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mögen sie roseanne?

Lilly Bretts erfolgreicher Roman „Einfach so“


Lilly Brett: Einfach so. Aus dem Englischen von Anne Lösch.

Wien, München: Deuticke 1998

Rezensiert von: hermann götz


Esther ist ständig auf der Suche nach wichtigen Leuten, die wahrscheinlich in der nächsten Zeit sterben werden. Sie arbeitet als Nachrufredakteurin für eine Zeitung. Esther ist ein Mensch, der sich um die Toten kümmert, damit sie nicht gleich vergessen werden.
Esthers Eltern sind Juden. Es ist wichtig für Esther, daß sie Jüdin ist. Esthers Eltern waren beide im Konzentrationslager. Sie haben das Ghetto von Lodz überlebt und dann das KZ in Auschwitz. Esther besitzt mehr als 400 Bücher über den Holocaust.
Esther hat einen Diamantenring verkauft, den ihr Vater Edek ihrer Mutter geschenkt hat. Sie telephoniert oft mit ihren Eltern. Von New York nach Melbourne. Esther leistet sich für das Geld, das ihr der Ring gebracht hat, eine Psychoanalyse. Esther hat manchmal Agoraphobie, oft Kopfschmerzen. Sehr oft ist ihr schlecht. Aber Esther hat einen lieben Mann, Sean. Sie liebt Sean. Er malt Bilder. Weil sich seine Bilder in New York besser verkaufen als in Melbourne, gingen Esther und Sean mit den Kindern nach Amerika. Sean liebt Esther. Durch ihn hat sie gelernt, was Liebe ist. Mit Sean hat Esther wundervollen Sex. Aber sie spricht nicht gern darüber. Esthers Freundin Sonia spricht ständig übers Ficken. Am Telephon und im Restaurant. Esther ist das oft peinlich. Sie will sich nicht den Schwanz von Sonias Liebhaber vorstellen und auch nicht Sonias Hämorrhoiden. Weder am Telephon noch beim Essen.
Sonia redet meistens über sich selbst, aber wenn sie beide einmal über Esther reden, kommt in wenigen Sätzen eine schöne Zusammenfassung dessen zustande, wovon das Buch handelt:

„'Naja', sagte Sonia, 'einerseits bist du eine normale glücklich verheiratete Mutter, deren Kinder gut geraten sind. Andererseits kriegst du alle Zustände wegen Hitler und den Konzentrationslagern und wegen dem, was mit den Juden passiert ist; dazwischen stehst du auf New-Age-Ernährung und schreibst Nachrufe für deinen Lebensunterhalt.'
'Ich krieg alle Zustände, wirklich?' fragte Esther. 'Eigentlich will ich das gar nicht. Aber ich krieg's nicht aus meinem Kopf. All diese Menschen. All diese Hoffnungen und Träume. Zank und Streit. Alle Gedanken und Pläne, die ganze Energie. Verschwunden. Einfach so. Vielleicht würdest du's auch mit dem Kopf kriegen, wenn dir einfallen würde, daß deine Mutter sich auf allen vieren von einem Hund ficken lassen mußte.“

