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der wassermann vom teufelstein

werner schandor | der wassermann vom teufelstein

Sepp Rothwangl zählt die Tage bis zum Jüngsten Tag - und liefert Erklärungen zum Zusammenhang zwischen Astronomie, Mythen, alten Sternbildern und Religion

Mit ganzer Kraft verschreibt sich der aus dem Mürztal stammende Forstwirt und Archäoastronom Sepp Rothwangl der bevorstehenden Jahrtausendwende. Wir trafen den unkonventionellen Denker am Tag 529 vor 2000, um mit ihm über den Teufelstein in den Fischbacher Alpen, alte Sternbilder und ihren Einfluß auf Zeitrechnung, Mythologie und Religion zu sprechen - Themen, die der Autodidakt in seinem kürzlich erschienen Buch Sternstunde 2000. Countdown zum Jüngsten Tag zusammenfaßt.
Rothwangl verfolgt in seiner Arbeit mehrere Ansätze: Sein persönlicher Zugang zum exotischen Forschungsgebiet der Archäoastronomie, die sich mit den astronomischen Kenntnissen alter Kulturen beschäftigt, erfolgte über den 1200 Meter hoch gelegenen Teufelstein, einer von Menschenhand modellierten, ca. zehn Meter hohen Felsformation, die, so Rothwangl, nicht nur zu anderen vorchristlichen Kultstätten der Region in bestimmten geometrischen Beziehungen stünde, sondern auch auf bestimmte Formationen am Sternenhimmel ausgerichtet sei und dadurch Zeiteinteilung mittels Peilung ermöglichte. Frühzeitliche Peilsteine wie der Teufelstein finden sich im ganzen europäischen Raum, am bekanntesten ist sicher der Steinkreis von Stonehenge.
Der zweite Ausgangspunkt für Rothwangls Theorien ist die Präzessionsbewegung der Erde. Damit wird jenes Schlingern der Erdachse bezeichnet, das bewirkt, daß die Verlängerung der Achse im Zeitraum von 25.600 Jahren einen Kreis in den Sternenhimmel schreibt. Auf diesem gedachten Kreis liegen am Nordhimmel vier mit freiem Auge sichtbare Sterne, die jeweils im Zeitraum weniger tausend Jahre als Nordstern wahrgenommen werden. Seit 2.000 Jahren ist Phoenice im Sternbild des kleinen Wagens der Nordstern. Vor 5.500 Jahren war es Thuban im Sternbild des Drachens, der im alten Ägypten auch Schakal genannt wurde. Rothwangl im Buch: „Die Menschen hatten einen fixen Orientierungspunkt am Himmel gefunden, der ihnen auch auf der Erde diese Orientierung gab.“
Für Sepp Rothwangl liegt es nahe, daß die Etablierung von Hochkulturen mit dieser zeitlich-räumlichen Orientierungsmöglichkeit verbunden war, erlaubte sie es doch, astronomische Geschehnisse vorherzusagen und die jahreszeitlich günstigsten Zeitpunkte für Aussaat oder Ernte bekanntzugeben. Damit verbunden war der Aufstieg einer mächtigen, sternkundigen Priesterkaste und die Herausbildung von Ritualen, die sich in vom Himmel abgelesenen Zeitaltern widerspiegelten: Bei den alten Ägyptern war der Stier jenes Sternbild, das über Jahrhunderte am Morgen des ersten Frühlingstages vor Sonnenaufgang im Osten im Himmel stand. Rothwangl bringt damit ägyptische Stierkulte in Verbindung. Ebenso setzt er das nachfolgende Zeitalter des Widders in Beziehung zu alttestamentarischen Opferritualen, an die im Christentum noch die Formel vom „Lamm Gottes“ erinnert.
Die Priesterkaste alter Zivilisationen konnte die im Laufe der Zeit herausgebildeten Kulte allerdings nicht an die veränderten astronomischen Bedingungen anpassen: Der scheinbar starr am Himmel stehende Nordstern war gewandert, die Berechnungen passten nicht mehr zu den Tatsachen. Dadurch seien die Kulturen, die sich auf ihre Berechnungen verließen, ins Wanken geraten und relativ rasch untergegangen. Denselben Mangel an Flexibilität ortet Rothwangl auch heute bei den zwar sternunkundigen, aber nicht weniger mächtigen Vertretern die Kirche - zumal diese Institution nach wie vor durch das Kalender- und Zeitmonopol in der christlichen Welt enormen Einfluß auf die Menschheit ausübt.
Unter archäoastronomischen Vorzeichen verheißt der Wechsel vom christlichen Zeitalter der Fische zu jenem des Wassermanns, der heuer vonstatten ging, nichts Gutes für die Kirche. Ihr Untergang und jener der gesamten Menschheit ist in der Apokalypse des Johannes beschrieben. Rothwangl nimmt dieser Schreckensvision das Grausen, indem er sie aus astronomischer Perspektive betrachtet und sie als metaphorisch und psychotisch aufgeladene Beschreibung des Sternenhimmels von Jerusalem am Frühlingsbeginn im Jahr 2000 zu dechiffrieren versucht. Im Jüngsten Tag sieht er nicht den Weltuntergang, sondern höchstens einen Weltbilduntergang und somit den ersten oder neuesten, also jüngsten Tag eines neuen Zeitalters und Paradigmas.
Weder die Apokalypse des Johannes noch eine weitere astronomische Besonderheit am 5. Mai 2000, die sogenannte „Perlenreihe der Planeten“, bei der sämtliche Planeten beinahe exakt in einer Linie stehen, führen bei Rothwangl zu Untergangsstimmung oder esoterischen Ermahnungen zur inneren Einkehr. Im Gegenteil: Im Gespräch garniert er seinen emphatischen Antiakademismus, der von einer gesunden Abneigung gegen Esoterik und Astrologie begleitet wird, immer wieder mit homerischem Gelächter.

