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60 jahre später

colette m. schmidt | 60 jahre später

Über den Grundfesten der einstigen Grazer Synagoge entsteht eine neue. Im November 2000 soll sie eröffnet werden

„Am 13. Februar 1938, es war ein Samstag Abend, da kam ich aus dem Tempel heim und während des Nachtmahls öffnete meine Frau das Radio und da hörten wir, Schuschnigg sei in Berchtesgaden und werde morgen früh in Wien rückerwartet. Als ich das hörte, erhielt ich einen Schock und sagte:`finis Austriae´.“ Der Herr, der das Ende, das ziemlich genau einen Monat später eintraf, vorausahnte, war David Herzog, der letzte Grazer Rabbiner bzw. Landesrabbiner der Steiermark und Kärntens vor der Naziherrschaft. Herzog, einer der großen Gelehrten seiner Zeit, der bis 1938 Vorlesungen an der Grazer Uni hielt, predigte in jener Synagoge, die wie die meisten anderen in Österreich und Deutschland in der Reichskristallnacht im November 1938 niedergebrannt wurde. „Der Judentempel“, so hieß in der Ausgabe des Grazer Volksblatts vom 10. November über die von den Nationalsozialisten überregional geplante Aktion, „wurde von empörten Menschenmassen gestürmt und ging dann in Flammen auf.“ Ein Zeitzeuge hingegen erinnert sich, dass schon Stunden vor dem Brand zwei Männer Fässer vor der Synagoge am Grieskai 54 abgestellt hatten, in denen vermutlich Benzin oder Kerosin war. Nach dieser Nacht loderten weiter zahlreiche Feuer auf, auch in Graz: In den Memoiren des Rabbiners, die 1995 unter dem Titel David Herzog. Erinnerung eines Rabbiners 1932-1940 auf Grundlage der Diplomarbeit von Andreas Schweiger im Adeva-Verlag erschienen sind, liest man weiter: „Am nächsten Tag, also am 10. November, wurde unsere wundervolle Leichenhalle mit Dynamit in die Luft gesprengt und zahlreiche Gräber wurden zertrümmert und die Leichen wurden hinausgeschleudert. Ein grauenvoller Anblick!“

Zwei Jahre nachdem David Herzog das Rabbinat in Graz übernommen hatte, nämlich 1910, erreichte die hiesige jüdische Gemeinde ihren Höchststand von 1971 Mitgliedern, das waren 1,3% der damaligen Grazer Bevölkerung. 1940 erklärte sich Graz „judenfrei”. Heute zählt die Gemeinde knappe 100 praktizierende Juden. Nur einige wenige kehrten nach 1945 in ihre Heimatstadt zurück. 46 Jahre stand die alte Synagoge am Ufer der Mur, 1892 war sie errichtet und eingeweiht worden, gleich im Gebäude nebenan, am Grieskai 58, befand sich die Schule und das Amtshaus der Israelitischen Kultusgemeinde. Ausgerechnet die Gauleitung der HJ zog 1938 in dieses Haus ein.

Die Art und Weise, wie nach dem Krieg mit der Vernichtung der Grazer Juden umgegangen wurde, die Sorgfalt, mit der sämtliche Spuren ausradiert wurden, kann besonders gut anhand des leeren Platzes nachvollzogen werden, auf dem die Synagoge einst zwischen den noch immer bestehenden Häusern am Grieskai emporgeragt war. Auch als die Kultusgemeinde nach 1945 gemeinsam mit der KPÖ in das alte Amtshaus zurückkehrte, blieb die Fläche, auf der das Gotteshaus einst gestanden war, lange völlig leer. David Herzog starb übrigens 1946 im Exil in Oxford. Erst 1963 wurde am Amtshaus eine Tafel angebracht, die an die Vertreibungen und Ermordung steirischer Juden erinnerte. Ab 1988 zierte dann ein schwarzer Obelisk, der als Gedenkstätte für die Synagoge fungierte, das alles verschweigende Stück frisierten Rasens. Er wird im Inneren des neuen Tempels seinen Platz finden. In manchen österreichischen Städten, wie zum Beispiel im Vorarlberger Hohenems, aber auch in deutschen Städten waren die Synagogen während der Progrome nicht völlig zerstört worden. Häufig mussten diese entweihten Stätten als Hauptquartier der lokalen Feuerwehr herhalten, da sie sich durch ihre Größe und Merkmale wie Türme bzw. Kuppeln scheinbar dafür anboten. Als sie vor 60 Jahren selbst in Flammen standen, beschränkte sich der Einsatz der Feuerwehr darauf, das Übergreifen des Feuers auf benachbarte, sogenannte arische Häuser, zu verhindern.

Eine Feuerwehrzentrale entstand am Grieskai zwar keine, statt dessen war der grüne Rasen fast ein ganzes Menschenleben lang ein stummer, nicht weiter auffälliger Zeuge. Im Herbst des Vorjahres begann man nach 60 Jahren zu graben. Der Anblick, der sich in diesen ersten Tagen nach dem Spatenstich im wahrsten Sinne des Wortes auftat, war mehr als berührend. Die Brutalität der Ereignisse, aber auch die Brutalität der langen Zeit des erzwungenen Dornröschenschlafes wurde plötzlich greifbar: Unter dem Golfrasen am Synagogenplatz befanden sich gut erhalten und erkennbar die Grundfesten der alten Synagoge, selbst Stiegen die wohl einst ins Untergeschoß führten, hatten ziemlich intakt unter der glatten Oberfläche auf ihre Befreiung gewartet. Es ist eine Sache zu wissen, dass irgendwo etwas begraben liegt, eine andere, es dann tatsächlich zu sehen.

Der Neubau der Grazer Synagoge ist eine Arbeit der Architektin Ingrid Mayr, die das Gebäude gemeinsam mit ihrem erst kürzlich verstorbenen Ehemann, dem Architekten Jörg Mayr, plante. Die Kuppel, die erst vor wenigen Tagen auf die mit roten Backsteinen verstärkten Mauern aufgesetzt wurde, wird, anders als jene der alten Synagoge, ganz aus Glas und wie auch alle Fenster mit hebräischen Schriftzeichen versehen sein. In dem lichtdurchfluteten Gebäude wird auch ein Raum für Veranstaltungen abseits der Gottesdienste, für Vorträge und Begegnungen untergebracht sein. Murseitig wurden einige Ziegel des ursprünglichen Tempels verwendet, die eine eigene kleine Geschichte unter vielen er-zählen:

1939 wurde von den Nazis an der Ecke Maiffredygasse/Alberstraße mit eben diesen noch brauchbaren Ziegeln der niedergebrannten Synagoge ein neues Gebäude gebaut. 1983 schuf der Künstler Fedo Ertl an der Mauer dieses Gebäudekomplexes ein beeindruckendes Kunstwerk, das er Mahnmal 1938/83 nannte: Er entfernte einen Streifen vom Verputz der Mauer und legte so die alten Ziegel - und damit einen Teil verdrängter Vergangenheit - wieder frei. Vor wenigen Monaten halfen Grazer Schüler nun diese Ziegel zu säubern und wieder zurück auf den Grieskai zu bringen, wo sie in den neuen Synagogenbau eingefügt wurden und hoffentlich für immer sichtbar bleiben werden.