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ganz normale blicke aus ganz normalen fenstern


Gerhard Amanshauser: Mansardenbuch

Weitra: Bibliothek der Provinz 1999

Rezensiert von: helwig brunner


Ein Mansardenzimmer in seinen Zuständen vor und nach der längst fällig gewordenen Generalsanierung wird zum Ausgangspunkt der Streifzüge des Denkabenteurers Amanshauser, der als Mann im Hintergrund (so Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten über G. A.) doch vielen Literaturinteressierten längst ein Begriff ist. Der gebürtige Salzburger, seit nunmehr viereinhalb Jahrzehnten freiberuflicher Schriftsteller, kratzt in seinem Schreib- und Oberstübchen ehrfürchtig, aber respektlos am Firnis wohletablierter Wort- und Weltbilder und entwirft eine gewitzte Kosmologie, in der kein Stein an seiner gewohnten, also kaum noch wahrgenommenen Stelle belassen wird. Kopfschüttelnd aufgeworfene Fragen der Messbarkeit und Beschreibbarkeit der Welt verraten den studierten Naturwissenschafter, der zum Literaten geworden ist und unterwegs im fernen China vorbeigeschaut hat: winzige Verrückungen und Verrücktheiten stellen dies und jenes in den Mittelpunkt einer Wahrnehmung, in der gelassener Ernst und heiteres Lächeln als zwei Facetten einer Haltung deutlich werden.

Allerlei kleine Schönheiten aus Mathematik, Physik und Biologie bevölkern Amanshausers Welt des Naheliegenden, wenn etwa die Phänologie der Feuerlilien im Garten vor dem Fenster des Mansardenzimmers Gaußsche Glockenkurven aus leuchtenden Blüten beschreibt oder das Gehäuse der Meeresschnecke Conus literatus auf dem Bücherregal zum Anlassfall existenzphilosophischer Betrachtungen wird. Zwischendurch nehmen satirische Seitenhiebe den papageienbunt vorbeischnaufenden Jogger oder die gar heidnische Begegnung mit einer Nonne aufs Korn. Selbst die allergene Staubmilbenkolonie in den papierenen Sedimenten jahrzehntelanger Schreibtätigkeit wird zum Gegenstand ironischer Betrachtungen: „Eigentlich ein Skandal, dass Tiere, ab einer gewissen Kleinheit, mein Privatgemach als Massenquartier bevölkern, wo sie koitieren, defäkieren und krepieren, als wäre ich eine große Null.“ Der Mensch, der sich vor Amanshausers liebevoll unerbittlichem Blick als bescheidenes Produkt seiner eigenen Evolution auf der Erdkruste hin und herbewegt, wird auf das menschliche Maß zurückgestutzt und darf wieder lachen.

Die Frage, auf welchen Wegen Amanshauser vor den Hintergründen und Abgründen profunder europäischer Bildung zu seinen unübersehbar fernöstlich gefärbten Sichtweisen gelangt ist, wird nicht explizit beantwortet; dass es aber gründlich begangene Wege sind, verrät schon seine Publikationsliste, in der sich neben diversen Gattungsbezeichnungen wie Parodien, Marginalien, Essays, Geschichten, Gedichten und einem Satirischen Roman auch Chinesische Impressionen finden. Amanshauser ist ein Autor, dessen kosmopolitische Weisheit, falls dieses Wort gestattet ist, unserer Zeit und Gesellschaft guttun könnte, wenn diese es wollte. Da sie es, wie zu vermuten ist, nicht will, gelangt man zu dem bescheidenen Wunsch, wenigstens der eine oder andere Leser möge sich Amanshausers Buch auf sein eigenes Mansardenzimmer mitnehmen und dort ein ganz persönliches, erfrischendes Denkabenteuer erleben.