schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 01 - weltenende der kosmische kampf gegen lange weile
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/01-weltenende/der-kosmische-kampf-gegen-lange-weile

der kosmische kampf gegen lange weile

brigitte fuchs | der kosmische kampf gegen lange weile

Schafft eins, zwei, viele Weltuntergänge

Am Anfang war universelle L/langeW/weile: „Die Mutter hatte keine Gestalt, sie war nichts. Sie war ‚Alúna' (Seele, Wunsch).“ (1) Da schuf sie die erste Welt oder „Sonne“, die unter dem Namen „4-Wasser“ bekannt ist. Da es ihr aber an Erfahrung mit dem Erschaffen von Welten mangelte, fehlte es der ersten aller Welten an Tages- und Jahreszeiten, an interessanten Landschaften und Wesen sowie an schmackhaften Speisen. Diese Welt war ohne jede Abwechslung und wurde nach 656 Jahren in einem Regen zerstört, der 52 Jahre dauerte und alle Wesen in Fische verwandelte.

Dieser Weltuntergang erfüllte die Gottheiten Mexikos und Zentralamerikas keineswegs mit Bedauern, es sei denn Chalchiuhtlicue, die sich die erste Welt ausgedacht hatte. Freilich war es ihr bekannt, daß jede Welt nach einiger Zeit für ihren Untergang reif ist: Eine Welt wird geschaffen, sie wird alt und schließlich stirbt sie wie du und ich, wenn auch eine Welt im Gegensatz zu dir und mir immer nur nach Ablauf von 52 Jahren seit dem Anfang aller Zeiten stirbt. Diesem Schicksal konnten in der Folge auch die Welten nicht entgehen, die auf die Wasserwelt folgten: Die zweite Welt „4-Jaguar“ endete, als „die Erde einstürzte und die Sonne nicht weiter bestand“; die dritte Welt „4-Regen“ wurde durch Feuerregen und Flut zerstört, die vierte Welt „4-Wind“ durch einen großen Sturm. (2)

Naturgemäß bleibt von einer Welt, die aus Altersschwäche untergegangen ist, auch etwas zurück; unter jeder Welt liegen die Überreste der Welten, die ihr vorangegangen sind. Das wissen wir, weil es Überreste und Überlebende früherer Weltuntergänge gibt: Die Fische erzählen vom Weltuntergang Nr. 1, die „roten Steine“ vom Weltuntergang Nr. 3 und die Affen sind die Menschen, die den vierten Weltuntergang überlebt haben. Nur wenig wissen wir aus den Schriften über die Überlebenden der zweiten Welt, sodaß wir uns hier auf die Auskünfte der Toba-Weisen aus dem Gran Chaco verlassen müssen: „Nachdem alles zerstört war, erlosch das Feuer (das die Jaguare verursacht hatten). Ein Sturm brach los, und Regenböen peitschten hernieder. Die verwesenden Körper der Kinder trieben auf dem Wasser. Die Toten verwandelten sich in Vögel. Die großen Vögel kamen aus den Körpern der Erwachsenen und die kleinen aus den Körpern der Kinder.“ (3)

Ein Weltuntergang ist kein Weltuntergang, schon gar nicht für wichtigere Gottheiten: Kaum geht eine Welt unter, erschaffen sie eine neue - und das, obwohl die Erschaffung einer Welt mit erheblichen Mühen verbunden ist. So hatten mexikanische Gottheiten unerwartete Schwierigkeiten, als sie die fünfte Welt „4-Bewegung“ schufen. Sie konnten die Sonne schließlich nur dadurch in Gang setzen, indem sich der Großteil von ihnen die Kehlen durchschneiden ließ. Sie opferten sich aber gern, weil eine Gottheit ohne Welt und Publikum wie ein Fisch ohne Fahrrad ist; gewählter drückten diesen Sachverhalt „die Schöpferin, der Schöpfer“ im Buch des Rates der Quiché-Maya aus: „Wir haben es schon versucht (mit unserer ersten Schöpfung), und es ist uns nicht gelungen, daß wir begrüßt und daß wir geehrt wurden. Und so laßt es uns versuchen, ein gottgefälliges (Wesen) zu machen, einen Ernährer, einen Unterhalter.“ (4)

