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traumberichte

andreas okopenko | traumberichte

Die böse Sonne D3.

Eva und ich sitzen im Wohnzimmer beisammen. Es ist um Mittag, die Sonne steht über den Häusern. Auffällig ist, daß vom westseitigen Fenster des Arbeitszimmers klein und spitz ein greller Lichtpunkt herdringt, wie er als Spiegelung der Sonne in Metallflächen bekannt ist. Ich rätsle nicht lange, sondern entdecke tief am Westhimmel mitten am Tag einen Stern, der nicht größer als die Planeten Venus oder Jupiter wirkt, aber immerhin bei vollem Tageslicht die Sonne überstrahlt. Sein Licht ist außerdem von einer unangenehmen durchdringenden Schärfe, dem Weiß blinkend gesplitterten Glases. Ich weiß jetzt, es ist die böse Sonne D3. Feindselig schauen die und ich einander an. Jetzt ist das mit unserer Erde ja aus.

Ein kosmischer Traum.

Ich stand im gänzlich Freien und ließ mir den Grund für den vorzeitigen Untergang dieses Weltsystems erklären. Der männlichen Stimme griff ich naseweis vor und sagte, es habe wohl jedes System seine gleichsam biologische Lebensdauer und „sterbe“ an Abnützung. Der Schöpfer antwortete mir, so einfach sei es in diesem Fall nicht.
(An diesem Punkt des Redens war die Szenerie durch Absolutheit und Größe „erhaben“, dennoch nicht läppische Furcht erweckend: ich sah dem Sprecher entgegen, er stand rechts vorn, vor einer orange-gelbweißen Wand - wie der glühenden Kokswand in einer Kokerei -, die fast einen Oktanten des Himmels einnahm; der Rest war Schwärze, Weltall, in das aber Systeme, durch Leuchten in vielen Farben merklich, ausfuhren; die glühende Materiewand hatte sogar da und dort ferne kleine Gegenspiele.)
Er erklärte, das gefährdete System sei nicht abgenützt, sondern durch einen „Zufall“ unterganggeweiht, eine unerwartete Emission sei eingetreten (er nannte sogar eine ziemlich einfache Formel), und das Ganze sei eine Intrige der zuständigen Schöpferin, insgesamt aber als Generationenkonflikt zu verstehen; er wollte gar nicht viel weiter reden; dazu gab es noch allerhand Himmelstheatralik, mich wissenschaftlich interessierend und ergreifend schön und überhaupt, wie ich erwachend fand, „das Größte, das ich je sah und dachte“.

Sommerwölkchen.

Ein freundlicher, nicht zu tief wirkender hellblauer Himmel über uns. Wolkenlos, nein, da eine kleine Probe sich entwickelnder Cirrus, Schäfchen. Was sich nun rascher als sonst bei solchen Gelegenheiten zusammenfängt, lenkt zum Hinaufschauen. Nicht am Zenit, aber doch hoch, gerinnt das Stück Himmel zu einem Cirrusbrei, ähnlich einer dichten Ansammlung von Löwenzahnsamen, den Fallschirmchen unserer Pusteblumen. Die Ansammlung gewinnt ein Muster, breitet sich aus. Eine Gruppe Schirmchen um ein Zentrum, daneben bilden sich andere Zentren, aus denen ebenfalls Fallschirmchen schweben. Nun schon langsam Richtung auf uns. Ich erschrecke: das ist keine Wettererscheinung. Ich mache die Leute aufmerksam. Da ist es nicht mehr wegzureden: ein System hat sich herausgebildet, das Geplante daran unleugbar. Die Folge bestätigt es: Weit abseits des Vorgangs ähnliche Zellen, nun aus farbigen, immer andersfarbigen Schirmen, die bald in Schönheit einen tüchtigen Teil des Himmels einnehmen. Die Ufos sind da.

Geschwärzte Stadt und die Lotte.

Ich las die Visionen eines munteren Schusters mit überwiegend kornblumenblauem Bart. Ein Teil der Welt war einer Schwärzung zum Opfer gefallen, die nicht an Kriegsbrand, eher an eine Umweltkatastrophe denken ließ. Bald sah ich auf Landkarten ausgerechnet Berlin und Wien geschwärzt, als wäre dort das Papier verbrannt worden. Mir war sehr unheimlich. Nun war ich unterwegs in der geschwärzten Stadt. Die Waggons, der Steinboden waren wie geselcht oder geteert, die Leute lebten dort sehr unglücklich, aber nicht gerade in Todesangst. Nun sah ich auf der Karte, daß am Rand Wiens ein Keil in Hellgrün ausgespart war. Hier floß ein Bach namens Lotte, hier war das Leben heil. Drum hatten sich bald viele Leute Häuser, ganze Siedlungen hergebaut, aber in die Fabriken mußten sie doch in der geschwärzten Stadt.
Die Ursache der Katastrophe blieb undeutlich. Einmal sprach der Schuster von einer Gottesstrafe, dann war es eine Verbrennung durch den Mond - An der Lotte war es sehr idyllisch. Ich erfreute mich an der Detailstruktur dieses Ländchens.
Der Schuster war schon lange gestorben, er war ein heiterer Mensch, so gar nicht der Typ eines Eiferers. Ich sah sein fröhliches Bild mit dem mehrfarbigen unordentlichen Bart und schelmischen Zügen. Der Traum wirkte noch länger in mir. In einem Folgetraum schrieb ich die Story beginnend mit den Farben des Schustergesichtes nieder, ich erlebte mein Schreiben samt Korrekturen.

Sternschnuppen.

So klar kann es nur mehr auf dem Land, fern von jeder Stadt, von jeder beleuchteten Autostraße sein. In der mondlosen Nacht über schwarzer Erde strahlen auf schwarzem Himmel umso stärker - scharf, spitzlichtig, ohne jeden milchigen Hof - die zahllosen Sterne. Alle Sternbilder des Stücks Jahreszeit, Nachtzeit sind wie aus dem Atlas geschnitten ängstigend-dicht aneinandergereiht, auch ohne die menschengezeichneten Verbindungslinien voll erkennbar.
Da aber fallen Sternschnuppen. Wir sind heute nacht in der Phase des dichten Falles, benannt nach irgend einem griechischen Sternbild. Zuerst da und dort eine kleine, die uns erfreut und nicht weiter aufregt. Nun aber werden sie mehr und mehr. Bald - ist das noch vorhergesehen? - ein Chaos von Schnuppenfall, auch ganze Trauben von Sternen. Was am nächtlichen Himmel, der jetzt mein ganzes Sehfeld einnimmt, sind noch normale Sterne? Wenig solche bleiben zu sehen übrig, der Himmel wird für eine Weile der Streifen und Stürze bedenklich sternenleer - sind gar die „echten“ Sterne schon alle zu Schnuppen geworden? Ja, das Chaos ist ausgebrochen.