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hurra, wir leben noch (2)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt


Thomas Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden. Roman

Verlag Volk & Welt, Berlin 1998

Rezensiert von: heimo mürzl


Auch Thomas Glavinic hat sein Handwerk gelernt, auch er „kann schreiben“, ohne es dem Leser mit jedem Satz beweisen zu müssen, er baut seine Geschichte(n) effizient und spannend auf, liefert ganz einfach „brauchbare“ Geschichten, das pralle Leben, kurz: Er weiß etwas zu erzählen.
Der Österreicher Carl Schlechter war einer der weltbesten Schachspieler seiner Zeit. Er hielt 1910 einen Weltmeisterschaftksampf gegen den Weltmeister Emanuel Lasker unentschieden. Mehr noch, vor der letzten Partie lag Schlechter voran, der Titel war zum Greifen nahe. Doch ausgerechnet in dieser wichtigsten Partie seines Lebens spielte der Defensivkünstler und Remiskönig Schlechter auf Gewinn und verlor. Jahre danach, 1918, ist er dann einfach verhungert.
Die Lebensumstände dieses Carl Schlechter waren das Vorbild für die Hauptfigur des Romandebüts von Thomas Glavinic. Carl Haffners Liebe zum Unentschieden handelt vordergründig vom Leben des Schachspielers Carl Haffner - das Schachspiel dient dem Autor Glavinic jedoch nur als Folie für die Darstellung des Lebens schlechthin. „Was war das für ein Mensch, Carl Haffner? In dem Artikel stand, daß er oft bessere Stellungen remis gab, weil er seinem Gegner nicht weh tun wollte. Das paßte nicht zu dem Bild, das Anna sich von Schachspielern machte. Haffner wurde als jemand beschrieben, der nach nichts trachtet, was ein anderer begehrt. Warum strebte er dann nach einer Weltmeisterschaft?“ Glavinics Roman skizziert den Lebensweg einer Randfigur, eines Meisters des Unentschiedens, im Schach wie im Leben, berichtet in eindrucksvoller Weise von der Grandezza des Scheiterns eines außergewöhnlichen Menschen.
Glavinics Roman geht weit über das Genre eines „Schachromans“ hinaus. Es ist ein Roman über menschliche Sehnsüchte, über das Aufscheinen der Vergangenheit in allem, was man Gegenwart nennt, und es ist ein Roman über die Undurchdringlichkeit jenes Netzes, das die Beziehungen und Ideen der Menschen umspannt. Glavinics Roman ist kurzweilig und tiefsinnig - und er handelt in außerordendlich präziser Art und Weise vom Leben, Lieben und Sterben um die Jahrhundertwende und wird so zu einem lebendigen Wienporträt. Ein schier unerschöpfliches Figurenpandämonium aus der Welt der Spieler ebenso wie aus der Welt der großbürgerlichen Mäzene zieht am entzückten Leser vorbei.
Glavincics Romanfiguren - männlich wie weiblich - sind alle Gefangene zwischen Anspruch und Wirklichkeit, sehnsuchtsgeleitete Träumer, die ihre Illusionen mit immer neuen Rückschlägen zu bezahlen haben. Daß der Roman bei der Anzahl der Vernetzung der Stimmen und Motive stets überaus lesbar bleibt, daß es Glavincic zudem glückt, dem Erzählstoff einen organisch-süffigen „Drive“ zu geben - das ist schon eine famose Leistung für einen Romandebütanten. Das Interesse des Autors Thomas Glavinic besteht darin, die Auseinandersetzung von Emanuel Lasker und Carl Haffner nicht auf die Welt der 64 Felder zu beschränken, sondern sie als Aufeinanderprallen zweier Lebensauffassungen zu präsentieren. Er tut das mit einer wohlkalkulierten Dialektik von Nähe und Distanz.