Inmitten von Manhattan tappt eine Frau mittleren Alters namens Esther sechs dicke Kapitel lang durch ihre tagebuchgroße Welt, auf der Suche nach einer ganz gewöhnlichen Existenz. Diese Welt besteht aus Restaurantbesuchen, Sex und Telephonaten, aus Faxgeräten, die manchmal kaputt werden, und aus dem Tod und der Vergangenheit. Die Vergangenheit jener Toten, an die Esthers Nachrufe erinnern sollen, bildet ein gänzlich wirres Bezugsystem zur Vergangenheit ihrer Eltern, die gezeichnet ist von Schmutz und Leid und von der Omnipräsenz eines Todes, der seine Opfer in entwürdigender Anonymität dahinrafft. Esther fühlt sich schuldig, weil sie ihre Eltern in dem Unsäglichen, das sie durchstanden haben, nicht verstehen kann. Ihre Eltern fühlen sich schuldig, weil sie überlebt haben. Das Bedürfnis, das Unvorstellbare zu begreifen, wirft einen Schatten über Esthers Leben. 400 Bücher über den Holocaust. Jedes Problem, das sich vor Esther auftut, läßt sich in ihrem Hirn mit den Naziverbrechen in Verbindung bringen, löst eine Kette von Assoziationen aus, die immer in die gleiche Sackgasse münden, sodaß ihrem Dasein eine Schwere anhaftet, der sie sich vergeblich zu entledigen versucht. Die Unbegreifbarkeit der elterlichen Vergangenheit wird nicht als intellektuelle, sondern als psychische erfahren. Der Leser erlebt die selbe Hysterie, die er von Esther kennt, bei einer alten Dame, die den Holocaust überlebt hat; Esther sucht in ihrer ständigen Auseinandersetzung mit den Verbrechen im dritten Reich die Wurzeln ihrer eigenen Verunsicherung.
Manchmal setzt sich Esther vor die Schreibmaschine und tippt ihr Lieblingsgedicht. Die Beladenen von Anna Kamiénska. Es endet mit den Worten: Gesegnet sind die Beladenen / denn sie sollen unbeschwert sein.
Esther liebt Roseanne. Sie liebt wahrscheinlich die Leichtigkeit, die in dieser Sendung die alltägliche Tragik zudeckt, den unbeschwerten Humor. Sehr ungewohnt für den Leser vorwiegend deutschsprachiger Literatur, liegt die Intention dieses Buches nicht darin, das Gewicht, die vermeintliche Tiefe des Lebens erzählerisch zu suchen, sondern die Leichtigkeit und den Humor. Kurze Sätze. Lilly Brett schreibt so einfach. Als wollte sie durch Aussparung unnotwendiger Adjektiva Ballast von der Seele ihrer Protagonistin abtragen. Sie schachtelt ihre Sätze nicht um die würdevolle Essenz des Gesagten, sie hüpft im Stakkato über 446 Seiten bis zum Schluß.
Erzählt wird nicht viel. Es werden alltägliche Gespräche und Gedanken wiedergegeben. Das Leben ist ein langer, unruhiger Fluß, der immer derselbe bleibt so oft man das Buch aufschlägt.
Wer sich im Sinne von Vergangenheitsbewältigung für ein Buch interessiert, das unter anderem auch vom Holocaust handelt, der wird einen reichen Fundus an detaillierter Information finden.
Die Versuchung ist groß, das Drama der Judenvernichtung bei der Lektüre in den Vordergrund zu stellen. Wir sind dafür sensibilisiert. Wer aber glaubt Einfach so sei ein Buch, das vor allem über den Holocaust erzählen will - wenn auch aus einer neuen Perspektive -, der wird unweigerlich von der erzählerischen Form enttäuscht sein. Nur selten stellt die Autorin durch Esthers Assoziationen einen zynischen Kontrast zum vorherrschenden Plauderton her, die unvermeidlichen Holocaustbilder, die auf jedes beliebige Stichwort in Esthers Kopf zu rotieren beginnen, verblassen bald zu erzählerischer Redundanz. Als müßte hier unangenehm angestrengt die scheinbar triviale Ebene von Esthers Alltag durchbrochen werden.
Bei mancher Romanlektüre stellt sich wirklicher Lesegenuß erst ein, wenn das Buch vom Leser Besitz ergriffen hat. Wer sich eingelebt hat, in Esthers Welt, der kann gar nicht mehr umhin zu begreifen, daß es in diesem Buch alleine um diese Frau geht - um Esther, nichts weiter. Das Gezwungene, das ihren ständigen Holocaust-Assoziationen anhaftet, wird als ihr eigentliches psychisches Problem begreiflich: die Unfähigkeit, ihr Leben loszulösen von dem, was ihre Eltern ertragen mußten. Diese Perspektive befreit uns davon, über Lilly Bretts stilistische Unbeholfenheit zu urteilen - vor allem wenn wir uns vorstellen, daß sich Esther und Lilly vielleicht nicht ganz unähnlich sind. Wahrscheinlich liebt auch Lilly Roseanne.
Lilly zeigt uns Esther als eine ausgesprochen sympathische Frau. Und je größer die Sympathien für Esther werden, desto größer wird die Freude an Lillys Buch, die Freude am Humor von Lilly und Esther, die Freude an den vielen alltäglichen Situationen, denen Lilly durch Esthers große Sensibilität einen subtilen Glanz verleiht; und die Freude an der Liebe - der großen Liebe zu Sean. Die Kraft und die Qualität des Buches liegt vor allem darin, daß über Liebe und Sexualität in einer schönen und einfachen Sprache geschrieben wird - unbekümmert um Kitsch, unbekümmert um vorherrschende Polaritäten - Erotik und Antierotik.
Die Einfachheit der Sprache gibt auch dem Humor die Würze. Und wenn sich am Schluß wenige sinnlich schöne Metaphern leise in Esthers Gedanken schmuggeln, liest sich das wie ein großes, lautes Finale.
Nehmen wir an, daß sich Lilly Brett in Esther Zeppler selbst portraitiert hat - was aufgrund der gänzlich gleichen Biographie nicht so weit hergeholt ist -, so dürfen wir sicher sein, daß Einfach so gelungene Selbst-Analyse ist. Unterhaltsam und therapeutisch.