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das mensch, das unkind

Christine Werners Roman über das Schicksal von Frauen und über eine Familie


Christine Werner: Eine Handbreit über dem Knie

Linz: Resistenz 1999

Rezensiert von: hermann götz


„Wer nicht einmal bis zur Türklinke reicht, darf nicht mitreden.“

Die Nazis schleppen Trixis Vater davon. Zum Glück kann sich, wer nicht einmal zur Türklinke reicht, im Wäschekorb verstecken. Und wer bald auch einen arischen Stiefvater hat, braucht sich gar nicht mehr zu verstecken. „Das ist das Schicksal, Trixi... Ein rosa Ding mit Flügeln“, sagt Mamuschka. Das Schicksal bestimmt über Mamuschka und Trixi. Meist ist der Stiefvater das Schicksal, der arische, der Trixi prügelt und missbraucht, bis sie sich von sonstjemandem davonschwängern lässt. Bald hat Trixi eine Lisa-Tochter und Tochter Lisa einen Stiefvater. Den Jimmi. Jimmi der kommunistische Motorradfahrer und Held, der sich vom Macher-Typ schnell zum Familienmacho und Monarchen mausert. Schwere Zeiten biegt er mit links ins Gerade und alles hat seinen Fortschritt. Auch Lisa wird von väterlicher Jimmi-Hand gründlich zurechtgebogen.

„Wer nicht einmal bis zur Türklinke reicht, darf nicht mitreden.“

Im wohlverdienten Eigenheim schließlich, und vollgepumpt mit wohlverdientem Ottakringer, mutiert der Jimmi zur personifizierten Exekutivgewalt selbstgefertigter Prügeljustiz. Meist ist jetzt der Jimmi das Schicksal und der prügelt und prügelt, bis sich Lisa davonschleicht. Und so geht es weiter. Wahrscheinlich.

„Alles hat ein Ende auch wenn es ein ewiges Dahingehen ist.“

Die Familiensaga spannt sich über drei Frauengenerationen, vom Nazi-Wien über die Aufbaujahre bis in die 70er hinein. Vom Nachkriegselend über den Wiener Gemeindebau bis hin zum gepflegten Wiener Vorstadtvillenrasen. Wiens Sprache färbt das Schreiben der Autorin ganz wienerisch ein. Sprachlicher Ausdruck ist gar kein Ausdruck dafür. Es drückt sich förmlich heraus aus Christine Werners Figuren. Ihr Denken, ihre Philosophie, ihre Ideologie, ihr Erfühlen der Umstände.

Natürlich sind alle verwandt in einer Familiengeschichte, aber hier sind nicht nur die Menschen verwandt, auch ihre Geschichten sind verwandt, die Biographien gleichen sich von Frau zu Frau unweigerlich einander an, sosehr sie alle auch dagegen ankämpfen. Alle Sätze kehren wieder. Und selbst innerhalb der Sätze treffen die Wörter auf Verwandte:

„Ich als Mutter ziehe Euch groß“, sagt die Mutter. „Und das Kind muß mitziehen, damit es einbezogen wird.“ „Aus kämen sie Jimmi auf keinen Fall“, sagt der Vater, „höchstens käme IHM die Hand aus.“ „Die Kunst das Leben als Kunst zu begreifen, läßt sich auf Dauer nicht künstlich hochhalten.“ Die Zeiten verwandeln sich, die Namen verwandeln sich, der Kommunismus verwandelt sich, die Frauen verwandeln sich - die Tochter in eine Mutter, die Mutter in eine Großmutter und so weiter; aber die Männer verwandeln sich nicht. Frauengeschichte ist auch hier die Geschichte von Unterdrückten. Christine Werners Aufmerksamkeit gilt stets dem schwächsten Glied der Familie. So schwenkt der erzählerische Fokus im Laufe des Romans zunehmend von Trixi auf Lisa. Mit achtzehn wird Lisa von der Autorin in die Freiheit entlassen. Aber wir wissen es bereits besser: „Die Freiheit sei vorbei“, hat die Lehrerin gesagt, „ehe sie wahrgenommen werden könne.“