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die verehrung des immer selben

werner schandor | die verehrung des immer selben

Über die Transzendenz im Sport und anderswo

Von einem Grazer Geschäftsmann ist die Anekdote überliefert, er sei während einer Opernvorstellung eingeschlafen. Als der Schlussapplaus einsetzte und seine Frau ihn rüttelte, um ihn zu wecken, sei er von seinem Sitz aufgesprungen und hätte sich, zur Erheiterung der anderen Zuhörer und zur Schmach seiner Frau, mitten im Parkett schlaftrunken bekreuzigt.

Mir geht es beim Besuch von Lesungen ähnlich. Ich sehe sie als Ersatz für den Besuch der Messe. Tatsächlich gibt es einige Parallelen zwischen literarischer Lesung und Kirchgang: Man sitzt in einem abgeschotteten Raum, ist Mitglied einer kleinen Gemeinde, lauscht dem Gesäusel des Vortragenden, erspart sich das Niederknien und Aufstehen, es baut sich ein gewisser Geist auf, der sich im Raum verbreitet, und zum Schluss, anstatt sich zu bekreuzigen, applaudiert man, um den entstandenen Geist zu zerklatschen und um anzuzeigen, dass jetzt wieder Normalzeit herrscht. - Dass Kunst viele religiöse Momente aufweist, wurde schon oft bemerkt. Seltener wurden die Parallelen zum Rituellen beim Sport gesehen. Doch gerade hier weisen Kunst und Sport extreme Berührungspunkte, ja ganze Berührungsflächen auf. Dazu etwas später mehr.

Ich habe mich immer gefragt, warum der zeitgenössischen Kunst so oft vorgeworfen wird, sie sei gesellschaftlich irrelevant und daher vollkommen sinnlos, während das beim Spitzensport kaum geschieht. Dabei könnte man behaupten, Spitzensport sei als ein elitäres, in sich geschlossenes System im Grunde noch irrelevanter als die Kunst. Der Sport sagt nichts aus, er verfolgt kein soziales Interesse, er begnügt sich mit den jeweils vorgegebenen Regeln - und perpetuiert sich auf diese Weise ins Unermessliche.

Der Sport ist so gründlich im gesellschaftlichen Selbstverständnis verankert, dass ihn kaum jemand in Frage stellt. Nur die Oma von Hermann Götz, die nahe am Übungsplatz von Sturm Graz wohnt, wundert sich, warum zum Beispiel 22 Männer einem Ball nachlaufen, wenn doch jeder der Männer genug Geld bekommt, dass er sich einen eigenen Ball kaufen könnte. Es klingt wie ein Witz. Was daran liegt, dass Sport ein Witz ist. Aber selbst wenn einer der Beteiligten einmal von einer Sinnkrise befallen wird - wovon die meisten durch gute Einkommensmöglichkeiten abgehalten werden - und auf die Sinnlosigkeit des sportlichen Treibens hinweist, wird diese Erkenntnis als Weisheit vorletzter Schluss über Generationen weitergegeben, ohne dass der konsequente letzte Schluss daraus gezogen werden würde. Man denke an Niki Laudas Sager vom „Blöd-im-Kreis-Fahren“ der Formel 1 aus den frühen 80ern. Wahr gesprochen, und nichts gebracht!

Welchen Sinn hat also der Spitzensport, der, sieht man von der verschwindenden Minderheit der Ausübenden ab, ausschließlich medial konsumiert wird? Sportsoziologen weisen in diesem Zusammenhang auf die identitätsstiftende Funktion des Sports hin. So auch Otmar Weiß in seinem heuer erschienenen, erschöpfenden Lehrwerk Einführung in die Sportsoziologie. Weiß schreibt: „Jeder Sportzuschauer weiß, dass er mit seinen Gefühlen nicht alleine ist, sondern dass diese Gefühle von anderen Sportzuschauern geteilt werden. Die Mitglieder eines Sportpublikums stehen untereinander mehr oder weniger in gefühlsmäßigem Rapport.“ Sport verbindet also. Was aber nicht erklärt, warum ausgerechnet der Sport als Klebstoff der Massen fungiert und nicht, sagen wir mal, die Kunst.

