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der teufel ist ein als-ob

(... und der pöbel lernt schreiben)


Michael Köhlmeier: Der traurige Blick in die Weite.

Wien: Deuticke 1999

Rezensiert von: alfred goubran


Michael Köhlmeier hat ein neues Buch veröffentlicht.

Zu sagen er hätte es geschrieben ist übertrieben, denn es wird nicht hinlänglich klar, wann der Autor selbst am Wort ist, wo er abgeschrieben, wo er „geborgt“ oder gestohlen hat.

Mit etwas Mut zur Vereinfachung könnte man diese Unklarheit umgehen, indem man erklärt: der Autor „erzählt“. Das wäre „beruhigend nichtssagend“ und ganz im Köhlmeierschen Sinne. Die fehlenden Quellenverweise und Daten der Erstveröffentlichung erklärte es nicht. Denn die meisten Geschichten in diesem Buch sind so wenig neu wie original. Und wo sie original sein könnten, scheitern sie an der sprachlichen wie gestalterischen Unfähigkeit des Autors, der keine Gestalt sich aussprechen lässt und keine Geschichte zu Ende zu erzählen weiß.

„Der traurige Blick in die Weite“ lädt ein zu einer Begegnung mit dem Unfertig-Gefertigten, dem Halbgaren, dem Imitat, dem So-als-Ob. Es ist, in einem unappetitlichen Sinn, leicht verdaulich.

Und es gewährt, Stück für Stück, Geschichte für Geschichte, unverstellt und durch kein professionelles Lektorat und keine Qualitätsauslese gestört, Einblick in die Küche eines erfolgreichen österreichischen Schriftstellers. Ein Glücksfall.

So hat auch eine von Köhlmeiers „Nachdichtungen“ griechischer Sagen Eingang in das Buch gefunden. Über Daidalos erfahren wir, „dass er eine radikal naturalistische Auffassung der Bildhauerkunst vertrat. Er hatte sehr geschickte Hände, und er baute Menschen nach“. Er hat „Menschen gemacht, so naturalistisch, dass sie niemandem aufgefallen sind“. - (den Autor ausgenommen).

Außerdem aber hat er „das Prinzip des Flügels begriffen“. Und Ikaros darf bei Köhlmeier nicht der Sonne zu nahe kommen, nein, er muss sich vor der Sonnenstrahlung in acht nehmen. Statt Jungfrauen und Jünglingen werden bei Köhlmeier „Jungfrauen und Jungmänner“ geopfert.

Köhlmeiers Version der Geschichte hat die unfreiwillige Komik eines Übersetzungsprogrammes. Ein Humor, für den vor allem das Unpubertierte anfällig ist. Vordergründig erheitert die Fehlfunktion. Voraussetzung aber ist ein Mangel an Bewusstsein. Und Sprachvermögen.

Von diesem „Witz“ und Köhlmeiers „Nachstellungen“ bleiben auch die Märchen nicht verschont. „Elfen sind vom Himmel gestoßene Engel [...] außerdem mögen sie Schafe nicht, das kommt noch vom Lamm Gottes her.“ Immerhin: Joringel und „Jorindes Sache war gerettet“.

Gut. Aber bei den Märchen geht Köhlmeier noch einen Schritt weiter. Er begnügt sich nicht mehr mit dem „Nacherzählen“, sondern wird zu einer Art Discjokey, der sich, um es vornehm auszudrücken, des „Sampling“ bedient, um sein Publikum zu unterhalten.

So findet sich etwa die Hälfte der Geschichte Der Dieb, von kleinen Veränderungen durch Köhlmeiers unnachahmlichen Schreibstil abgesehen, in dem Buch Die Braut, die von Luft lebte (ital. Volksmärchen, hrsg. von Italo Calvino, Hanser, siehe die Geschichte Krick und Krock).

Von dem Kärntner Märchen Das Raudale bleibt nur der Anfang erhalten - dann kürzt der Autor radikal (etwa neun Zehntel), und statt der Königwerdung des Helden folgt sein rascher Abgang. „Aber das Raudale wollte das nicht. Es wollte nur eines: herumziehen, verdrecken und niemandem, niemandem gehorchen.“ - Das kennt man. Und es ist, was diese Geschichte betrifft, auch konsequent. Warum das Raudale erlösen, wenn man ihm schon zwei Drittel der Aufgaben erspart? - Warum ein Märchen vergnomen, wenn man selbst Geschichten erzählen kann? - „Weil ich es kann!“ (Karl Valentin) - ? - Hier ein Beispiel:

Die Polin
Sonett (mit Akrostichon)

«Halt ja den Mund!» hat mir A.P. am 12.3.93 von London
aus ins Telephon befohlen.
- England, deine Schiffe! Frankreich, dein Verstand! -
«Rita? Lebt in Metz. Ihr Mann ist Fabrikant.» -
Zum Thema Stehlen heut`A.P.: Sie habe nie gestohlen.
Es war im Sommer 70. Unter den Parolen
Neckte sich und kratzte sich, was sich grad fand.
Ungeschützt am Strand auf dünnen Sohlen stand,
Noch keine zwanzig, Mutter schon, A.P. aus Polen.

