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mein weltuntergang gehört nur mir

hermann götz | mein weltuntergang gehört nur mir

Fürchte dich nicht, vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. - Offb. 2,10 nach Luther

In einer verzweifelten Schrift hat ein religiöser Eiferer des 1. Jahrhunderts die Christen mit Versen wie diesen aufgerufen, dem großen Tier zu trotzen. Himmlische Heerscharen werden kommen auf Erden ein Königreich des HErrn zu errichten und die Gerechten zu befreien aus der Herrschaft des tierischen Nero oder Domitian. Um die späteren Märtyrer zu ermutigen nimmt er in Kauf, die neutestamentarische Theologie in entscheidenden Punkten durcheinander zu bringen. Spätere Gelehrte - Katholiken wie Protestanten - hätten den verwirrenden Text gerne aus der Bibel verbannt, aber was sich einmal aus GOTTes Munde offenbart hat, läßt sich nicht mehr so leicht wegrationieren.

Was den Text den Evangelien so fremd macht, ist vor allem seine ausufernd blutige Metaphorik, in der sich ein kämpferischer Geist manifestiert, der in der Bedrohung jener Zeit wurzelt, aus der die Apokalypse entsproß. - Die Offenbarung des Johannes ist ein durchwegs zeitgebundener Text. Und wenn auch im Zuge der Darstellungen alle Völker vor GOTTes Richtstuhl zitiert werden - das geschilderte geographische Szenario und der Fundus apokalyptischer Bildsprache beziehen sich sämtlich auf den kleinasiatischen Raum und alttestamentarische Schriften. Genauso gebunden an die jeweilige Zeit und den jeweiligen Ort wird die Apokalypse bis in die Gegenwart hinein immer wieder gedeutet und empfunden, ganz ohne Rücksicht darauf, daß inzwischen Amerika und China entdeckt sind und Tibet und der Mond kolonialisiert wurden.

Die katholische Kirche hat seit Augustinus die Vorstellung einer unmittelbar drohenden Apokalypse als Häresie verdammt. Trotzdem tauchen wie in dialektischer Folge immer wieder eschatologisch motivierte Bewegungen aus den unergründlichen Tiefen der christlichen Lehren. Die Urchristen lebten höchstwahrscheinlich in der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft des HErrn; die Kirchenväter etablierten eine nicht apokalyptische Theologie und Kirche, gegen welche die präreformistischen Häretiker wie Joachim von Fiore oder die Hussiten, von der Not und den Sehnsüchten des Pöbels zu endzeitlichen Prophetien angestachelt, das Schwert erhoben. Die Reformatoren wiederum, denen damit auch das Feld bereitet wurde, wandten sich ab und ließen kein gutes Wort an der Offenbarung des Johannes. Und doch sind es protestantische Kirchen die den Boden bereiteten, auf dem ein neuzeitlicher Millenarismus wild und ehrgeizig dem immer wieder nahenden Weltenende entgegenwächst. Stets motiviert durch zeitbedingte Ereignisse, Ängste und Hoffnungen wird Apokalypse als Katharsis eines Weltendramas herbeigesehnt.

„Bald wird Jesue die Menschen richten und sie voneinander trennen, so wie ein Hirt die Schafe von den Böcken trennt.“ So 1996 zu lesen in einem Wachturm-Heft der Zeugen Jehovas. 1914 habe Jesus seinen himmlischen Thron bestiegen und Satan mit seinen bösen Engeln in die Umgebung der Erde verbannt. Kriege, Hungersnöte und Seuchen hätten sich seitdem gehäuft und die Gesetzlosigkeit würde zunehmen. Die „falsche“ Christenheit und die westliche Unterhaltungsindustrie hätten der sich „epidemisch ausbreitenden Promiskuität“ in Afrika Vorschub geleistet. AIDS sei die Folge. All das seien Teile des Zeichens, das darauf hinweise, daß Jesus regiere und daß die letzten Tage für das gegenwärtige System gekommen seien.

Als Charles T. Russel die Wachturmgesellschaft gründete, erwartete man für 1914 die leibhaftige Wiederkunft Christi. Weil diese ausblieb, wurde das Ereignis erst auf 1918, dann auf 1925 und schließlich auf 1994 verschoben.Eine der Zeit gemäße Transformation ganz anderer Art erfuhr der apokalyptische Gedankenkomplex in unserem Jahrhundert durch die pseudosakrale Selbstinszenierung des NS-Regimes. Hitler, Erlöser, „GOTTgesandter Führer und Retter“, bringt das 1000jährige messianische Reich. „Der Jude“ wird als „Antichrist der Weltgeschichte“ im Sinne eines perversen Erlösungsgedankens verfolgt und vernichtet, die Arier sind das neue Volk GOTTes, Deutschland das neue Jerusalem. „Das ist ein Erlösungsgedanke, ein Evangelium, an das ich mit unerschütterlicher Gewißheit glaube. Da erhebt sich die Politik des Tages, sie klafft in die Höhe weltanschaulicher Weite. [...] unser Sozialismus ist mehr. Er ist alles, er ist Glaube und Erlösung!“ (Goebbels)

