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kein ablaufdatum

werner schandor | kein ablaufdatum

Gute Nachrichten:
Die Erde erholt sich
in 1 000 000 Jahren
Was verschwindet
sind wir

Nicanor Parra

Die Zeichen verdichten sich, daß Sie schreibkraft recht bald lesen sollten: totale Sonnenfinsternis am 11. 8. 1999; weltweiter Computerbankrott inklusive möglicher Gültigkeitsannulierung sämtlicher Bankomatkarten in der Sekunde Null des 1. 1. 2000; und schließlich noch eine unheilbringende Himmelskonstellation, bei der sämtliche Planeten mit Ausnahme der Erde in einem schmalen Band in einer Reihe hinter der Sonne stehen. Perlenreihe heißt dieses Phänomen, das sich am 5. 5. 2000 einstellen wird und bei dem Sektierer die Posaune von Erzengel Gabriel klingen hören. Und wer weiß, ob nicht wirklich das Universum an jenem Tag kippt und die aufgefädelten Planeten durch ihre gesammelte Anziehungskraft die Erde an die Sonne ziehen, wo sie aufklatscht und verbruzelt wie ein Spiegelei oder Omas Rhabarberkuchen. Astronomen halten das natürlich für Humbug. Aber aus verläßlicher Quelle wissen wir, daß das Ganze nicht abwegiger ist als das Auftreten von Priapismus im Lipizzanerstutengestüt.

Lesen Sie schreibkraft, und auch Sie blicken diesen düsteren Stunden der Menschheit gelassen entgegen. Wir haben Astronomie, Geschichte, Theologie und Ethnologie durchkämmt, damit wir firm sind und wissen, was zu tun ist, wenn der Zug der Geschichte mit Vollkaracho in den Kopfbahnhof einfährt. Die Redaktion hat sich seitenweise abstruse Verschwörungstheorien und luzide Entgegnungen reingezogen und dabei entdeckt, daß sich anno 2000 wenig ereignen wird. Jedenfalls nicht irgendein irden-irdischer Untergang. Schließlich konnten wir herausfinden, daß der christlichen Vorstellung des jüngsten Tages nicht die Einflüsterungen des Teufels, sondern vermutlich die Berechnungen altertümlicher Astronomen vom Sternenhimmel anno 2000 zugrundeliegen. Und dann lasen wir noch auf, daß so gut wie jede Kultur von sich glaubte, als endgültig letzte Menschheitsgeneration von Mutter Erde verschlungen zu werden. Die Apokalypse hat Tradition. Prophylaktisch definierte man den Abgesang, um vor Überraschungen gefeit zu sein.

Wenn aber alles so klar ist, wozu hatten wir, die wir Anfang der 80er vom Dämmerzustand der späten Kindheit in die grausige Wozulosigkeit der Pubertät überwechselten, solche Angst vor Overkill und Untergang? Wofür haben wir Jahre damit verbracht, uns den Kopf über Massenvernichtung und globale Krisen zu zerbrechen? Vermutlich für nichts. Wir hätten schreibkraft lesen sollen: Die Mühlen der Zeit mahlen zu langsam, um die Menschheit in ihr zu zermalmen. Wir können beruhigt auf den gefrorenen Gestaden unserer klirrenden Zuversicht eislaufen bis in alle Ewigkeit und unartige Liedchen aufs endartige Leben pfeifen, so laut wir wollen. Solange wir uns nicht vor lauter Zuversicht selbst in die Luft jagen, wird die Menschheit ewig vor dem Untergang stehen und keinen Schritt weiter kommen. Und so wird das Ausgedinge sein: Wir zielen der Vergänglichkeit mittendrein in das Zyklopenauge, und keiner sagt mehr, es sei 5 Minuten vor 12.

obacht!
im vergehen gegenwärtiger jahrtausende taumelt alles um den immer selben augenblick
- anselm glück