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der underdog

werner schandor | der underdog

schreibkraft besuchte den Schriftsteller Gabriel Loidolt in seinem Wohnungsquartier in Graz St. Peter, um mit ihm bei einem Haus-Espresso über Ignoranz, Bestseller und Vorstellungen von guter Literatur zu sprechen

Der Blätterwald des berühmten deutschen Feuilletons raschelte anerkennend mit den Zweigen, als Gabriel Loidolts Roman Hurensohn im Frühjahr 1998 im Alexander Fest Verlag in Berlin erschien. Die Geschichte des 20jährigen Sonderschülers Ozren, der glaubt, seine Mutter, eine Prostituierte, umgebracht zu haben, erhielt von der Kritik durchwegs gute Noten ausgestellt (siehe auch Heimo Mürzls Besprechung in schreibkraft 1). Welche Stellung das Buch in der österreichischen Literaturgeschichte einnehmen könnte, brachte Günther Freitag in seiner Rezension im Standard auf den Punkt: Hurensohn sei „einer der seltenen Glücksfälle in der österreichischen Gegenwartsliteratur, weil das Buch zeigt, dass eine realistische Story nicht zwangsläufig der Reflexion von Wirklichkeit und einer poetischen Sprache entgegensteht.“

Lediglich in Graz wurde Loidolts Buch so gut wie nicht einmal ignoriert. Was umso sträflicher ist, weil es hier - genauer: im Rotlichtmilieu des Grazer Griesplatzes - spielt. Dass Hurensohn rund 50 Besprechungen aus dem gesamten deutschen Sprachraum nach sich gezogen hat, aber keine Erwähnung in der heimischen Kleinen Zeitung fand, kann Loidolt nicht mehr erschüttern. Immerhin stieß er bereits Ende der 80er mit seinen Titeln Der Leuchtturm und Levys neue Beschwerden (beide sind im Verlag Droschl erhältlich) bei den damaligen literarischen Institutionen der Stadt auf taube Ohren. Als erzählerischer Handwerker, der auf die Sogwirkung eines guten Plottes und einer auf die jeweilige Geschichte abgestimmten Sprache schwört, weckte er im Forum Stadtpark sowohl unter Alfred Kolleritsch als auch unter Walter Grond wechselseitiges Unverständnis und Desinteresse. Im österreichischen Literaturbetrieb wäre er mit Hurensohn abgesoffen, hätte er nicht 1996 Bekanntschaft mit der Berliner Literaturagentin Karin Graf geschlossen, die sich seines bis dahin 31 mal abgelehnten Manuskriptes annahm und es bei Alexander Fest unterbrachte.

Inzwischen gibt es nach einer Hörkassetten-Ausgabe ernsthafte Interessenten für die Verfilmung der Geschichte des eigenwilligen Idioten-Philosophen Ozren; eine Taschenbuchausgabe steht ins Haus und die Literaturagentur Graf & Graf bietet Loidolts aktuelle Manuskripte nur noch den namhaftesten Verlagen an. Die Verbitterung, dass er trotz all dieser Erfolge in Graz so gut wie keine Beachtung findet, sitzt tief beim 46jährigen promovierten Germanisten, der 1983 über Thomas Bernhard dissertierte, und verleitet ihn zu Tiraden auf alles Experimentelle.

schreibkraft: Hat Ihre Arbeit als Redakteur und Sekretär des Filmmagazins Blimp! Auswirkung auf Ihr literarisches Denken gehabt?

Loidolt: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass man ein Buch filmgerecht schreiben kann. Da müsste man klippartig schreiben. Hurensohn ist alles andere als klippartig. Im Gegenteil, es ist sogar schwer zu verfilmen. Die Filmproduktionsfirma, die sich die Option auf das Buch gesichert hat, möchte so eng wie möglich am Text bleiben. Wie sie es genau machen wollen, weiß ich nicht. Es wird vielleicht eher so eine atmosphärische Verfilmung.

schreibkraft: Aus welchen Ideen setzt sich eine Geschichte bei Ihnen zusammen?

Loidolt: Ich habe immer eine Grundidee. Und ich schaue, wie sich der Schluss auswirkt auf den Anfang, ich stelle eine Rücckoppelung her. Ein falscher Schluss zum Beispiel führt zu einer falschen Interpretation. Wenn es gut ausgeht, wird es leicht zum Trivialroman. Also muss ich schauen: Wie lasse ich die Geschichte ausgehen? Was kommt da raus?

Hurensohn ist mir eingefallen, weil ich am Griesplatz gearbeitet habe. Das alte Blimp!-Büro hatte die Adresse Griesplatz 36, direkt bei der Mercedes-Bar. Und da sind jeden Tag Leute zu mir hinaufgekommen, meistens irgendwelche Huren, die schlecht Deutsch gesprochen haben, und die haben gesagt: „Ja, Chef, wir Problem mit der Polizei. Was wir machen sollen?“ und so. Die meisten Figuren in meinem Buch sind keine Erfindung. Die Leute existieren alle dort - bis auf die Hauptperson, die existiert nicht.

schreibkraft: Die Grundidee - ist das eine Handlung, ein Ort, ein Gedankenkonstrukt?

