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anyway the wind blows

ralf b. korte | anyway the wind blows

anmerkungen zum lüften von räumen und anderen thermischen fragen

1. von den rückspiegeln an den sturzhelmen der kulturtouristen beim abtreten auf der baustelle

„avantgarde ist ein historisches wort. es riecht nach geschichte.“
(holger kube ventura 99)

ob his oder her story, time is gonna say good bye in den auffangkurven vorm milleniumsrand: im rausch der abschiede, der vom rauschen der neuauflagen belagert wird, türmen sich die links zu den abgehakten dekaden. zwischen den rückblenden der seitenblickrichter fallen die wertungen von den anschlagtafeln aus purem zeitvertreib: als konfetti den platzhaltern von den schreibtischkanten ins gehalt. so what?

am ende kommen wieder die stil bildenden dichter und winken von den höhenzügen, halb schaf, halb götterspeise. am ende sammeln die stil bildenden dichter ihre massgeblichen kollegen und hauen auf den sack beim hopping von mundraub zu sendefläche. graz, formerly known as hometown of avantgarde, also längst in zonenrandlage, aber zur erntezeit noch üppig genug, eine art kulturkosovo für die frontmen der anderen provinzen abzugeben: soviel besetzte stadt war nie.

„ein charakteristisches merkmal der historischen avantgardebewegungen besteht nun gerade darin, dass sie keinen stil entwickelt haben […] diese bewegungen haben vielmehr die möglichkeit eines epochalen stils liquidiert, indem sie die verfügbarkeit über die kunstmittel vergangener epochen zum prinzip erhoben haben.“
(peter bürger 74)

die schliessung des ladens gehört zu den voraussetzungen der bestandsaufnahmen im mechanischen zeitalter. beim suchlauf „avantgarde“ stossen wir also aufs zurück gelegte, auf die eingemotteten bewegungen, sauber abgepackt und „historisch überschaubar“ geworden. den draufblick braucht der wissen schaffende, um kartographieren zu können. tektonische bewegungen, veränderungen der zu sichtenden oberfläche, widersprechen den literaturhistorischen betrachtungsweisen, weshalb die theorie zur ästhetik kommt wie der deckel zum topf - klappe zu, affe tot oder: was wahr, war. ist die tür zu, kann gemessen werden. am ende, wenn die türen schneller ins kreuz schlagen, misst deutung bedeutung als gabe, zählt die kritik sich selbst aus, ene mene muh.

2. vom achten vorhang nach dem dritten akt auf dem kriegstheater

„this year, young writers are trying something new - writing old. acting as if they're in their forties, and living in the 1940s, they're producing work which resembles nothing so much as a pensioner's idea of youth.“
(alissa quart 99)

dass die aufgabe der vorhut sich darin erschöpfe, das terrain auszukundschaften, ist eine der beliebteren fehleinschätzungen. ein haufe wird vors heer geschickt, kommt durch oder wird zerrieben, damit das heer weiss, wo es nicht lang geht - so oder so ähnlich pflegen die rückblicker das setting zu beschreiben, gestützt auf die kriegserkenntnisse aus den fernsehsesseln. dass sich avantgarden für ihre aufgabe spezialisieren und dabei organisations- und bewegungsformen entwickeln, die sich von den etablierten verhaltensweisen unterscheiden, dass diese differenz zu den etablierten verhaltensweisen kein prätentiöses abweichen, sondern ergebnis der auftragstaktik ist, darf nicht aus dem blick geraten. avantgarde ist nicht der beliebig reproduzierbare vorschub, zu dem man posthum seine versetzung erhält. avantgarde ist ein konzept des überlebens im fremden raum, eine strategie der bewegung durch die gleichzeitigkeit entgegen gesetzter impulse.

