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fern von atlantis

herwig g. höller | fern von atlantis

Fins de siècle und andere Enden im „aktuellen“ Rußland

Ein weiteres Fin de siècle bzw. dieses Mal sogar das Ende des zweiten Milleniums „unserer Ära“ - wie es in vergangenen sowjetischen Zeiten hieß - steht unmittelbar bevor, der Countdown läuft: 511 Tage, 510 Tage, 509 Tage. Ungeachtet der Willkürlichkeit unserer Zeitrechnung und der damit verbundenen Bedingtheit derartiger Jubiläen wird dem Übergang ins nächste Jahrtausend bisweilen eine sehr große, teilweise sicher unangemessene, Bedeutung zugeschrieben. Aus der Sicht diskursiven Denkens, in welchem - grob vereinfacht - die Bedeutung von Zeichen (und Ereignissen) sich nur aus Differenzen konstituiert und Zeichen daher keine absolute Bedeutung besitzen können, ist diese große Bedeutung nicht zu erklären. Hier spielen mythische bzw. religiöse Motive eine wichtige Rolle.

Im Zuge der (Re-)Konstruktion einer neuen Nationalideologie, die in Rußland oft mit dem „Wiedererwachen der Spiritualität“ in Verbindung gebracht wird, sind nichtdiskursive Denkweisen erstarkt. Vor diesem Hintergrund ließe sich auch die hausgemachte besondere Bedeutung des Jubiläums erklären. Was das „Wiedererwachen der Spiritualität“ betrifft, aber auch in der Vorbereitung auf das Jahr 2000, nimmt Moskau eine Vorrangstellung ein. Deutlich wird das auch am alljährlichen „Vorprogramm“ für 2000: 

1997 feierten Millionen von Moskauern drei Tage lang das historisch umstrittene 850-Jahr-Jubiläum der Hauptstadt. 1998 organisierte der Moskauer Bürgermeister Luschkov in Moskau die ersten internationalen, aber nur in Rußland beachteten Weltjugendspiele, die mit Slogans wie „Vor uns die Zukunft“, „Junge Herzen zum Beginn des Jahrhunderts“ propagiert wurden. 1999 wird in großem Rahmen des 200. Geburtstages des Nationalpoeten Alexander Puschkin („Rußlands Alles“) gedacht.

Außerdem hat Luschkov, der als führender Kulturpolitiker und wahrscheinlicher Präsidentschaftskandidat im Jahr 2000 gilt, bereits vor geraumer Zeit das prominent besetzte Komitee „Drittes Jahrtausend“ (Tret'e Tysjascheletie - TT) ins Leben gerufen. Abgesehen von der möglichen Bedeutung für Luschkovs Wahlkampf 1999/2000 soll TT einerseits die gigantisch angelegten Festlichkeiten im Jahr 2000 vorbereiten, andererseits als think-tank fungieren, der über „russische Ideen“ im dritten Jahrtausend nachdenkt: Wohl nicht ganz zufällig trägt eine Zeitschrift, die man als das Zentralorgan von TT erachten könnte, den Namen Puschkin. War Puschkin von der russischen Avantgarde am Beginn des Jahrhunderts vom „Schiff unserer Zeit“ gestoßen worden, so wird er dieses Mal auf alle Fälle zurückgeholt.

In Rußland wird neuerdings wieder an Utopien geschmiedet, und die offizielle (Kultur-)Politik ist offensichtlich interessiert, das aktuelle Fin de siècle konstruktiv einzusetzen, um einen Neuanfang bzw. das Ende einer Übergangszeit zu markieren. Die „westliche“ Postmoderne sei diesbezüglich ein Haupthindernis für das nationale Wiedererwachen, so der russische Philosoph Grigorij Pomeranc, hinderlich für das Aufkommen einer neuen russischen Idee, ohne die, wie mir kürzlich ein Taxifahrer in St. Petersburg erzählte, Rußland zum Untergang verurteilt wäre.

Außer bei manchen Extremisten hat sich trotz des herannahenden Milleniums bislang keine „klassische“ Fin de siècle-Stimmung breitgemacht. An einen Weltuntergang (siècle bzw. saeculum bedeutet auch Welt) glauben auch in Rußland nur sehr wenige. Das eigentliche Fin de siècle fand hingegen bereits in den späten 80ern, frühen 90ern statt, wo nicht nur eine Ära endete. Mit dem Verlust einer Weltauffassung ging auch eine Welt verloren. Das Wort „bespredel“ (wörtlich „Ungrenze“) wurde bezeichnenderweise zum Schlagwort für die neuen Umstände. Spätestens im August 1991 waren - wie es die russische Rockgruppe DDT poetisch zum Ausdruck brachte - „die Lieder zerfallen“, „eine Epoche am Abschiedsfeuer zu Ende gebrannt“. Aber auch der britische Historiker Eric Hobsbawn teilt die Sicht, daß das 20. Jahrhundert bereits 1991 zu Ende ging.