- Deutschland, Deutschland, deine stolze Konsequenz! -
«Bei euch hier», sprach A.P., «ist´s besser als im Osten.
Überhaupt: Nur Deutschland hat die Kompetenz,

CHaraktervoll zu töten. Leider«, sprach sie weiter, «kosten
Einwegwindeln hier so viel wie drüben Shit.«
»Richtig«, sagte ich. Und darum nahmen - me and you -
die Windeln für die kleine Rita und das andre -
weißt schon -, was der Mensch so braucht, halt
einfach mit...

Am Telephon hat man sich dieses Gedicht vorgelesen.

Vielleicht weil man es nicht verstanden hat. „Intelligenz ist freiwillig“ (Christian Loidl) und so kann der Leser Telefonkosten sparen und sich stattdessen auch fragen, was denn „der Autor“ (Erzähler) verstanden hat, wenn er solche Geschichten publiziert:

„In jedem Augenblick wird Zukunft hinter uns gebracht, wird Vergangenheit erzeugt, gleichsam abgefressen von der Zukunft, die es ebensowenig gibt wie ihren Widerpart, die Vergangenheit. Zwischen Zukunft und Vergangenheit, den Antagonisten in dem Drama Zeit, befindet sich ein Punkt, ein ausdehnungsloses Etwas, das wir Gegenwart nennen. Auf diesem Punkt steht der Erzähler.“ Wir rekapitulieren: In jedem Augenblick wird etwas hinter uns gebracht, das es gar nicht gibt, wird etwas erzeugt, das es gar nicht gibt, gleichsam abgefressen von etwas, das es gar nicht gibt. Zwischen etwas, das es gar nicht gibt und etwas, das es gar nicht gibt, den Antagonisten in dem Drama Zeit - dieser Nebensatz erhellt uns Köhlmeiers Verständnis des Dramatischen -, befindet sich ein Punkt, ein ausdehnungsloses Etwas, das wir Gegenwart nennen - wir nennen also ein ausdehnungsloses Etwas Gegenwart - wir? - Auf diesem Punkt steht der Erzähler - man darf vermuten mit einem Bein, morphologisch verändert, das seine Auflagefläche exakt ausdehnungslose Punktgröße besitzt. Und dort „muss (man) lediglich so tun, als ob diese Welt existiert, alles andere ergibt sich von selbst“. - „naturalistisch“ sozusagen.

„In dem Einsilbenwortpaar [sic!] ,als ob' lag also das Geheimnis [...] Nachdem ich also die Welt der Fiktionen als eine Welt des dramatisierten Als-Ob entdeckt hatte, sah ich den Rosenkranz unter einem ganz neuen Blickwinkel.“ - Verständlich. „Der Rosenkranz ist die [...] Biographie Gottes.“ Und - um es gleich vorwegzunehmen: der Schluss des Buches ist ein dramatisiertes Rezept, dialogisch aufbereitet sozusagen, und dadurch als Rezept völlig unbrauchbar.

Nun gibt es aber in dem Buch eine Gestalt, die wahrscheinlich mehr zur Erhellung von Köhlmeiers „Selbstverständnis“ beitragen kann als alle selbsterkenntlerischen Erklärungen des Autors (Erzählers) zusammengenommen. Es ist seine Großmutter, der wir in mehreren Geschichten begegnen. Gleich zu Anfang des Buches sitzt sie in der Küche, „und das Lied [i.e. Oh Haupt voll Blut und Wunden], in dem die Folter am Gottessohn besungen wird, verwendete sie als Meßinstrument [sic!] beim Teiganrühren, beim Fleischanbraten, beim Eierkochen“.

Weiters erfährt der Leser, dass sie ein Zeitproblem hat: „Die letzten dreißig Jahre befand sich meine Großmutter im Traumzustand einer vergangenheitslosen, zukunftslosen Gegenwart [...]“. Dort bot sie im Faschismus „dem bestialischen Jubel die Stirn ihrer mädchenhaften Vernunft“ - na ja: die Zukunft ist auch nicht mehr, was sie einmal war. - Und die Gegenwart? Was ist das überhaupt für eine Gegenwart, zukunfts- und vergangenheitslos?

Es ist eine Gegenwart ohne Dasein. Es ist eine Gegenwart, in der alles Ausübung und Teil der Ausübung ist - eine Gegenwart, in der nichts wirklich und alles real ist, Märchen wie Mythen, und wo sie, wenn sie es nicht sind, zu „Realitäten“ gemacht und der eigenen Gegenwartslosigkeit angemaßt werden. - Damit sich das Subjektive erhalte. Und sei es als Verdrängtes.

Ein Autor, der nur Fiktion ist, kann keine Haltung haben - er muss sich erhalten, die Gegenwart auf „ausdehnungslose Punktgröße“ reduziert, schreibend, in der Ausübung, Dasein verbrauchend, wo immer es aufscheint. Warum auch nicht? - Seine Geschichten sind ja nur ein Als-Ob und sind nichts anderes als der Versuch einer Täuschung (und als dieser Resultat einer Selbsttäuschung). Wer der Täuschung nicht erliegt, hört, dass aus diesen Geschichten nur das Unerlöste spricht - und sieht - auch ein Vergnügen -, wie es sich fleißig und rumpelstilzchenhaft in der Selbstdarstellung übt. „Und zwar muß man so erzählen, dass der Antichrist nicht aufhören kann zuzuhören, weil die Geschichte nicht und nicht abreißt, dass er aber zugleich aufhören will mit dem Zuhören, weil die Geschichte ein preisgekrönter Quatsch ist.“