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goethejahr - endlich vorbei!

Oder: Wie die Lektüre des Alten einen humanistisch entsetzen kann


Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Roman

Die Fischer Bibliothek der 100 Bücher. Frankfurt 1960

Rezensiert von: werner schandor


Jubiläum, Jubiläum! Goethens 250. Geburtstag wird gefeiert. Vor genau 190 Jahren erschienen seine Wahlverwandtschaften erstmals, und ich bin nun der genau 63475. Germanist, der sich mit diesem Werk auseinandersetzt. Dies aus drei Gründen:

a) einmal, weil das Buch als Fischer Taschenbuchausgabe, die ich einmal um fünf Schilling aus einer Ramschkiste errettete, lange Zeit in meiner Bibliothek der ungelesenen Bücher stand, und nun hatte ich endlich ein paar Wochen Zeit, einige dieser sich schön langsam zu einer ziemlichen Reihe auswachsenden Bände meiner Bibliothek der Ungelesenen zu transformieren und sie der Bibliothek der Gelesenen einzuverleiben.

b) weil es im vergangenen Jahr, nein im vorvergangenen, eine Umfrage der Zeit gab: Ulrich Greiner befragte rund 50 Personen des deutschen Geisteslebens, welche Bücher denn an die Schülerschaft vermittelt werden sollten, um deren Leseinteresse wiederzuerwecken. Die Wahlverwandtschaften hielt sich in dieser Umfrage recht wacker, kam auf zwei oder drei Nennungen. (Was mich stolz machte, das Buch, wenn auch ungelesen, zu besitzen);

und c) aus aktuellem Anlass (s.o.).

Es ist ja bei so einem Buch, das man vom Hörensagen kennt, ziemlich müßig, etwas darüber zu schreiben. Man kann eigentlich nur so oder so in die Falle tappen. Entweder man steht als bildungsbeflissener Streberling dar, wenn man ein Buch, das sowieso als lesenswert gilt, als gute Lektüre empfiehlt. Oder man führt sich wie das tapfere Schneiderlein auf, schreit herum: „Ulysses ist Scheisse! Der Mann ohne Eigenschaften ur fad! Die Odyssee ein Schwachsinn!“ usw. und am Ende macht man sich ein Lesezeichen, wo draufsteht: „Alle auf einen Streich“.

Ich möchte dieser Falle ausweichen, indem ich mich dem buddhistischen Weg der Weisen widme und von vornherein sage: Weder noch. Das Buch ist weder gut noch schlecht. So. Geschafft. Jetzt hätte ich mein Urteil abgegeben, und jeder kann sich denken, was er will und den Rezensenten für einen Weisen halten, zumindest aber für einen verkappten Amateur-Buddhisten. Nun also zum Buch:

Es ist in zwei Teile mit je 18 Kapiteln gegliedert. Es beginnt mit dem denkwürdigen und bekannten Satz: „Eduard - so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter -, Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittags zugebracht, um frisch erhaltenen Propfreiser auf junge Stämme zu bringen.“

Was für ein Einstieg! Da wird gleich alles klargelegt: Raffiniert wird im Bild der aufgepropften Jungstämme das Thema der ganzen Geschichte vorweggenommen. Super! Selbst der gebildete Raoul Schrott hätte das nicht besser hingebracht. Obwohl es heißt, Goethe hätte sich unlängst aus dem Jenseits gemeldet und geraunt: Mehr SchrOTT! Und das hat seinen Grund: In den Wahlverwandtschaften heißen nämlich die Hauptfiguren alle Otto: Der Baron lässt sich nur deshalb Eduard rufen, weil der Hauptmann, sein Jugendfreund, gleich wie er eigentlich Otto heißt. Dann gibt es die OTTilie und die CharlOTTe, und das Kind von Eduard alias OTTo und CharlOTTe, das zu allem Überfluss und entgegen der damals noch nicht bekannten Vererbungslehre auch dem Hauptmann und OTTilie ähnlich sieht, wird natürlich auch getauft. Man rate wie. Da steckt was dahinter! Ich bin aber noch nicht dazu gekommen, mir die Dissertation zu diesem Thema („Der Name 'Otto' im erzählerischen Werk Goethes“) per Fernleihe zu bestellen.

