem sich beispielhaft abbilden soll, wie das echte Leben wirklich ist. Eine Nummer kleiner – und so der Durchschnittsexistenz angemessener – gibt es der Wiener Hörspielautor... lesen
reality für anfänger
„Die Kunst der Flucht: True Stories“ ist wohl ein notwendiges Buch. Über den rein literarischen Wert lässt sich streiten
Hg. von Megaphon/Diözese Graz-Seckau: Die Kunst der Flucht: True Stories
Die Texte der Sammlung von mehr oder weniger literarisch durchformten Flüchtlingsschicksalen, Ergebnis eines Wettbewerbes, weswegen - Zitat Klappentext - „professionelle SchreiberInnen […] in einer Reihe mit literarischen AmateurInnen“ aus aller Herren Länder stehen, wurden wohl in der Mehrzahl zum Zwecke der Selbsttherapie geschrieben, wurden gesammelt und veröffentlicht, um für Verständnis zu werben und Selbstbewusstsei... lesen
nerv getroffen
Rosemarie Poiarkov debütiert als berauschende Erzählerin
Rosemarie Poiarkov: Eine CD lang. Liebesgeschichten
Die Texte von Rosemarie Poiarkovs erstem Erzählband Eine CD lang werden im Untertitel als Liebesgeschichten ausgewiesen, und schon denkt man an Rosamunde Pilcher. Aber weit gefehlt, die Autorin, Jahrgang 1974, liefert Stories für die H&M-Generation, die das ganze Beziehungsschlamassel der (Unter-)30-jährigen, ihre Sehnsüchte und Unfähigkeiten, auf den Punkt bringen, ohne in die Lifestyle-Ecke abzudriften. Poiarkov erzählt... lesen
innovationszwang und retro-moden
Über Altersrelevanz und Innovationsfuror
Konrad Paul Liessmann (Hg.): Die Furie des Verschwindens. Über das Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen
2000 fand zum dritten Mal das Philosophicum Lech, wissenschaftlich betreut von Konrad Paul Liessmann, statt, das sich unter dem von Hegel geliehenen Titel "Die Furie des Verschwindens" zum Ziel setzte, dem Schicksal des Alten im Zeitalter des Neuen nachzuspüren. Nunmehr liegen die Beiträge des Symposions vor und angesichts des Themas nimmt es nicht weiter Wunder, dass die Vortragenden und Diskutanten sich neben der Diskussion im Rahme... lesen
Rezensionen der Ausgabe 05 - warten, bitte
der holzmotorsägenbauer
Ausschweifungen über Reinhard K. Saurers Prosadebüt
Reinhard K. Saurers: Der Holzmotorsägenbauer. Eine Dorfgeschichte.
Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen
können wir schnell langsamer werden?
Lothar Baier versucht sich an der Beschreibung von Beschleunigung
Lothar Baier: Keine Zeit. 18 Versuche über die Beschleunigung.
Seitdem ist einiges an Zeit vergangen. Damals, bei einem Konzert* der amerikanischen Band Souled Americans in Wien, die für eine sehr langsame Musik jenseits allen Schielens auf beats-per-minute steht, waren Teile des Publikums scheinbar unvorbereitet auf diese dem Hauptact vorgelagerte Vorband. In Erwartung testosteronabbaubefördernder Rockekstase war der mehr schlurfende denn peitschende Rhythmus der Souled Americans einem werten Ga... lesen
für eine geschmackssichere kritik
Schreibkraft Franz Schuh legt meisterliche Essays zur Literaturkritik vor
Franz Schuh: Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück.
Ja, das Leben ist kurz, und die Bücher sind lang, auch das hier vorliegende ist kein kurzes. Die Idee oder besser das pragmatische Ideal bei der Beurteilung von Büchern zielt auf die Schonung der Lebenszeit von Menschen ab. Soll man dies lesen oder etwas anderes? – eine schwere Frage angesichts der Tatsache, daß eines Tages das Leben eines jeden Menschen um ist. - Franz Schuh kann die Dinge auf den Punkt bringen. Der Wiener Ex-Lekt... lesen
die 90er als wille und vorstellung
Lässt sich die literarische Situation der 90er Jahre auf einen Nenner bringen?
