schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 01 - weltenende michal viewegh shooting star
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/01-weltenende/michal-viewegh-shooting-star

michal viewegh shooting star

Der tschechische Autor, der in seiner Heimat mit dem Prädikat „kult“ versehen wurde, kann auch in der deutschen Übersetzung durchaus Lesesuchterscheinungen auslösen


Michal Viewegh: Blendende Jahre für Hunde. Roman. Aus dem Tschechischen von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke

Köln, Kiepenheuer & Witsch 1998

Rezensiert von: werner schandor


Es gibt Bücher, wenn man die gelesen hat, möchte man eine Zeitlang kein anderes anrühren, weil man weiß, besser kann es nicht mehr kommen. Die Bücher des Tschechen Michal Viewegh sind auf dem Gebiet der Satire so ein Fall. Zwei sind heuer auf Deutsch erschienen. Erziehung von Mädchen in Böhmen, Vieweghs vierter Roman, kam im Frühjahr in der Übersetzung von Hanna Vintr bei Deuticke heraus. Sein Erstling Blendende Jahre für Hunde erschien im Herbst bei Kiepenheuer & Witsch, übersetzt von Irene Bohlen und Kathrin Liedtke.
In beiden Büchern setzt sich der 1962 geborene Shooting Star der tschechischen Literatur mit der jüngeren Geschichte seiner Heimat auseinander. Beide Male tut er dies auf eine nach konventionellen Begriffen sehr gut lesbare Art, und hier wie dort verwischt er mit erzählerischen Kunstgriffen die Trennlinie zwischen Fiktion und Realität.
In Blendende Jahre für Hunde ist es der Trick mit dem Buch im Buch. Der Roman wird als Werk seiner Hauptfigur Quido, wie Viewegh Jahrgang 1962, ausgegeben, den dieser mit seinem Lektor diskutiert. In diesem Roman erzählt Quido die Geschichte seiner Familie in den Zeiten der Repression von 1968 bis 1989. Die Stationen dieser sozialen Entwicklungsgeschichte: nach dem Prager Frühling Verbannung von Quidos Eltern in die Provinz. Langsamer Aufstieg des Vaters vom kleinen Bürohengst zum stellvertretenden Leiter der Exportabteilung einer Glasfabrik. Degradierung zum Pförtner, nachdem sich die Eltern im Sommer 1977 mit dem nach der Unterzeichnung der Charta 77 ebenfalls in die Verbannung geschickten alten Bekannten aus Prager Zeiten, Pavel Kohut, zum Abendessen trafen. Tiefer Abstieg. Der Vater flüchtet sich in sein Hobby, die Tischlerei, und arbeitet im hauseigenen Keller wie besessen an der Fertigstellung eines prachtvollen Sarges für sich selbst. Die Mutter kämpft gegen den Zerfall der Familie. Erst die Revolution von 1989 bringt die Erlösung - und läßt doch nur angeknackste Gemüter zurück. Und einen Sohn, der sich vom altklugen Kind zum schwerenöterischen Jugendlichen entwickelt hat, um sich endlich als Nachtwächter zu verdingen und nebenbei an seinem Roman zu schreiben: Blendende Jahre für Hunde. Plastizität gewinnt das 1992 erstveröffentlichte Buch unter anderem durch die schon erwähnte Spiegelung von erzählter und Erzählebene, dem „Buch im Buch“. Viewegh steigert den authentischen Eindruck aber auch dadurch, daß er erfundene Figuren auf reale Personen treffen läßt. Und nicht zuletzt sei der im Grunde sehr warmherzigen Ton, in dem die Fährnisse der Familie Quidos geschildert werden, erwähnt. Er bewirkt, daß man sich nach zwei Seiten als Mitglied dieser großen tschechischen Familie fühlt. Zumindest ein bißchen.
Der Schriftsteller ist auch in Erziehung von Mädchen in Böhmen Hauptfigur. Diesmal verbirgt er sich nicht hinter einem alter ego, sondern gibt sich schlicht als der Autor des oben abgehandelten Buches zu erkennen. Nur daß er sich nicht mehr Quido nennt, sondern nur noch „Ich“. Man schreibt das Jahr 1994. Um sein schmales Lehrergehalt aufzubessern, steigt der Ich-Erzähler auf das Angebot ein, sich der Tochter eines neureichen Geschäftsmannes und Betreibers dubioser Lokale anzunehmen. Der Kurs für kreatives Schreiben, für den er offiziel bezahlt wird, ist ein Vorwand. In Wahrheit hat er die therapeutische Aufgabe zu erfüllen, die knapp 20jährige Frau aus einer allgemeinen Lebenskrise zu führen, in die sie ihre Affäre mit dem Gärtner und die gewaltsame Auflösung dieser Affäre durch ihren Vater gestürzt hat. Die Katastrophe für den Schriftsteller ist vorprogrammiert, denn auch er erliegt dem widerspenstigen Charme der hübschen Beáta.
Michal Viewegh erzählt die Geschichte des persönlichen Scheiterns, indem er ihr eine Geschichte des erzählerischen Gelingens darüber legt - auf einer zweiten, reflektorischen Ebene, die von erläuternden Zitaten und Anmerkungen zur Literatur durchsetzt ist. Wir erschließen uns die Wirklichkeiten, indem wir uns von abgenutzten Erzählformen befreien, zitiert Viewegh - neben vielen anderen - Alain Robbe-Grillet. Inwieweit sich der Zitierende durch diese Verflechtung von Zitaten, Reflexionen und Schilderungen tatsächlich von abgenutzten Erzählformen befreit, muß kritisch hinterfragt werden. Denn eigentlich unternimmt Viewegh nur wenig mehr, als konventionelle Formen zu samplen und sie auf eine Weise wiederzugeben, die man als Lehrbeispiel postmoderner Erzählung etikettieren könnte.
Freilich: Ähnlich lustvolle Verwirrspiele um Dichtung und Wahrheit hat es bereits in der Literatur der Romantik gegeben. Aber der fehlte nicht nur die theoretische Hintergrundmusik, sondern auch das erfrischende Lokalkolorit des (post-)kommunistischen Tschechien, mit der Viewegh auf seine ironisch-pointierte Art Lesesucht zu erwecken versteht.

 

Weiters erschienen:

Michal Viewegh: Erziehung von Mädchen in Böhmen. Aus dem Tschechischen von Hanna Vintr. Wien, München, Deuticke 1998, 207 Seiten