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drehen am gewinde der wahrnehmung (2)

Judith Fischers „mimose.schneckenhaus“


Judith Fischer: mimose.schneckenhaus

Blattwerk, Linz 1997

Rezensiert von: hannes luxbacher


In der Textgestalt auf den ersten Blick ähnlich, dann aber doch anders, ist die letzte Veröffentlichung von Judith Fischer, mimose.schneckenhaus. Fischer verwebt in ihrem Text zwei Stränge, jenen über die Mimose mit jenem über das Schneckenhaus. Sie addiert im wahrsten Sinne des Wortes Textstellen, wozu sie neben dem Selbstverfaßten Gedichtausschnitte, Songfetzen, Eintragungen aus naturwissenschaftlichen Sachbüchern, Notizen u.a. heranzieht und aus diesem Konglomerat einen Text gestaltet, der sich wie das Schneckenhaus des Titels in sich selbst windet, oder wie die Mimose in sich zusammenzieht, welches Bild auch immer beliebt. Das soll heißen: Die disparaten Quellen verdichten sich nach außen, also für die Leserin/den Leser, nicht zu einem erzählenden Strang. Sie stellen vielmehr Windungen dar, die es der Autorin ermöglichen, Bestandsaufnahmen von Befindlichkeiten zu geben, ohne eine Innerlichkeit kohärent nach außen stülpen zu müssen. Als LeserIn begegnet man dann zwar immer wieder angedeuteten Figuren, die daher auch bloß mit dem ersten Buchstaben ihres Namens genannt werden, erfährt über diese aber nur Bruchteile, ehe sich die Autorin wieder einem anderen Textbaustein zuwendet. Der Text zieht sich wie eine Mimose im botanischen Sinne zurück, wo es die Möglichkeit gebe, sich zu entfalten. Das Fragile der natürlichen Entsprechungen der Titelwörter überträgt sich auf den Text. Die Textsplitter sind lose angeordnet, Freiräume sind so konstitutiv wie die Wörter selbst. Das additive Prinzip birgt aber auch eine Gefahr, der, diesen Vorwurf kann man Judith Fischer nicht ersparen, die Autorin nicht ausgewichen zu sein scheint. Das Fraktale kann in seiner Anordnung durchaus in der Lage sein, etwas auszudrücken. Ob dieser Ausdruck inhaltlicher Natur ist oder sich in belletristischer Form einer theoretischen Diskussion zuneigt, spielt keine Rolle. mimose.schneckenhaus aber erscheint etwas zu unentschlossen. Der Text wirkt wie ein Rückzug auf sich selbst, der zwar moderne Formen des Schreibens widerspiegelt, bei aller sprachlichen Ausdrucksstärke aber keine der möglichen und auch angelegten Perspektiven konsequent zu verfolgen scheint. Die disparaten Ansätze forcieren keine Lesweise tatsächlich, die gelegten Fährten, die zwischen Lyrik und Prosa ebenso pendeln wie zwischen erzählen und herzählen, verführen weder zum Mitgehen noch irritieren sie. Trotz dieser Kritik wegen der immer wieder hervortretenden sprachlichen Eleganz stellenweise kurzweilig.