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alltagsrituale, spektakulär arrangiert

Magdalena Sadlons wunderbares Prosadebut über einen ganz normalen Außenseiter


Magdalena Sadlon: Die wunderbaren Wege. Roman

Wien: Zsolnay 1999

Rezensiert von: hannes luxbacher


Jakob Sagmeister ist frühpensionierter Lehrer und freigesprochen. Verführung einer Schülerin wurde ihm dereinst vorgeworfen. Zu Beginn der Vorwürfe wurde er gleich einmal beurlaubt, später dann pensioniert. Das erfährt man so nebenbei, denn es ist keine ganz unmittelbare Lebensgeschichte, die Magdalena Sadlon in ihrem Prosadebut erzählt, sondern die verstreute Gesamtheit an Dingen, Zuständen, Gedanken, Ängsten usf. des Alltags eines einzelgängerischen Möchtegern-Nörglers, die sie auf wunderbare Weise zusammenträgt und im Protagonisten Jakob Sagmeister bündelt. Wessen recht gewöhnliches Leben und Tagesabläufe hier über fast 200 Seiten hinweg vorgeführt wird, ist der - geradezu zögerlich auszusprechende - Nachbar um die Ecke. Die Prinzipien seines Daseins ergeben sich aus den Darstellungen herkömmlicher Tage, leiten sich aus den sprachlichen wie tätigen Äußerungen des Jakob Sagmeister ab, die sich zusammensetzen aus dem Verfertigten und genormt Geformten eines bereits länger gelebten Lebens, kombiniert mit der persönlichen Unsicherheit eines sozial Ab- und Ausgegrenzten. Die Gesetztheit eines, der weiß, was er in fast sechs Jahrzehnten vom Leben gelehrt wurde, bricht sich jedoch zum einen an der Vergänglichkeit von Bezugspunkten und zum anderen an der Uneindeutigkeit seines eigenen Wollens. Standpunktbezüglichkeiten und der Facettenreichtum dessen, wie etwas Entäußertes von der Umwelt wahrgenommen werden könnte, kippen die Welt des Jakob Sagmeister immer wieder in seinen offensichtlich werdenden Zwang, seine Vorurteile vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, ohne sie so anzupacken, dass sie verändert werden müssten. Sture Besserwisserei mengt sich da zu emsiger Belehrungstendenz und professioneller Nörglerei. So bleibt auch das Sagmeister ärgerlich langweilende Alleinsein nicht untergrabbar, denn wer Beziehung als permanentes Anpassen der eigenen Bedürfnisse an einen Partner in jeder Situation erfasst, und so überzeugt selbstverschuldet in seiner eigenen, mitunter antiquiert daherkommenden Auffassung von sozialer Intelligenz verharrt, ist wohl auch selber schuld. Sagmeister, der sich als zugehörig zur Meinungsvorhut versteht und kraft seiner intellektuellen Wendigkeit die Schimären der Alltagsoberfläche als solche zu erkennen vorgibt, wuchtet sich jedoch in seiner Außenseiterrolle dauerhaft selbst. Die versuchten Entgrenzungen - Besuche in Spelunken etwa - oder die angestrebten Ent-Fremdungen verstärken schlussendlich immer nur weiter, was ohnehin schon ist und nur aufhebbar wäre, träte hinter die inszeniert-gelebten kosmetischen Korrekturen ein Bekenntnis zu diesen Entscheidungen für etwas anderes. Jakob Sagmeister aber weiß: Eine brave Frau, wie seine Mutter eine war, die gab es nicht noch einmal, darin waren sich Vater und Sohn einig. Haltungen, geprägt auch von Erfahrungen. So bleibt aber nur die versuchte Eingrenzung all dessen, was an kleinen Höhepunkten den Alltag kreuzt. Unspektakulär im Großen, sehr viel spektakulärer für einen, der auf sich alleine ge- und gegen andere eingestellt ist.

Magdalena Sadlon, die sich nach Erscheinen des Buches nach Deutschland zurückgezogen hatte, um solcherart Lesungsauftritten zu entgehen, reichert den Text mit unglaublich vielen pointierten Passagen und Sagmeister-Gedankengängen an, aus denen anderswo ganze Bücher entfaltet werden würden. Auf der Grundlage dieser Erzählweise wird der Protagonist auch niemals der grantige Nörgler, wie man den österreichischen „Alltagsmenschen“ mitunter klischeehaft zu zeichnen versucht, sondern eher zu einem starren, fest- und verfahrenen Verbissenen, der die Struktur seines Alltags durch die Festigung von Kleinigkeiten aufrechtzuerhalten trachtet. Sacht perfid und gleichzeitig harmoniebedürftig-ängstlich wie einfallsreich genug, um frontalen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, gelingt es ihm gerade ab und an, dem aufdringlichen Nachbar die Türe vor der Nase zuzuknallen, und so wirklich einmal unbekümmert zu sein. Alle anderen Tage folgen einem strengen, längst schon internalisierten Konzept, das keiner Selbstrechtfertigung mehr bedarf. Wird diese trotzdem einmal notwendig, dann bloß, um das eigene Gleichgewicht erhalten zu können. Für Jakob Sagmeister besteht ein wunderbarer Weg schlicht darin, eine Seite zum Gehen zu finden, egal wie ausgetreten und abschüssig der Weg auch ist.