Thomas Kraft (Hg.) : aufgerissen. Zur Literatur der 90er
Seit das Jahrtausend gewendet ist und das letzte Dezennium vorbei, hat es einen ganzen Rattenschwanz an Versuchen gegeben, den 90er Jahren klärend beizukommen – diesem „knallharten Jahrzehnt“, wie William Burroughs schon 1991 wusste. Da hat man uns zunächst mit Wickie, Slime und Paiper in die Untiefen unserer Marken-markierten Vorgeschichte zurückgebeamt, und dann kamen Leute wie Florian Illies und lancierten Begriffe wie Gener... lesen
rückkopplungsrezension
Des Pop-Besessenen Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse
Christian Gasser: Mein erster Sanyo. Bekenntnisse eines Pop-Besessenen
An sich heißt es ja vorsichtig sein, wenn jemand sein Laster zur Leidenschaft macht und dieses dann auch noch unverhüllt samt aller Subjektzentriertheit in die öffentliche Auslage stellt. Also war auch beim Zugreifen auf Christian Gassers gesammelte Bekenntnisse eines Pop-Besessenen, die im eigentlichen Titel Mein erster Sanyo heißen (dazu später mehr), der erste durch Neugierde evozierte Reflex verzahnt mit Vorsicht und der Befür... lesen
urlaub im land der literatur
Christian Futschers perfekt unperfekter Urlaubsroman
Christian Futscher: Nidri. Urlaub total
Die Frage ist: Wann kommen die nächsten Sommerferien? Wer Christian Futschers Urlaub Total-Buch adäquat genießen will, muss wahrscheinlich noch ein Weilchen warten. Rechtzeitig zur Hitzezeit auf den Markt geworfen, hat es jedoch sicher schon dem einen oder anderen den letzten Sommer versüßt. Mir zum Beispiel. Wenn auch nur kurz. Ca. 100 sehr kleine Seiten lang. Die Story: Ein Schriftsteller macht Badeurlaub und schreibt mit. Zu Hau... lesen
arbeit im land der literatur
Harald Gsallers rhetorische Wiese
Harald Gsaller: Wiese. Einfälle und Ausfunde
Harald Gsallers Wiese ist in gewisser Weise ein unfertiger Text. Ein eigenwilliges literarisches Arbeitsbuch, könnten wir sagen, das erst durch seine Anwendung zur Vollendung gelangt. Bücher zu schreiben, Bücher zu lesen, kann eben auch Arbeit sein. So viel Binsenweisheit voran. Wie auch Futscher, bringt uns Gsaller durch seine kauzig angelegte Poetik-Warte dazu, den literarischen Produktionsvorgang wieder verstärkt ins Auge zu fass... lesen
die grenzen sind vermessen (1)
Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit
Monika Wogrolly: Die Menschenfresserin. Roman
I. Wie aus einem rosa Engelchen im miesen Graz, insgeheim längst eine Teufelsbraut, eine in Texas zum Tode verurteilte Menschenfresserin wird, die noch dazu behauptet, es könnte „kein besseres Ende für die Geschichte“ geben – dies versucht uns Monika Wogrolly in ihrem neuen Roman auf klassisch psychologisierendem, oft aber holprigem Wege vorzuführen. Es ist vordergründig die Geschichte einer klar definierten Opfer-Täter-Ko... lesen
die grenzen sind vermessen (2)
Zwei Autorinnen ver(b)raten ihre Kindheit
Corinna Soria: Leben zwischen den Seiten. Erzählung
I. Corinna Sorias Debüt saugt den Leser gleichsam in eine Kindheit am Rande des Schlimmstmöglichen. Nach einer kurzen Spanne gemeinsamen Weges hat der Vater einen Abgang gemacht. Schubweise gleitet die Mutter in eine Welt der diffusen Ängste und konkreten Bedrohungen. Wahnvorstellungen über geheime Verfolger, Panikattacken und Zuflucht zu konspirativen Stimmen treiben sie in die Isolation. Ihre Tochter zieht sie mit in das Reich... lesen
eine nasenlänge hinter ovid
"Achterbahn" und andere Vergnügungstexte
Bernd Schmidt: Achterbahn. Erzählungen
Berndt Schmidts Erzählungen. Vom Autor illustriert. Ein Grazer Kulturmatador hat in die Tasten gegriffen. Hat seine Schreibmaschine angekurbelt und seinen Bleistift gespitzt. Was er im Übrigen täglich tut. Als leitender Kulturredakteur der Steirerkrone. Schon ein gutes Dutzend Jahre lang. Es ist an sich nicht einfach, über so ein Buch zu schreiben. Nicht einfach, den Autor zu kritisieren, ohne an den Kritiker zu denken, ohne die Kro... lesen
alte häuser bewohnbar machen
Subitel der Rezension
Walter Grond: Old Danube House. Roman
In Old Danube House wendet sich Walter Grond einer schriftstellerischen Praxis zu, die wohl schon im groß angelegten Odysee-Nachdichtungsprojekt Absolut Homer angelegt war: dem Erzählen schlechthin. Gronds frühe spiegelverkehrte Erzählstrategie oder das „in Graz“ populäre Spielen mit den Errungenschaften aufgebrochenen Erzählverhaltens weichen in seinem neuen Roman einer gleichsam traditionell zu nennenden Form. Angesicht... lesen
doppeldeutiger doppelroman
Nur die Pataphysik unternimmt nichts, um die Welt zu retten
Klaus Ferentschik: Schwelle und Schwall. Ein Doppelroman
Klaus Ferentschik haucht einer aus Frankreich stammenden literarischen Tradition neues Leben ein: dem Spieltext. 1960 wurde in Paris vom Collegium der Pataphysik die „Ouvrage de Littérature Potentielle“, die Werkstatt für potenzielle Literatur, kurz Oulipo, ins Leben gerufen. Ziel von Autoren wie Raymond Queneau war es, die Fesseln der Ratio auszuhebeln. Eines der berühmtesten Oulipo-Werke ist der Roman von George Perec, in dem k... lesen
steinböcke am himmel
Ein paar Worte darüber, dass mensch recht wenig sagen kann über „Reisen unter den Augenlidern“
Ulrike Draesner: Reisen unter den Augenlidern
Ulrike Draesner hat ihre „Gender studies“ gelesen, und sie ist nicht bei ihnen stehen geblieben. Dies vorweg, denn es geht in den zehn Texten der Reisen unter den Augenlidern dermaßen fundamental um (Geschlechter-)Rollenbilder, dass mensch ihnen das nicht mehr anmerkt. Wenn mensch sich nicht vorsieht, packt einen der Satzfetzenwiederholungsstrudel, verunklärt einem das kleine bisschen, das man bereits über Draesners Figuren zu wi... lesen
das hohelied der morbiden stadt
Lilian Faschinger hat einen üppigen Wien-Roman geschrieben
Lilian Faschinger: Wiener Passion.