Loidolt: Es ist schon ein Handlungsgerüst. Ich habe irgendwann einen Behinderten gesehen, der am Griesplatz gewartet hat, und ich habe mir überlegt, wie der wohl die Welt wahrnimmt. Ich habe mir gedacht, ich muss mir eine Geschichte überlegen. Dann habe ich schon das Setting gehabt. Und dann habe ich eine spezielle Sprache für die Hauptfigur gesucht. Wie könnte der sprechen, sodass es an der Kante ist zwischen „Idiotie“ unter Anführungszeichen und Verstehbarkeit? Es ist natürlich eine Simulationssprache. Gleich wie in einem Volksstück, wo auch nicht „der Dialekt“ schlechthin gesprochen werden kann. Na, dann habe ich das Buch geschrieben, dann habe ich 31 Absagen gekriegt.

schreibkraft: 31 Absagen?

Loidolt: Jaja, es ist drei Jahre lang abgelehnt worden. Entstanden ist das Buch schon 1994, zur Zeit des Bosnienkrieges.

Eine andere Schwierigkeit beim Schreiben war: Wie bringe ich die Stadt hinein, aber nicht so wie ein Heimatdichter, der schreibt: „Dann ging ich die Herrengasse hinunter“, was einem Nicht-Grazer gar nichts sagt. Also musste ich mich auf die Atmosphäre konzentrieren, darauf, was man in einer Straße sieht, zum Beispiel die Weihnachtsdekoration, die Straßenbahn, die Topographie - solche Sachen halt.

schreibkraft: Hat irgendein Kritiker eigentlich aufgrund des ersten Satzes „Ich habe meine Mutter umgebracht“ eine Verbindung zu Camus' Fremden hergestellt?

Loidolt: Also mir ist es nicht aufgefallen. Ich wollte so anfangen, dass man vom ersten Satz an gefesselt ist. Ich habe mir gedacht, das ist gut, vielleicht habe ich das unbewusst gewählt, dass es so ähnlich wie bei Camus klingt („Heute ist Mama gestorben.“) - Mag schon sein, dass das eine Rolle spielt. Ich weiß selber nicht, wie ich zu Romananfängen komme. Ich orientiere mich nicht an anderen Romanen, zumindest nicht bewusst. Obwohl das sehr viele Leute machen. Es gibt eine eigene Dissertation über berühmte Romananfänge: Der erste Satz. Da kann man nachlesen, wo die Leute die Anfänge her haben. Ganz lustig, ja. Der erste Satz ist total schwer. Und die erste Seite auch, weil die alles festlegt. Dichte, Reflexionsgrad, Satzlänge, Stil, alles mögliche. Deshalb reicht es in der Regel, wenn man ein, zwei Seiten liest, dann weiß man, ob ein Text gut ist oder nicht - vorausgesetzt, er kann das Niveau halten. Was man ja einmal annimmt.

schreibkraft: Die existentialistischen Komponenten im Buch, Reflexionen zu Leben und Tod - war das auch so eine Grundidee?

Loidolt: Nein, überhaupt nicht. Ich wollte so wenig wie möglich reflektieren. Ich hasse nichts so sehr wie die deutschen Nabelschauromane. Reflexionen müssen so nebenbei gehen, müssen wie zufällig gesetzt wirken, in einem Nebensatz. Reflexionen etwa über den Tod kommen nur bei Gelegenheit vor, wenn Figuren sterben, dann gibt es ein, zwei Sätze dazu. Ich mag keine Geschichten als Ideenträger. Wie bei Max Frisch, wo man genau sieht, aha, das ist ein Ideenroman. Das ist eine Schwäche der deutschen Literatur.

schreibkraft: War es Ihnen ein Anliegen, Sympathien mit gesellschaftlichen Außenseitern zu transportieren?

Loidolt: Das weiß ich nicht. Ich habe nichts mit Außenseitern zu tun. Mich hat einfach Ozrens Welt interessiert. Wie er sie wahrnehmen könnte. Und die anderen Figuren sind ja auch so geschildert, dass sie zwar sympathisch sind, aber keineswegs Engel. Die Gastarbeiter untereinander haben ja genau so Konflikte. Es ist im Buch nicht so, dass die Ausländer die Guten sind und die Einheimischen die Bösen - obwohl schon über die Einheimischen hergezogen wird. Aber aus jener Perspektive ist das vielleicht ganz witzig - mit den „Geheimuniformen“, die Ozren an den Einheimischen sieht und so weiter.

schreibkraft: Wird das nächste Buch auch in Graz spielen?