schreibkraft: Warum soll heutzutage, wo sich die Gesellschaft nicht mehr am Sternenhimmel orientiert, der Wechsel vom Fische- zum Wassermannzeitalter Auswirkungen haben?

Rothwangl: Die Frage stelle ich mir auch immer wieder, das werde ich immer wieder gefragt. „Wir sind ja aufgeklärt, also was soll das heute noch?“ Ich denke auch, wir brauchen das in Wirklichkeit auch nicht.
Ich kann nur sagen, ein Wechsel eines Zeitalters hat bisher Einfluß auf die Menschheit gehabt, und wenn es ihn jetzt aber nicht mehr hat, dann haben auch die Religionen keinen Einfluß auf die Menschheit mehr. Haben die Religionen einen Einfluß, dann hat auch der Wechsel des Sternzeitalters einen Einfluß, um das logisch zu formulieren. Ich kann das nur so umschreiben.

schreibkraft: Die Sternzeitalter stehen doch auch in Verbindung mit menschlichen Entwicklungsstufen. Wird das neue Zeitalter die jetzige Stufe des „homo faber“ und sein Grundprinzip der absoluten Machbarkeit ablösen und einen „neuen Menschen“ mit einem veränderten kollektiven Bewußtsein hervorbringen?

Rothwangl: Das kann man nicht so sagen, „neuer Mensch“, das ist so ein blödes Schlagwort von irgendwelchen Esoterikern, Sektenführern oder Gurus oder was auch immer. Ich denke, es ist ein zeitlicher und religiöser Paradigmenwechsel angesagt. Die bisherigen religiösen Wahrheiten werden zu Märchen. Wenn man sich die heutigen Kinder anschaut, dann schimpfen die Gläubigen und die „Fundamentalisten“ und sagen „Die Kinder sind gottlos.“ In Wirklichkeit orientieren sie sich ganz einfach neu, sie finden eine neue Realität.

schreibkraft: Gibt es überhaupt ein Bewußtsein für einen bevorstehenden Zeitenwechsel?

Rothwangl: Ich denke mir schon, daß sehr viele Leute durch das Jahr 2000 an Kalendern generell höchst interessiert sind. So ein Jubiläum ist immer ein Grund zurückzuschauen und sich zu fragen: „Was war am Anfang?“ Ähnlich wie beim Jubiläum 1000 Jahre Österreich Rückschau auf das Jahr 996 gehalten wurde, werden sich im Jahr 2000 viele Leute fragen: „Was war eigentlich im Jahre 0?“

schreibkraft: Das Jahr 2000 wird vielleicht auch Grund sein, sich zu überlegen, warum schreiben wir jetzt das Jahr 2000 und nicht irgendetwas anderes wie in anderen Kulturen.

Rothwangl: Genau. Und ich denke auch, daß andere Kulturen, die andere religiöse Kalender haben, sich auch fragen werden, warum sollen wir weltweit ausgerechnet einen christlichen Kalender haben? Nicht einmal die Wirtschaft will diesen Kalender haben. Die Wirtschaft selber hat schon eine Menge anderer Modelle entwickelt. Die wollen einen Zehner-Kalender, einen mit Zehn-Tages-Rhythmus.

schreibkraft: Von wem werden diese Überlegungen forciert?