Das kunstvolle Geflecht von Lilian Faschinger jüngstem Roman Wiener Passion setzt sich aus den Lebensgeschichten dreier Menschen zusammen. Das Tagebuch der Anfang des 20. Jahrhunderts wegen Gattenmordes zum Tode verurteilten Rosa Havelka und die inneren Monologe des hypochondrischen Musiklehrers Josef Horvath und der Schauspielerin Magnolia Brown, die nach Wien kommt, um Gesangsstunden zu nehmen, sind subtil und über lange Strecken ve... lesen
frau hermi und herr jirschi
Beppo Beyerls diagnostische Tagebucherzählung über die Wiener Krankheit
Beppo Beyerl: Die Wiener Krankheit
In jedem Wiener Gemeindebau gibt es mindestens eine alte versoffene Schachtel, die Selbstgespräche vor sich her schiebt wie der Mistkäfer seinen Mist. Solche Frauen hausen passender Weise meist in einem Müllhaufen und riechen leicht angefault, schon lange bevor sie gestorben sind. Und wenn sie dann gestorben sind, bleiben sie Monate lang in ihren Wohnungen liegen. Und weil sich niemand wundert, wenn es von der Wohnung durch alle sieb... lesen
praline in versform
Martin Amanshauser buhlt um das lüstern-belustigte Grinsen seiner Leser
Martin Amanshauser: in der todesstunde von alfons alfred schmidt. eine heurigenoper gedichte & eine taschenbahn.
Allerlei Männlein und Weiblein bevölkern Martin Amanshausers Bändchen mit Versen, das eine Heurigenoper, etliche Gedichte und ein in Riesenlettern gesetztes, zwanzig Restseiten wirksam füllendes Nonsensgedicht versammelt. Sie dümpeln in den diversen (meist erotischen) Untiefen ihrer Briefträger-, Chirurgen-, Kommerzialrats-, Admirals- oder Premierministerexistenzen. Da begegnet uns zunächst in alkoholgesättigter Heurigenatmosph... lesen
Rezensionen der Ausgabe 04 - widerlich
Keine Rezension in dieser AusgabeRezensionen der Ausgabe 02/03 - wiederkehr
das kann ihr keiner weglesen: das bleibt
Der Lyrikerstling Christoph W. Bauers und die letzten Dinge
Christoph W. Bauer: wege verzweigt. gedichte
So schwierig es auch sein mag, über Qualitäten von Lyrik zu sprechen, Qualität also wort- und dingfest zu machen an den Symptomen des Gedichts, manchmal ist sie einfach da, diese Qualität, und schert sich herzlich wenig darum, ob ein dahergelaufener Leser ihrer habhaft wird oder nicht. So widerfuhr es dem Rezensenten, der nicht nur daherlief, sondern den Gedichten Christoph W. Bauers auch eine Zeitlang in der rasch ge... lesen
ganz normale blicke aus ganz normalen fenstern
Gerhard Amanshauser: Mansardenbuch
Ein Mansardenzimmer in seinen Zuständen vor und nach der längst fällig gewordenen Generalsanierung wird zum Ausgangspunkt der Streifzüge des Denkabenteurers Amanshauser, der als Mann im Hintergrund (so Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten über G. A.) doch vielen Literaturinteressierten längst ein Begriff ist. Der gebürtige Salzburger, seit nunmehr viereinhalb Jahrzehnten freiberuflicher Schriftsteller, k... lesen
ich, ich, ich? (1)
Auf unterschiedlichste Weise thematisieren drei österreichische Literaten in ihren aktuellen Büchern die Problematik des Ich
Ilse Kilic: Als ich einmal zwei war. Geschichten vom Kindsein
Ilse Kilic, Hanno Millesi und Helmut Schranz nähern sich der Frage nach Persönlichkeit und Subjektivität aus komplett verschiedenen Richtungen. Ilse Kilics Kindergeschichte Als ich einmal zwei war zielt im Grunde auf einen funktionierenden Ich-Begriff ab. Den stellen Hanno Millesi und Helmut Schranz in ihren Buchdebüts auf unterschiedliche Weise radikal in Frage. Ilse Kilic: Doppeltes Lottchen in Personalunion... lesen
wenn die hausantenne kaputt ist ... (1)
Kino im Kopf kann auch Fernsehen sein, zeigt der Aarachne Verlag - Passwort Auferstehung