Wieder einmal war es ihnen mißlungen, Wesen mit Verstand zu machen; darauf legten sie aber größten Wert, weil ohne Menschen, die für Unterhaltung sorgen, die Ewigkeit viel zu langweilig wäre. Sie gaben daher nicht auf, und nach vielen Fehlversuchen konnten sie endlich Menschen schaffen, die in der Lage waren, für ihr Amüsement zu sorgen - zumindest bis zum Untergang der fünften Welt, deren Ende „die Alten“ „durch Erdbeben und Hungersnot“ prophezeit hatten. Das verwunderte die Menschen zwar nicht, inspirierte sie aber zu Gesängen, die sehr traurig klingen: „An jenem Tag wird das zarte Blatt zerstört./An jenem Tag werden die sterbenden Augen geschlossen./An jenem Tag sind drei Zeichen am Baum./An jenem Tag sind es drei Generationen, die/ dort hängen.“ (5)

Jesucristo: Godzilla Perus?
Als wieder einmal 52 Jahre um waren, ging die Welt schließlich unter, aber nicht - wie vorausgesagt - durch Erdbeben und Hungersnot; ebensowenig durch eine jener kosmischen Katastrophen oder Kataklysmen, die aus Anlaß von Weltuntergängen meistens ins Spiel kommen. Die Chronik Matichu faßt die Ereignisse jener dunklen Epoche wie folgt zusammen: „2-Ahau-15 [1500-1520]: Pockenepidemie. [...] Es wurde immer noch 11-Ahau-17 [1539-1559] gezählt, als die Spanier sich hier einrichteten. Sie kamen aus dem Osten und erschienen im Land der Maya zuerst im Jahr 1513. 9-Ahau-18 [1559-1579] begannen die Taufen und die Christianisierung. [...] Das erste Erhängen von Menschen endete im Jahr 1526. [...]“. (6)

Es handelt sich, wie wir sehen, nicht eigentlich um einen Weltuntergang, obwohl viele Menschen durch die Inquisition und andere Behörden getötet wurden und noch mehr Menschen an Seuchen starben.

In den Anden macht man noch heute für diese Katastrophe ein Monster verantwortlich, das unter dem Namen „Jesucristo“ oder „Espanarrí“ bekannt ist. Dabei handelt es sich um einen bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Bruder des Inka - desselben Inka, der gemeinsam mit seiner Frau Coya die Menschen zivilisiert hatte. Dona Maria aus Ayacucho, Peru, berichtet, wie eifersüchtig daraufhin Jesucristo auf die Fähigkeiten seines Bruders Inka wurde: „Warum ist mein Bruder so mächtig und warum kann er alles machen? Mich sollen sie verehren, nicht ihn, [...]. Ich bin viel schöner als er, und ich habe größere Geschlechtsteile.“(7) Die Berge erzitterten, als sie diese Rede hörten, sie stürzten aber nicht ein und wir erfahren von Don Isidoro die Fortsetzung dieser Geschichte: Jesucristo trachtet Inka nach dem Leben und erbittet vom Mond die Schrift, die Inkas Autorität untergräbt. Noch schlimmer aber sind die Pumas, die Jesucristo schließlich dabei helfen, seinen Bruder zu töten. Schließlich schneidet Jesucristo dem Inka den Kopf ab: „Dann ließ er Kirchen bauen.“ (8)