Die Theologie hat heute - auch um sich zumindest nachträglich von dieser jüngsten Vergangenheit zu distanzieren - mehr Abstand denn je zur Deutung konkreter Ereignisse der Gegenwart im Sinne einer Erfüllung der apokalytischen Prophezeiungen. Chiliasmus und Millenarismus sind trotzdem - in zunehmendem Maße - präsent. Bestimmend für die jeweilige Interpretation bleibt immer die Weltsicht des Interpreten: Präsident Reagan sah im Kalten Krieg die Schlacht von Harmagedon (Offb. 16,16), also den Kampf gegen „Gog und Magog“. Ganz im Sinne eines in der Praxis pervertierten protestantischen Prädestinationsgedankens, wird so der liberal-kapitalistische Westen als Reich GOTTes betrachtet und der ideologische Feind im Osten „verteufelt“.

Friedensfreunde sehen in den Düsenjägern des 20. Jahrhunderts die als stahlgepanzerte Kampfrosse beschriebenen Heuschrecken aus dem 9. Kapitel der Offenbarung. Bernhard Philbert vertritt in seinem Buch Christliche Prophetie und Nuklearenergie sogar die These, daß die Apokalypse „in wesentlichen Teilen eine erklärungslose Beschreibung des Einsatzes moderner Kampfmittel“ sei. Dubiose Verlage wie „Pro fide Catholica“ wiederum veröffentlichen Schriften in denen „nachgewiesen“ wird, daß das „religiös/politisch organisierte Judentum und seine zahlreichen geheimbündlerischen Front bzw. Hilfsorganisationen“ - vor allem „die internationale Freimauerei“, die gemeinsam als „Synagoge Satans“ identifiziert werden, durch „permanente subversive Aktivitäten“ in Politik, Wirtschaft, Kultur, Massenmedien etc. „seit Jahrhunderten mit ungeheurer Zähigkeit und Zielstrebigkeit an der Errichtung der politischen wie religiösen Weltherrschaft unter antichristlichem Vorzeichen“ arbeiten. 

Ausdruck der geheimen Satansherrschaft sei die internationale Modernisierung und Gleichschaltung des Geldwesens. Die „jüdisch-freimaurerische Hochfinanz“ würde via Strichcodes und Maxicodes die Zahl 666 in Umlauf bringen, bis die Menschheit gezeichnet und determiniert durch das Mal des Bösen „perfekt kontrolliert von einem Zentralcomputer“ der Herrschaft des großen Tieres ausgeliefert sei. (Solch ein Ton sollte deklamiert werden wie das Heldenplatz-Gedicht von Ernst Jandl!) Zieht man in Betracht, welche Feindbilder hier aufgewärmt, oder besser: geschürt werden, was für ein bedrohlich gestriges Weltbild hier durch Fortschritts- und Modernisierungsängste untermauert wird, so tritt sehr deutlich hervor, welcher Zielgruppe Publikationen dieser Art zugedacht sind, welche Welt sich hier vom Untergang bedroht fühlt.

Wer von Apokalypse spricht, meint immer das Ende seiner Welt, wobei dieses gerne allegorisch für aller Welten Ende steht. Das gilt für den „Propheten“ Johannes, wie für Charles T. Russel, für die Juden, die den Untergang der Welt erwarteten, als 70 n.Chr. der Tempel zerstört wurde, wie für die Zeugen Jehovas, die in einer modernen Gesellschaft alle angeblich christlichen Werte verloren gegangen glauben.

Die andere Seite - Die letzte Welt
Der Weltuntergangsgedanke ist aber nicht allein von Sekten und Populisten gebucht. Schon immer erfährt die Thematik eine vielschichtige Reflexion - vor allem durch die Literatur.
Auch in unserem Jahrhundert finden sich reichlich literarische Beispiele von mehr oder weniger latenter Eschatologie, naturgemäß verbrämt durch allegorisch subjektive Weltschau. Was dort interessanterweise offengelegt wird, ist das egozentrische Moment im verallgemeinernden Denken. Weltuntergangsstimmung als Empfindung, als Perspektive des in Auflösung begriffenen Ich. 

So hat zur letzten Jahrhundertwende der Dichtermaler Alfred Kubin in seinem Roman Die andere Seite aus den Versatzstücken seiner grotesk phantastischen Malerei eine Welt gebaut, die er durch furiose Schreckensbilder in den Untergang schickt, wobei der Zusammenbruch seines Traumreiches auch den Zerfall der Altprager Welt meint, das Ende der Monarchie und vielleicht auch den ersten Weltkrieg, vorerst aber als psychischer Zusammenbruch des Protagonisten dargestellt ist. In dem Roman wird die Realität bis zur Unkenntlichkeit verklärt, da alle Ebenen zwischen Traum und Wirklichkeit miteinander verschränkt sind. So wird virtuos ein Zusammenhang zwischen Psyche, Phantasie und Realität aufgezeigt. 