Nun gut. Mehr Schrott: Ich lese jetzt seit vier Tagen an den Wahlverwandtschaften, und ich halte mitten im zweiten Teil, siebtes Kapitel. Gerade ist der pädagogische Gehülfe zu Gast im Schlosse und möchte Ottilien dazu bewegen, an seiner Seite die Leitung des Mädchenpensionates zu übernehmen, das sie vor nicht einmal allzu langer Zeit selbst besucht hat. Soeben hat der Gehülfe seine pädagogischen Ansichten zutage gefördert, sich über das Wesen der Männer und das Wesen der Frauen ausgelassen. Wie man sich denken kann, wirken diese Ansichten von anno 1809 heutzutage ziemlich reaktionär. Doch eine dieser seiner Bemerkungen hat mich daran erinnert, dass vor ein, zwei Jahren ein Buch über die schwulen Tendenzen bei Goethe erschienen ist. Der dazu passende Satz aus den Wahlverwandtschaften stammt aus dem Mund des Gehülfen und scheint direkt für das Stammbuch der rosaroten Panther oder sonstiger Schwulenorganisationen gemacht: „Der Mann verlangt den Mann: er würde sich einen zweiten schaffen, wenn es keinen gäbe.“

- Öha! Goethe progressiv?! Nicht unbedingt! Trotz seiner homoerotisch interpretierbaren Aussagen hat der Gehülfe ein Auge auf Ottilien geworfen. Er möchte also, dass sie …

… da musste ich nachlesen, und als ich beim Nachlesen war, habe ich gleich weitergelesen. Jetzt halte ich beim 2. Teil, 10. Kapitel, unmittelbar vor der eingesprengten Novelle Die wunderlichen Nachbarskinder. Das Buch liest sich übrigens bis zum 2. Teil, 7. Kapitel - und auch danach wieder - recht leicht. Nur die Ansichten des Gehülfen sind ein bisschen verschwurbelt, sodass man nicht gleich immer alles kapiert, was Goethe da an (aus heutiger Sicht) verdrehten pädagogischen Einsichten zum besten gibt. Auch ziemlich lähmend sind Ottiliens Tagebucheinsprengsel. Das gute Kind, das, wie man aus dem Deutschunterricht weiß, dem reichen Baron Eduarden den Kopf verdreht hat und ihn dessen Frau Charlotten abspenstig gemacht hat, sodass er lieber in den Krieg zieht denn auf seinem Gut der Geburt seines ersten Sprösslings (durch Charlotten) entgegenzufiebern, diese Ottilie ist also ein ziemliches Trutscherl, möchte ich sagen. Im Buch wird sie immer als die reinste, schönste, holdeste Figur beschrieben, eine richtige Heilige. Überhaupt sind in dem Buch die meisten Figuren ziemlich hehr, hold und voll der besten Absichten, und so huschen sie, halb Mensch, halb schon Engel, durch das Schloss, vor allem aber durch den von Eduarden und seinem Freund, dem Hauptmanne, angelegten Park um das Schloss herum. Dass der Park da sozusagen als Gleichnis für die fortschreitende Zivilisierung des Menschen angesehen werden muss, wissen wir ja hinlänglich aus dem Deutschunterricht. Dass Ottilie ein blödes Trutscherl ist, wissen wir noch nicht. Dauernd müssen wir in ihrem faden Tagebuche lesen, in dem mit der grössten Selbstverständlichkeit die grössten Selbstgefälligkeiten vermerkt sind. Überhaupt: Diese ganze reiche Landpartie, die da ihr Schloss und das naheliegende Dorf zwangsbehübscht, diese ganze erlauchte Hofgesellschaft ist aus heutiger Sicht ziemlich ankotzend. Aber na bitte, auch heute geht es, siehe Dallas, siehe Dynasty, vorwiegend um die Hühneraugen irgendwelcher verkokster Scheißer. Und ähnlich ist es bei Goethe. Man muss es offen sagen.

