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froschsein ist die hölle

Die Sumpfbücher von Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger


Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger (Hg.): Die Sumpfbücher

edition selene, ab 1996

Rezensiert von: andreas r. peternell


Hätte er sich doch nie von ihren schönen Tränen erweichen lassen und ihr die goldene Kugel nicht wieder aus dem Brunnen heraufgeholt. Denn natürlich wollte der Frosch auch eine Belohnung. Keine große, nein, bloß einen Kuß von der hübschen Prinzessin. Das war ja nun wirklich nicht zuviel verlangt. Ganz ohne Zunge, und nein, er wollte auch keine Gegenstände in ihre Genitalien einführen. Nichts dergleichen. Und doch läßt sie ihn einfach sitzen und marschiert mit ihrem wiedergewonnenen Spielzeug zurück ins Schloß. Froschsein ist manchmal wirklich die Hölle.
Aber ist es nicht immer noch besser, von einer bornierten Oberschichten-Tussi verschmäht zu werden, als von tonnenschweren Last- bzw. Personenkraftwagen zermatscht? Denn bei Herzensdingen wendet man sich einfach an Dr. Sommer oder Gerti Senger. Wer aber hilft einem, wenn man mitten in der Nacht von einem motorisierten Verkehrsteilnehmer rücksichtslos in eine physische Konfrontation verwickelt - sprich: überrollt - wird?
Und doch, selbst hier gibt es helfende Hände: So bin auch ich (um ein besonders naheliegendes Beispiel zu nennen) sehr häufig im Sumpf anzutreffen, wo ich - meinem ökologischen Bewußtsein und meinem ökologisch noch viel bewußteren Freundeskreis verpflichtet - die Frühlingsabende mit dem Transport und also der Rettung von Fröschen, Kröten und ähnlichem Getier zubringe.
Auch Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger verbringen ihre Sonntag-Abende gerne Im Sumpf. In ihrer gleichnamigen Sendung, laut Eigendefinition ein Radiobiotop hart am Rande des Artenschutzgesetzes, finden all jene populärkulturellen Erscheinungen ihren Platz, die im formatbeherrschten Radioalltag den quoten-darwinistischen Gesetzmäßigkeiten zum Opfer fallen und auch im Randgruppen-Sender FM4 kaum noch untergebracht werden können. Im Sumpf werden, streng dem Gesetz der absoluten Subjektivität verpflichtet, wissenschaftliche Standards außer Kraft gesetzt und alle Aspekte der Sub- und Gegenkultur ausführlich und gebührend verhandelt.
Eine meiner vornehmlichsten Sonntag-Abend-Beschäftigungen ist daher auch nicht, wie man nun vielleicht annehmen könnte, Frühstück bei mir mit Claudia Stöckl, sondern eben Im Sumpf zu hören, und das - ohne Rücksicht auf Umwelt oder Mitmenschen - immer und überall. Im März 1996 beispielsweise, als Ostermayer/Edlinger den ersten Band ihrer Sumpfbücher vorstellten, war ich intensiv mit oben erwähnter Froschrettung beschäftigt. Nun ist es ein Trend unserer Zeit, große Ereignisse mit persönlichen Befindlichkeiten á la: „Ich habe gerade den Mistkübel ausgeleert - da war der Krieg aus!“ zu verbinden. Wer aber kann schon von sich behaupten, im Sumpf sitzend die Geburt der Sumpfbücher miterlebt zu haben? Ich war schlichtweg begeistert.
Später sollte sich herausstellen, welch literarisches Kleinod da zum Kauf feilgeboten wurde. Matthias Schamp, Konzeptkünstler aus Bochum und Autor des ersten Sumpfbuchs, griff eines der Lieblingsthemen der beiden Herausgeber auf: das Scheitern. 26 Verlierer von A bis Z nannte er sein Bändchen, das sympathische Loser, aberwitzige Pessimisten und treuherzige Verrückte zu einer geballten Chronik des Unglücks versammelt.
Selbst die Götter straucheln bei Schamp zuweilen. Zeus etwa blitzt bei seiner Angebeteten immer wieder ab. Als Goldener Regen hatte er es schon probiert und sich dabei nur den Kommentar „Katzenpisse“ eingehandelt, als Schwan wurde ihm der Hals verknotet. Blieb nur noch eins ... Doch als es ihm schließlich gelang, sich in einen Stier zu verwandeln, kam ihm ein Schwimmlehrer in die Quere:

Belästigt sie dieser Stier, Madame?“ erkundigte sich der Typ und lächelte charmant. „Eine kleine Operation wird sein Mütchen kühlen“, feixte der Kerl. Dann packte er eine rostige Sichel, duckte sich blitzschnell und schnitt in Windeseile das Glied des Olympiers ab. „Au weia!“ entfuhr es Zeus, und die Erkenntnis durchzuckte ihn wie ein Donnerschlag: „Ich bin ein OCHSE!

„Die besten Texte ohne Rücksicht auf Genres und Kontextualität“ wollten die Herausgeber präsentieren, und so folgten auf Schamps grandiose Eröffnung die nicht minder großartigen Bände Rohes Fleisch und Kriegstagebuch des Salzburgers Markus Kircher und Bernd Liepold Mossers Phrasendresche. Die Sumpfbücher befanden sich fest in der Hand junger (d.h. nicht arrivierter) Autoren, und es war gut so.
Doch schon bald verschwand der oben zitierte Passus genau wie das gesamte restliche Vorwort der Herausgeber und mit ihm offensichtlich auch deren Ansprüche. Denn der ach so mutige Satz: „So wie sich diese Autoren nie in irgendeinen offiziösen Kulturbetrieb eingeklinkt haben, so pfeifen auch wir auf die Qualitätskriterien des Feuilletons“, relativierte sich angesichts der nun folgenden Sumpfbücher sehr rasch. Das Kollektiv der Anti-Fun-Faction legte mit der recht uninspirierten Materialsammlung Lehrbuch Anti-Spaßismus eine Zusammenfassung seiner Aktivitäten im Kampf gegen die Spaßguerilla vor, und mit den beiden aktuellsten Bänden wird möglicherweise gar eine neue Tradition begründet. Das Buch zum Film, das Sumpfbuch zur Sendung. Was dem Titanic-Publikum sein Heyne-Taschenbuch und dem Willkommen-Österreich-Seher seine ORF-Nachlese ist, wird dem FM4-Afficionado vielleicht bald sein Sumpfbuch sein.
Die Radio-Symposien, von Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger persönlich kuratiert, organisiert und zum Scheitern gebracht, liegen bereits seit einiger Zeit als Sumpfprotokolle im Handel auf. Seit kurzem ist auch die Salon-Helga-Serie Als wir noch nicht von Funk und Fernsehen kaputt gemacht geworden sind? als Sumpfbuch Nr. 6 käuflich erwerbbar.
Der Anspruch, neue Autoren zu forcieren, mag also dem Schielen auf Auflagen und Verkaufszahlen gewichen sein, einem Credo jedoch sind die Sumpfmenschen immer treu geblieben. Denn „Sumpfbücher dürfen alles sein: trivial, heroisch, hochkomisch oder todtraurig, überintellektuell oder unterbelichtet, aggressiv oder herzensgut - nur eines nicht: langweilig“.