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dekadenz und wiederholung

gudrun sommer | dekadenz und wiederholung

Über Remakes und das Leben in der Endloss

Remake ist ein schöner Begriff, ist ein dankbarer Begriff. Remake ist ein Begriff, der zu uns passt und den wir verdienen. Ist Remake überall? Am Anfang war Remake in den Fabriken und den Arbeitern, die sie verließen, als die Gebrüder Lumière sie dabei filmten, und das gleich mehrmals. Das Prinzip der Wiederholung war für den Film entdeckt, und Generationen von Cineasten und Fernsehjunkies sollten das noch zu spüren bekommen. Die erste notwendige, wenn schon nicht hinreichende Bedingung wäre damit benannt: Remakes müssen etwas wieder holen, und im besten Fall wiederholen sie auch etwas.

Remake ist ein dankbarer Begriff, weil er zu uns passt und überall dort ist, wo wir auch sein wollen. Remake ist billig, wenn wir bei Hofer das Original mit neuem Namen kaufen. Remake kann aber auch sehr teuer sein, wenn Silikon im Spiel ist. Remake ist die nächste Folge als Wiederholung der letzten, ist jene gleichförmig beschleunigte Bewegung im Kreis, die den Zwang nach Fernbedienung auf dem Gewissen hat. Dass jener Anziehungskraft ein durchaus erotischer Gestus eigen ist, davon zeugt die pornographische Einsicht, auf das Remaking dort zu setzen, wo der Sex des Fleischlichen fortwährend wiederkehren muss, um das Perpetuum mobile als Verschränkung von Déjà-vu und Massenkarambolage zu erfinden. Das Versprechen wiederzukommen, nicht anders ist Schwarzeneggers „I'll be back“ zu verstehen, muss aber weder den sexuellen Ernstfall benennen, noch den missglückten Serienausstieg einer Ewing. Stattdessen handelt es sich hierbei um die tatsächlich zeitgemäße Betrachtung, dass ein Leben nach dem Showdown möglich ist.

Das filmwissenschaftliche Bildungsbürgertum hingegen reduziert den Begriff auf ein „Genre“, das sich um die Wiederbelebung zumeist klassischer Stoffe kümmert. Die Vielfalt, mit der das geschieht, musiziert im postmodernen Endzeittakt: Vom „Eins-zu-Eins-Remake“ (Sabrina) über den Genrewechsel (Little Shop of Horrors) bis hin zu den „Made in USA“-Verfilmungen zumeist europäischer Qualitätsware (To be or not to be) offenbart das Remaking in guter kapitalistisch vorhersehbarer Manier, dass Recycling nicht nur pragmatisch, sondern auch lustvoll gedacht werden kann. Das Hören von guter Popmusik und das wiederaufgelegte Kinoerlebnis befinden sich damit in unmittelbarer Nähe. Beide wollen nicht mit Neuem überraschen, sondern können sich auf altbewährte Gefühle und Akkorde verlassen, die - einmal angeschlagen, gezwungenermaßen funktionieren. Das ewig Gleiche scheinbar neu arrangiert - das hat schon Warhol gefallen: „Ich mag langweilige Dinge“. Die Vorhersehbarkeit und Struktur, die Genres brauchen, um bei sich zu sein, kehrt im Remake dort wieder, wo der Inhalt nicht mehr sich selbst gehört, sondern einem Original seinen Dienst erweist. Abweichung und Variation, eine verschärfte Wahrnehmung fürs Detail werden zum Kern jenes Kinoerlebnisses, das per definitionem davon weiß, nichts anderes zu erfahren, als es vorher schon wusste.

Remakes müssen immer auch Emanzipationsarbeit leisten, müssen sich den Vergleich mit ihrem Stoffgeber gefallen lassen. Ein schlaues Remake weiß das, geht auf Nummer sicher und kauft zum Stoff den dazugehörigen Regisseur auch gleich mit (Nightwatch) - Hofer-Verwertung, Qualitätsgarantie und Doppelpack, das etwas andere Sparpaket. Für die aber, denen das noch immer zuwenig ist, gibt's - vom Chef persönlich - den Drei-Stunden-Cut, das gnadenlos echte Autorenremake.

