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hurra, wir leben noch (3)

Drei kräftige Lebenszeichen der realistischen erzählenden Literatur in Österreich. Die neuesten Romane von Walter Klier, Thomas Glavinic und Gabriel Loidolt


Gabriel Loidolt: Hurensohn. Roman

Alexander Fest Verlag, Berlin 1998

Rezensiert von: heimo mürzl


Gabriel Loidots Roman Hurensohn ist ein „österreichisches Buch“, in dem die (gesellschafts)politischen Themen und Befindlichkeiten zwischen Soziologiekursen, Zeit im Bild, Krone, täglich Alles und „gesundem Volksempfinden“ durch einen interessanten Plot in einen Erzählzusammenhang gebracht werden. Durch die Präzision und Authentizität der Beschreibung gewinnt Loidolts Roman an Relevanz, denn die Figuren des Romans kennt wohl jeder: Biedere Nachbarn, nicht unsympathische Kleinkriminelle, Zuhälter, Prostituierte und deren Kunden, Außenseiter und deren Verwandtschaft, Normalbürger, die sich nicht zu fein sind, auch einfachen, seltsamen, oder ausländischen Menschen zu helfen.
Ozren, die zwanzigjährige, übergewichtige Hauptfigur in Hurensohn, ist nicht der unverbesserliche, landläufig als „Hurensohn“ bezeichnete Kleinkriminelle. Der Ich-Erzähler in Loidolts Text ist wirklich der Sohn einer Hure.
Das Grazer Rotlichtmilieu rund um den Griesplatz ist Schauplatz dieses etwas anderen Entwicklungsromans. Ozren beginnt über sein Leben nachzudenken und kommt ins Erzählen, als er meint, seine Mutter umgebracht zu haben. Aus Furcht, seine Verwandtschaft - Ozren ist jugoslawischer Abstammung - könnte ihn lynchen, zieht er sich mit einem Plastiksackerl voller Wurstsemmeln und seinem für einen eventullen Selbstmord bereiten Rasiermesser auf die Gemeinschaftstoilette seines dürftigen Wohnquartiers zurück und beginnt seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sein Leben ist bestimmt von Heimat- und Wurzellosigkeit: Die Mutter, eine gutverdienende Geheimprostituierte, wollte mit ihrem „beschränkten“ und fetten Sohn nichts zu tun haben; in sein Mutterland Slawonien kann er nicht zurückkehren, denn dort wütet der Krieg, und in seinem neuen Heimatland Österreich ist er mitunter ein „Mensch zweiter Klasse“. Obwohl ihn Onkel Ante und Tante Ljiljana möglichst gut und einfühlsam betreuen, wird der dicklich junge Ozren zum Sonderling, der wegen seiner Sprachstörungen in die „außernormle“ Schule geschickt wird. Der Sonderschüler Ozren sieht die Welt anders als alle anderen und zieht unkonventionelle Schlüsse, was dem Autor Loidolt die Möglichkeit eröffnet, einen eigenwilligen, kindlich-naiven Blick aufs Rotlichtmilieu und darüber hinaus zu werfen. Trotz dieser Naivität gerät Loidolt nie in Versuchung, die Tatsachen zu beschönigen. Er zeichnet ein differenziertes Bild, das der Wahrheit sehr nahe kommt. Während er einerseits das bigotte Mitgefühl für die Opfer des Bürgerkriegs in Jugoslawien als oberflächlich und unehrlich entlarvt, scheut er sich andererseits auch nicht, Ausländer mit ihren Fehlern und Vorurteilen zu zeigen. Loidolts Roman gleicht auf weiten Strecken einem Schelmenroman - Ozren, der Sonderling, der verschmitzt-einfältige Narr, erkennt mit seiner Perspektive des „Außernormalen“ viel deutlicher als alle anderen, was rund um ihn schiefläuft. In seinen besten Momenten gelingt es Loidolt in seinem Roman zu zeigen, wie klug und amüsant auch hierzulande erzählt werden kann, und wie man ohne erhobenen Zeigefinger gesellschaftliche Mißstände literarisch kenntlich macht.

Mit Romanen wie denen von Klier, Glavinic und Loidolt könnte Österreich wieder ein fester Bezugspunkt auf der literarischen Landkarte werden, und Autoren, Kritiker und Leser könnten mit Recht und ein wenig Stolz behaupten, daß nirgendwo sonst so (traurig-)schöne Geschichten erzählt werden wie hierzulande.