schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 01 - weltenende von der bedrückenden endlichkeit
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/01-weltenende/von-der-bedruckenden-endlichkeit

von der bedrückenden endlichkeit

hermann götz | von der bedrückenden endlichkeit

Ein roter Faden

„Es werden wohl noch viele Bücher über die Jahrtausendwende erscheinen“, steht am Buchrücken: „Das 'Ende der Zeiten' wird mit Sicherheit eines der hervorragendsten bleiben.“

Damian Thompson hat aus Anlaß der Jahrtausendwende ein Buch geschrieben, das sich durch ernstzunehmende Argumentationen und einen glaubwürdig erscheinenden Autor wohltuend von anderen Machwerken abhebt, die aus der selben Motivation auf den Markt geworfen werden. „Hervorragend“ wirkt es vor allem deshalb, weil Thompson sich damit begnügt, ein zweifellos populäres Thema zum rechten Zeitpunkt zu behandeln, aber nicht der Versuchung erliegt, Sensationen zu schüren oder zugunsten einer schlüssigen Stringenz einen vielschichtigen Faktenkomplex zu vereinfachen, zu verzerren. Seine Darstellungen sind umfassend und wollen nicht verunsichern, sondern calmieren.
Die Glaubwürdigkeit von Thompson ist darauf zurückzuführen, daß seinen Ausführungen - vorderhand - keine vorlaute These zugrundeliegt, die zu beweisen er den Fundus an Informationen durchwühlen müßte. Das Ende der Zeiten ist also eine meist nüchterne Darstellung des Phänomens „Apokalypse“, wörtlich „Enthüllung“ (von Endzeitvorstellungen), die sich in unterschiedlichen Ausformungen in allen Zeiten manifestierten, wobei Thompson jede Entwicklung im historischen Kontext betrachtet.

Die Zahlen und die Zeit

Um eine differenzierte Darstellung bemüht, hält er der biblischen Apokalyptik verschiedene Vorstellungen vom Weltzeit-Charakter entgegen, die den christlichen Endzeitglauben beeinflußten. Etwa das sumerische Sor, ein Weltenjahr von 3600 Jahren, das seine Entsprechung im idealen Jahr von 360 Tagen hat und Ausdruck der heiligen Zahl sechs war, die auch unserer Zeitmessung zugrundeliegt; oder die vier Weltzeitalter, die den vier Jahreszeiten entsprechen, bzw. die große Woche von sieben Zeitaltern. Alle diese Systeme sollen mehr oder weniger apokalyptisch gewesen sein. Jeder Wechsel in ein anderes Zeitalter wurde als das Ende einer Welt gesehen - und schlicht alle Völker wähnten sich interessanterweise am Ende ihrer Zeitrechnung.
Das Besondere und Neue an der jüdisch-christlichen Apokalyptik ist nach Thompson die Ankündigung eines 1000jährigen Reiches, das auf Erden unter der Herrschaft Jesu errichtet werden sollte. Diese Vorstellung ist Charakteristik und Grundlage aller millenaristischen Theorien. Die Annahme, die Wiederkunft des Herrn stünde kurz bevor, ist im Weltbild vieler (Prä-)Millenaristen eng mit der Vorstellung verknüpft, daß Satan auf Erden herrschen werde, unmittelbar bevor Christus sein Reich errichtet. Das bedingt für Thompson das zweite Charakteristikum millenaristischer Bewegungen: Das Verteufeln von Feindbildern, ein ideologischer Wesenszug, der besonders verfolgte und bedrängte Gruppen betrifft. Für eine solche müssen wir schließlich auch die Urchristen halten, die Ursprung und Zielgruppe der Offenbarung des Johannes waren. Ganz bewußt dürfte die apokalyptische Symbolik so angelegt sein, daß die junge Christengemeinde, die laut Thompson in dringlicher Endzeiterwartung lebte, im großen Tier den römischen Kaiser gesehen hat.
Von diesem Szenario ausgehend, breitet Thompson eine faszinierende Vielzahl apokalyptischer Bewegungen vor uns aus. Nachdem er die Wurzeln der apokalyptischen Denkweise freigelegt hat, zieht er im ersten Teil seines Buches einen roten Faden eschatologischer Verhaltensmuster durch die Geschichte der Menschheit. Daß er dabei, wie am Buchrücken steht, kein Detail vernachlässige, ist eine wohlgemeinte Übertreibung. Wahrscheinlich sehr zugunsten seines Werkes hat sich Thompson weitgehend auf die christliche Welt beschränkt und auch hierbei ein besonderes Augenmerk auf den angloamerikanischen Raum gerichtet. Es stört aber kaum, nichts über das germanische Muspilli zu lesen. Direkt wohltuend erscheint es, im Zusammenhang mit Millenarismus und Chiliasmus in der Gegenwart, nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, auf Feindbilder wie den islamischen Fundamentalismus gestoßen zu werden.

