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edition schreibkraft sucht Beiträge für Heft 33, "anlegen"

Ein Anlageberater ist vieles. Er ist Berater in finanziellen Belangen, er ist für manche vielleicht der Hoffnungsträger auf eine bessere Zukunft, vielleicht ist er auch Anlaufstelle für Kummer und Sorgen, einem Barkeeper nicht unähnlich. Eines aber ist er sicher nicht: Er ist kein Coach für Nahkampftraining. Diese Erkenntnis wollen wir Ihnen mit auf den Weg geben – er kümmert sich vielmehr um Ihre Prosperität (Typ A: der seriöse Anlageberater) oder eher um seine eigene (Typ B: der unseriöse Anlageberater). Experten des Typs B sollten wiederum die Konsultation des oben erwähnten Nahkampfcoaches in Erwägung ziehen, da ihre Kundschaft leicht in Versuchung geraten könnte, sich mit ihnen anzulegen, will heißen: die körperliche Auseinandersetzung zu suchen. Sie, die Anlageberater, würden so unfreiwillig auf überraschende Schnittflächen im weiten Bedeutungsfeld des Begriffs „anlegen“ gestoßen. Denn anlegen können wir vieles.

Wir können Geld anlegen im Sinne von: Vorsorge treffen, dass die materielle Zukunft nicht allzu schlimm ausfalle. Oder, um es mit einem historischen Claim der österreichischen Raiffeisenbanken zu sagen: „Geld macht glücklich, wenn man rechtzeitig drauf schaut, dass mans hat, wenn mans braucht.“ Hat man zwar rechtzeitig drauf geschaut, würde es benötigen, es ist aber dennoch keinerlei Vermögen verfügbar, dürfte Typ B (der unseriöse Finanzberater) im Spiel gewesen sein – vielleicht ist aber auch die hochspekulative zweitrangige Anleihe, die sie zeichnen mussten, weil ihr Sparbuch mit heißen 0,15 Prozent verzinst war, niemals ausbezahlt worden. (Stichwort: Vom System gefickt!)

Wir können aber auch uns anlegen: im positiven Sinne und rechtlich abgesichert im Nahkampftraining, etwas unklarer im Ausgang in Form von juristischen Auseinandersetzungen und im Allgemeinen wenig goutiert in Form von körperlichen Übergriffen. Noch besser als die geschmeidige Beherrschung von Martial Arts jedweder Provenienz wäre folglich eine solvente Rechtsschutzversicherung oder – am besten - eine Zusatzausbildung in Rechtswissenschaften, um den Instanzenweg durchzustehen. Zweiteres wohl auch dann, wenn wir es darauf anlegen, uns nicht nur mit einem kleinen Berater (Typ B), sondern dem (kapitalistischen) System als Ganzem anzulegen, Stichwort Degrowth oder Post-Extraktivismus.

Am Ende der Fahnenstange sind wir damit aber längst noch nicht angelangt: Ein erfolgreicher Geschäftsmann (z.B. Anlageberater Typ B) oder Erbe eines erfolgreichen Anlageberater-Typ-A-Kunden kann mit seiner Motor- oder Segeljacht am Kai anlegen, jeder und jede andere – metaphorisch gesprochen - im Hafen der Ehe. Historisch betrachtet stellte das für viele ja die wichtigste Möglichkeit dar, finanziell vorzubauen. Ein Stück zurück in der Historie legte man – apropos Fahnenstange – auch Ritterrüstungen an (und noch heute den Sicherheitsgurt). Ausgedient hatte der Harnisch bekanntermaßen mit der Etablierung der Feuerwaffen und – exakt – die werden ebenfalls angelegt; von Jägern und Jagdgästen gerne auch mal auf einen Zwölfender.

Kurz: Der Begriff scheint in einem komplexen Bezugsystem aus Geld und Gewalt gefangen. Doch nein: In der Küche kann z.B. der Verzicht auf Schmalz dazu führen, dass sich etwas anlegt. Gemeint sind hitzebedingt am Topfboden verkrustete Strukturen. Wer nicht aufs Schmalz verzichtet, riskiert wiederum, dass sich dieses in der Bauchgegend anlegt. Nennen wir es: die eiserne Reserve.

Ihr Nachbar übt um 4 Uhr morgens Sonaten am Klavier? Ihr Arbeitgeber findet, ein 11-Stunden-Tag habe noch niemandem geschadet und Ihre Kunden meinen, Sie seien deren persönliches Gut, über dessen Zeit sie jederzeit verfügen können? Dann ist es Zeit, Grenzen zu ziehen, schlimmstenfalls unter Hinzuziehung diverser Mittel der Streitkultur: Gebrüll, Drohungen, Vorwürfe oder Rechtsanwälte – suchen Sie sich eines aus. Wie aber streiten im Zeitalter der Political Correctness, in dem Beschimpfungen Veganer verletzen könnten (blöde Sau) oder unter Berücksichtigung der vor allem in den sozialen Medien inflationären Verwendung von unsinnigen Argumenten? Schicken Sie uns Ihre Gedanken zum Thema Streitkultur, feinden Sie uns an oder senden Sie uns die Kennzahlen Ihres Fonds –es liegt an Ihnen.

Schreiben Sie uns! Einsendeschluss ist der 15. Juli 2018. Einsendungen bitte elektronisch an: schreibkraft@mur.at



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