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von kometen, kriegen und katastrophen

stefan schwar | von kometen, kriegen und katastrophen

Der Komet kommt noch, aber der Untergang hat schon längst begonnen ...

Unter Kometenforschern zirkuliert ein Satz: „Comets are like cats. They have tails, and they do precisely what they want.“ Die Vorstellung von Kometen als widerspenstige Kätzchen hat etwas Beruhigendes. Auch im Volksmund hat der Komet seine Bedrohung verloren, kommt er doch notorisch zu spät oder überhaupt nicht. Und wenn doch einmal einer verdächtig nahe an unserer Atmosphäre vorbeischrammt, dann repetieren wir mit dem wohligen Schauer der Unversehrtheit einen weiteren Satz der Kometenforscher: „Das war aber knapp!“ Was aber, wenn sich das Kätzchen in eine reißende Bestie verwandelt und unserer Kugelwelt einen Hieb versetzt, daß kein Stein auf dem anderen bleibt? Geht es nach Alexander und Edith Tollmann, den Autoren des Buches Das Weltenjahr geht zur Neige. Mythos und Wahrheit der Prophezeiungen, dann wird er diesmal kommen, der Komet, und zwar gewaltig. Doch bereits im Vorfeld des drohenden Impakts, also des Kometeneinschlags, werden sich allerorts Dinge ereignen, die alle bisher gekannten Katastrophen und Kriege lediglich als kürzere oder längere Unannehmlichkeiten der Menschheitsgeschichte erscheinen lassen. Hier die Chronik der angekündigten Apokalypse: Ende Juli 1999 - und zwar genau an einem Wochenende an der Wende zum August (!) - werden russische Truppen in Mitteleuropa einmarschieren. In drei Angriffskeilen, ein südlicher von Prag über Ulm bis nach Lyon, ein weiterer über Sachsen bis nach Köln und ein nördlicher über Berlin, Hamburg bis nach Belgien und in die Niederlande, werden russische Panzerdivisionen eine an Grausamkeit nicht mehr zu übertreffende Blutspur durch Mitteleuropa ziehen. Die russische Armee wird höchstwahrscheinlich auch nicht vor dem Einsatz von Atomsprengkörpern zurückschrecken, wodurch Paris, Prag, London, Berlin, Münster, Ulm „und viele andere Städte“ dem Erdboden gleichgemacht werden. Der kollektiven Selbstausrottung der Menschheit wird jedoch aus heiterem Himmel Einhalt geboten, denn nur drei Monate nach Ausbruch des Dritten Weltkrieges stürzt ein Komet von sagenhaften drei Kilometern Durchmesser auf die Erde. Die Folgen dieses Impakts sind allerdings noch verheerender: Weltbeben, Vulkanausbrüche, Hitzeorkan, Großbrände, Flutwellen, Impaktnacht und radioaktive Verseuchung durch die überall zerborstenen Atomreaktoren. Die Weltbevölkerung schrumpft auf Bruchteile der heutigen Größe zusammen, das Weltenjahr, der Zeitraum zwischen zwei Impakten, ist zu Ende!
Bei aller Plausibilität der geschilderten Abläufe nach dem Kometeneinschlag drängt sich die Frage auf, woher dieses detaillierte Wissen um die Vorgänge unmittelbar davor stammt. Eines sei gleich klargestellt: Diese eschatologische Skizze stammt nicht etwa aus der Feder weltabgewandter Misanthropen. Alexander Tollmann und seine 1995 verstorbene Frau Edith stehen als habilitierte Geologen mit einer respektablen wissenschaftlichen Karriere - Alexander Tollmann war von 1972 bis 1984 Vorstand des Geologischen Institutes in Wien und hat sich vor allem auf dem Gebiet der Alpengeologie große Verdienste erworben - durchaus auf dem Boden der Realität. Tollmann ist jedoch in Fachkreisen nicht ganz unumstritten. 1993 sorgte er mit einer gemeinsamen Publikation mit Frau Edith für Aufsehen: In Und die Sintflut gab es doch. Vom Mythos zur historischen Wahrheit wird die mythologisch in vielen Kulturkreisen verankerte Sintflut als Folge eines Impaktes „nachgewiesen“. Der „Nachweis“ des Kometen erfolgt nun erneut mittels intensivem Quellenstudium, diesmal sind aber die Prophezeiungstexte an der Reihe. Der naturwissenschaftliche Zugang flößt zunächst Respekt ein: Vier Kriterien wurden von den Tollmanns etabliert, um die zuverlässigen Seher von den Scharlatanen zu trennen. 