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die menschmaschine

jürgen plank | die menschmaschine

Von Graz kommend fährt man zunächst bis Feldbach und dann weiter hinein ins oststeirische Hügelland. Man erreicht Edelsbach, und ab hier wird die Straße immer enger und führt hinauf bis nach Kaag. Dann und wann ein Wegweiser:
„Gsellmanns Weltmaschine“. Die letzte Kreuzung mündet in eine Sackgasse, also ist man angekommen. In einem Raum des Bauernhauses steht sie schließlich: Die Weltmaschine.
Begonnen hat alles am achten Oktober 1958: Der Landwirt Franz Gsellmann sieht in einer Zeitung ein Foto des Brüsseler Atomiums, das anläßlich der Weltausstellung in der belgischen Hauptstadt errichtet wurde. Er packt einen Laib Brot und etwas Speck ein und bricht noch am nächsten Tag nach Brüssel auf, besichtigt das Atomium und ersteht ein Miniaturmodell desselben. Eine Reise, die sein Leben verändern sollte.
Ohne in Brüssel zu übernachten, kehrt Gsellmann in die Steiermark zurück und folgt fortan seiner Vision: dem Bau jener Maschine, die er längst vor Augen hatte. „Mein Großvater hat jahrelang nach einem Anfang gesucht“, sagt Franz Josef Gsellmann, der Enkel des Erbauers. Mit dem Atomium - es stellt die Molekularstruktur des Eisenkristalls dar - hatte Gsellmann den Grundstein für sein Lebenswerk gefunden.
Am Herzstück der Maschine, einer Weltkugel mit integriertem Atomium, hat Gsellmann acht Jahre lang in völliger Zurückgezogenheit gebaut. Niemand durfte die Maschine sehen, und nicht einmal die Familienangehörigen wußten, woran er eigentlich arbeitete. „Die Leute im Dorf haben geglaubt, er baut an einem Flieger“, lächelt der Enkel.
Maria Gsellmann, die Tochter des Erbauers, betritt den Weltmaschinen-Raum. Sie legt einige Schalter um und die Elektromotoren beginnen zu surren. Ein Pfeifen und Klingeln setzt ein. Metallscheiben rotieren, bunte Lichter blinken. Der Ton der Vogelpfeifen wird immer lauter. Das ganze Zimmer ist in Bewegung und plötzlich steht man als Kind vor einem Spielautomaten mit viel zu vielen Hebeln und Knöpfen - oder vor einem postmodernen Christbaum mit elektrischen Kerzen.
Für jeden neuen Besucher beginnt Maria Gsellmann mit ihrer Litanei der Erklärungen: 23 Jahre lang hätte Gsellmann an seinem Werk gearbeitet, ohne Bauplan, nur der eigenen Vision folgend. Die meisten Maschinenteile hätte er auf Flohmärkten gekauft.
Andächtig zählt sie die Bestandteile der Maschine auf: „Eine Sauerstoffflasche, ein Taucherhelm, kleine Windmühlen und der Grazer Uhrturm, eine Trockenhaube, zwei Blaulichter und vier Gebläse vom Porsche-Auto.“ In der Weltmaschine hat alles seinen Platz bekommen, nur der Deckenventilator gehört nicht dazu. Wieder drückt Maria Gsellmann einige Knöpfe - und von neuem wird es Weihnachten.
Es lassen sich auch einige religöse Versatzstücke entdecken: Ein Modell der Kathedrale von Lourdes, ein Herr Jesus am Kreuz genauso wie keltische Symbolik. Und gleich über der von Rosen umkränzten Madonna rudert ein Miniatur-Gondoliere durch den Canale Grande. „Er war schon ein religiöser Mensch“, bestätigt der Enkel, „aber er hat sich mit der Maschine seine eigene Religion, seine eigene Welt geschaffen.“
Gesellig war er, und ein Einzelgänger. So verwundert es nicht, daß die einzigen Freunde Gsellmanns - der Schmied und der Pfarrer von Kaag - genau wie er selbst eine besondere Stellung im Dorf innehatten: der Schmied als Herr über das Feuer und der Pfarrer als religiöser Mittler. Sie waren ihres Berufes wegen angesehen und doch auch Außenseiter und sie waren die ersten, die die Weltmaschine sehen durften.
„Eigentlich hat er die Maschine den Menschen vorgezogen. Wenn er nicht daran gearbeitet hat, dann hat er daran gedacht“, sagt Franz Gsellmann junior.
So konnte es vorkommen, daß Gsellmann die Feldarbeit unterbrach und zum Haus lief, um eine eben gefaßte Idee für den Weiterbau an der Maschine umzusetzen.
Gsellmann trug Teil um Teil zusammen und baute einfach immer weiter. Die Spielzeug-Weltraumkapsel ließ er sich für teures Geld aus Japan liefern. Einige Teile wurden - allerdings unter strenger Geheimhaltung - vom Dorfschmied zusammengefügt: Während dessen Arbeit mußten die Gesellen die Werkstatt des Schmieds verlassen.
Indessen wuchs die Weltmaschine und nahm bald den gesamten Raum ein. Um weiterbauen zu können, mußte Gsellmann selbst immer mehr in die Maschine vordringen - und wurde nach und nach ein Teil davon: Die Menschmaschine.
Im Jahre 1981 verkündete Gsellmann, seine Maschine wäre jetzt fertig - und er meinte eigentlich das nahende Ende seines Lebens.
Und so steht die Weltmaschine heute noch in Kaag: Als Werk eines Menschen, der ein Drittel seines Lebens an einer scheinbar sinnlosen Maschine gebaut hat.
Anfangs hatte Gsellmann zwar intendiert, die Maschine sollte irgendwann einmal etwas herstellen, genaue Vorstellungen von einem etwaigen Produkt hatte er jedoch nicht gehabt.
Zu sagen, die Weltmaschine produziere nichts als heiße Luft - die Trockenhaube funktioniert tatsächlich -, übersieht dennoch ihren eigentlichen, nahezu buddhistischen, Sinn: gebaut zu werden.
Die Weltmaschine des Franz Gsellmann ist ein Symbol für die Konsequenz eines Menschen, der wahrscheinlich nicht einmal ein Symbol erschaffen wollte, sondern nur die Verwirklichung seines Traumes.
Maria Gsellmann schaltet die Weltmaschine wieder aus und das Zimmer kommt zur Ruhe. „Wir leben hier am Ende der Welt“, sagt sie. Oder wie es R.E.M.-Sänger Michael Stipe einmal formuliert hat: „It's the end of the world as we know it - and I feel fine.“