„in a world where youthful rebellion is used to sell oldsmobiles, alternative youth are choosing conservatism, and a thread which stretches from shelley to sanders has gone slack.“
(alissa quart 99)

wenn wir neunzig jahre nach der publikation des ersten futuristischen manifestes im figaro den begriff avantgarde verwenden, dann nicht, um an die so genannten historischen avantgarden anzuschliessen. revivals sind keine adäquaten reaktionen auf veränderte voraussetzungen, sie stellen allenfalls verwertungsmechanismen in sekundärkreisläufen dar. die taktiken, mit denen sich die so genannten historischen avantgarden bewegten, sind nicht wiederholbar, weil sie erfolgreich waren. ihr erfolg hat die voraussetzungen verändert, denen sich avantgarde heute stellen muss. wenn avancierte autoren sich als produkte am halbstaatlichen kulturmarkt in umlauf bringen, während der prozess der textherstellung zum blossen vorlauf der teilnahme am jackpot degeneriert, setzen sie den plan der überführung der kunst in lebenspraxis um, indem sie ihn seiner politischen implikationen entkleiden und den utopischen gehalt durch die mechanik individueller reproduktion ersetzen. nach dem siegeszug der kreativen, die den vorrat an organisations- und bewegungsformen der historischen avantgarden für die produktion von marktkonformen ideologien adaptieren, bilden die dichter im residuum der förderwege die gegenanzeige: den traum von der grundrente im weiteren vollzug der kultur als geste guten willens.

3. vom klarkommen mit den milchsuppen der melancholischen produzenten

„[…] doch setzte in der formalistischen strömung, die sich als einflussreiche richtung in der literaturtheorie durchsetzte, eine einschneidende verengung ihrer zentralen positionen ein. man verband mit ihr lediglich die ablehnung des sogenannten 'inhalts' oder der 'repräsentation', vor allem aber und noch nachteiliger der 'intention'. damit war der weg versperrt, den gezielten literarischen einsatz genau der sprachlichen eigenschaft zu begreifen, die valentin volosinov die 'multiakzentuierung' nannte, eine inhärente semantische offenheit, die den in bewegung befindlichen gesellschaftlichen verhältnissen entspricht und von der aus neue bedeutungen und mögliche bedeutungen, zumindest bestimmter wesentlicher kategorien, wörter und sätze, entwickelt werden können.“
(raymond williams 89 / dt.98)

in den texten avancierter zeitgenossen ist von den ästhetischen prämissen der avantgarde wenig geblieben. die kappung des konzeptes um seinen konstituierenden punkt, die aufkündigung des traditionellen werkcharakters und damit der spezifischen subjektposition im rollenspiel kunstproduktion, macht aus den rubrizierten avantgarden eine ansammlung applizierbarer labels, deren jeweilige verwendung clanzugehörigkeit signalisiert. das trauerspiel der schmuseschule des stillen experimentes mit den bekannten nebenfolgen wiedumir-soichdir und wirsindwir-unddubistraus dekliniert die isolierten verfahren der avantgarden auf VHS-niveau. dass sie sich in dieser entwendung zu ritualen in religionsersatzsystemen transformieren lassen, kennen wir schon von anderen überwundenen kriegstechniken: im nachvollzug garantieren die meisterschüler den bestand des verfahrens gegen seine intention. was zur folge hat, dass avantgarde sich sowohl den vertretern des avancierten experimentes als auch den jungtürken des neudeutschen realismus als entgegen gesetzten impulsen konfrontiert sieht (von den reaktionären gartenlaubenzüchtungen, den wiedererfundenen weissen mädchen der späten bourgeoisie, einmal abgesehen, die kaum als impulse zu beschreiben sind, eher als implosionen …).

in der allseits betriebsgetriebenen etablierung vor toresschluss geht, wie meist beim börsen-gang, autonomie verloren. autonom nennen wir ein diskursiv begründetes handeln, motiviert durch definierbare erkenntnisinteressen. avantgarden bilden instrumente zur erkundung von räumen und deren potential an relativer autonomie, also handlungsspielräumen ästhetischer selbstbestimmung. avantgarden konstituieren sich in technischen paradigmenwechseln, öffnen dabei organisation und ästhetische verfahren der konfrontation mit den in solchen wechseln geborgenen energien und erproben den körper der sprache unter den neuen konstellationen im crash test.

