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von der endlosigkeit des unsinns ...

Zur 98er-Romankollektion von Franzobel


Franzobel: Böselkraut & Ferdinand. Ein Bestseller von Karol Alois

Wien, Zsolnay 1998

Rezensiert von: christian steinbacher


Mit zwei Prosabänden wartet Franzobel heuer auf: der eine treibt ohne Geschichte aus zu einer Art Sprach-Spüle, und der andere versucht eine Art „Kindergeschichte für Alt und Jung“.
In letzterem erzählt Franzobel die Geschichte des Duumvirats Böselkraut & Ferdinand, das auf der Suche nach Böselkrauts Hund Knödel eine Kidnapperbande aufdeckt. Ferdinand ist ein gleich einem Kinderbuchdedektiv kombinier-erpichter Junge, und mit Böselkraut wird die Figur eines schizophrenen Tolpatschs entworfen, die, in ihrer eigenen Weltsicht gefangen, kaum die alltäglichsten Wörter besetzen kann und so in ihren Schlüssen die Welt auf den Kopf stellt. Die verkehrende Sicht, in ihrer Sprache vielfach über wortverdrehende Substitutionsspäße agierend, beschränkt sich aber nicht auf Böselkrauts Welt: zum einen geht diese Sprache nahtlos über in die des Erzählers, zum anderen muß Böselkraut erzähltechnisch in der Ausführung seiner Sätze paradoxerweise auch auf artikuliertes Wissen zurückgreifen, was aber mit einen Reiz ausmacht für diese unentschieden zwischen einer kaugummitonartigen Kindergeschichte und einer Groteske schwebende Prosa. Die Grenzen zwischen Welt und Phantasiewelt werden flapsig übersprungen wie einst in Bauers Fieberkopf oder den frühen Geschichten Dominik Steigers, und an den besten Stellen wird - v.a. über die beschwingt-clownesken Dialoge - das Läppische in Leichtigkeit überführt, die beglückend folgern läßt: Nur der Unsinn ist endlos.
Auch das für den Autor charakteristische Abgleiten und sein Personenreigen kommen vor - jedoch in einem unter Klammern zwischengeschalteten Nebenstrang. Diese Einschübe - rhythmisch im gestauchten, immer wieder in sich zusammenstürzenden Auf und Ab der Franzobelschen Zieh-Harmonik gehalten - dienen u.a. als Kleckse, können die kompakte Erzählung aber nicht wirklich aufweichen und bleiben als Schrulle bewußt gesetzter Unflätigkeiten kein zwingender Zusatz für dies insgesamt doch eher witzig-heimelige Buch.
Nun aber zum Trottelkongreß: Lirum, Popeia. Bereits im Untertitel des minimalistischen Heimatromans sind wir getäuscht: Nicht ein Roman folgt, sondern ein Schwall aus (oft nur über eine Welt aus während oder dann spontan verklammerten) zahlreichen Sujetstückchen. Und antipodisch zum 'Minimalismus' wird die uferlose Motivik einer barock-krausen Sprachflut unterzogen.
Unter Zuhilfenahme sämtlicher 264 Papstnamen wird ein Figurenkarussell (von Alleinunterhalter bis Ziegelfabrikant, Adeodatus bis Zosimus und Ablinger bis Zwirbelbichler) entwickelt und zum Schluß in großem Tohuwabohu aus dem Buch geworfen. Im Parallellauf dazu wächst ein Embryo (auf Seite 23 2,3 cm groß!), den es dem Text immer wieder aufstößt. Und auch Fotos vorbeimarschierender Liedertafler der NS-Zeit begleiten den Text und färben dessen Stapellauf aus Abziehbildern menschlicher Unzulänglichkeiten ins Bedrückende. Der Tod steht vor der Tür. Die Welt ist hilflos und banal: ach, bitte heiterererer!
Die typisierten Figuren spielen Heimat als negatives Klischee: Aufessenmüssen, Pflicht zur Dankbarkeit, Mißtrauen gegen jedes Engagement. Der Schluß der Welt ist naheliegend: der Stationsarzt Nazi, der Bauarbeiter brustbehaart, der Bettnässer wird Kartograph. Egal, ob Judenhasser oder Flipperautomat, die Welt ist eins als Sog und Pot und Spüle: Seele und gesund. Es grunzte nur.
Entfacht? Nein, unter Dach und Wärmedämmung. So etwa drängt den Wortersatz es in Verzerrung, zersetzt das unentwegt verquere Treiben seinen Fleckerlteppich Welt: ein Strudel abgelauschter Sprache, mit Stotterrufen, Kinderliedern, Kalauern, medizinischen Fachtermini (und dennoch: Bombus bombastus heißt die Diagnose) - alles zerstückt und umverteilt! Das fordert präzises wie blitzschnelles Lesen: schon die nächste Verrenkung kann auf wieder anderen sprachlichen Handgriffen fußen: vertauscht, gekappt, zerfleddert und aufs Maul geschaut (und stirbte), ein Wortklumpen wird nachgesetzt, prompt repetiert, zentral aus Laune istisch angehängt und Krebs durch Krake substituiert, ja, gar im Spiel der Redefüllsel plötzlich konstruiert: äh ja, ja äh, das kommt.
All das entsteht wohl dadurch, daß hier ein Autor den sich durch „spontane und assoziative Arbeitsphasen“ ergebenden „Stoff“ einer „intensiven mehrfachen Überarbeitung und Auswahl“ (F.W. Block) unterzieht, und nicht umsonst hat sich auch Herzmanovsky als ein Ahnherr der Franzobelschen Saloppheit immer mit mehreren Stoffen zeitgleich beschäftigt. Die Sprachwelt der auch an Abraham a Sancta Claras Narren-Sammlungen gemahnenden Prosakomödie basiert auf der Gleichstellung jeglichen Materials, gerät über ihren anti-aufklärerischen Zug aber auch außerhalb von Experiment und Moderne und weist so nicht nur auf eine Sicht grotesker Komik, sondern auch auf die der a-politischen Spaßgeneration: Der Raum ist Teig. Was will man denn von mir? Was hat man denn davon? Derartige Fragen stößt es dem Embryo-Strang immer wieder auf, wie auch manchen Figuren und trotz des perspektivisch nicht ortbaren Ichs wohl auch dem „Erzähler“ selbst als Ausfluß einer Melancholie des Gleichmuts, der alles umsonst und eins wird, abgelauschter Dreck, den es zurückzuwerfen gilt. Danach, nein, kehrt ein - ja, selbst Verkürzung rastet aus. Was raschelt da? Martina Kopf? Ein Löffel? Stil?

Weiters:

Franzobel: Der Trottelkongreß. Commedia dell'pape. Ein minimalistischer Heimatroman. Klagenfurt, Ritter 1998, 112 Seiten.