Jesucristo ist eine Bestie, die den berühmten Zerstörer Tokyos, Godzilla, bei Weitem übertrifft. Godzilla verursacht zwar Erdbeben, aber nicht absichtlich; Godzilla hat auch sympathische Züge, denn seine Vorliebe, Atomkraftwerke und Atomsprengköpfe zu fressen, macht ihn auch zu einem Beschützer der Menschen. Er ähnelt darin Pele, der Göttin, die in den Vulkanen Hawaiis wohnt. Sie wird oft zornig, dann spuckt sie Feuer und Lava und verwüstet die Gegend; sie macht aber auch neues Land. Wie Godzilla besitzt sie sowohl ergebene Fans als auch Feinde. (9)

Jesucristo hingegen tut überhaupt nichts, was nützlich ist oder ihn auch nur im entferntesten sympathisch erscheinen läßt. Er ist noch schlimmer als die blutsaugenden Seelen der Verdammten oder der Naqaq, der „Schlächter der Anden“, der seine Opfer hypnotisiert, ihren Rachen aufschlitzt und ihren Körpern das Fett entzieht. (10) Jesuchristo ist das Böse schlechthin; er handelt aus Haß und Eifersucht, obwohl er - im Gegensatz zu Inka - nicht bereit ist, sein Blut zu vergießen, um die Erde und das Universum günstig zu stimmen. Jesucristo ist daher nichts anderes ist als eine Erscheinungsform Satans, der seine Dämonen auf Seelenfang ausschicken wird, sobald die Welt in nicht allzu ferner Zukunft untergeht: „Im Jahr 2000 wird die Erde untergehen. ... Es wird außergewöhnliche Zeichen geben: Menschen mit zwei Köpfen, Tiere mit fünf Pfoten und andere solche Dinge. Auch die Teufel (Antichristen) werden erscheinen, dies sind die Söhne der Pfarrer. Man wird riesige Sterne sehen, die an uns vorbeiziehen ... Und der Cosipata, der feuerspeiende Berg, tötet alle Menschen.“ (11)

Vorbei die Zeiten der vielen Weltuntergänge; vorbei die Zeiten der neuen und verbesserten Weltschöpfungen durch experimentelles Denken und Träumen (12); vorbei auch die Zeiten, in denen sensible Haustiere die Menschen der Anden vor dem einen oder anderen Weltuntergang warnten: „(E)inen Monat bevor die Flut kam, waren ihre Schafe sehr traurig. Am Tag fraßen sie nichts, und nachts blickten sie zu den Sternen auf, so daß der Hirte, der sie bewachte, fragte, was mit ihnen sei. Sie antworteten, sie würden zu den Sternen schauen, da diese in einem Bild stünden, welches besagt, daß die Welt in Fluten versinken wird.“ (13)

Natürlich wurde der Hirte mitsamt seinen sechs Kindern gerettet und wir lernen: Weltuntergänge sind im Prinzip harmlos; Ereignisse, die keine Weltuntergänge sind, sind es hingegen oftmals nicht.

Weltuntergänge der dritten Art
Noch etwas Zweites lernen wir: Wenn Schafe in der Lage sind, die Zeichen der Weltuntergänge zu erkennen, dann können das auch Priester, Gelehrte, Politiker und Journalisten. Sie alle (außer den Schafen) haben in den vergangenen 500 Jahren an der Verbreitung der Auffassung gearbeitet, daß es nur einen einzigen Weltuntergang gibt; ebenso haben sie daran gearbeitet, dieser Auffassung eine reale Grundlage zu verleihen.

Trotzdem verwechseln sie meistens den „Weltuntergang“ mit dem „Untergang des Abendlandes“ (auch „der Kultur“), sodaß es ziemlich sicher ist, daß „der Weltuntergang“ aus folgenden Gründen nicht stattfinden wird:

