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ein versuchter tod und seine vorgeschichten

Georg Payrs Roman über seelische Verwesung in der Kleinstadt


Geor Payr: Vom Drücken des Schuhs. Roman

Innsbruck: Haymon 1999

Rezensiert von: hermann götz


Der lange, dünne, zerbrechliche Albert ist von einer Brücke gesprungen, in ein ausgetrocknetes Flussbett hinein. Ein Studentenspargel, eine Bohnenstange. Ein Häufchen Elend jetzt, da er ohnmächtig im Krankenhaus liegt und nicht wieder erwachen will. „Wo drückt dich der Schuh, mein Junge“ wird man ihn fragen, falls er wieder hochkommen sollte. Wo drückt der Schuh: eine erschreckend deutliche Metapher für das Ungemach der Beengtheit - das Drücken des Schuhs, das jeden Schritt hemmt und zur Qual macht, ein Leben hindurch.

Vom Drücken des Schuhs erzählt der Roman Georg Payrs, von Albert Mikuz und von der Beengtheit in Seitenstächen (noch so eine Metapher), einer Stadt, die eigentlich ein Dorf ist, ein läppisches Industriedorf, in dem der Fluss vertrocknet ist, während die Bewohner im Bier ertrinken, ein Brauerei-Industriedorf, in dem neben dumpfer Betrunkenheit vor allem Gestank herrscht, Braugestank, Biergestank. „Lebt man in Seitenstächen, bleibt einem von Anfang an nur das Verwesen.“

Payr schildert das Szenario einer provinziellen Anti-Idylle und die kurze Biographie, die in ihre Ohnmachtspause hinein erzählt wird, wie aus weiter Ferne. In kurzen Kapiteln, sprunghaft und ohne strenge Chronologie, werden Eindrücke vergegenwärtigt oder Bilder gezeichnet, die sich oft bis ins Unwirkliche zu verselbständigen scheinen. Immer wieder rhetorische Fragen, die dem Erzähler weiterhelfen, ihn weiter führen in die oft obskuren Gefilde poetischer Variationen über das Dasein in Seitenstächen. Die Lebenslinien des Albert werden weit ausgedehnt, zu großen bildhaften Zusammenhängen. Eine Art geologische Perspektive, aus der der Ort der Handlung erfasst wird, untermauert die Entferntheit des Geschehens. Da tauchen Gesteinsmassen auf, schieben sich übereinander, und die wilden Urmeere hupfen an Land. Durch Rückgriffe ins Prähistorische wird die Abstraktion des Erfassten zu einer Konsequenz der Perspektive. Wie Ameisen erscheinen die Menschen im Jetzt und Heute. Winzig und unbedeutend. Die satirische Zuspitzung des Seitenstächner Alltags zum bloßen Ringelspiel fruchtloser Gewohnheiten ergibt sich aus dem Blickwinkel des Erzählers. Extremwertstatistiken dürfen auch nicht fehlen, das Spiel mit den Zahlen unterstreicht den stilisierten Charakter des Dargestellten. Seitenstächner Frauen verblöden quasi von Geburt an vor dem Farbfernseher. Wartend auf ihre Männer, die im Gasthaus vor ihrem Bier verblöden. Seitenstächner Kinder werden vor allem ignoriert. Oder geprügelt. So auch Albert. Da macht es scheinbar wenig Unterschied, ob seine Eltern zwischendurch verunfallen oder nicht.

Der Duft von Apfelmus, ab und zu eine Melodie vom Klavier, das ist alles, womit die Welt Alberts Nase und Ohren tröstet. Doch nie wird Klage erhoben. Im Gegenteil, der zur Bohnenstange aufgeschossene Waise gerät zunehmend zum traurigen Clown. Es stellt sich trotz aller Tragik, trotz aller Beklemmung ein stiller Humor ein, der weder von Spott noch von Zynismus herrührt, eine liebevolle, absurde Heiterkeit, die einzig durch die Distanz bedingt ist, die der Erzähler bewahrt.

Aber die Weitwinkelperspektive, die das Provinztal zu einer großen Welt macht, in der das Allgemeine stets dem Einzelnen vorgeschoben wird, schafft Polaritäten, die deutlicher als jeder Vorwurf die Tragik einer bedeutungslosen Lebensgeschichte illustrieren. „Man zieht in die Welt hinaus und bleibt in ihr oder auch nicht.“ „Irgendwann“, aber, „dreht sich die Welt ab. Dann läuft sie sich zu Ende.“ Oft lässt die Lektüre ein Lächeln aufkommen, manchmal fällt einem das Lächeln aus dem Gesicht.

Dieser negative Entwicklungsroman über eine Biographie, die nie eine Ent-Wicklung aufkommen lässt, erzählt eine alte Geschichte. Aber er erzählt sie ganz neu. Der Autor verfügt über eine Vielzahl oft sehr individueller Stilmittel. Und er weiß sie gezielt einzusetzen. So ist ein schönes Buch gelungen.