Josef K. Uhl. (Hg.): Paßwort Auferstehung. 24 Texte zum Leben danach
Verwöhnte Literatur-Gourmets, heikle Cineasten und all jene, die der Nimbus des Trivialen verschreckt, sollen sich hier nicht angesprochen fühlen. Wenn aber unsereins als herkömmlich entwickelte Seele sich gerade an seinen zwei Fernsehprogrammen sattgesehen hat oder aus unerfindlichen Gründen gänzlichen TV-Verzicht üben muss, so sei vermittels dieser Spalten adäquater Ersatz angepriesen: Unter Paßwort Auferstehung... lesen
alltagsrituale, spektakulär arrangiert
Magdalena Sadlons wunderbares Prosadebut über einen ganz normalen Außenseiter
Magdalena Sadlon: Die wunderbaren Wege. Roman
Jakob Sagmeister ist frühpensionierter Lehrer und freigesprochen. Verführung einer Schülerin wurde ihm dereinst vorgeworfen. Zu Beginn der Vorwürfe wurde er gleich einmal beurlaubt, später dann pensioniert. Das erfährt man so nebenbei, denn es ist keine ganz unmittelbare Lebensgeschichte, die Magdalena Sadlon in ihrem Prosadebut erzählt, sondern die verstreute Gesamtheit an Dingen, Zuständen, Gedanken, Ängsten... lesen
wenn die hausantenne kaputt ist ... (2)
Eine leichte Brise
Alfred Paul Schmidt: Eine leichte Brise. Kriminalroman.
Auf ein Vorabendprogramm folgt für gewöhnlich ein Hauptabendprogramm. Ein flotter Krimi etwa, aus österreichischer Produktion, wie zum Beispiel Eine leichte Brise von Alfred Paul Schmidt - ebenfalls bei Aarachne erschienen. Der Autor ist kein Unbekannter. Im selben Verlag sind von ihm bereits drei Bücher im Programm: ein Polit-Thriller, ein seismographischer Kriminalroman (der allerdings nichts zu tun hat mit Kollerit... lesen
ich, ich, ich? (2)
Hanno Millesi: Lähmung total
Hanno Millesi: Disappearing. Rückzugsvarianten.
Quälende Momente der Lähmung und des Erstarrens beschreibt Hanno Millesi in den Texten des Erzählbandes Disappearing. Rückzugsvarianten. Die zehn motivisch miteinander verknüpften Episoden des Buches umkreisen in einer um Präzision bemühten, eindringlichen und klaren Sprache jenen Moment des Stillstandes, in dem das Nichts in das Leben der Protagonisten eindringt und sich Platz verschafft. Dabei überwiegen in den... lesen
ich, ich, ich? (3)
Helmut Schranz: Aus den Lücken der Wahrnehmung
Helmut Schranz: schöner fehlen. stille exzesse
Gegen die Eindimensionalität herrschender Subjektivitätsbehauptungen setzt Helmut Schranz in seinem Buch schöner fehlen. stille exzesse kritische, komplexeste Poesie. Die 18 Prosatexte des Buches aus der ISBN-Reihe der NN-fabrik werden durch die montierten Gedichte MGV männergesangsverein ergänzt. Etliche der Texte haben mehrere Jahre kontinuierlicher Überschreibung hinter sich und präsentieren sich dementsprechend... lesen
zwischen haut und himmel
Die sinnliche Kosmologie Maja Vidmars überzeugt und irritiert
Maja Vidmar: Leibhaftige Gedichte. Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner
In einer Farbkombination aus Pink, Ziegelrot und Orange sticht der Einband einer Lyrik-Neuerscheinung aus dem Hause Droschl ins Auge. Was sich in derart poppig-dreistem Gewand verbirgt oder präsentiert, sind die Leibhaftigen Gedichte der aus Ljubljana gebürtigen und dort lebenden Lyrikerin Maja Vidmar. Das Buch fasst Auszüge ihrer drei slowenischsprachigen Lyrikbände aus den Jahren 1984 bis 1998 zusammen, ins Deutsche... lesen
in seiten wie diesen (1)
Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm
Karin Schöffauer: vorübergehend