Ottilien vertraut also ihrem blöden Tagebuch Erkenntnisse an wie: „Die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen“. Bei Goethe ist diese Schwachheit einerseits nichts weniger als die ganze feudale Gesellschaftsordnung, die zu seiner Zeit am Wirken war; zum anderen die unglaubliche Gefühligkeit der Hauptfiguren der Wahlverwandtschaften, die sich streckenweise ärger aufführen als das Personal von Melrose Place oder 90210 Beverly Hills. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit brechen sie nieder und geben sich - unabhängig von Alter und Ansehen - den Tränen oder Gefühlswallungen hin wie heutzutage lediglich die Teenager in der hormongeplagtesten Phase. Naja, und die dritte und letzte Schwäche des Jahrhunderts hängt mit den ersten beiden zusammen und resultiert aus ihr: Gewohnt, sich selbst zu bespiegeln und die natürliche Trennung zwischen sich und den Untergebenen als gottgewollt zu betrachten, kommt es in den Wahlverwandtschaften zu Szenen, die die Herablassung, das damalige gesellschaftliche Gefälle so peinlich spüren lassen: Auf der einen Seite die Adeligen, die Veredelten; auf der anderen die einfachen, aber ehrlichen Leute, Bettler und so, denen durch die Adeligen gönnerhaft beigebracht wird, schon artig auszusehen und immer Bittedanke zu sagen. Das ist doch ekelhaft. Wo bitte bleibt da der Idealist der Menschlichkeit, als der Goethe im Deutschunterricht immer daherkommt? Und dann lesen wir zur Krönung in Ottiliens Tagebüchern: „Es gehört schon ein buntes, geräuschvolles Leben dazu, um Affen, Papageien und Mohren um sich zu ertragen.“

Man beachte die Zusammensetzung: Affen, Papageien und Mohren! Hier ist es: Das geheime Motto des rechten Flügels der Wiener Fremdenpolizei! Jetzt haben wir den wahren Goethe: Er ist die humanistische Katatrophe pur! Und mit solchen Sachen soll die Jugend verdorben werden! Niemals! kann ich da nur sagen.

Aber ich bin abgeschweift. Das ganze Geschwafel aus dem Buch setzt sich ja auch im Hirn des Lesers fest. Man fängt unbescholten zu lesen an, voller guter Absichten, sich menschlich weiterbilden zu lassen. Und dann muss man feststellen: Diese Geschichte ist streckenweise so jenseits des Guten, dass man sich fragt, warum es nicht schon der Vergessenheit anheimgegeben wurde.

Darum mein Aufruf an die Schulbehörden: Lasst die Schüler endlich mit Goethe in Ruhe! Wenn es unbedingt sein muss: Redet über was anderes, seine Liebschaften; die wichtige Frage, ob er denn wirklich schwul war oder nicht. Aber nicht mehr über seine Bücher. Und vor allem: Redet nicht über diese katastrophalen Wahlverwandtschaften. Die sind gequirlt! Wenn man sie liest, führt das nur dazu, dass man sich drei Tage lang so geschwollen ausdrückt, dass sich die Leute um einen herum fragen, was denn mit einem los sein mag. Ob's einem nicht gut geht. Kurz: Es ist die Katastrophe schlechthin. Oder, mit dem Alten gesprochen: „Ich wage nicht, meinen Schmerz, meine Tränen zu schildern, ich leide unendlich. Ich bitte nur Gott, dass er mir nur über dieses Buch weghelfen möchte;“ (1. Teil, 7. Kap.)

So, jetzt hätte ich es allen reingesagt. Jetzt kann ich beruhigt fertiglesen. Fünfzig Seiten fehlen mir noch. Ab jetzt geht's gänzlich bergab mit den Figuren, lese ich im Literaturlexikon. Ich kann nur sagen: Gut so! Weiter so!