die trennung in „organische“ und „nicht-organische“ herstellungsverfahren, auf der eine ganze reihe von interpretationsansätzen avantgardistischer texte basiert, führt daher in die normative leere der aussenansichten. dass kategorien wie geschlossenheit, organik und linearität sich relativ zu rezeptionskompetenzen und dem historischen stand der wahrnehmungsapparaturen verhalten, wird aus solchen perspektiven unterschlagen, denen überhaupt die anschauung der gegenwart als zumutung inhärent zu sein scheint. die immer wieder neu gestellte frage nach der legitimität von avantgarde speist sich aus einem klima der verweigerung der technischen umgebung, also eben der bedingungen, die von den avantgarden reflektiert und durchdrungen werden. nur in der konfrontation mit diesen bedingungen, der gesamtheit von verfügbaren wahrnehmungsinstrumenten, der von ihnen initiierten blickveränderungen und den davon ausgehenden verschiebungen der relation von subjekt und objekten sowie des in den verschiebungen sich vollziehenden wandels der subjektkonzeption selbst, lässt sich autonomie gewinnen. die auskopplung der verfahren, das rekonstruieren historisch gewordener ganzheitsmodelle mit den mitteln einer hinter ihren entwicklungsstand zurückgeworfenen sprache durch schreibende, deren selbstentwurf nach wie vor den subjektkonstruktionen des frühen neunzehnten jahrhunderts entlehnt ist, überführt den künstlerischen prozess in die serienproduktion von fetischen für sorgsam abgeschottete räume, dark rooms der nachahmung. die zeughäuser, in denen sich der kulturbetrieb am ende des jahrhunderts noch immer aufhält, bewahren die freigesetzten vorstellungsbilder von dichtern und denkern wie ritterrüstungen, in die der zuhandene nachwuchs bei den schauturnieren im hof schlüpfen darf.

4. vom abheben und den tarnmustern auf den kopfbedeckungen der bewegungsmelder

„before attempting to study the principles and techniques of camouflage, it will be well to determine what we are seeking protection against […]“
(robert p. breckenridge 1942)

wenn wir neunzig jahre nach der publikation des ersten futuristischen manifestes im figaro den begriff avantgarde verwenden, dann tun wir es aus verdeckter stellung. das fröhliche klirren mit den neuen waffen, dessen sich die vorkriegsavantgarden noch erfreuten, war effektvoll und werbewirksam, jedoch als ästhetische praxis unter gefechtsbedingungen kaum durchzuhalten. wenn die futuristen mit ihren manifesten als buntbemalten flugapparaten von der oberfläche abhoben, gaben sie ein leichtes ziel ab für den kanon-beschuss der erdverbundenen traditionalisten. der logistische aufwand, den maschinenpark zu unterhalten, band die bewegung zudem an eine andere, die jene überführung der lebenswelt im grossen stil garantieren konnte, die gabriele d'annunzio am 12. 09. 1919 in fiume beispielhaft vorexerzierte (der griff nach den fiume-standards im marsch auf den patent-ort des seit 1866 selbststeuernden waffensystems torpedo, dem sich marinetti anzuschliessen versucht, ehe d'annunzio ihn aus der besetzten stadt hinaus wirft, um noch auszuharren, daten zu sammeln für den vittoriale …).

koalitionen mit dem ergebnis der transformation von künstlerischen bewegungen in parteien der institutionalisierten avance haben stets das resultat, zum aufkleber auf gehäusen zu degenerieren: ob heldengrab oder kulturhaus macht hierbei einen unterschied nur auf der aussenseite der moral. sich solchen institutionalisierungen zu entziehen, scheint uns eine der lektionen zu sein, die sich lernen lassen. die erweiterung des blickfeldes und die beschleunigung der beobachtungsapparatur im aviatischen blick stellen jedoch eine paradigmatische veränderung der wahrnehmungskonstellation dar, die für avantgarde unhintergehbar ist. dass die flugbildbomben nicht mehr bemannt werden müssen, um den blickkon-takt herzustellen, verändert das verhältnis zum sichtbaren fundamental: aufklärung ist nicht mehr unmittelbare anschauung, sondern auswertung von datenmengen sowie interpretation der quellcodes der wahrnehmenden apparaturen.