Es gibt einen Grund, den auch die Soziologie nennt: Die Konformität des Sports mit dem gesellschaftlichen Werte- und Normensystem. Der Sport passt sich den Normen der Gesellschaft nicht nur an, sondern er repräsentiert sie auf eine idealtypische, übersichtliche Weise. In Zeiten sozialer Werte- und Orientierungslosigkeit, erklärt Otmar Weiß, bedarf es „in zunehmendem Maße [...] einheitsstiftender Symbole wie es der Sport ist, der ja das gesellschaftliche Werte- und Normensystem deutlicher als andere Institutionen zum Ausdruck bringt.“

Wenn man sich die Titelschlagzeilen der Boulevardblätter anschaut, wird man immer wieder Sportergebnisse serviert bekommen. Im Winter 1998/99 fand sich auf jedem dritten Titelblatt der Kleinen Zeitung ein Schifahrer. Ähnliches bei der Kronen Zeitung. Kulturelle Ereignisse finden dagegen nur Erwähnung, wenn es sich um die Eröffnung der Salzburger Festspiele mit Pomp und Trara handelt. Oder wenn ein Künstler ein echtes oder vermeintliches Tabu bricht und für Wirbel sorgt, indem er sich außerhalb der Normen stellt. Dann wird auch Aufhebens gemacht. Allerdings ist dabei nie die Kunst der wirkliche Anlass, sondern die Übertretung der gesellschaftlichen Normen. Was den Gedanken nahe legt, dass es auch beim Sport nicht um den Sport geht. Sondern um Religion. Zumindest um Transzendenz. Also um, laut Duden, „das jenseits der Erfahrung, des Gegenständlichen Liegende“.

Wie der Anthropologe Mircea Eliade in seinem Standardwerk Kosmos und Geschichte festhielt, dienen Riten in archaischen, ursprünglichen Kulturen dazu, Wirklichkeit zu schaffen. Wirklich wird etwas, wenn es sich um die Wiederholung einer Tat handelt, die ein Gott in der Vorzeit ausgeführt hat. Die rituellen Handlungen dienen zugleich der Aufhebung der Zeit. „Ein Opfer[ritual] z.B. wiederholt nicht nur das erste Opfer, das von einem Gott [...] im Anfang der Zeiten gebracht worden ist, sondern es findet statt in eben diesem mythischen primordialen Augenblick. Mit anderen Worten: Jedes Opfer wiederholt das anfängliche Opfer und fällt mit ihm zusammen.“

Auf die christliche Liturgie übertragen würde dies bedeuten: Im Augenblick der Wandlung wird nicht nur des letzten Abendmahles gedacht, sondern die Wandlung - das Opfer - findet in dem Moment so statt, als wäre Jesus unter seinen Jüngern und bräche selbst das Brot. Zumindest sollte es so sein. Wie brustschwach der christliche Ritus geworden ist, kann man in jeder katholischen Messe erleben. Die Massen wenden sich daher, scheint es, wieder archaischeren Formen der Religiosität zu. Sie verehren jene Götter, die erstens jede Woche vom Fernsehen ins Haus geliefert werden, und die zweitens auch dem Verlangen nach einem Glauben zum Angreifen entsprechen: Die Sportler bieten sich als Idole der Leistungsgesellschaft an.

Auffällig am Spitzensport ist sein unermüdlicher Wiederholungseifer. Der Schizirkus und der Formel 1-Zirkus sind beispielhaft: Jedes Jahr dieselben Stationen und immer das gleiche Programm. Gebetmühlenartig kehren Trainings- und Rennergebnisse wieder, werden Punkte verteilt und Sieger gekürt. Das Wiederkehrende in den Ereignissen des Spitzensports hat schon rituellen Charakter. Kitzbühel ist mehr als ein Schirennen, heißt es jedes Jahr. Kitzbühel ist ein Hoheritual des Sports. Außerdem gibt es alle zwei Jahre weitere Hohemessen in Form von Welt- oder Europameisterschaften in welcher Disziplin auch immer. Alle vier Jahre finden Olympische Spiele statt: Die Götter steigen herab. Stetig werden Zeit- oder Punktemessungen vorgenommen, Ranglisten und Siegerreihungen erstellt. Würde sich manches Drumherum, wie die Ausstattung der Athleten, nicht ändern, man könnte die Ereignisse über Jahrzehnte hinweg Jahr für Jahr zur absoluten Deckung bringen.

