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blaues gewäsch


Sylvia Treudl: Blues. Geschichten

Wien: Milena 1999

Rezensiert von: colette m. schmidt


Wenn Sylvia Treudl den Blues kriegt, dann sind in erster Linie Geschichtlein angesagt, angereichert mit Ungetümen von Metaphern, die runter gehen wie ranziges Öl. „Denn immer, wenn sie am wenigsten darauf Wert legt, überrollen sie Assoziationen der bittersten Sorte wie Gischtwolken eine Sandburg“, beschreibt den Parcours durch die frisierte Landschaft von Treudls Texten am besten. Unter welchen Gesichtspunkten die sieben Geschichten unter dem Titel Blues zu einander fanden, bleibt Spekulation: Gemeinsam ist wenigstens einigen von ihnen eine vielleicht gewollte, in jedem Fall aber gescheiterte Selbstreflexion, die sich mit Vorliebe um Frauen dreht, die verlassen wurden, gerade verlassen werden oder aber sich am Verlasser rächen. Unterm Strich bleibt abgeschmackte Selbstironie, die leicht als Selbstmitleid enttarnt wird, ein vornehmlich kritischer Abstand der Erzählerin zum Geschehen, der sich auf den Einsatz der dritten Person beschränkt, und einige Witzchen und Zynismen, die sich tief unter jeder Gürtellinie am wohlsten fühlen. Nun ist ja die Liebe, der Krampf und der Kummer mit ihr wahrlich ein Thema für alle - Männer wie Frauen -, doch gerade das könnte man bei Geschichten wie Das Fest der Blauen Schuhe oder Holofernes und die Tugend vergessen, denn hier wird die Leserschaft ungewollt Zeugin von peinlich theatralischen Ritualen, die vielleicht von der einen oder anderen Kreativ-Therapie empfohlen werden und sicher einige beredte Tagebuchseiten füllen können, allerdings ihren Witz verlieren, wenn sie mit der Welt geteilt werden und als ernst zu nehmende Literatur verkauft werden. Dringender Verdacht: Gekränkte Eitelkeiten rächen sich an unbedarften Lesern.

Aber, fast hätten wir's vergessen, es gibt in der Welt noch andere Themen als leergeräumte Beziehungskisten: z.B. Ausländerfeindlichkeit in der Provinz. In Feuer am Dach wird in einem Dorf eine Fabrik niedergebrannt, in der Flüchtlinge untergebracht sind. Auch wenn das diffuse Licht, mit dem die Autorin alle Ecken des eigenen verletzten Nabels ausleuchtet, einmal in die nähere und fernere Umgebung schweift, bleibt eine etwas differenzierte Analyse aus: Die Protagonisten bleiben hohle Stereotypen. Ein hartschaliger junger Wilder mit Lederjacke, seine naive, poesielesende Freundin, die - eine Textstelle, die hart an der Schmerzgrenze liegt - selbst den Vergewaltigungen durch ihren Machofreund etwas Positives abgewinnen kann und sich einredet, diese Verletzungen wären „aus wilder, gieriger und nahezu verdurstender Liebe, Liebe, Liebe“ aus ihm herrausgebrochen. Weiter geht es mit der handlesenden (Achtung Zigeunerromantik!) Asylantin Vesna, die, gefangen im verstaubten Bild der „bonne sauvage“, mit abwesendem Blick schweigend in die 90er herüberäugt. Austauschbar mit jeder Squaw aus Winnetou-Filmen unserer Jugend, steht sie zwischen grölenden Dorfbewohnern, gemeinsam mit den anderen Figuren darauf wartend, dass ihnen endlich jemand Leben einhaucht. Sie wartet vergebens. Dafür überrascht Treudl mit kurzen, umso lebendigeren Ausflügen in das Tierreich, die unpassend wie ein von Edith Klinger und Walt Disney koproduzierter Videoclip in die Handlung eingeblendet werden. Wird gerade noch das faschistoide Dorf beschrieben, erscheint ein plötzlicher Ausflug ins verspielte Tierreich nicht besonders schlüssig: „Ein Eichhörnchen setzt empört keckernd in elegantem Sprung aus der Buchenkrone ins Geäst des Nachbarbaumes über. Hält dort ein und äugt auf die menschlichen Störenfriede ...“ usw.

Wer sich auf die Probleme von den Frauengestalten in Blues einlassen will, muss damit rechnen, ständig mit banalsten Fragen konfrontiert zu werden. In Billig- Buchläden kann man solche Fragen vielleicht als Buchtitel im Regal „Lebenshilfe“ finden. Wie erkläre ich meinen Ex-Klassenkameradinnen, welchen Beruf ich ausübe?

- Antworten auf den Seiten der Erzählung Klassentreffen. Oder: Wie komme ich von diesem Tisch hoch, „ohne den engen Rock festzuhalten oder ihn bis über den halben Arsch hinaufrutschen zu lassen“? Befriedigende Antworten sind schwer zu finden, wenn schon die Fragen nicht interessant sind.

Eigenartig noch die Zitate, die Treudl jeder ihrer Stories voranstellt, sind sie doch allesamt aus englischsprachigen Schlagern geborgt und passen wie die Faust aufs Auge. Von Nancy Sinatra bis George Michael reicht das wortspendende Volk der Barden. Da sollte wohl Poppiges Pappiges aufpäppeln, das Ergebnis ist allerdings nicht einmal ein ordentlicher Blues.