„the lessons of the 90s have been multiple and they've been harsh: not the least of which is that data will find a way, and it's way is not necessarily about becoming human. while the charisma of tech will never be retrieved again, its memory lingers on the horizon like a beautiful beckoning dream, all the more seductive for its absence.“
(arthur & marilouise kroker 1996)

camouflage als taktische massnahme für verdeckte bewegung und stellung im raum hat weitere gründe. subjekte konstituieren keine blicke mehr, sondern konsumieren eine auswahl an blickrichtungen, die köder sind, kontaktstellen zu den kanälen im angebot. das sichtbare unterliegt als ware tauschverhältnissen, die medialen räume sind märkte für informationen und am informationsmarkt beteiligte arbeitskräfte. kunst als produktionsbereich für informationsbereinigte oder information stilisierende datenmengen sichert die zugehörigkeit zu life styles, liefert versatzstücke für das passende ambiente im freizeitbetrieb. entgegen den um marktanteile ringenden avancierten gehen wir nicht davon aus, dass die verbreitung weiterer produkte durch einspeisung in die vorhandenen kreisläufe bestandssichernd wirkt. dass uns die eingeübten namen aus allen magazinen entgegen lachen, dass ihre träger landauf landab die bestuhlung jedes verfügbaren podiums erproben, vermag nicht einmal den verkaufsanteil gebundener textmengen zu ihren gunsten zu verschieben. die ausstellung des selbst als reliquie verlorener blickwinkel in den subventionsruinen als nebeneffekt einer ausverkaufsveranstaltung praktizieren die avancierten wie eine letzte bürgerpflicht, nachdem die bataille für die grossschriftstellerei in die hose gegangen ist. streuung scheint uns jedoch in zeiten, da das benötigte on demand produziert wird, ein kostspieliger weg am bedarf vorbei zu sein. dass unter der draufsicht der satelliten die relevanten bewegungen unter der oberfläche gemacht werden müssen, dass die erwartungstäuschung die chance birgt, sich ein paar wege frei zu halten, sind erfahrungen, die jenseits der trampelpfade zwischen den literaturhäusern zu machen wären. aus der ortung zu fallen, von den erfassungsorganen nicht in die unterordnungen der kanonisierungen selektiert zu werden, ist eine nur scheinbar passive strategie. das fluktuieren von informationen, die dynamische variation ästhetischer formatierungen und das unterlaufen linearer versuchsanordnungen in der querführung der diskurse konstituiert eine prozessuale literatur, deren verhaftung mangels subjektiver optik schwer fallen wird. wir lassen sachen sagen, die in den röhren rauschen, wie schnee auf den schirmen, und auf den datenträgern klicken die störimpulse langsam huckepack durch die hierarchien, solange der prozessor läuft.

„although independent software objects may have different designs and names, for our purposes we may call them all alike demons and the space they create a pandemonium. in this scheme control is never passed from a higher authority to a lesser authority. there are no hierarchical levels, but only a heterarchy of demons capturing control whenever they are invoked into action. this scheme allows the data base (or patterns in it) the flow of computation. […] the pandemonium represents the current stage in the long process of migration of control which jacquard started by effecting a transfer from the human body to the machine.“
(manuel de landa 1991)

camouflage als taktische massnahme ist teil einer strategie der nutzung von zwischenräumen und betrifft sowohl die bewegung auf der betriebsebene (system level navigation) als auch die ästhetische komposition selbst (pandemonium level operation). der übergang zur konzeption instabiler textmengen, die erprobung von implantaten, das oszillieren von sprachverläufen um die implantierten impulsgeber herum und das querführen von spannungen über die impulsgeber hinweg konstituieren postmechanische literarische systeme, die wir zur erkundung unzugänglichen geländes verwenden. der verzicht auf unmittelbare anschauung begründet sich dabei aus der eigenart von phänomenen, die solcher betrachtung sich nicht erschliessen können, da die erkenntnisfähigkeit subjektzentrierter aufzeichnungsmodelle nicht hinreicht. die komposition postmechanischer literarischer systeme folgt so der verschiebung des kontrollpunktes aus den subjekten heraus in die umgebenden konstruktionen hinein. den glauben, sich in den melancholischen zonen des selbst behaupten zu können, teilen wir nicht. der versuch, sich von der technologischen peripherie zu entkoppeln, trennt die stimme vom körper, verursacht den rückfall in kontrafaktische ideologie.