Als zeitgenössisches Beispiel bietet sich etwa Christoph Ransmayrs Roman Die letzte Welt an, der durchsetzt ist von endzeitlicher Metaphorik. Die kleine Stadt am Schwarzen Meer, Verbannungsort des Ovid, wird zum Modell der vom Zerfall bedrohten Kultur an sich. Die Transformation historischer Personen und mythischer Gestalten in eine seltsam zeitlose Gegenwart unterstreicht nur die allegorische Dimension des Erzählten. Hier wie auch bei Kubin beginnt die Natur bedrohlich sich zu verselbstständigen, wucherndes Grün greift „unnachgiebig über alle Zeichen menschlicher Kunstfertigkeit hinweg“. Ransmayr schreibt von einer Nacktschneckenplage und von einer merkwürdigen „Klimakatastrophe“ - einer Erwärmung der Luft und des Wassers und stellt so deutlich beklemmende Bezüge zur gegenwärtigen ökologischen Wirklichkeit her. 

Bei Kubin löst in seinem Traumreich, das durch eine zeitlos modrige Gestrigkeit charakterisiert ist (Anklänge an „Kakanien“) das Auftreten des personifizierten Kapitalismus (ein amerikanischer „Fleischfabrikant“) die totale Apokalypse aus. Die quasi ideologischen Zeitbezüge sind klar, genauso aber passiert eine Steigerung ins Globale, wenn das Traumreich in seiner Gestrigkeit als Alternative zum Fortschritt gedeutet wird, wie auch eine Re-Duktion auf das Innenleben des Erzählers passiert, dessen Weltflucht in psychischer Krankheit endet. Des Dichters poetische Insel wird zerstört, es geht ihm seine Welt unter.

Auch bei Ransmayr wird der Erzähler in seiner Abgeschiedenheit eingeholt, von den Anzeichen eines Untergangs, der sich ganz woanders vollzieht. Auch hier erscheint Tomi und das, was dort geschieht, mehr traumhaft als wirklich, auch dieser Ort ist modrig und verlassen. Beiden Werken liegt die Sehnsucht nach einer poetischen Zuflucht zugrunde, der unerfüllte, intime Wunsch nach einer Alternative zur Welt, zum Jetzt, der Wunsch nach einem Weg zum Gestern, nach einem Ausweg vor der Zeit.

Diese Suche nach einer poetischen Alternative zur Gegenwart charakterisiert auch das Werk eines Peter Handke und besonders jenes von Botho Strauß. Bezeichnend ist, daß diese beiden Dichter einer Generation angehören, die in ihrer Jugend große Aufbruchsstimmung in die Welt getragen hat, die Utopien und große Veränderungen erträumte und die vor allem vom Glauben getragen war, daß sich (erstmals) Träume verwirklichen ließen.

Das Scheitern von politischen Utopien im Osten wie im Westen, hat die Aufbruchsstimmung zu einer Untergangsstimmung verkehrt, zu einer Resignation. Das zeigen Kataloge der Verlage wie Kino und Fernsehprogramme. Geschürt durch die Katastrophe von Tschernobyl, durch Aids, Krebs und ein Krisenbewußtsein mit dem Fokus auf Atomkrieg und Umweltzerstörung, ist eine Atmosphäre erwachsen, die einen Boom von Romanen, Filmen und Sachbüchern ausgelöst hat, die die drohende Katastraphe thematisieren.

Das jungste Gericht - jetzt im Kino!
Dichter, deren individuelle Entwicklung sich im ständigen Austausch mit der Öffentlichkeit vollzieht, sind nur ein Beispiel für die Verknüpfung von realen Entwicklungen, Welt-Anschauungen und einem persönlichen Empfinden, das sich auch mit dem Altern, mit dem Durchschreiten von Lebensabschnitten verändert.
Der Weg vom Paradies zur Apokalypse ähnelt schon sehr dem menschlichen Weg von pränataler Geborgenheit hin zum Tode. „Alle Endprophetien reflektieren das Bewußtsein vom Tod.“ Sagt Damian Thompson.

Im Anfang war die Welt sehr klein
In früheren Zeiten, als die Welt ein bißchen weniger vernetzt war, hat wohl kaum eine Diskrepanz geherrscht zwischen dem individuellen Horizont eines Menschen und dem, was er als „die Welt“ bezeichnete. Heute ist die Welt, die uns zeitgenössisches Wissen vorstellt, eine ungreifbar unendliche, eine bodenlose geworden. Ein Blick über den Tellerrand eröffnet für den intellektuellen Normalverbraucher eine katastrophale Weite. Es muß sich wohl jeder selbst eine Nische suchen, die er dann seine Welt nennt. Daß aus solch einer klaffenden Distanz zwischen dem mir Begreifbaren und dem, wofür ich trotzdem mit verantwortlich bin, eine bedrohlich leise Verunsicherung erwächst, läßt sich verstehen. „Immer wider hat die Menschheit zu apokalyptischen Phantasien gegriffen, wenn sie vor ihren eigenen Werken zurückschreckte, wenn ihr die Verarbeitung ihrer geschichtlichen Erfahrung Mühe bereitete und Desorientierung erzeugte.“ So der Soziologe Jörg Bopp. Paul Tillich spricht von einer Wechselbeziehung individueller und kollektiver Angst.
Apokalypse denken, heißt immer resignieren.