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von besseren und schlechteren sätzen (4)

Neues aus österreichischen Kleinverlagen


Ronald Pohl: der möwensimulator

Linz, Wien: Blattwerk 1998

Rezensiert von: colette m. schmidt


Keine angerissenen Geschichten, sondern fein durchdachte, redselige Stücke stellt der Wiener Standard-Theaterkritiker Ronald Pohl in seiner Trilogie der möwensimulator vor. Das die Qualität eines Stücks nicht unbedingt von seiner Aufführbarkeit abhängt, wird hier abermals bewiesen. Denn möwensimulator, acker furcht und schuttumkehr sind auf einer Bühne kaum vorstellbar, sie würden sogar einiges ihrer Ästhetik einbüßen. Thematisch kreisen alle drei um Umbrüche. Die Zerstörung alter Regimes, aus denen neue Formen und Epochen hervorgehen. Im Stück möwensimulator treffen verschiedene Figuren der Theaterwelt und Geschichte aufeinander: Lauter Endzeitgestalten, wie Prinz Hamlet samt Ophelia, Rosa Luxemburg, Lenin, Trotzki sowie Personal aus Tschechows Möwe spielen russische Revolution. Sie kommen selbst zu Wort oder werden in bzw. zwischen Originalpassagen kunstvoll eingebettet, versuchen gleichzeitig, sich aus ihren Rollen, aus dem Stück, das ein Regisseur zusammenzimmert, zu befreien und verkünden die Endzeit des Theaters. „auf kindesbeinen schneuzt ich mich in eure bärte, kannst du die möwe schreien hören, alter, denn meiner meinung nach ist das theater zeitgenossenschaft und blinde konvention, durch frauenzimmer wehen puderwolken, was kölnisch wasser war, riecht nach chanel.“ Ihr Ende und das des geneigten Publikums folgt auf den Fuß: „ ... die möwe war beim dramenpräparator, ophelia ist nackt, der schau(d)er tot“
Das zweite Stück acker furcht, in dem sich die Geburt der zweiten Republik in einer Szene mit russischen Soldaten und einer alten Frau widerspiegelt, spielt virtuos mit dem Wechsel verschiedener Erzählperspektiven und zeitlichen Ebenen. Die Nazis sind brandneue Vergangenheit, - „auch stehen wir hier im herzen einer stadt/inmitten wiens wo synagogen brannten/in einer nacht aus schreien und kristall/dann rissen sie in fetzen die thora/darauf zu betten ihre blonden frauen/ (...)“, - die Kalaschnikow und Rotarmisten sind Gegenwart in Wien, der „hitlerhure“, in der vergewaltigt, gezeugt und geboren wird.
Pohl bedient sich einer sehr poetischen Sprache, die trotzdem nie künstlich wirkt und Gewalt, Begierde nebst all dem anderen, was der Krieg ans Tageslicht holt, unverblümt benennt. In den atemlos dahinfließenden, jambischen Versen bekommt jede Zäsur im Lesen ihren Sinn. Der Autor schnürt seine Sätze gleichsam in ein elegantes Korsett, ohne ihre Redegewandtheit an irgendeiner Stelle einzudämmen. Seine Worte schaffen sich in jeder Strophe neue Freiheiten, brechen von einem Satz in den nächsten durch, auch weil auf Kommas und Punkte seitenlang verzichtet wird. Im dritten Teil schuttumkehr, in dem sich Pohl das Ende der DDR vorknöpft, wird wiederholt auf die vorangegangenen beiden Texte angespielt. Diese geschickte Mischung aus Poesie, Umgangssprache und Erzählung bereitet ein stilles Vergnügen.