5. vom beantworten nicht gestellter fragen nach den sprüngen auf das tableau

wir beschreiben avantgarde als überlebenskonzept in fremdem raum …
… und halten vorerst fest, dass fremde entsteht, wenn keine beziehung besteht. fremde ist keineswegs alles, was vor uns liegt, weil wir unser verhalten in auf uns zu kommenden räumen nach unseren erfahrungen in vergleichbaren räumen richten. der fremde raum definiert sich aber durch eine umgebung, die unsere verhaltensweisen grundlegend in frage stellt oder einfach scheitern lässt. literatur konstituiert solche räume z.b. in bekannten umgebungen, deren doppelbödigkeit neue orientierung verlangt, ist also auch ein instrument der herstellung von fremde, mit der sie uns im akt der beschreibung wieder versöhnt oder zu versöhnen vorgibt. anders verhält es sich mit fremden räumen, die ausserhalb literarischer simulationen liegen. literatur hat auf technische revolutionen regelmässig mit einer rückbesinnung auf mythische konstruktionen reagiert, was die fraktionierung, den gegensatz von avancierter und avantgardistischer position, überhaupt erst notwendig macht. avantgarden versuchen, in die bruchzonen zwischen den paradigmen vorzudringen, in räume, die sich gerade erst konstituieren, in denen gerade erst erfahrbar wird, welche mechanismen in ihnen geborgen sind. der fremde raum ist kein exotischer, sondern der einmal u-topisch genannte, jedoch von unseren werkzeugen entworfen werdende raum.

wir beziehen uns mehrfach auf das erste futuristische manifest …
… weil der futurismus die bedeutung technischer systeme für unsere wahrnehmung erkannt und die erfahrungen mit beschleunigung und flug in einen künstlerischen prozess überführt hat. dabei teilen wir die euphorie der maschinenbeherrschung nicht mehr, die hoffnung, mittels flugzeug und automobil sich ins übermenschliche verschieben zu können. es ist allerdings im falle marinettis so, dass der crash ihn zum futuristen macht, nämlich ein autounfall im jahr 1908, den jeffrey schnapp 1998 als akt der traumatischen geburt des futurismus beschreibt („why must a crash resolve the initial clash?“). es gibt also von vornherein die konfrontation mit dem in der technischen bewegung fremd gewordenen raum, die die frage der systemanpassung nicht der maschine, sondern des menschen stellt.

wir sprechen von aviatischen blicken, betonen jedoch zugleich die notwendigkeit verdeckter bewegung …
… weil die bemannten flugkörper seit 1909 einem funktionswandel unterlagen, an dessen vorläufigem ende der massentransport auf definierten routen an die stelle der erkundung getreten ist, während die überwachung an unbemannte himmelskörper delegiert worden ist. das erreichen der aussenseite der umhüllungskurve, deren herausforderung chuck yeagers transformation zum maschinensubjekt jetpilot notwendig machte, ehe er am 14. 10. 1947 den schall durchbrechen kann, ist der sonder- oder krisenfall, in dessen vermeidung wir nach der kopplung an den simulator eintreten. die abfederung von zeit, wie sie yeager unter dem druck der fliehkräfte am rand einer sich neu konstituierenden inneren umhüllung erfahrbar macht, erlaubt den fly boys das spiel mit relativer bewegung, die ströme nicht durchquert, sondern aufeinander bezieht, um nicht zu fallen. dass yeager davon spricht, die materie mit handlungspotential zu laden, mit einflusskontinua, die sich vor ihr ausbreiten wie schockwellen in der zeit, und dieser freisetzung des vektors den leitspruch „fly the bullet“ gibt, verdeutlicht die lage, in der wir uns der taktik aviatischer manöver im sprachraum bedienen werden. verdeckte bewegung bezeichnet dagegen ein strategie der textkonzeption bzw. der systemnavigation unter den überwachungsbedingungen, die für die auf-rechterhaltung eines auf reibungsarmen durchlauf justierten verwertungssystemes notwendig sind.

wir definieren camouflage als konzept verdeckter bewegung durch die betriebsebenen …
… weil den mechanismen der reproduktion das vorurteil des kulturbetriebes eingeschrieben ist. von überweisung zu überweisung assimilieren die institutionen die avancierenden zu nachrückern und anwärtern, vereinzeln sie zu produzenten ästhetischen mehrwertes, die jederzeit gegeneinander ausspielbar sind, und erzeugen so die sphären falscher komplizenschaft der aufsteiger, panischer produktion nachrangiger platzhalter und angepassten fleisses von neueinsteigern. der kulturbetrieb gliedert die avancierenden in einen geschlossenen produktionszusammenhang ein, in dem allenfalls verfügbare rollen variiert werden können. avantgarden haben gegen die verwertungsinteressen des kulturbetriebes gruppenidentitäten etabliert, die sich der marginalisierung im zugriffsmonopol, der justierung mittels vergabe von subalternpositionen und der entpolitisierung durch einbindung in den sachzwang der reproduktionsmechanismen entgegenstellen. die konstitution von autonomen, also diskursiv begründeten zonen ästhetischer kooperation ist voraussetzung für das vordringen in fremde räume, das die geläufigkeit fortschreitender möblierung der eingewohnten umgebung hinter sich lässt.