Die Endzeitstimmung und große Unsicherheit dieser Jahre kommt einerseits in der spätsowjetischen (Underground-)Rockmusik, andererseits in vielen Filmen sehr gut zum Ausdruck. Ein typisches, wenn auch extremes Beispiel dafür ist der Leningrader Nekrorealismus. Die Nekrorealisten thematisieren in ihren experimentellen Schwarzweiß-Filmen (mitunter ohne Ton) Zerfalls-, Verrottungs- und Sterbeprozesse, die als Metapher für den Zustand der Gesellschaft, des sowjetischen Systems aufgefaßt werden.

Mit dem 31. Dezember 1991 ging die Ära der Sowjets offiziell zu Ende, die Umbrüche gingen zwar weiter, aber mit gebremster Geschwindigkeit, der rauhe „wind of change“ hielt an. Hollywood und Microsoft konnten in Form von Schwarzkopien Fuß fassen, die russische Sprache wurde um hunderte Amerikanismen bereichert bzw. - wie andere meinen - durch sie bedroht. Die Krise ging und geht weiter. In bezug auf die dramatisch schlechte Wirtschaftslage 1998 meinte Schirinovskij kürzlich, man müsse ein neues Wort finden. Krise sei ein zeitlich begrenzter Zustand, die russische Dauerkrise aber sei keine Krise mehr, sondern zur Norm geworden. Die offizielle (Kultur-)Politik dagegen stilisiert diese Krisenzeit zur kurzen Übergangsperiode zur möglicherweise wieder „leuchtenden“, auf alle Fälle großen Zukunft Rußlands, die idealerweise mit dem Jahr 2000 beginnen sollte. Pessimistische Einschätzungen zur Zukunft Rußlands seien deshalb zu unterbinden. Der Regisseur und neue Präsident des Verbandes der Kinematographen Nikita Michalkov erklärte kürzlich, daß es für pessimistische Filme, sogenannte „cernucha“ (wörtl. Anschwärzendes), in Zukunft seitens des Verbandes kein Geld mehr geben werde.

Von der offiziellen Politik abweichende Standpunkte werden hauptsächlich von oppositionelle Extremisten vertreten. Besonders hervorzuheben ist Alexander Dugin, der rechtsextreme Chefideologe der Nationalbolschewisten Eduard Limonovs (NBP), und zugleich auch einflußreiche Figur der größten neofaschistischen Bewegung des Landes, RNE (Russische Nationale Einheit). Der (bislang) marginale Dugin, der allerdings zum Establishment hervorragende Kontakte besitzt, bezeichnet sich als Philosoph, Traditionalist und Theoretiker der konservativen Revolution. Sein Ideengebäude ist äusserst eklektizistisch: Er bezieht sich sowohl auf französische poststrukturalistische Philosophie, auf östliche Mystik, orthodoxe Theologie und auf Karl Popper, auf den er verweist, wenn er sich als offenen Feind der offenen Gesellschaft positioniert. Bei der im Sommer 1998 erfolgten Präsentation einer Ausgabe seiner Zeitschrift Elementy, die dem Themenkomplex Ende der Geschichte, Postmodernismus, Apocalypse Culture gewidmet ist, erläuterte der rhetorisch eindrucksvolle Dugin seinen Standpunkt zu diesem Thema: Die Postmoderne sei ein furchtbarer Zustand, jede Ideologie, jedes kohärente System von Werten verliere an Bedeutung, denn wir lebten in einer Welt voller Bildschirmen, die eigentlich nur sich selbst spiegeln. 

Ergo steht diese Welt nicht mehr lang. Doch Dugin hat bereits vorgesorgt: Kürzlich publizierte er eine große Anthologie mit Übersetzungen zum Thema Weltuntergang heraus. Die Welt und vor allem Rußland müsse errettet werden. Möglicherweise kommt diesmal der Erlöser aus Rußland, so hörte man zumindest auf der Präsentation der Elementy.

Abschließend noch eine Bemerkung zum nicht mehr ganz neuen „Ende der Geschichte“, das auch bei Dugin eine große Rolle spielt. Die Geschichte dürfte weitergehen, es scheint aber Probleme der Kategorie des „Zeitgenössischen“ zu geben. Anstelle von „zeitgenössische Kunst“ verwendet die russische Kunstkritik zunehmend den Begriff „aktuelle Kunst“. Die Unsicherheit des Kontextes wird als äußerst bedrohlich erachtet, und das Konzept des Kontextes gänzlich abgelehnt. Manche Künstler kehren zu Positionen zurück, wie sie auch in der Fin de siècle-Stimmung im ersten Viertel unseres Jahrhunderts verbreitet waren: Das Kunstwerk ist Symbol und trägt als solches ahistorische, gewissermassen absolute Bedeutung.

P.S.: Charles Berlitz' Prognose, wonach das Ende der Welt im August 1999 eintreten sollte, könnte aus russischer Sicht unerwartet Aktualität erlangen: „konec mira“, das Ende der Raumstation „Mir“ (russ. „mir“ bedeutet sowohl Friede als auch Welt) ist für den Sommer 1999 angekündigt, könnte also mit Berlitz Prognose zusammenfallen. Also vormerken: „konec mira“ - Sommer 1999, wahrscheinlich Absturz im Südpazifik, fern von Atlantis.

 

Literatur

Charles Berlitz: Doomsday 1999 AD. New York 1981

Eric Hobsbawn: Age of Extremes. The Short Twentieth Century 1914-1991. London 1995.