Die unbemerkte Jahrtausendwende

Vielfach wird heute beim Gedanken an das Jahr 2000 auf das erste christliche Millenium verwiesen, wo sich Pilgerheere inbrünstig Gebete stammelnd ostwärts gewälzt haben sollen, den Herrn zu empfangen. Aufgrund einer überdeutlichen Quellenlage konnte Damian Thompson aber nicht umhin, die totale Endzeitstimmung des Jahres 1000 als Mythos zu entlarven, der auf das 16. Jahrhundert zurückgeht, als erstmals eine Geschichtsschreibung aufkam, die die Zeit in Jahrhunderte aufteilte. Im Jahre 1000 dagegen war die Zeitrechnung nach anno domini nicht einmal allgemein anerkannt und erst recht nicht im Bewußtsein des Volkes verankert, das sich am Wechsel der Jahreszeiten orientierte. Datierungen wurden nach Herrschaftsjahren vorgenommen.
Eine besondere Aufregung, die sich direkt darauf beziehen hätte können, daß sich die Geburt des Herrn zum tausendsten Mal jährte, war durch die Kirche verunmöglicht, da die Bedeutung des Datums totgeschwiegen oder sogar bestritten wurde. Ähnliches soll schon geschehen sein als - nach verschiedenen Zeitrechnungen - im Jahre 500 und im Jahre 800 eine aera mundi, d.h. ein Zeitabschnitt von 6000 Jahren nach der Schöpfung vergangen war und Endzeitstimmung zu befürchten gewesen wäre. Es ist eine interessante Beobachtung Thompsons, daß die etablierte Kirche sich schon seit der Zeit der Kirchenfürsten bemüht habe, eschatologische Systeme stillschweigend abzulösen, sobald der Zeitpunkt ihrer Erfüllung allzu nahe rückte.

Rassenhaß zum Weltenende

Jede Endzeitstimmung bewirkt eine allumfassende Radikalisierung. Immer wieder hat apokalyptisches Denken Gewalt mobilisiert. So beginnt am Ende des elften Jahrhunderts mit einem sogenannten Bauernkreuzzug ein in vielfacher Hinsicht trauriges Kapitel der Geschichte des Christentums.
Die Bewegung wurzelte in „klassischem Millenarismus“, wie Thompson schreibt, war Resultat „relativen Elends“, verursacht von Hungersnot und Pest. Papst Urban II. hatte zum Heiligen Krieg aufgerufen, um Jerusalem von den Sarazenen zu „befreien“. Anstatt der wohlgerüsteten Ritterschaft machte sich ein halbverhungerter Pöbel auf, in Erwartung ein himmlisch-goldenes Jerusalems, wie es in der Apokalypse beschrieben ist, zu erobern. Die Letzten wollten die Ersten sein. Das nahezu emanzipatorische Pathos der Rechtlosen findet bei Thompson keine Erwähnung, obwohl aus dieser Perspektive noch viel deprimierender erscheint, was er betont: Die Verbindung von millenarer Phantasie und Genozid, die offenbar wurde, als auf dem Weg in den Orient vom zweifelhaften Christenheer tausende Juden hingemordet wurden. Der erste derartige Massenmord in der Geschichte Europas.
Im frühen 15. Jahrhundert taucht im Kontext radikaler Bauernbewegungen eine Prophezeiung namens „Gamaleon“ auf, die die Ankunft eines künftigen deutschen Caesar verspricht, der über ein Reich herrschen soll, in dem Franzosen, Ungarn und Slawen unterworfene Völker, Priester und Juden ermordet und ausgerottet sind.
Der oft blutig rote Faden von eschatologischen Verhaltensmustern, den Thompson durch unsere Geschichte legt, zeigt deutlich die Entwicklung eines Denkens auf, das - wie Thompson nach groß angelegter Vorarbeit leicht nachweisen kann - in unserem Jahrhundert immer noch funktionierte (und funktioniert).