Aber auch ohne vollkommen identisch zu sein, ähneln sich die Bilder etwa der wöchentlichen Schiübertragungen zum Verwechseln: Eurovisionshymne, Schwenk übers Bergpanorama, Begrüßung der Fernsehzuschauer durch den Moderator; dann Durchsage der Startaufstellung, Berichte über Trainingsergebnisse. An der Sportberichterstattung ist auffallend, dass diese noch eine Spur formelhafter und ritueller ist als die übrige Medienberichterstattung. Ständig wird auf Leistungen der Vergangenheit verwiesen, auf Rekorde, Bestmarken, auf Tabellen und Punktestände, obwohl diese Informationen - insbesondere die historischen - im Grunde komplett für den Hugo sind. Sie dienen vordergründig dazu, die Leute vor den Fernsehgeräten nicht vor einem stummen Bild sitzen zu lassen. Aber denken wir an Mircea Eliade: Mit der Durchführung des Opferrituals wird die Zeit aufgehoben und die Brücke zum allerersten (primordialen), zum mythischen Opfer geschlagen: es ist die Brücke zum kosmischen Sein der menschlichen Existenz. Erst dadurch, dass ein Gott etwas gemacht hat, wird etwas sinn- und bedeutungsvoll, also wirklich. Heinz Prüller, wenn er zum x-ten Mal über Jackie Stewart, Jochen Rindt oder Nelson Piquet quatscht, macht nichts anderes als ein Priester: Er legitimiert die Handlung der sinnlos im Kreis Herumfahrenden, indem er die ursprünglichen Gottheiten nennt und ihren Leistungen huldigt.

Und dann haben die künftigen Götter ihre Chance, Unsterblichkeit zu erlangen: Der Startschuss fällt, das Rennen beginnt, der erste Läufer lässt sich den Steilhang hinunter oder rast auf die erste Kurve zu, weitere folgen nach, immer und immer wieder. Jede Woche, alle Monate hindurch, alle Jahre wieder und wieder. So erzeugt sich, durch die ständige Wiederkehr der Ereignisse, der Eindruck von Zeitlosigkeit. Und dieser Effekt findet in den Sportsendungen des Fernsehens seinen ureigenen Ausdruck: in der Wiederholung, am besten in Zeitlupe. Weiß: „Die Elfmetersituation, der Torschuss, der Einlauf, der K.O.-Schlag, das Überholmanöver oder die Schlüsselstelle der Abfahrt werden gleich mehrfach in Großaufnahme und Zeitlupe geliefert.“ - Die Zeitlupe ist deshalb so bemerkenswert, nicht weil man den verwischten Ball (oder den stürzenden Schifahrer), der ins Netz einschlägt, besser sehen würde, sondern weil sie den Eindruck der transzendenten, stillstehenden Zeit auch bildlich wiedergibt. Man weiß, in diesem Moment der Spannung sitzen die Fernsehzuschauer mit angehaltenem Atem vor den Geräten. Sie sind vollkommen konzentriert und so intensiv in das Ereignis versunken, dass sie darin aufgehen. Im Fachjargon nennt man das Meditation.

Anders als andere Religionen beschäftigt sich der Sport nicht mit der Überwindung des Todes und des irdischen Leids, sondern mit der Überwindung von Gegnern und mit der Verbesserung von Leistungen. Sport ist vom ethischen Standpunkt aus eine sehr archaische Religion, eben modern westlich. Und umgekehrt funktioniert auch die Gegenprobe: Wenn der Papst auf Reisen geht, treffen sich die Gläubigen in Fußballstadien! Was gibt es da mehr zu sagen? Außer: Der Vatikan sollte sich endlich auf die wahren Werte besinnen und eine Nationalelf zusammenstellen! (Tor: Petrus; Verteidigung: Andreas, Jakobus I, Johannes; Mittelfeld: Philippus, Bartholomäus, Thomas und Matthäus „der Zöllner“; Sturm: Jakobus II, Thaddäus, Simon; Schiri: Judas; Trainer: Ivica Osim).

Mircea Eliade: Kosmos und Geschichte. Der Mythos der ewigen Wiederkehr. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986.

Otmar Weiß: Einführung in die Sportsoziologie. Wien: WUV 1999.