Rothwangl: Es gibt Kalenderkommissionen von internationalen Wirtschaftsvereinigungen, und die haben schon x Anträge gestellt. Und es gibt auch weltweit mehrere sogenannte Kalenderreforminstitute, die also die Kalenderreform betreiben. Aber es ist natürlich so: Eine Kalenderreform ohne breiteste Zustimmung der Bevölkerung zu machen, ist meiner Meinung nach undurchführbar. Weil das ist Zeiteinteilung. Das ist verinnerlicht erstens, und zweitens: Wollen Sie sich von irgendeinem Dahergelaufenen Ihre Zeit einteilen lassen?

schreibkraft: Das machen wir ja jetzt schon.

Rothwangl: Naja, aber Sie wissen nicht, wer es gemacht hat. Bis jetzt war es der liebe Gott. (Lacht homerisch.) Da fällt mir ein schöner Spruch ein, der das auf den Punkt bringt: Die Zeit, die Zeit selber, die kann von mir aus von Gott kommen, aber die Zeiteinteilung sicher nicht, die ist vom Menschen selbst gemacht.

schreibkraft: Was würden Sie für ein Modell bevorzugen?

Rothwangl: Ich habe schon eines gemacht: Countdown zum Jahr 2000. (Lacht.) Also ich lebe schon sehr lange nur mehr nach dieser Zeiteinteilung. Und es ist eine ausgesprochene Hetz’. Es ist eine irre Gaude, und man kriegt ein völlig anderes Zeitgefühl. Das ist ganz etwas Eigenartiges. Ich habe mir für die letzten drei Jahre vor 2000 für jeden Tag ausgerechnet, welcher Tag das ist. Der 6. April 1997 zum Beispiel war der Tag 1000. Und von diesem Datum ausgehend, habe ich Ihnen für jeden Tag sagen können, was für ein Tag ist. Da gibt es eine ganz einfache Formel.

schreibkraft: Was ist heute für ein Tag?

Rothwangl: 529. - Ich habe mir im Jahr 1996 einen ersten Countdown-Kalender gemacht, das heißt, ich habe sämtliche Tage bis zum Jahreswechsel 2000 durchnumeriert, und das war recht lustig. Ich habe mir im Internet dann angeschaut, was es weiters an Countdown-Kalendern gibt. Es gibt gewaltig viele. Also das ist enorm. Als ich 1996 ins Internet gegangen bin, gab es zwei Seiten. Und es gab ganze zehn 2000-Jahr-Seiten. Und wenn Sie jetzt schauen, kann man das nicht mehr überblicken. Es gibt jetzt schon zwei- bis dreihundert Seiten nur zum 5. Mai 2000.

schreibkraft: Wie stehen Sie zu den jetzt grassierenden Prophezeiungen, Nostradamus und diverse andere Prophezeiungen, die ja auch das Schlimmste voraussagen?

Rothwangl: Es ist mir wurscht, was die Leute prophezeien! Ich selber prophezeie auch nichts, ich sage nur, so viele Tage sind es noch bis dorthin - mehr kann ich auch nicht prophezeien. (Lacht.) Das ist meine Prophezeiung!
Ich habe den Nostradamus nicht gelesen, das interessiert mich auch nicht. Ich denke mir, die Quelle von Nostradamus dürfte ohnehin der Johannes von Jerusalem sein, und das ist ganz interessant. Aber das ist so ein Wischi-Waschi, der Nostradamus, da kann ich eigentlich nicht wirklich etwas finden. Ich denke mir, es ist nur auch wieder ein Zeichen, daß sich die Leute mit der Qualität der Zeit beschäftigen, wenn sie solche Dinge wie Nostradamus lesen und solche Dinge ins Bewußtsein kommen.

schreibkraft: Wer waren ihre Ansprechpersonen bei der Entwicklung Ihrer Theorien?

Rothwangl: In erster Linie Dr. Stolla aus Kindberg [Dr. Hubert Stolla, Rechtsanwalt und Heimatforscher; Anm. der Redaktion]. Er hat die Kalenderfunktion des Teufelsteins entdeckt, aber leider ein bisserl fehlinterpretiert, weil er auf Grund von fehlerhaften geometrischen Daten die Lage des Steines nicht richtig darstellen konnte. Dr. Stolla hat den Stein überhaupt erst entdeckt. Er hat verschiedene vorchristliche kultische Stätten auf der Karte miteinander verbunden, und an einem Schnittpunkt fand er sogar einen Steinaltar, den Megalithaltar von Althadersdorf, der zuvor in keiner Karte verzeichnet war.

schreibkraft: Wer hat den Teufelstein, der ja Ihren Angaben zufolge künstlich behauen ist, bearbeitet?