Denken Sie an Tagebucheintragungen und Innenansichten! Und lesen Sie jetzt trotzdem weiter! Die alte aber stete Frage, wie und ob Literatur Erkenntnisprozesse forcieren, erzeugen oder darstellen kann und der Streit darüber und dazu hier: drei Texte von einer Autorin und zwei Autoren, und allen ist zumindest eine Facette gemeinsam, sie konfrontieren den Leser/die Leserin mit einer Textoberfläche, die ihn/sie aus dem S... lesen
neueinsteiger und wiederkehrer (1)
Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke
Karl-Heinz Ott: Ins Offene. Roman
Ein junger Mann erfährt vom unmittelbar bevorstehenden Tod der Mutter und begibt sich auf eine Reise an die Orte der Kindheit. Dass es sich dabei nicht um einen sentimentalen Ausflug eines aufgeklärten Städters in die ländliche Welt der Kinderzeit handelt, wird im Romandebüt Ins Offene des 1957 geborenen Karl-Heinz Ott bereits nach wenigen Seiten deutlich: Die Reise des namenlosen Ich-Erzählers wird zur Reise in die... lesen
in seiten wie diesen (2)
Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm
Paul Divjak: eisenbirne
Mindestens so angeraten muss zu Paul Divjaks eisenbirne werden. Gleich der Erzählhaltung Karin Schöffauers trägt uns in diesem Fall ein männliches Ich seinen Gedankenfluss vor. Jochen Distelmeyer, Sänger der deutschsprachigen Band Blumfeld, könnte als Verweis für die Divjaksche Diktion herhalten, und diese Ähnlichkeit bezeugt umgekehrt, wider alle landläufige Meinung, dass auch mit der deutschen Sprache Musikalit... lesen
in seiten wie diesen (1)
Zu Texten von Karin Schöffauer, Paul Divjak und Fritz Widhalm
Fritz Widhalm: mr. elk & mr. seal
Nicht gerade leicht macht es einem Fritz Widhalm mit seiner letzten Veröffentlichung, mr. elk & mr. seal. Nach dem Vorgänger :huch, einem fast schon gemeinen Wort-ins-Ohr-Setzer, kommt das Buch in zwei Teilen etwas schwerfällig auf einen zu. mr. seals tagebuch, Teil eins des Gesamttextes, gibt Einblicke in nahezu alle Regionen des menschlichen Daseins, sodass, auch wegen der autobiographischen Namensgebung der Figu... lesen
der teufel ist ein als-ob
(... und der pöbel lernt schreiben)
Michael Köhlmeier: Der traurige Blick in die Weite.
Michael Köhlmeier hat ein neues Buch veröffentlicht. Zu sagen er hätte es geschrieben ist übertrieben, denn es wird nicht hinlänglich klar, wann der Autor selbst am Wort ist, wo er abgeschrieben, wo er „geborgt“ oder gestohlen hat. Mit etwas Mut zur Vereinfachung könnte man diese Unklarheit umgehen, indem man erklärt: der Autor „erzählt“. Das wäre „beruhigend nichtssagend“ und ganz im Köhlmeiersche... lesen
neueinsteiger und wiederkehrer (2)
Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke
Hugo Ball: Tenderenda der Phantast. Hrsg. und mit einem Nachwort von Raimund Meyer und Julian Schütt
Bereits in den Jahren 1914 bis1920 entstand Hugo Balls (1886-1927) Text Tenderenda der Phantast. Eine Gattungsbezeichnung ist nicht ganz einfach zu finden, sie wurde in der vorliegenden Neuausgabe des erst 1967 erstmals erschienenen Textes folglich und sinnvollerweise auch weggelassen, denn mit einem Roman im herkömmlichen Sinn - Hugo Ball selbst hatte für den als „work in progress“ entstandenen Text ursprünglich... lesen
neueinsteiger und wiederkehrer (3)
Neues und nicht mehr ganz Neues von Karl-Heinz Ott, Hugo Ball und Gert Jonke
Gert Jonke: Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien
Keineswegs neu sind auch die Wiener Geschichten des 1946 in Klagenfurt geborenen Gert Jonke. Himmelstraße - Erdbrustplatz oder Das System von Wien enthält 15 kurze Geschichten, die allesamt bereits in anderen Zusammenstellungen erschienen, aber längst vergriffen sind. Die Grundidee Jonkes, einen - nie fertiggestellten - Wien-Roman anhand des Liniennetzes der Wiener Straßenbahnen zu schreiben, ist noch im Titel mancher... lesen
goethejahr - endlich vorbei!