1. Die Integration des heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes um Impaktvorgänge. 2. Die Überprüfung der sonstigen naturwissenschaftlichen Äußerungen von Sehern. 3. Die Überprüfung des Datums der Erstpublikation der jeweiligen Prophezeiungen, und 4. die Vorzeichen zur zeitlichen Fixierung des Endzeit-Datums. Der Streifzug durch Prophezeiungstexte seit dem Mittelalter endet mit der Erkenntnis, daß nur wenige als ernstzunehmende Seher einzuschätzen sind. Zu dieser Seher-Elite zählen die Papst-Prophetie von Malachias, Hepidannus von St. Gallen, der Jesuitenpastor vom Kloster Marienthal, der Prior vom Kloster Maria Laach, der blinde Jüngling von Böhmen, das „Lied der alten Linde“, Sepp Wudy, der Mühlhiasl, Alois Irlmaier, Anton Johansson, der Prophet aus dem Elsaß und Michael Nostradamus. Das Destillat daraus ergibt das eingangs geschilderte Untergangsszenario.
Im Laufe der Analyse der Prophezeiungstexte verkommt der naturwissenschaftliche Exaktheitsanspruch zu einer philologischen Unschärfe. Zwar werden zunächst Abschreiber und Fälschungen entlarvt, doch in weiterer Folge häufen sich die Beteuerungen, daß die jeweiligen Originaltexte „wieder einmal verlorengegangen sind“ und daß man keine Sicherheit habe, was nach dem Tod des jeweiligen Propheten noch in die Prophezeiungen eingefügt worden sei. Einen besonders drastischen Fall stellt das „Lied der alten Linde“ dar, das im Stamm einer nordbayerischen Linde aufgefunden worden sein soll. Der Text wird „geschlossen“ in einer nicht näher beschriebenen „Unterfranken-Version“ zitiert, wobei der Text überraschenderweise mit der sechsten Strophe beginnt. Was dann auf beinahe drei Seiten folgt ist ein von nationalistischen Untertönen überwuchertes Prophezeiungsmachwerk der übelsten Art. Neben dem obligatorischen Weltende lesen die Verfasser aus diesen haarsträubenden Vierzeilern auch diverse Vorzeichen für die kommende Apokalypse heraus. Eines davon ist die „Überschwemmung Europas mit Fremden“, im „Lied der alten Linde“ zu folgender Sentenz verarbeitet: „Bunter Fremdling, unwillkomm'ner Gast/Flieh die Flur, die du gepflügt nicht hast.“ Zu dieser Blut-und-Boden-Prophetie gesellen sich noch Deutsch-Tümelei („Dantes und Cervantes welscher Laut/Schon dem deutschen Kinde sind vertraut“) sowie christlich-hegemoniale Wahnvorstellungen („Alle Kirchen einig und vereint/Einer Herde einz'ger Hirt erscheint/Halbmond mählich weicht dem Kreuze ganz/Schwarzes Land erstrahlt im Glaubensglanz.“). Die Grenzen zur Ideologie werden zusehends verwischt, soziale Entwicklungen werden mehr und mehr als unheilverkündende Dekadenzerscheinungen ausgelegt. So weiß etwa der Mühlhiasl zu berichten: „Die Mannsbilder werden sich gewanden wie die Weiberleut - und umgekehrt ... Männlein und Weiblein wird man schließlich nicht mehr auseinanderkennen.“ usw. usf. Die leicht eingeengte Weltsicht mag man noch achselzuckend zur Kenntnis nehmen, die eigentliche Tragik aber ist, daß der honorable Naturwissenschafter Tollmann lautstark in die dubiosen Gesänge von Mühlhiasl & Co. miteinstimmt und sich permanent selbst eine Plattform für gesellschaftspolitische Agitation schafft. Tollmann, einst Kämpfer an vorderster Front gegen Zwentendorf und Gründer der bürgerlichen Grünen, ortet Bedrohungen von allen Seiten: Die Fristenlösung hätte aus dem „geschütztesten Hort der Welt eine Mördergrube“ gemacht, die staatliche Förderung von Homosexuelleninitiativen trüge zu den Auswüchsen von Perversitäten, Homosexualität und (Kinder-)Pornographie bei, der geplante Ethik-Unterricht treibe die katholische Religion zurück, schließlich wird mit dem ständig negativ gezeichneten Bild Rußlands und einer von Tollmann aufgespürten durch „Selbstuntergrabung geschwächten Wehrbereitschaft Mitteleuropas“ noch ein Bedrohungsklischeebild aus dem Ärmel gezaubert, das etwas verstaubt anmutet. Die Apokalypse als politisches Programm?