Dass Remakes es leichter haben, weil sie es sich einfach machen, ist natürlich falsch. So verlangt der statistisch errechnete Durchschnittsverschnaufer 25 Jahre, bevor das Wiederkauen eines Stoffes auch im Magen bleibt - angesichts der ebenfalls statistisch errechneten zehn bis zwölf Originalstoffe (Mann liebt Frau, Frau liebt anderen Mann, Mann liebt Frau von anderem Mann etc.) - eine tatsächliche Hungersnot, die zu kannibalistischer Einverleibung zwangsläufig führen muss. Diese künstlich reproduzierte Wiederauferstehung hat aber - im Gegensatz zu Fälschungen, Raubkopien oder Abschreibesystemen - originär Ehrliches an sich. Das Remake paktiert mit der Wiederholung im Zeitalter der ultimativen Überholbarkeit und drückt so der neuzeitlichen Fortschrittshetze hinterrücks auf's Auge. Der Produ-zentenblick, auch nicht blind, starrt zwischenzeitlich in volle Kassen und freut sich, dass Hänschen auch als Hans bei Hinz und Kunz für Elvis sorgt.

Wenn Remakes dann doch als Neuheit daherkommen, verdankt sich das, neben gut einstudierter Supermarktdramaturgien, einer Ursprungsmystik, die sie gleichzeitig zu unterwandern wissen. Ist der eine Gott erstmal tot, bleibt Platz genug für all die anderen Heiligen, die fortan den Stoff formen und zeitgerecht zurechtstutzen. Das Remake ignoriert und braucht den Autor und ist eigentlich sympathisch schizophren. Die Erstbesetzung dieses theatralisch Kranken wurde folgerichtig vom Spielfilm besorgt, der dem Regiesessel von Anfang an freundschaftlich zublinzelte. Die von dort aus angepeilte Blickverschiebung schweift freilich nicht im unbegrenzten Horizont: Spätestens dann, wenn das nochmalige Vorbeischauen mit Rausschmiss quittiert wird (ein Spielbergscher „Directors Cut of Blade Runner Directors Cut“ beispielsweise), entpuppt sich der Blickwechsel als gieriges Schielen, dem die Lüge aus den Augen schreit: als Refake eben.

Das Remake scheint jedenfalls ein sehr eigentümliches Verhältnis zu „Authentizität“ wie „Inszenierung“ zu pflegen. Nicht zufällig wollte der Dokumentarfilm offiziell all die Jahre vom Remaking nichts wissen. Beinahe unbemerkt wagte sich das Docu-Drama bzw. dessen erfolgreiches deutsches Serien-Pendant Aktenzeichen XY an die Re-Inszenierung bei der Abbildung des vermeintlich Faktischen an die Quoten heran. Wesentlich größerer Aufmerksamkeit erfreut sich die nun statthabende Übernahme eines dokumentarischen Stoffes mitsamt der ihm aufgezwängten seriellen Form, respektive Docu-Soap. Die BBC-Soap Driving School, die von eben britisch lustigen Brit-Protagonisten zum Erfolg gefahren wurde, hat nun im deutschen Fernsehen Einzug halten dürfen. Die Fahrschule nennt sich die serielle Aufarbeitung der Führerscheinaquise in Gelsenkirchener sozialen Schichten. Eine Wiederholungstat, die gnadenlos unter Beweis stellt, dass das „Eins-zu-Eins“-Remake die unausgegorenste Form dieses Genres darstellt. Wiederkehr kann Wiedersehen bedeuten, muss aber nicht. Ebenso kann sie als Heimsuchung sich tarnen, als Warteschleife oder Verfolgungswahn.