Oder: Wie die Lektüre des Alten einen humanistisch entsetzen kann
Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Roman
Jubiläum, Jubiläum! Goethens 250. Geburtstag wird gefeiert. Vor genau 190 Jahren erschienen seine Wahlverwandtschaften erstmals, und ich bin nun der genau 63475. Germanist, der sich mit diesem Werk auseinandersetzt. Dies aus drei Gründen: a) einmal, weil das Buch als Fischer Taschenbuchausgabe, die ich einmal um fünf Schilling aus einer Ramschkiste errettete, lange Zeit in meiner Bibliothek der ungelesenen Bücher... lesen
die tiefe der sa/eiten
Über den Versuch, Literatur zum Klingen zu bringen
Peter N. Gruber: Die schwarze Prinzessin. CD
Es ist ein riskantes Projekt, dem sich der in Graz lebende Musiker Peter N. Gruber verschrieben hat: „Nach einer Unterbrechung von beinahe 20 Jahren“, so Gruber im Umschlagtext seiner ersten Solo-CD Die schwarze Prinzessin, „habe ich 1997 die Herausforderung Kontrabaß wieder aufgenommen.“ Die Musik zu dieser CD entstand in den letzten zwei Jahren, und in dieser Zeit hat der bibliophile Musiker wohl auch eine Menge... lesen
ein versuchter tod und seine vorgeschichten
Georg Payrs Roman über seelische Verwesung in der Kleinstadt
Geor Payr: Vom Drücken des Schuhs. Roman
Der lange, dünne, zerbrechliche Albert ist von einer Brücke gesprungen, in ein ausgetrocknetes Flussbett hinein. Ein Studentenspargel, eine Bohnenstange. Ein Häufchen Elend jetzt, da er ohnmächtig im Krankenhaus liegt und nicht wieder erwachen will. „Wo drückt dich der Schuh, mein Junge“ wird man ihn fragen, falls er wieder hochkommen sollte. Wo drückt der Schuh: eine erschreckend deutliche Metapher für das Unge... lesen
das mensch, das unkind
Christine Werners Roman über das Schicksal von Frauen und über eine Familie
Christine Werner: Eine Handbreit über dem Knie
„Wer nicht einmal bis zur Türklinke reicht, darf nicht mitreden.“ Die Nazis schleppen Trixis Vater davon. Zum Glück kann sich, wer nicht einmal zur Türklinke reicht, im Wäschekorb verstecken. Und wer bald auch einen arischen Stiefvater hat, braucht sich gar nicht mehr zu verstecken. „Das ist das Schicksal, Trixi... Ein rosa Ding mit Flügeln“, sagt Mamuschka. Das Schicksal bestimmt über Mamuschka und Trixi... lesen
irdische sehnsüchte
Eugenie Kain: Sehnsucht nach Tamanrasset. Sechs Erzählungen
Mit Eugenie Kains Sehnsucht nach Tamanrasset landen wir auf einem anderen Planeten. Er ist weniger romantisch, härter, echter, und gerade deswegen für real existierende Lebewesen bewohnbar. Die sechs Erzählungen in Sehnsucht nach Tamanrasset sind auf der Erde angesiedelt, mitten in Österreich und oft am Rande der hiesigen Gesellschaft. Dass die Autorin und Journalistin Kain als Trainerin im Sozialbereich arbeitet... lesen
blaues gewäsch
Sylvia Treudl: Blues. Geschichten
Wenn Sylvia Treudl den Blues kriegt, dann sind in erster Linie Geschichtlein angesagt, angereichert mit Ungetümen von Metaphern, die runter gehen wie ranziges Öl. „Denn immer, wenn sie am wenigsten darauf Wert legt, überrollen sie Assoziationen der bittersten Sorte wie Gischtwolken eine Sandburg“, beschreibt den Parcours durch die frisierte Landschaft von Treudls Texten am besten. Unter welchen Gesichtspunkten die... lesen
himmlische qualen
Franzobel: Phettberg. Eine Hermes-Tragödie
„Wir schreiben das Jahr 1999. Sternenzeit. Hier ist Capitain Hermes Phettberg, Commander der Enterprise Gumpendorf. Eine unwahrscheinliche Penetrationsmanie hat uns erfaßt. Eine unwahrscheinliche Fortpflanzungshysterie hat uns erwischt. Alle Flüssigkeit versucht uns zu befruchten. Bald werden wir verdaut sein. Liebe Nachwelt, hier ist der Notstand ausgebrochen. Lauter Fälle aus der Psychiatrie, alles Österreicher... lesen
Rezensionen der Ausgabe 01 - weltenende
tanz ums grab
Nigel Barley: Tanz ums Grab. Aus dem Englischen von Ulrich Ulrich Enderwitz
In seinem neuesten Buch, Tanz ums Grab, setzt sich der britische Star-Ethnologe Nigel Barley kritisch mit Todesvorstellungen, Begräbnisritualen und den Beziehungen zwischen Lebenden und Toten in verschiedenen Kulturen auseinander. Die Ausführungen des Autors von Bestsellern wie Traumatische Tropen oder Traurige Insulaner sind anekdotenreich, und seine Quellenkenntnis, die er souverän einsetzt, ist beeindruckend. Der Tod... lesen
