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das kann ihr keiner weglesen: das bleibt

Der Lyrikerstling Christoph W. Bauers und die letzten Dinge


Christoph W. Bauer: wege verzweigt. gedichte

Innsbruck: Haymon 1999

Rezensiert von: helwig brunner


So schwierig es auch sein mag, über Qualitäten von Lyrik zu sprechen, Qualität also wort- und dingfest zu machen an den Symptomen des Gedichts, manchmal ist sie einfach da, diese Qualität, und schert sich herzlich wenig darum, ob ein dahergelaufener Leser ihrer habhaft wird oder nicht. So widerfuhr es dem Rezensenten, der nicht nur daherlief, sondern den Gedichten Christoph W. Bauers auch eine Zeitlang in der rasch gewonnenen Überzeugung hinterherlief, es würde sich auszahlen, diese flimmernd beweglichen Sprachgebilde nach einigem Augenblinzeln schließlich in angemessener Schärfe wahrnehmen und wahrhaben zu können. Denn einfach in den Blick und Griff zu kriegen ist es nicht, was der 1968 in Kärnten geborene, heute in Kirchberg / Tirol lebende Autor dem Leser als erstes buchgewordenes Resultat seines literarischen Treibens vorsetzt: wege verzweigt, so der Titel des bei Haymon erschienenen Bandes, versammelt fünf Zyklen, die in knapp geschnittenen lyrischen Filmsequenzen alle Brennweiten vom globalen Weitwinkel bis zum hautnah ins Privateste spähenden Teleobjektiv in einem lyrischen Vielfachzoom von bemerkenswertem Auflösungsvermögen vereinen.

Beobachtungen von Natur und Alltag, von zeitlos zeitnahen Leidenschaften und das Hinterfragen modischer Begriffe, aktueller Nachrichten und medienträchtiger Fakten nennt schon der Klappentext als wichtige Motive in Bauers Dichtung. Diesem breiten Spektrum der Themen entspricht die Vielfalt der stilistischen Mittel, die mit großem handwerklichen Können und eleganter Zurückhaltung präzise und sensibel eingesetzt werden. Exemplarisch sei darauf hingewiesen, wie sich in der kleinen schule der geläufigkeit bisweilen die Sätze ineinander verschränken, indem einzelne Wörter in subtiler und sinnträchtiger Weise doppelt beansprucht werden: „wo durch ihr lächeln ein riss geht / sie auf zehenspitzen in schalen melodien.“

Solche Verse, wie leise sie auch auftreten, vermitteln etwas von jenem tiefen Ernst, der sich immer wieder unprätentiös zwischen heiter leichtfüßigen Zeilen zu erkennen gibt. Was der Klappentext verschweigt, ist dennoch nicht zu übersehen: Bauer scheut auch vor den pathosverdächtigen Themen und letzten Dingen nicht zurück, freilich ohne dass jener Verdacht sich in seinen Gedichten je zu bewahrheiten droht. Der Suche nach Lebenszielen, dem Altern, Scheitern und Sterben des Einzelnen wird ein vielleicht Bleibendes entgegengesetzt, das wieder einmal und noch immer gerade im Gedicht einen angemessenen Ausdruck zu finden scheint. Nicht nur das lyrische Ich Bauers vermag es nicht mehr, den „kopf aus der sprache zu ziehen“; auch der Leser erkennt sich bald als Verfangener in den „stimmgeflochtenen stücken“ des schon mehrfach preisgekrönten Nachwuchslyrikers.

Fast möchte man noch einmal Gottfried Benn vom literarisch-ideologischen Abstellgleis holen: Was bleibt, ist das zu Bildern verarbeitete Sein. Dann besinnt man sich eines Besseren und sagt es mit jenen Worten, die Christoph W. Bauer der Protagonistin seines Gedichts „autodidakt“ auf ihrer Selbstsuche endlich zubilligt: „das/ kann ihr keiner weg/ lesen: das bleibt“. So wird man es auch nach mehrmaligem Wiederlesen nicht müde, die lyrischen Kurzfilme Bauers vom „vorspann“ bis zum „abspann“ über die Leinwand seines wohl bleibend schönen Buches flimmern zu sehen.