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tanz ums grab


Nigel Barley: Tanz ums Grab. Aus dem Englischen von Ulrich Ulrich Enderwitz

Klett-Cotta 1998

Rezensiert von: werner schandor


In seinem neuesten Buch, Tanz ums Grab, setzt sich der britische Star-Ethnologe Nigel Barley kritisch mit Todesvorstellungen, Begräbnisritualen und den Beziehungen zwischen Lebenden und Toten in verschiedenen Kulturen auseinander. Die Ausführungen des Autors von Bestsellern wie Traumatische Tropen oder Traurige Insulaner sind anekdotenreich, und seine Quellenkenntnis, die er souverän einsetzt, ist beeindruckend. Der Tod, das Sterben, diese scheinbar so absoluten Phänomene, werden von Kultur zu Kultur verschieden verarbeitet, sind in ihren mittelbaren Konsequenzen also relativ, zeigt Barley auf. Und wie man sie aufnimmt, ist obendrein noch einer ständigen Entwicklung unterworfen. War zum Beispiel im europäischen Mittelalter der „gute Tod“ ein allmählicher, so hat sich das Bild seither vollkommen gewandelt: „Der 'gute' Tod bei uns im Westen ist das genaue Gegenteil des anderswo üblichen. Der gute Tod tritt plötzlich und ohne Vorwarnung ein, als Herzanfall, der einen am neunten Loch beim Golfspiel ereilt; er soll den normalen Ablauf des Lebens sowenig wie möglich stören.“
Was den Umgang mit dem Tod betrifft, so lautet für Barley die Kardinalfrage nicht, wie die Menschen den Tod verarbeiten, sondern: Wie eignen sie sich die traditionellen Todesrituale ihrer jeweiligen Kultur an? In seinen eigenen Worten: „Nach Ansicht der meisten Menschen besteht bei uns das Problem darin, den Kummer herauszulassen. ... Aus Sicht des Ethnologen stellt sich das Problem genau umgekehrt dar. Es geht darum, den Kummer in die Person hineinzubringen, sie zu veranlassen, sich so zu verhalten, wie es Brauch ist.“
Die Hauptstützpunkte für Barleys Beobachtungen liegen in Afrika und Asien. Er berichtet von etlichen seltsam anmutenden Bräuchen, die bei Todesfällen zum Tragen kommen. Daß die Trauer nicht notwendigerweise die einzige Reaktion auf das Hinscheiden von nahestehenden Personen sein muß, zeigt etwa ein Blick nach Afrika: „Bei den Nyakyusa gibt es 'Bestattungsfreunde', deren einzige Aufgabe darin besteht, die Toten und Leidtragenden ständig zu beleidigen und zu reizen, wobei die letzteren daran keinen Anstoß nehmen dürfen.“ Uns Europäern, die wir für gewöhnlich mit übertriebenem Respekt auf ein Ableben reagieren, erscheint es unangemessen, dem Tod mit derben Scherzen zu begegnen, obwohl es hinter vorgehaltener Hand sicher des öfteren vorkommt. Ebenso scheinen uns sexuelle Aktivitäten als dem Tod wenig entsprechende Verhaltensformen. „Dank des anhaltenden Einflusses der Freudschen Psychoanalyse neigen wir dazu, in der Sexualität das Thema zu sehen, um das sich alles dreht, versäumen aber, zu bemerken, daß die Sexualität oft ihrerseits als ein Idiom gebraucht wird, in dem sich über alles reden läßt, auch über den Tod“, bemerkt Barley. Alles in allem seien „Tollheit und Grimassieren, das Herumwerfen mit Exkrementen in Slapstickmanier, Versuche, die eigene Großmutter oder die Leiche zu beschlafen, heftiges sexuelles Treiben, Freßorgien und Besäufnisse [...] als Bestandteile regelmäßiger, verbindlicher Trauerrituale gut belegt.“
Damit der europäische Leser die oft wundersamen Verhaltensweisen fremder Völker nicht nur kopfschüttelnd kommentiert, fügt Barley als Gegenprobe immer wieder persönlich gehaltene Anekdoten ein, die verdeutlichen, wie sonderbar vertraute europäische (Begräbnis-)Bräuche für fremde Augen aussehen können. Wie hätte man beispielsweise einem alten Menschenfresser von den Fidji-Inseln erklären sollen, daß die Kommunion bei der christlichen Messe nicht wirklich jene kannibalische Handlung ist, die ihr vermutlich zugrunde liegt?
Die vielen Facetten des Todes äußern sich in verschiedensten Nuancen von Todesvorstellungen. Dadurch wird im Grunde verunmöglicht, eine universal gültige Linie zwischen Leben und Tod zu ziehen. Bei den Dowayo in Afrika etwa gilt bereits jeder als tot, der in Ohnmacht oder in ein Koma fällt. In unserer Kultur hingegen ist eines der obersten medizinischen Ziele, den Tod selbst in aussichtslosen Fällen so lange wie möglich hinauszuzögern. „Dem Begriff des Todes geht es wie jeder anderen Kategorie“, schreibt Barley: „Grob gesehen, funktioniert er ganz gut, aber jeder Versuch, ihn genauer zu definieren, treibt ihn in eine Art von Konkurs.“
In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, daß sogar das sogenannte Sterbeerlebnis kulturell verschiedene Ausprägungen erfährt. Im Westen „gehören Lichterscheinungen und Tunnels zu den am häufigsten untersuchten Elementen. Anderen Kulturen tritt der nahe Tod recht anders entgegen - den Japanern zum Beispiel in Visionen von melancholischen Teichen und düsteren Flüssen -, und das führt uns zu dem traurigen Schluß, daß nicht einmal im Todeskampf eine unvermittelte Realitätserfahrung statthat.“
Barleys Umsicht bei der Aufarbeitung seines Themas ist bewundernswert. Mythen darüber, wie der Tod unter die Menschen kam, fehlen in Tanz ums Grab ebensowenig wie Betrachtungen über die Versorgung und den Stellenwert von Leichnamen in den verschiedenen Kulturen oder Hinweise auf die soziale und politische Relevanz des Themas. Doch trotz aller Beispiele und virtuos eingearbeiteter Literaturbelege, trotz aller persönlichen Anekdoten und Vergleiche mit europäischen Todesbetrachtungen und -ritualen, und auch trotz Barleys stilistischer Brillanz bleibt Tanz ums Grab merkwürdig glatt und steril. Abgesehen von anfänglichen Seitenhieben gegen die Egozentrik westlicher Ethnologen scheint das Buch keine Angriffspunkte bieten zu wollen. Aber nicht nur das: Als Leser weiß man nicht, worauf Barley hinauswill. Was irgendwie in der Natur der Sache liegt: Das Wissen um die Relativität von Todesbetrachtungen und Begräbnisritualen ändert absolut nichts an der Tatsache, daß man sich im betreffenden Fall so verhält, wie man sich kulturell vorgegeben verhalten soll. Wie sich die Gujaratis in Nepal, die Bongo im Sudan oder wer auch immer in der betreffenden Situation benehmen, mag zwar für den einen oder anderen interessant sein. Aber: Bringen tut es einem sozusagen nichts. Auch wenn Barley feststellt, „daß die Menschen [der westlichen Welt] mit den derzeitigen Todesritualen unzufrieden sind und sich nach einere Form des Todes umsehen, die mit ihrem emotionalen Erleben in Übereinstimmung ist“, so wirft Tanz ums Grab insgesamt weniger Fragen auf, als Barley vielleicht beantworten möchte.