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vielschichtige verquerungen

Dieter Sperl hat mit seinem zweiten Prosabuch, „Alles wird gut“, so etwas wie einen Roman vorgelegt


Dieter Sperl: Alles wird gut

Klagenfurt, Ritter 1998

Rezensiert von: stefan schmitzer


„..., aber es ergibt keinen Trost mehr, sagt Paul, nur weil wir nicht mehr tiefer sinken können, wir weinen ja um fast nichts mehr, wir simulieren ja nur noch Bedeutung, ruft Paul, permanentes Auftauchen und Verschwinden, bleibt alles wie es ist so ein Stillstand/Strohstand, wir haben die Zeit einfach weggeschafft, weggekehrt, der Boden besteht aus Steinfliesen, ...“

Dieter Sperl, bisher vor allem als experimenteller Lyriker jenseits jeglicher festen semantischen Struktur in Erscheinung getreten, hat mit Alles wird gut, seinem zweiten Prosabuch nach draußen im kopf (Blattwerk 1996), etwas wie einen Roman geschrieben. Wohlgemerkt, um nicht den durchschnittlichen Leser tatsächlich erzählender tatsächlicher Prosa zum Kauf zu verleiten und zu enttäuschen, „etwas wie“ einen Roman, nicht „einen Roman“.
In diesem Text seziert Sperl ein an sich recht „normales“ Thema - eine Dreiecksbeziehung unter besonderer Berücksichtigung der Kindheitsbewältigung des Neurotikers Paul - mit dem ihm eigenen, außerordentlich feinen Sprachinstrumentarium. Er zertrümmert die Satzstruktur, bricht sie in satzartig aneinandergereihte Wortgruppen auf, deren Sinnzusammenhänge oft über eine halbe Seite gezogen, dann aber plötzlich fallengelassen werden, um auf einer bzw. meist mehreren vollkommen verschiedenen assoziativen Schienen fortzufahren, was dann auch noch Sinn ergibt und dem Leser ein über die bekannten Maßen vielschichtiges Lesevergnügen ermöglicht.
Die Frage ist nur, ob das Buch jene Leser findet, denen es Vergnügen bereiten könnte. Denn diejenigen, die sich an Sperls Gedichtband entwurf von selbst oder ähnlicher Literatur ergötzt haben, werden vielleicht weder die Ausdauer noch die Lust haben, über siebzig Seiten einer „typischen“ Erzählungshandlung zu folgen, obgleich sie, an Sperlsche Sinnverrenkung und -anreicherung gewöhnt, den Schlüssel besäßen. Das Publikum jedoch, das jene Art Geschichten schätzt, wird wahrscheinlich nicht die Mühe aufbringen wollen, sich den Zugang zum Text quasi zu erkämpfen - denn genau das ist von dem im Sperlschen Ungeübten gefordert: Nach etwa drei Seiten wird er fähig sein, dem Faden zu folgen. Es ist in gewisser Weise wie mit Prousts Suche nach der verlorenen Zeit: Jedem ist klar, hier handle es sich um wertvolle, das eigene Bewußtsein erweiternde Literatur, aber - Hand aufs Herz - wer ist über In Swanns Welt schon hinausgekommen?
Lohnen würde sich die Lektüre von Sperls Alles wird gut allemal. Hier wird Erzähltechnik auf Post-Chomskysche Mannigfaltigkeit hin getrimmt. Dem Leser, so er einmal einen Zugang zu der verqueren Sprach- und Gefühlswelt des Buches hat, eröffnet sich ein Verständnis für bestimmte Formen der Interaktion und der Isolation, während er sich gleichzeitig in der Rolle eines Voyeurs intimer Geschehnisse und Katharsisschübe wiederfindet.
Der für meinen Geschmack etwas zu durchgestylt scheinende, extrem hermetische Aufbau des ganzen zwingt einerseits, komplett in der Handlung zu versinken, läßt den Text aber andererseits in seiner Gesamterscheinung als relativ gleichförmig erscheinen. Die Idee, den Text zweimal abzudrucken, einmal mit und einmal ohne Beistriche und Groß-/Kleinschreibung, halte ich zwar für interessant, ich glaube jedoch, daß die wenigsten die Möglichkeit, durch noch weniger Fixpunkte noch mehr assoziative Freiheit zu gewinnen, nutzen werden: Man sollte, will man es versuchen, mit der „geordneten“ Version bereits vertraut sein.
Kurz gesagt: Sperl hat wieder experimentiert. Das Resultat ist erneut ebenso anstrengend wie lesenswert.