vielschichtige verquerungen
Dieter Sperl hat mit seinem zweiten Prosabuch, „Alles wird gut“, so etwas wie einen Roman vorgelegt
Dieter Sperl: Alles wird gut
„..., aber es ergibt keinen Trost mehr, sagt Paul, nur weil wir nicht mehr tiefer sinken können, wir weinen ja um fast nichts mehr, wir simulieren ja nur noch Bedeutung, ruft Paul, permanentes Auftauchen und Verschwinden, bleibt alles wie es ist so ein Stillstand/Strohstand, wir haben die Zeit einfach weggeschafft, weggekehrt, der Boden besteht aus Steinfliesen, ...“ Dieter Sperl, bisher vor allem als experimentel... lesen
drehen am gewinde der wahrnehmung (1)
Margret Kreidls „In allen Einzelheiten. Katalog“
Margret Kreidl: In allen Einzelheiten. Katalog
Manchmal schade, irgendwie toll, zeitweise un- bis doch noch interessant. Die Form des Katalogs generiert zumindest zwei Assoziationen. Er vibriert in einer Spannung von einerseits altehrwürdiger Aufzeichnungstradition und andererseits ist er manifester konsumpornographischer Ausdruck unserer kapitalistischen Warenwelt. Das heißt genauer: Über den Katalog war und ist es möglich, Objekte und Geschehnisse festzuhalten und über diese... lesen
drehen am gewinde der wahrnehmung (2)
Judith Fischers „mimose.schneckenhaus“
Judith Fischer: mimose.schneckenhaus
In der Textgestalt auf den ersten Blick ähnlich, dann aber doch anders, ist die letzte Veröffentlichung von Judith Fischer, mimose.schneckenhaus. Fischer verwebt in ihrem Text zwei Stränge, jenen über die Mimose mit jenem über das Schneckenhaus. Sie addiert im wahrsten Sinne des Wortes Textstellen, wozu sie neben dem Selbstverfaßten Gedichtausschnitte, Songfetzen, Eintragungen aus naturwissenschaftlichen Sachbüchern, Notizen u.a... lesen
froschsein ist die hölle
Die Sumpfbücher von Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger
Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger (Hg.): Die Sumpfbücher
Hätte er sich doch nie von ihren schönen Tränen erweichen lassen und ihr die goldene Kugel nicht wieder aus dem Brunnen heraufgeholt. Denn natürlich wollte der Frosch auch eine Belohnung. Keine große, nein, bloß einen Kuß von der hübschen Prinzessin. Das war ja nun wirklich nicht zuviel verlangt. Ganz ohne Zunge, und nein, er wollte auch keine Gegenstände in ihre Genitalien einführen. Nichts dergleichen. Und... lesen
von der endlosigkeit des unsinns ...
Zur 98er-Romankollektion von Franzobel
Franzobel: Böselkraut & Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois
Mit zwei Prosabänden wartet Franzobel heuer auf: der eine treibt ohne Geschichte aus zu einer Art Sprach-Spüle, und der andere versucht eine Art „Kindergeschichte für Alt und Jung“. In letzterem erzählt Franzobel die Geschichte des Duumvirats Böselkraut & Ferdinand, das auf der Suche nach Böselkrauts Hund Knödel eine Kidnapperbande aufdeckt. Ferdinand ist ein gleich einem Kinderbuchdedektiv kombinier-erpich... lesen
von besseren und schlechteren sätzen (1)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
Günther Geiger: Exit Vienna
„alkpoeten geifern herum, oder pennen. 10 krügel hintereinander & kopf auf den tisch. einsamkeit, trauer, depression in der übervollen gaststätte. fertig, aus, keine unterhaltung mehr möglich, nur gelalle.“ Dieses Zitat aus Günther Geigers Roman Exit Vienna als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen österreichischen Literatur einzusetzen wäre, wie sich zeigen wird, unangemessen. Vielmehr ist es der erst... lesen
hurra, wir leben noch (1)
Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt
Walter Klier: Grüne Zeiten. Roman
Über die Situation der österreichischen Literatur zu klagen, gehört seit rund fünfzehn Jahren zu den Gemeinplätzen des hiesigen Kulturbetriebs. Österreichischen Autoren gehören die Form und das Genie, der restlichen Autorenwelt der Stoff und das Handwerk. Auf diese Formel ließe sich das gängige Vorurteil über die österreichische Literatur bringen. Daß es sich hierbei vor allem um ein Vorurteil handelt, bew... lesen
mögen sie roseanne?
Lilly Bretts erfolgreicher Roman „Einfach so“
Lilly Brett: Einfach so. Aus dem Englischen von Anne Lösch.