wenn wir von gruppen sprechen …
… dann bezeichnen wir damit das operieren in spezialisierten einheiten, die ihre kräfte zur bewältigung bestimmter aufgaben zu bündeln verstehen, ohne als gesinnungshaufen ineinander zu schmelzen. diese gruppenidentität definiert sich nicht in der etablierung von stilen, der kanonischen durchsetzung von texten und zugehörigen autoren, sondern in der konzentration und kombination ästhetischer potentiale und der entwicklung diskursiver strategien zwischen poetischen subsystemen. gruppenidentität ist ergebnis eines prozesses der positionierung mit dem resultat der verschaltung der kompetenzen auf betriebsebene sowie der querführung von impulsen auf der ebene ästhetischer produktion. gruppe nennen wir daher einen prozess permanenter in\formation in der bewegung durch die gleichzeitigkeit entgegen gesetzter impulse.

wir sprechen von avantgarde als politischem konzept …
… nicht zuletzt wegen ihrer position zu jenem systemischen wandel, den terry eagleton 1999 als integration der kulturellen produktion in das übrige soziale leben und die allgemeine warenproduktion im avancierten kapitalismus beschreibt. eagleton nennt diesen zustand „die realisierung des alten traums der einheit von kunst und leben in seiner schlimmsten form“ und betont den widerspruch zu einer „impliziten kritik am kapitalistischen nützlichkeitsdenken“, die er der bürgerlichen ideologie der ästhetik als utopisches moment unterstellt. wir folgen eagleton in seiner darstellung der überführung der kunstpraxis in die tauschverhältnisse, widersprechen jedoch der funktionalen bindung, die avantgarde zu einem kulturrevolutionären vorspiel politischer massenbewegungen instrumentalisiert. wenn avantgarde sich den mechanismen des kulturbetriebes konfrontiert, so greift sie die in ihn verlängerten strukturen des avancierten kapitalismus als massenbewegung selbst an.

avantgarde widerspricht der ideologischen abkopplung des kulturschaffens von der allgemeinen warenproduktion, indem sie den blick auf die warenform künstlerischer identität und ihre verwertung in den sekundärkreisläufen einer legitimation verschaffenden kulturmanufaktur richtet, deren durchflussregelungen im falle avancierter literatur eher nach höfischem ritual als auf der grundlage marktwirtschaftlicher prinzipien organisiert sind. die reproduktionsbedingungen innerhalb dieses halbfeudalen betriebes repräsentieren einen rück-fall in die vorkritische befindlichkeit der musentempel und akademien der gründerzeit, den absturz ins intrigante milieu der salons, also jener begleitmusik von beispielhaften kapitalakkumulationen, wie sie schon zur kolonialzeit in blüte stand. die etablierung von scheinaristokratien in der subventionssymbiose von kulturbürokratie und avancierten autoren wirft die literatur hinter den entwicklungsstand ihrer produktionsmittel zurück, kupiert sie zum nebeneffekt einer verschleiernden kulturalisierung der marktverhältnisse. das avancieren der höflinge ist nicht die lösung, sondern teil des problems, wie durch die vermögensverwaltung hindurch zu stossen wäre, um ein paar fluchtpunkte jenseits der systemischen verhaftungen zu definieren. das freisetzen des vektors, die ladung mit handlungspotential am rand einer sich neu konstituierenden inneren umhüllung und das aufeinander beziehen der ströme bezeichnen keine extremsportarten, sondern ästhetische taktiken, die eine perspektive über den rückdatierten annahmeschluss poetischer und kritischer verfahren hinaus ermöglichen. das engagement der avancierenden hingegen, das wie ein herzleiden auf dem parkett der salons gepflegt werden kann, bringt die nach ihnen benannten löwen und revolutionäre hervor, allenfalls futter für klatschspalten.

wir danken für das gespräch.