Loidolt: Nein. Das nächste Buch spielt an der Adria. Ich suche mir die Handlungsschauplätze nach bestimmten Kriterien aus. Ich überlege mir, wo die Geschichte am besten spielen kann, das ist entscheidend für mich. Mein Roman Der Leuchtturm, wo es um einen verbannten Sträfling geht, spielt zum Beispiel am Persischen Golf. An der Adria könnten Sie keinen Sträfling in einen Leuchtturm verbannen - der winkt ja rüber zum nächsten Boot. Deshalb brauchte ich eine Gegend, wo das nicht geht. Nach diesen Erwägungen suche ich mir die Schauplätze aus. Was mir beim Leuchtturm die Kritik eingetragen hat, ich solle nicht so weit in die Ferne schweifen, Österreich sei auch schön. Aber soll ich einen Leuchtturm in den Wörthersee stellen?

Levys neue Beschwerden spielt in New York, weil die Geschichte dort am glaubwürdigsten ist. Hurensohn spielt in Graz, könnte aber auch wo anders spielen. Ich habe mir aber gedacht: Wieso nicht in Graz zur Abwechslung?

schreibkraft: Inwieweit ist es gerade in Graz schwer, nach einem Autor wie Werner Schwab eine Kunstsprache zu entwickeln?

Loidolt: Werner Schwab kenne ich vom Text her nicht. Irgend jemand hat geschrieben, manche Ausdrücke im Hurensohn seien schwabisch. Aber ich habe nie einen Text von ihm gelesen. Wenn bei mir Sätze vorkommen wie „Jede Nacht lieferten sie sich ein kleines Kriegsgeschehen“, sehe ich das als Kritik an der deutschen Sprache an. Denn die Leute können ja nicht mehr Deutsch.

Das Kriegsgeschehen, das Sportgeschehen - diesen Blödsinn hört man ja dauernd. Viele Ausdrücke aus Ozrens Wortschatz sind nicht einmal überzogen, sondern 1:1 übernommen. Man glaubt nur, das ist verrückt - das ist meine heimliche Rache an der schlechten Sprache. Da brauche ich keinen Schwab für diese Sprache, absolut nicht, da brauche ich nur in den Fernseher reinschauen. Lauter Blödsinn! Und dann wundern sich die Leute, dass man im Ausland nicht Deutsch lernen will. Ich war zwei Jahre lang am College in Irland Deutsch-Lektor, da habe ich das erlebt. Da haben die Studenten lieber Spanisch gewählt. Oder Französisch.

schreibkraft: Zurück zu Graz: Das ist der blinde Fleck bei Ihrem literarischen Comeback. Hier wurden Sie nicht wahrgenommen. Woran kann das liegen?

Loidolt: Ich weiß nicht. Die Leute mögen mich wahrscheinlich nicht. Es war ja witzig. Ich habe eine Mitarbeiterin der Kleine Zeitung getroffen, die sich für mich einsetzen wollte. Nichts ist passiert. Keine Ahnung warum. Aber von der Süddeutschen über die Neue Zürcher Zeitung bis zum Spiegel ist Hurensohn besprochen worden. Das reicht mir völlig.

In Graz habe ich nie zur Partie gehört, und man hat mich nicht ernst genommen, weil ich ein Erzähler bin. Das haben die Grazer Autoren (gemeint sind die Autoren des Forum Stadtpark) ja lange nicht gemacht. Die sind ja stolz, dass sie Geschichten zerstören dürfen. Am Computer wird jedes E durch ein I ersetzt. Dann wird ein Projekt gestartet, dann fahren 20 Autoren irgendwo hin - das sind für mich Spielereien gewesen. Das nehme ich nicht ernst. Das haben französische Autoren vor 30, 40 Jahren schon besser gemacht. Was soll das noch? Die leere Seite als Experiment hatten wir auch schon achtzehnhundertirgendwas. Wenn einer nicht schreiben will, dann soll er halt musizieren. Ich kann gewisse Grenzen nicht überschreiten. Ich kann nicht „Tschinelle“ sagen und behaupten, damit ist jetzt mein poetisches Lebenswerk vollbracht. Mit Literatur hat das nichts zu tun. Die Leute glauben „anything goes“, aber das geht nicht. Das läuft nicht mehr so.

schreibkraft (nach betretenem Schweigen): Wie wird das nächste Buch heißen?

Loidolt: Das weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was als nächstes rauskommen wird. Ich habe einen flotten, witzigen, komischen Roman geschrieben, der heißt Zwei Damen von Welt und ein Herr aus der Provinz, der spielt an der Adria-Küste und beschreibt die Konstellation ein Gruftie gegen zwei Teenies. Und gleichzeitig mache ich einen Erzählband fertig, Sieben Geschichten über Liebe und Verrat. Man wird sehen, was besser ankommt. Ich arbeite jeden Tag sechs, sieben Stunden daran. ich habe gesehen, dass mir Erzählungen sehr leicht fallen. Die sind leichter kalkulierbar. Wenn eine wirklich schief geht, hat man höchstens vier Wochen verloren. Wenn ein Roman schief geht, ist ein Jahr futsch. Erzählungen sind keine schlechte Übung. - Wer 'ma sehen, was zuerst rauskommt.

Mitarbeit: Stefan Schwar