Millenarismus rechts und links

Der Nationalsozialismus ist, von seiner Entwicklung her betrachtet, keine religiöse Ideologie. Dennoch kann das Regime Hitlers laut Thompson nur aufgrund seiner millenaristischen Weltsicht begriffen werden. Nur im Kontext apokalyptisch-religiösen Denkens ließe sich erklären, daß Menschen das Gefühl hatten, eine gute Tat zu vollbringen, als sie etwa kleine Kinder in Öfen schoben. Thompson strapaziert nicht allzuviele Indizien, um diese ohnehin verbreitete Ansicht zu stützen.
Eine vielleicht gewagtere und insofern interessantere Theorie, die Thompson wiedergibt, „demaskiert“ den Marxismus als apokalyptisches System. Die marxistische Vorstellung erscheint tatsächlich als Imitat der christlichen Lehre von Paradies, sündhafter Welt, Apokalypse, 1000jährigem Reich und himmlischer Ewigkeit: Bekanntlich wurde von Marx eine (paradiesische) Urgemeinschaft angenommen, abgelöst von Zeitaltern der Unterdrückung, an deren Ende die Revolution stünde. Sie sollte - als Vorstufe zum (himmlisch) klassenlosen Endzustand - die zeitlich beschränkte Diktatur des Proletariats etablieren.
Der Sündenfall ist die Entstehung des Privateigentums, die Proletarier sind das auserwählte Volk. Den Antichrist gibt - nach Norman Cohn, auf den sich Thompson bezieht - die Burgeoisie ab. Daß Cohns Theorie nicht unumstritten ist, weil er Nazismus und Marxismus in bezug auf Dämonisierung ihrer Gegner gleichsetzt, gibt Thompson gerne zu.

Apocalypse now!

