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von besseren und schlechteren sätzen (1)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen


Günther Geiger: Exit Vienna

Wien, Löcker Verlag 1998

Rezensiert von: colette m. schmidt


„alkpoeten geifern herum, oder pennen. 10 krügel hintereinander & kopf auf den tisch. einsamkeit, trauer, depression in der übervollen gaststätte. fertig, aus, keine unterhaltung mehr möglich, nur gelalle.“

Dieses Zitat aus Günther Geigers Roman Exit Vienna als Zustandsbeschreibung der gegenwärtigen österreichischen Literatur einzusetzen wäre, wie sich zeigen wird, unangemessen. Vielmehr ist es der erste von fünf atmosphärischen Schnappschüssen am Beginn einer Reise, die in verschiedenste Gebiete frisch publizierter Literatur führt.
Beginnen wir diese Reise ausnahmsweise mit einem Ausgang, den man anders verstanden in diesem Fall zum Ausgangspunkt machen kann: Exit Vienna vom gebürtigen Grazer und Wahlwiener Günther Geiger hält nur die Hälfte von dem, was sein Titel verspricht. Richtig: Schauplatz des Geschehens ist die österreichische Bundeshauptstadt, ein Ausweg aus den Tiefen der Wiener „Szene“ in einen lesenswerten Roman findet sich allerdings nicht. Exit Vienna ist vordergründig ein kritisches Gesellschaftsportrait, das zynisch und (wort)witzig zu sein versucht. Statt dessen häufen sich kapitelweise Überlegungen und Beobachtungen voller Fadesse, die Geiger abwechselnd mit aufwendigen wie sinnlosen Sprachsalti und protokollhaften Passagen aufzufrischen versucht. Anfangs schon, wenn der Erzähler diverser Gschichterln sich im Alt-Wien als Voyeur getarnt daranmacht, die hiesigen “... literaten. papiertiger. papierakrobaten ...“ beim abendlichen Umtrunk zu skizzieren, mißlingt jeder Zynismus, fällt sofort der ständigen Selbstbezogenheit des Autors zum Opfer. Nun ist es ja nicht so, daß Autobiographie und Gesellschatfskritik sich ausschließen müssen, doch wird hier die Leserschaft ständig wieder dazu gezwungen, den Beobachter selbst zu beobachten, und das durch einen scheinbar vom Rausch verlangsamten Blick. Ein Effekt, den man durch ausreichenden Alkoholkonsum leicht selbst erzielen kann. Abstand und ein Mindestmaß an Objektivität, die jeder Story nützen, finden hier keinen Platz.
Kapitel um Kapitel wird so - zugegebenermaßen recht flüssig und im wahrsten Sinne frei von der Leber weg -, parliert, doch weder Niveau noch Unterhaltungswert oder Tiefgang nehmen im Laufe der über 230 Seiten zu. Das vorletzte Kapitel mit dem bezeichneten Titel Alk Liebe Alk verrät uns wenigstens dermatologisch Wissenswertes. Wird doch beantwortet, was bei Milbenbefall mit einhergehendem starken Hautjucken wirklich hilft. Ansonsten verrät uns Günther Geiger viel über sein Liebesleben, über Sehnsüchte und gescheiterte Vorhaben von Menschen, die ihm über den Lebensweg gestolpert sind. Dichter, Maler, Gitarristen, Kindergärtnerinnen, die eigentlich Schauspielerinnen werden wollten, und sogenannte Kunstdenker bevölkern die vielleicht den Tagebüchern des Autors entrissenen Seiten, auf denen die achtziger und neunziger Jahre aufgearbeitet wurden.
Nicht gerade einfühlsam, aber mit teils hemmungslosem Hang zum Detail. Weniger wäre mehr: weniger abenteuerliche Neologismen zugunsten von mehr erzählerischer Substanz und sprachlicher Präzision.