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drehen am gewinde der wahrnehmung (1)

Margret Kreidls „In allen Einzelheiten. Katalog“


Margret Kreidl: In allen Einzelheiten. Katalog

Ritter, Klagenfurt 1998

Rezensiert von: hannes luxbacher


Manchmal schade, irgendwie toll, zeitweise un- bis doch noch interessant. Die Form des Katalogs generiert zumindest zwei Assoziationen. Er vibriert in einer Spannung von einerseits altehrwürdiger Aufzeichnungstradition und andererseits ist er manifester konsumpornographischer Ausdruck unserer kapitalistischen Warenwelt. Das heißt genauer: Über den Katalog war und ist es möglich, Objekte und Geschehnisse festzuhalten und über diese Festhaltung einen Ein-Druck einer mehr oder minder präzise umrissenen Wirklichkeitsparzelle zu erlangen. Dabei gilt es, das im Katalog angewandte Verfahren wiederum zu unterscheiden zwischen einer empiristischen Methode des Aufzeichnens und einer Methode des privaten Blicks - Versuch der Objektivität vs. subjektive Bestandsaufnahme. Im Gegensatz zu diesen Varianten stellt der Katalog aber noch anderes dar, nämlich ein Medium der Wahlmöglichkeit, einen Werbeträger für die Warendistribution. In dieser Spielform tritt der Inhalt des Katalogs mit der Wirklichkeit mitunter in Konflikt, denn das Bedeutende, also das im Katalog Präsentierte, und das Bedeutete, das, was das Präsentierte bei Aneignung tatsächlich ist, müssen gerade in nun gemeinten Katalogen nicht mehr eins sein, remember Mehrwert und manipulativen Charakter. Der Inhalt und also der Katalog ist jetzt sowohl das pumpende Leben, weil er greifbares, jedoch nicht immer erreichbares Potential für Leben(sinszenierung) birgt, als auch eine leere, kaputte Wursthülle, weil er in sich durch sich auf sich alleine gestellt nichts darstellt als eben eine möglich erreichbare, aber nicht notwendig ergreifbare Anknüpfstelle für mein oder dein Leben. Das Ausgestellte muß uns nicht interessieren und wir können es beiseite legen, ohne es je besessen zu haben.

Diese Gespaltenheit in der Möglichkeit, was alles ein Katalog sein kann, zieht sich auch durch den Text In allen Einzelheiten. Katalog von Margret Kreidl. Die Autorin, u.a. ausgezeichnet mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis 1994 und dem Literaturpreis der Stadt Graz 1997, prozessiert in ihrem Werk neben anderem auch die Verschiebung katalogtypischer Grenzen. Der Text versammelt in seiner nichtnarrativen Erzählhaltung unterschiedlichste Ausschnitte der Wahrnehmung eines unbenannten Ichs, er kompiliert Auszüge aus der Wirklichkeit. Die Auswahl an Eindrücken schlägt den Bogen von Personenwahrnehmungen über Bildbeschreibungen hin zu (reduzierten?) Kontaktanzeigen. All diese Niederschriften sind Aufzählungen, ausgewählte Darlegungen, uninterpretierte Erkennungen. Lediglich Sinneswahrnehmungen, ohne psychologisierendes oder ausschmückendes Beiwerk. In dieser Form spiegelt der Text wider, was von einem Katalog im Sinne der Werbung erwartet wird: die Ausstellung der „Dinge“. Bloß ein Unterschied ist auszumachen, und der ist gravierend: Wo im Warenkatalog das Bild steht, nimmt dessen Stelle hier der Text ein, sodaß das anpreisende Medium des Warenkatalogs sich aus dieser Funktion zurückzieht und selbst zum Ausgestellten wird. Der Abzug der Sprache von der Funktion als Träger des Mehrwertversprechens, des erklärenden und anpreisenden Zusatzes, kulminiert in der Skelettierung bestimmter Eindrücke bis auf die Grundfeste der Wahrnehmung. So heißt es unter der Teilüberschrift FÜNF ROSEN:

„Zeichnung, Bleistift, Papier. Zeichnung, Bleistift, Papier. Zeichnung, Bleistift, Papier. Zeichnung, Bleistift, Papier. Zeichnung, Bleistift, Papier.“

Kreidl arrangiert sechs Bilder, die sich unterschiedlich ausnehmen. Bloß Rosen, männlich und Tische, weiblich sind jeweils wiederkehrende Mosaike der Einzelbilder. Photobeschreibungen werden abgelöst von Fremd- und Selbstbeobachtungen, Inventurlisten von Geständniskatalogen, ausgestellt werden Skizzen, Skulpturen ebenso wie Sätze. Geographische Verzeichnisse der Windkunde treffen auf persönliche Verortungen situations- und anlaßgebundener Schminktechniken. Und da wären wir bei einem anderen nachhaltigen Punkt des Buches! Das Diffundieren des Öffentlichen mit dem Privaten (die Bilder schreiten vor von Portraits über Auftritte hin zu Geständnissen, Szenen und Träumen), die Aufdröselung der Grenzen, ohne sich um das territorial pissing der beiden obgenannten Typen von Katalogformen zu kümmern, rekurriert auch und gerade auf eine stete Konstante konsumorientierter Kataloge: das Weibliche. Die Ausstellung des Weiblichen als Verkaufshilfe wird In allen Einzelheiten ironisiert und folgerichtig umstrukturiert. Kreidl stellt in der Katalogwerbung ausgesparte Facetten des Menschlichen aus, Alltäglichkeiten, Verfehlungen, Verletzbarkeiten, mit Schwierigkeiten versehene Besonderheiten und läßt sie indirekt auf Textteile prallen, die sie sarkastisch als Portraits betitelt, die aber nicht mehr darstellen als den phrasenhaft-sinnentleerten Filtersatz von Kontaktanzeigen. Das klingt dann so: „Sie ist 49, sehr tierlieb, herzlich, feinfühlig“ oder „Sie ist 58, gepflegt, gutaussehend, vielseitig interessiert“. Die Kollision des Verlieblichten mit dem „Echten“ zertrümmert die auf Oberflächen konzentrierte Einseitigkeit des Einsatzes weiblicher Attribute in Warenkatalogen und führt stattdessen eine Komponente des Intimen ein. In den Textabschnitten Rosen, männlich werden konsequenterweise Männernamen aufgelistet und mit äußeren wie inneren Eigenschaften belegt. Diese Listen unterscheiden sich gegenüber den vorgenannten Portraits dadurch, daß sie Namen nennen und die zugeschriebenen Attribute tatsächlich gestaltende Kraft haben. Solcherart verdreht sich die übliche Achse, hier werden Männer ausgestellt und angepriesen. Daß der Text auf zwei Ebenen funktioniert, ist damit auch klar. Zum einen ist da die Material- und Formebene, auf der er reflektierende Züge der Sprachverwendung trägt, die in ihrer Gestaltung im Rahmen des bekannten Kanons sprachkritischer Literatur stehen, und auf der der Katalog als Medium der Wirklichkeitserfassung problematisiert wird, zum anderen bearbeitet er auf der inhaltlich-ideologischen Ebene neben dem konkreten Ast der „Präsentation und Repräsentation des Körperlichen“ (Petra Nachbaur) auch die Frage nach der Gestaltung von Wirklichkeit, wobei die beiden Ebenen sich spätestens hier verstricken. Nicht neu, aber anders.