Rothwangl: Das ist auch so eine Frage, die ein vollkommenes Tabu bei den Archäologen berührt. Es gibt sehr wohl Kalendersteine in Irland und England, die Kalenderfunktion der Pyramiden ist unbestritten, nur bei uns ist es nicht belegt, also leugnen die Archäologen die Tatsache, daß alte Plätze nach astronomischen Gegebenheiten eingemessen worden sind. Es gibt allerdings keine Quellen dazu, und die statistischen, mathematischen Gutachten, die besagen, daß die Lage der Steine so signifikant ist, daß es kein Zufall sein kann, und auch geologische Gutachten, die belegen, daß die Steine künstlich behauen wurden, wollen sie einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Es wird von den Archäologen derzeit noch negiert. Sie halten das für Hirngespinste. Da gibt es schlimmste Kämpfe.
Ich muß aber noch auf die Frage eingehen, wer das gemacht haben könnte: Ich glaube, es geht vielleicht auf ein geradlinig-menschliches Denkmuster zurück. Außerirdische würden sich, denke ich, über unsere gerade Bauweise wundern. Aber das ist eine Denkstruktur des Menschen, daß er alles gerade macht.

schreibkraft: Hat das mit der Fixierung auf einen Fixstern zu tun?

Rothwangl: Ich glaube, das ist das Prinzip der Orientierung, der Peilung irgendwie. Der Mensch ist geprägt, geradlinig zu denken, und wenn er ein bißchen so ums Eck denkt, dann ist er schräg oder verrückt oder wie immer.

schreibkraft: Gibt es im Wissenschaftsbetrieb ausgewiesene Institute, die sich mit Archäoastronomie beschäftigen?

Rothwangl: Es gibt in Essen ein Institut, das einzige mir bekannte im deutschsprachigen Raum. Und es gibt in Amerika ein Institut. Die beschäftigen sich mit amerikanischen Kulturen, aber auch mit ägyptischen und sumerischen Kulturen.

schreibkraft: Wie kommen Sie auf Ihre zum Teil sehr abenteuerlichen Etymologien in Sternstunde 2000, wenn Sie zum Beispiel „Vernunft“ mit dem Hier und Jetzt in Beziehung setzen, weil das Wort „nun“ darin steckt?

Rothwangl: Ich hau’ mich da manchmal selbst ab, was es da an Interpretationen gibt. Ich interpretiere diese Sachen ganz bewußt subjektiv. Darauf gebracht hat mich die Lektüre von Der Name der Rose, wo der Novize Adson das Geheimnis nur dadurch entschlüsselt, daß er einen Vorgang so interpretiert, wie er ihn subjektiv wahrnimmt. Er ist dieser Interpretation nachgegangen und ist auch zum Ziel gekommen, weil es im Prinzip egal ist, wohin man greift, es kommt nur darauf an, daß man hin greift! So würde ich das sagen. (Halbhomerisches Gelächter.)

schreibkraft: Was werden sie am 6. Mai 2000 machen?

Rothwangl: Keine Ahnung. Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe Zukunftspläne, die mit dem Buch zu tun haben. Ich arbeite daran, es möglichst gut zu vermarkten und auch im Umfeld des Buches in Synergie einige Dinge zu bewegen. Es wird in Graz ein Countdown zum Jahr 2000 auf einem Display in einem Lokal starten, vielleicht am Mariahilferplatz oder im Bermudadreieck.
Was für mich schön wäre: wenn mein Buch von der touristischen Seite auch irgendwie aufgegriffen werden würde. Hoffentlich kapieren die Tourismusverantwortlichen im Mürztal, welches Juwel der Teufelstein im Prinzip ist.

schreibkraft: Gibt es weitere Buchprojekte in absehbarer Zukunft?

Rothwangl: Ich habe Ideen ... schwanger, kann ich nur sagen, bis zum geht-nicht-mehr. Aber für mich ist ein Buch Schwerarbeit. Ich muß mich quälen damit, will das dann aber auch so bringen, daß es leicht verständlich ist. Ich kann aber nur zu meinem Thema schreiben. Ich hätte da ein Thema, das nur auf die Venus Bezug nimmt, und das ich in Sternstunde 2000 ganz bewußt nicht eingebaut habe - so eine Art Venus-Kalender oder Maya-Kalender. Ich habe das ausgespart, damit ich schnell einen Stoff habe, falls sich etwas ergibt. Aber ich schreibe sicher nichts, wenn das Buch jetzt keinen Erfolg hat. Für mich schreibe ich es sicher nicht - weil ich weiß es eh ... (Homerischer Lachanfall.)

Mitarbeit: stefan schwar

Sepp Rothwangl: Sternstunde 2000. Der Countdown zum Jüngsten Tag. Graz, edition styria print 1998, 215 S.