Für Thompson ist eine solche Sicht der Dinge wichtig, um das 20. Jahrhundert als die apokalyptische Epoche schlechthin darzustellen. Während nämlich in Europa Millenarismus vor allem in quasi säkularisierter Form gelebt und gedacht wird, führt uns Thompsons roter Faden ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er beginnt bei der Vorstellung der Pilgerväter von einem puritanisch neuen Jerusalem, die von Beginn an amerikanisches Geschichtsbewußtsein geprägt hat. Es wird eine moralische Entwicklung skizziert, in der sich Prädestinationsglaube und Gründungseuphorie mit einer alten Vorstellung paarten, die in England den zukünftigen Gottesstaat erblickte, eine bankrotte Theorie, die sich, auf das neue große England jenseits des Atlantiks angewendet, ausgezeichnet revitalisieren ließ. Der Neuen Welt entsproß ein neuer Millenarismus.
Thompson versucht zu zeigen, wie der amerikanisch eschatologisch verbrämte Puritanismus in der Gegenwart auf erstaunliche Weise weiterwirkt. Der Autor entwirft ein Bild von religiösen Bewegungen und Umwälzungen, das eine unbestreitbar beklemmende Faszination ausübt, auch wenn sich manchmal der Faden apokalyptischer Charakteristik scheinbar im Dunst von Verallgemeinerungen verliert. Das vielleicht bedenklichste Exportgut der neuen Welt scheint nach Thompson nicht der Hamburger zu sein und auch nicht das Hollywood-Kino, sondern ein charismatischer und/oder dem wörtlichen Verständnis der Bibel verpflichteter Fundamentalismus mit latent eschatologischem Grundtenor, für den Thompson die etwas abfällige Bezeichnung „Erlebnisreligion“ benutzt.
Engagierte Zweige der christlichen Fundamentalisten bilden gemeinsam die evangelikale Organisation AD 2000 (!), die nach einer militärisch anmutenden Rasterplanung die Welt missioniert. In einem wohlhabenden, katholisch verwurzelten Land wie Österreich fällt es schwer, sich vorzustellen, daß eine Bewegung dieser Art 1994 weltweit täglich 178.000 Bekehrungen verbuchen konnte. Die Spitze des missionarischen Erfolges stellt interessanterweise Seoul dar, das Zentrum des koreanischen Wirtschaftswunders, wo 40% der Bevölkerung eine Form der Religiösität leben, die hierzulande ohne Zweifel als sektiös verrufen wäre.
Weniger Spott bringt Thompson für eine Analyse apokalyptischer Tendenzen päpstlicher Äußerungen auf, die er im Kontext von Marienverehrung zu erklären versucht. Marienerscheinungen und päpstliche Visionen bleiben schließlich auch ausgespart, wenn der Begriff des kultischen Milieus als das Grundelement von Fundamentalismus und New Age definiert wird. Dieses sei aus Vorstellungen gespeist, denen die Unvereinbarkeit mit dem Denken der Gesellschaft gemein sei. Zumindest beim Versuch, in diesem Sinne auch dem Phänomen New Age gerecht zu werden, hat sich Thompson auf glattes Terrain begeben. In vielen Bereichen, die landläufig mit New Age in Verbindung gebracht werden, herrscht allgemeiner Interessensboom weitab vom kultischen Milieu. Das gilt z.B. für Homöopathie und Astrologie, die bei Thompson im Zusammenhang mit radikalen Bewegungen wie den Sonnentemplern oder der Aum-Sekte Erwähnung finden.
Es hätte wahrscheinlich gar nicht einer derart bemühten Konsequenz bedurft, um glaubwürdig darzulegen, daß die Meinung, am Ende der Zeiten zu leben, immer das Vorstellungsvermögen des Menschen dominiert hat. Bleibt nur die obligate Frage: Weshalb? Die Erklärung hierfür schließt den großen Bogen, den der Autor spannt. Am Beginn seiner Ausführungen verweist er darauf, daß die Einteilung der Zeit als Grundbaustein jeder Kultur immer vom Willen mitbestimmt war, die Welt als Äquivalent zum (er)lebbaren Menschendasein zu interpretieren. (Die vier Weltjahreszeiten, die große Woche, das Weltenjahr.) Am Ende kehrt der Theologe Thompson wieder an diesen Punkt zurück, um das irdische Dasein zu thematisieren, welches die Zeit immer als eine endliche begreift, weil es bestimmt ist vom Wissen um den Tod.
Das Ende der Zeiten hebt sich, wie eingangs erwähnt, wohltuend ab, von manch anderem Buch zum Thema. Inge Schneiders Countdown Apokalypse nimmt sich neben Thompsons Werk vergleichsweise krude aus. Unter dem aufsehenerregenden Titel wird versprochen, Hintergründe der Sektendramen zu erklären und aufklärend gegen die Pläne „selbsternannter Gurus und falscher Christusse“ aufzutreten.
Im Gegensatz zu Thompson, der in Oxford Theologie studierte, ist die Autorin vor allem durch Erfahrungen qualifiziert, die sie selbst während eines bisher von Spiritualität und Esoterik geprägten Lebens und im „Geheimbund“ Lectorium Rosicruzianium (einer als Sekte gehandelten Gemeinschaft), dem sie für einige Zeit angehörte, gesammelt hat, sowie durch ihre Interssen: Ökologie, neue Technologien und Bewußtseinsbildung. Das Buch ist im Jupiter Verlag erschienen, den die Autorin selbst gegründet hat, und es riecht nach Weihrauch. Inhaltlich bietet das Werk dem, zugegebernermaßen - aufgrund der olfaktorischen Präsenz einer esoterischen Aura - voreingenommenen Leser eine ziemlich wahllos strukturierte Rundschau über mehr oder weniger sektiöse Gruppierungen und Geisteshaltungen, wobei die Motivation der Autorin stets verschwommen erscheint. Sie belustigt sich über die mehrmals geänderten Apokalypse-Termine der Zeugen Jehovas und der Milleriten (die fälschlicherweise mit den in späterer Folge aus dieser Bewegung hervorgegangenen 7. Tages Adventisten gleichgesetzt werden), steht dem Maitreya-Kult sowie der Scientology-Bewegung sehr kritisch gegenüber, hält aber die Lehren des Lectorium Rosicruzianum zumindest grundsätzlich für richtig. Sie unterstützt die These, „Illuminaten“ und - falsche - Freimaurerei strebten die Weltherrschaft im Zeichen des Antichristen an und stellt Verbindungen zwischen hohen Logen und der Gründung der Zeugen Jehovas her. Nostradamus und Jakob Lorber (der übrigens in Graz gewirkt hat, Anm. d. Redaktion) dagegen sind für sie wahrhaftige Propheten.
Letztendlich bieten Countdown Apokalypse in genau jenes Grundwesen neuzeitlicher (Pseudo-)Spiritualität zwischen New Age und christlichem Fundamentalismus Einblick, das Damian Thompson als das „kultische Milieu“ beschreibt.
Fazit: Trauen Sie ruhig Ihrer Nase wenn Sie Bücher kaufen.

Damian Thompson: Das Ende der Zeiten. Apokalyptik und Jahrtausendwende. Claassen: Hildesheim 1997. 442 Seiten.

Inge Schneider: Countown Apokalypse. Hintergründe der Sektendramen. Jupiter-Verlag: Bern 1995. 438 Seiten.