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die tiefe der sa/eiten

Über den Versuch, Literatur zum Klingen zu bringen


Peter N. Gruber: Die schwarze Prinzessin. CD

doublebass records 1999


Es ist ein riskantes Projekt, dem sich der in Graz lebende Musiker Peter N. Gruber verschrieben hat: „Nach einer Unterbrechung von beinahe 20 Jahren“, so Gruber im Umschlagtext seiner ersten Solo-CD Die schwarze Prinzessin, „habe ich 1997 die Herausforderung Kontrabaß wieder aufgenommen.“ Die Musik zu dieser CD entstand in den letzten zwei Jahren, und in dieser Zeit hat der bibliophile Musiker wohl auch eine Menge Bücher gelesen, denn Literatur spielt in der Musik des Kontrabassisten eine ganz dominierende Rolle. Zehn der insgesamt 19 Titel sind Autorinnen und Autoren gewidmet, darunter so bekannte Namen wie Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Marlene Streeruwitz oder Elfriede Jelinek, aber auch weniger bekannte und junge Schriftsteller wie Thomas Glavinic oder Andrea Sailer. Die Musik, zu der sich Gruber durch die Lektüre der Texte inspirieren ließ, spiegelt seine Leseerfahrungen und seine - oft nur sehr zart und vage angedeuteten - Vorstellungen von der Atmosphäre eines bestimmten Textes wider, etwa in der musikalischen Umsetzung des Romandebüts von Thomas Glavinic, Carl Haffners Liebe zum Unentschieden, oder in Friederike Mayröckers mein Herz mein Zimmer mein Name. Gruber stellt dem Textkörper seinen Klangkörper gegenüber und bringt die stumme Arbeit der Literatin zum Klingen: mein Herz mein Zimmer mein Name, my song heißt die so entstandene Fortschreibung des Textes. Es ist ein ruhiges, fast meditativ wirkendes Stück, dessen einfaches Grundthema von sparsam eingesetzten, aber überaus effektiven percussiven Elementen am Korpus des Instruments begleitet wird. Gruber gelingt es, die Energien des Textes in seine musikalischen Kraftfelder zu integrieren. Diese Synthese legt die Textnerven gewissermaßen an die musikalische Oberfläche, wo sie frei zirkulieren können und sich mit Tönen und Klängen verbinden. Doch der kosmisch-atmosphärische Klangraum droht an keiner Stelle zur bloßen esoterische Erbauungsmusik abzusinken, die Spannung, die den Text trägt, bleibt auch in der Musik erhalten.

Ganz anders wirken dagegen jene Stücke, die auch einem gewissen experimentellen Ansatz verpflichtet sind. In dem Thomas Bernhard gewidmeten Die Meute werden die einleitenden Oktavschritte sukzessive durch die Laute bellender Hunde, die Gruber auf seinem Instrument simuliert, verdrängt. Als integrativer Bestandteil der Komposition dient der Effekt jedoch dem Stück, und nicht sich selbst! Bassgeschwader (f. E. Jelinek) geht noch einen Schritt weiter. Der strukturierte Klang - gemeinhin als „Musik“ bezeichnet - wird durch die so tief wie möglich gestimmte Saite des Basses und der zusätzlich reduzierten Aufnahmegeschwindigkeit aufgegeben. Das Resultat ist ein minutenlanges, martialisch anmutendes Dröhnen, das an herannahende Bombengeschwader erinnert und durch die niedrigen Frequenzen auch physisch erlebbar wird. In dieser Lautsphäre entsteht Musik erst durch aktives Zuhören, dann nämlich werden im Kopf des Hörers sämtliche Töne und Obertöne des Basses freigelegt, die wiederum, einem akustischen Flimmern gleich, in immer neuen Konstellationen hörbar sind.

Doch jenseits aller literarischen Einschreibungen - Tanzende Derwische (f. E. Jandl), Floating Flageolettes (f. M. Streeruwitz) - liegt der Schwerpunkt von Grubers Arbeit auf der Auslotung der klanglichen Grenzen seines Instruments. Seine Stücke verdanken ihre Wirkung wesentlich dem faszinierenden Klangreichtum des Kontrabasses, und so schreibt der Musiker mit berechtigtem Stolz, daß „sämtliche hörbaren und unhörbaren Klänge ausschließlich“ mit seinem Kontrabass erzeugt wurden - keine special effects, keine overdubs. Wahrlich: Musik, die in die Tiefe geht!