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lyrik, und ... (1)

christine huber | lyrik, und ... (1)

Im Dezember 97 stellten Oswald Egger, Christine Huber und Christian Steinbacher im Forum Stadtpark ihre Konzepte von Lyrik vor. Im folgenden bringen wir die Texte von Christine Huber und Christian Steinbacher als Nachlese

I
(aus der lesung; oder auftakt)

zukunfts in schärfen
was weh schwimmenschauen
fährtenstellen weiden1

II

aussprache halten, fragen, anfragen, gespräche:
erklärung, modell, oder doch nur redundanzen beschwören?
denn die eigentliche frage „warum um alles in der welt machst du das?“ läßt sich so leicht weder stellen noch beantworten. also außenvor damit und nur so rundherum gefragt: lyrik und ..., soll sich nicht im vorlesen derselben erschöpfen. sondern: podiums- und publikums-diskussion seien gleichermaßen dranzuhängen. lyrik und ... - da steht es gleich schon mit den drei punkten, und verweist, so leer,
so sprechend. oswald egger hat das mikrophon und sagt: so einfach geht das nicht. denn, warum sollen wir das eigentlich tun? was mir, die moderatorin und mitdiskutierende in einer person ist, auch eingeladen hat und den pressetext vorgelegt, ein wenig den schweiß auf die stirne treibt. aber er hat recht. die vermittlung ist gleichgesetzt mit: das erklären. also etwas, das mittels sprache schon vorgenommen ist, neuerlich in sprache zu setzen, damit was? herauskommt? ein ähnliches? also, sagt oswald, was schon seine form hat, muß nicht, kann auch gar nicht, neuerlich und mittels anderen redegewohnheiten gestaltet werden - ... und wer stellt jetzt wem die frage, in frage.
ich meine, er meint, eigentlich könnte man es, könnten wir es, beim schreiben, beim vorlesen belassen - und damit aber der einladung nicht genüge tun, themaverfehlung und so, reden wir also doch, nichtzuletzt dank christian steinbacher, der auf agent provocateur macht und glattweg behauptet: kommunikation funktioniert einfach nicht. im sinn eines gelungenen sprechakts, meint er. aber man kann trotzdem was draus machen, sagt er. lyrik und ..., sage ich.
antworten als fragen. stellen bei den enttäuschten gesichtern im publikum (und nicht nur in diesem publikum) das zweifelnde kopfschütteln ein: kein geheimnis, kein rätsel, wirklich nichts was es da zu entschlüsseln gäbe?
katharsis, meldet sich jemand zu wort, ob die nicht doch, irgendwo, ein klein wenig angestrebt worden wäre? und paul celan fällt als stichwort. ich antworte: so wichtig celan ist, das gedicht als suchspiel für versteckte botschaften und nachträgliche aha-effekte ist nicht gemeint (oder war was anderes gemeint mit katharsis? und ob celan es so gemeint hat, ..., jedenfalls die celan-rezeption meint es so, werden wir uns nach einigem hin und her dann einig)
der vorwurf der unzugänglichkeit, der sperrigkeit, kommt die diskussion auf das sogenannte eigentliche problem zurück. und wieso eigentlich vorwurf? warum sollte ein gedicht eine botschaft vermitteln? aber viele tun es doch, kommt der erwartete einwand. christian, der zwischen poesie und belletristik unterscheidet, weist solche lyrik dem belletristischen segment zu - und steht hier nicht zur debatte. aber die wirklichkeit? wir wollen uns kein bißchen damit aufhalten.
sprachkunstwerke, will ich mit einem schlagwort das gespräch wieder in gang bringen. blickwinkelverschiebungen. es ist gar nicht schwer, da was zu verstehen. wenn man verstehen anders setzt.
ich bekomme das mikrophon zugeschoben: meine gedichte, sage ich und hole aus, wollen deutlich machen, wie sinn gesetzt wird. fährtenstellen heißt der gedichtband1, und der titel ist auch programmatisch: wie sinn-zuschreibungen immer wieder von neuem in gang gesetzt werden und beim lesen/hören meiner gedichte dieses zuschreiben auch immer wieder ins leere läuft. sinn baut (sich, man) auf und verschwindet wieder, ist ein zuzusetzendes und gemachtes und wird auch stets wieder gesetzt. aber es geht sich nicht aus. die gedichte geben keine auflösung. und so kommen, wenn das pubikum nicht grantig wird, prozesse in gang: das sinnzuordnen kann in den hintergrund geschoben werden, und dann passiert ein zuhören, welches die anderen bauelemente der gedichte deutlicher nimmt und andere qualitäten als zentral beachtet, die sonst und meistens nur als nebensache gelten: rhythmus, assonanzen, lautkonstellationen, syntaktische anspielungen, die hier wie melodiefragmente gesetzt sind: hören auf dieses zu, und das verstehen verlagert.
fragen als antworten.
sprachkonstellationen, möchte ich noch weiter ausholen, sprachrelationen. grenzen. forschen, auffinden, erweitern. mit den mitteln der sprache die grenzen der sprache ausloten. und anspringen. vielleicht auch: überspringen. grundlagenforschung in sachen sprache, behaupte ich, das ist es, was gedichte sind. und keine flaschenpost mit unzumutbaren verschlüssen, an denen man rütteln, zerren und knacken muß.
das publikum: was es denn dabei dann zu suchen habe? mit-suchen, will ich sagen, sich gleichermaßen auf das auf-suchen von (neuen) möglichkeiten in und mit sprache einlassen. und wenn schon fragen, dann andere. aber welche dann?
zurück an den anfang, denke ich: beschreiben, sagte ich, untersuchen, was vorliegt. oder ... und hole ein zitat von christian hervor:

„ballung oder streuung, das hin und her aus hell und dunkel, massen und richtungen, duplizitaeten, vektoren etc. ergeben ein begriffsinventar, das sich zur erfassung auch von literarischen arbeiten eignen mag. die gleichzeitigkeit von polyvalenz und eindeutiger form, die als ein kriterium einer hier angenommenen literarischen „kunst“ gelten kann, ... formale problemstellungen auch als inhaltliche zu sehen und die adäquatheit der umsetzung der einer arbeit zugrundeliegenden intentionen an der formalen einlösung zu messen.“2

alles klar? oder jetzt erst recht nicht. weil nur klar ist: die sache droht zu stülpen: nichts als arbeit mit den texten? und was der autor sagen will, ist, daß er/sie keinesfalls sagen will, was schon gesagt worden ist, irreduzibel, wie oswald sagt, gesagt worden ist. lyrik eben.

1 Christine Huber: fährtenstellen. Dülmen, edition schöppingen im tende-verlag 1996

2 Christian Steinbacher, in: BINOME (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung), hg. v. Adalbert-Stifter-Institut des Landes OÖ, Linz 1995