- Sünde/Satan (passé)
- Materialismus (jedenfalls)
- Prostitution, Masturbation, Homosexualität (ziemlich passé)
- Schmutz + Schund (immer wieder)
- Egalité (jedenfalls)
- die jüdische Weltverschwörung (u. a. Zaren, Päpste, Hitler, Waldheim)
- die sozialistische/kommunistische Weltverschwörung (ziemlich passé - bis zum nächsten Mal - dafür aber:)
- Gewerkschaften/Sozialleistungen (M. Thatcher, viele Regierungen)
- das Ausland/AusländerInnen/Aliens (verschiedene Regierungen; Hollywood)
- Hybridisierung bzw. „Rassenmischung“/Immigration (Gobineau 1854; u. a. Hitler; Haider)
- (schleichende) Verwandlung von Frauen in Männer durch den Feminismus (auch ziemlich passé)
- (schleichende) Verwandlung von Männern in Frauen durch im Wasser gelöste weibliche Hormone (University of Manchester) (14)
- muslimische Verschwörungen/Asien (der Papst 1456 u. a. weitere Päpste, die meisten westlichen Regierungen)
- afrikanische Epidemien/Afrika
- britische Epidemien
- Genverseuchte Nahrungsmittel, vorwiegend aus dem Ausland (die österreichische Regierung 1997, ORF)

Einige dieser Gründe verbreiten immerhin Kurzweil.

 

_________________________________________

1) Überlieferung der Kogi, vgl. Reichel-Dolmatoff, Gerardo, Los Kogi, Bogotá 1985.

2) Bierhorst, John, The Mythology of Mexico and Central America, New York 1990: 131f.

3) Gretenkord, Barbara et. al., Vater Regen – Mutter Erde. Indianische Legenden und Mythen aus Lateinamerika, Freiburg 1994; S. 110.

4) Popol Vuh. Das Heilige Buch der Quiché Guatemalas. In der Übersetzung von Edurard Seler, hgg. von Gerdt Kutscher, Berlin 1975, S. 50, Sp.1.

5) Maya-Gesang, zit. nach Brinton 1882, S. 127 zitiert nach Gretenkord, a.a.O.,: S. 92.

6) „Chilam Balam“, in: Arias-Larreta, Abraham, Pre-Columbian Masterpieces. Popol Vuh, Apuollantay, Chilam Balam, Kansas City 1968, S. 145.

7) Maria de García (Ayacucho 1972), „Inka Huamanga“, vgl. Hermes, Gundula, Otorongo und Puma. Ethnohistorische Studien, Regensburg 1995: S. 157; S. 212f.

8) Isidoro Huamani (Ayacucho 1971), „Mito de la Escuela“, vgl., Hermes, a.a.O., S. 158; S. 213-14.

9) Diab, Elisabeth, Hawaii, in: Larrington, Carolyne; Die mythische Frau. Ein kritischer Leitfaden durch die Überlieferungen, Wien 1997, 358-385, bes. S. 380ff.

10) Harvey, Penelope, Südamerika: Anmerkungen zur Interpretation des Mythos. In: Larrington, a.a.O., 456-480, S. 449f.; 473.

11) Vgl. Gretenkord et al., a.a.O., S. 91.

12) Oder Rauchen; als gute Nachricht für alle RaucherInnen sei der Schöpfungsmythos der Tariana (nordwestliches Amazonasgebiet) erzählt: „Als die Erde noch nicht existierte, so sagt man, lebte ein junges Mädchen ... allein im leeren Raum, Sie sagte: ‚Ich lebe allein, möchte aber eine Erde mit Menschen haben.‘ Sie suchte nach Tabak, um zu rauchen. [... Sie] drehte Tabak von ihrem Körper und formte eine Zigarre. [...] Daraufhin zog sie an der Zigarre und wünschte sich, den Menschen Leben zu geben. Sie schuf auch Ipadú (Kokapflanze), nahm die Pflanze und rauchte die Zigarre. [...] Als sie das dritte Mal rauchte, verwandelte sich der Rauch in einen menschlichen Körper. [...]“, vgl. Gretenkord et al., a.a.O., S. 28.

13) Gretenkord et al., a.a.O, S. 90.

14) Dem kann allerdings durch den ausschließlichen Konsum von Alkohol abgeholfen werden.