Esther ist ständig auf der Suche nach wichtigen Leuten, die wahrscheinlich in der nächsten Zeit sterben werden. Sie arbeitet als Nachrufredakteurin für eine Zeitung. Esther ist ein Mensch, der sich um die Toten kümmert, damit sie nicht gleich vergessen werden. Esthers Eltern sind Juden. Es ist wichtig für Esther, daß sie Jüdin ist. Esthers Eltern waren beide im Konzentrationslager. Sie haben das Ghetto von Lodz... lesen
von besseren und schlechteren sätzen (2)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
Gerhard Jaschke: Stubenrein
Für Sprachübungen und Kunststücke ganz anderer Sorte ist der „König des Anagramms“ Gerhard Jaschke zu haben. Jaschke ist der Herausgeber von Freibord. Zeitschrift für Literatur und Kunst, in der er eine Vielzahl literarischer Gattungen sowie Graphiken und Comics von bekannten und weniger bekannten Künstlern in einer abwechslungsreichen, lesenswerten Mischung zusammenbringt. Stubenrein, sein in der Edition Das F... lesen
von besseren und schlechteren sätzen (3)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
SI.SI. Klocker: Grete Gulbransson. Leer-und Wanderjahre einer Dichterin
Ebenso in der Edition Das Fröhliche Wohnzimmer erschienen ist die Auseinandersetzung der Bregenzerin SI.SI. Klocker mit der 1934 verstorbenen Dichterin Grete Gulbransson aus Bludenz. Grete Gulbransson. Leer- und Wanderjahre einer Dichterin. ist schwer einzuordnen. Der Titel spielt auf eine Biographie an, die eigenwilligen Geschichten und Dialoge sind allerdings alles andere als eine Anhäufung von Lebensdaten. Die 1000 u... lesen
von besseren und schlechteren sätzen (4)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
Ronald Pohl: der möwensimulator
Keine angerissenen Geschichten, sondern fein durchdachte, redselige Stücke stellt der Wiener Standard-Theaterkritiker Ronald Pohl in seiner Trilogie der möwensimulator vor. Das die Qualität eines Stücks nicht unbedingt von seiner Aufführbarkeit abhängt, wird hier abermals bewiesen. Denn möwensimulator, acker furcht und schuttumkehr sind auf einer Bühne kaum vorstellbar, sie würden sogar einiges ihrer Ästhetik ei... lesen
von besseren und schlechteren sätzen (5)
Neues aus österreichischen Kleinverlagen
Thomas Hoeps: Pfeifer bricht aus
War anfangs von österreichischer Literatur die Rede, trifft das nicht auf alle Autoren zu: Thomas Hoeps ist Deutscher und hat erst kürzlich in der edition selene den wirklich bemerkenswerten Roman Pfeifer bricht aus veröffentlicht. Ein Buch, aus dem man keinen Schnappschuß, sondern einen ganzen Film als Erinnerung speichern möchte. Hier trifft Lust und Talent zum Erzählen auf ein Feingefühl für Menschen und ihre... lesen
hurra, wir leben noch (2)
Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt
Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Roman
Auch Thomas Glavinic hat sein Handwerk gelernt, auch er „kann schreiben“, ohne es dem Leser mit jedem Satz beweisen zu müssen, er baut seine Geschichte(n) effizient und spannend auf, liefert ganz einfach „brauchbare“ Geschichten, das pralle Leben, kurz: Er weiß etwas zu erzählen. Der Österreicher Carl Schlechter war einer der weltbesten Schachspieler seiner Zeit. Er hielt 1910 einen Weltmeisterschaftksampf... lesen
hurra, wir leben noch (3)
Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt
Gabriel Loidolt: Hurensohn. Roman
Gabriel Loidots Roman Hurensohn ist ein „österreichisches Buch“, in dem die (gesellschafts)politischen Themen und Befindlichkeiten zwischen Soziologiekursen, Zeit im Bild, Krone, täglich Alles und „gesundem Volksempfinden“ durch einen interessanten Plot in einen Erzählzusammenhang gebracht werden. Durch die Präzision und Authentizität der Beschreibung gewinnt Loidolts Roman an Relevanz, denn die Figuren des R... lesen
michal viewegh shooting star
Der tschechische Autor, der in seiner Heimat mit dem Prädikat „kult“ versehen wurde, kann auch in der deutschen Übersetzung durchaus Lesesuchterscheinungen auslösen
Michal Viewegh: Blendende Jahre für Hunde. Roman. Aus dem Tschechischen von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke
Es gibt Bücher, wenn man die gelesen hat, möchte man eine Zeitlang kein anderes anrühren, weil man weiß, besser kann es nicht mehr kommen. Die Bücher des Tschechen Michal Viewegh sind auf dem Gebiet der Satire so ein Fall. Zwei sind heuer auf Deutsch erschienen. Erziehung von Mädchen in Böhmen, Vieweghs vierter Roman, kam im Frühjahr in der Übersetzung von Hanna Vintr bei Deuticke heraus. Sein Erstling Blendende... lesen