Einer freilich überragt sämtliche Propheten und Lindenstammritzer: Michael Nostradamus. Im Vergleich zu den anderen Offenbarungen nehmen sich die Vierzeiler des französischen Renaissance-Genies wie poetische Perlen aus, die bekanntlich bereits Legionen von Deutern zum interpretatorischen Fraß vorgeworfen wurden. Die Verfasser treten jedoch nicht selbst als Interpreten auf den Plan, sie begnügen sich mit seitenlangen Zitaten aus einem Buch von Bernhard Bouvier, der sich wiederum nahtlos in die Reihe jener einzugliedern scheint, die „erstmals“ und „richtig“ die Quatrains des Nostradamus entschlüsseln konnten. Völlig unverständlich ist, warum die nunmehr geleistete „korrekte“ Dechiffrierung über 400 Jahre auf sich warten ließ, denn die Verwendung von antiken Namen für Örtlichkeiten (Pannonien = Balkan; Lutetia = Paris), die metaphorische Umschreibung von Ländernamen (Rußland = Bär; Frankreich = Hahn) oder die Verwendung von astrologischen Symbolen (Mars = Kriegsgott) erscheinen in ihrer Banalität dem Glanz des „Heroen der Propheten“ in keinster Weise angemessen. Im Abschnitt über Nostradamus fällt wahrscheinlich auch der bemerkenswerteste und bezeichnendste Satz des ganzen Buches: Daß man nämlich die Botschaften erst dann verstehen kann, wenn das Ereignis eingetreten ist.
Das Buch könnte nach 300 Seiten eigentlich vorbei sein. Tollmann aber, selbst mit sensitiven Fähigkeiten ausgestattet, bietet seinen Lesern noch auf fast 200 Seiten eine Einführung in die Grundlagen der Prophetie. Der Bogen spannt sich dabei von der Telepathie über das Hellsehen bis hin zur Psychokinese. Die Löffel des Uri Geller finden ebenso Erwähnung wie die Leistungen verschiedenster Tiere, etwa der Freiburger Ente, die im 2. Weltkrieg die Bevölkerung vor jedem Luftangriff durch lautes Geschrei warnte. Doch Tollmann sieht nicht nur die Existenz von Tierseelen als bewiesen an, er vermutet auch, nach der seitenlangen Rekapitulation von aufwendigen Versuchen, Indizien für Pflanzenseelen. In einem beinahe entfesselt anmutenden Schreibrausch verstrickt sich Tollmann dabei immer tiefer in den Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Esoterik, der Zwang des Naturwissenschafters zum Beweis scheint über den Hang des Esoterikers zum prinzipiellen Zweifel an scheinbar gesicherter Erkenntnis zu siegen. Der durchaus mutige und auch anerkennungswürdige Versuch, die engen Grenzen der Naturwissenschaft zu erweitern, gleicht einem wissenschaftlichen Hochseilakt über die Untiefen des materialistischen Weltbildes und endet mit nichts Geringerem als dem versuchten Beweis Gottes, für dessen Existenz Tollmann zahlreiche „nun erkannte“ Indizien andeutet, sich dann aber auf lediglich zwei explizit ausgeführte beschränkt. Das erste Indiz sei der „extrem komplexe, logische Aufbau der materiellen Welt“, welcher „nicht durch das Walten des blinden Zufalls in noch so langer Zeit zustande kommen kann, sondern der Mitwirkung des Geistes bedarf“, das zweite „das durchgreifende Prinzip, daß der Geist der Materie übergeordnet sei [...]“ Es gebe, so Tollmanns Schlußfolgerung, „keinen Grund anzunehmen, daß diese Prinzipien auf höchster Ebene nicht gelten sollten.“

PS: Falls Sie übrigens schon jetzt Vorkehrungen treffen wollen: Planen Sie für die zweite Hälfte des nächsten Jahres einen längeren Aufenthalt in alpinen, aber nicht zu felsigen Regionen oder beginnen Sie unverzüglich mit dem Umbau Ihres Kellers! Aber wer weiß: „Comets are like cats. They have tails, and they do precisely what they want.“

Alexander und Edith Tollmann: Das Weltenjahr geht zur Neige. Mythos und Wahrheit der Prophezeiungen. Wien, Köln, Weimar, Böhlau 1998, 512 Seiten